Der Schuster

Humoreske von Freiherr von Schlicht.
in: „Armeetypen”


Selbst die helle Sonne hat Flecken, also darf man sich auch nicht wundern, wenn das Militär einzelne dunkle Stellen hat. Wenn ich mit meiner Laterne eine dieser dunklen Stellen beleuchte, so möge mir keine Uniform grollen; das deutsche Militär steht so geachtet in der ganzen Welt da, daß es schon die Scherzangriffe des Humoristen ertragen kann.

Jedes Handwerk, das mit Eifer und Fleiß betrieben wird, ernährt seinen Mann. Mehr als jeder andere, ist der Offizier infolge seiner geringen Bezahlung darauf angewiesen, falls nicht er selbst oder die Gattin Reichtümer ihr Eigen nennen, sich einen Nebenverdienst zu verschaffen. Es geschieht in vielen, vielen Familien, aber nur ganz heimlich, daß es um Gottes willen nur niemand merkt, denn Geld verdienen, für Geld zu arbeiten ist nicht fair und wer es dennoch thut, wird über die Achsel angesehen.

Es giebt ein Handwerk, das beim Militär vor aller Augen betrieben wird. Das ist die Schusterei und wer dies Handwerk betreibt, heißt der Schuster, ebenso wie im Zivilleben, nur daß hier jeder auf Befragen sein Handwerk offen und ehrlich eingesteht, ja, sogar stolz darauf ist, während beim Militär jeder schwört, nichts wäre ihm so verhaßt wie Schusterei. Aber manche schustern trotzdem. Wie das kommt? Es weht ein scharfer Wind und gar manchem weht über Nacht, trotzdem er im Bett liegt, und eine Nachtmütze auf dem Kopf hat, der Helm hinunter und wenn er sich bückt, um ihn sich wieder aufzusetzen, so sieht er mit Erstaunen und Schrecken, daß dieser Helm sich plötzlich in einen blanken hohen Zylinderhut verwandelt hat. Wer ist an dieser Wandlung Schuld? Natürlich nur die Vorgesetzten. Wie wäre das Leben beim Militär schön, wenn es keine Vorgesetzten gäbe!

Bescheidenheit ziert nach einem alten Wort den Jüngling: Offiziere sind aber keine Jünglinge, sie sind, wenigstens nach ihrer Meinung auch dann, wenn sie neunzehn oder zwanzig Jahr alt sind, schon gereifte Männer mit Lebenserfahrungen — na, und solche ernste Männer brauchen ja nicht mehr bescheiden zu sein.

So wünschen sie ich denn nicht nur, daß es keine Vorgesetzte, sondern auch, daß es keine Untergebene mehr geben möge. Daß dann die Armee aufhörte zu existieren, machen sie sich entweder gar nicht klar oder es ist ihnen ganz „schnuppe”.

Haben Sie aber die Wahl, wer von der Erdoberfläche für alle Zeiten verschwinden soll, die Vorgesetzten oder die Untergebenen, so entscheiden sie sich sofort für die ersteren.

Die Untergebenen sind harmlos, die thun nichts oder nur das, was ihnen befohlen ist, aber die Vorgesetzten — ach, mit denen ist das nichts genaues.

Die haben die Macht in Händen und zwar eine ganz gewaltige Macht. Der Regiments­kommandeur führt über jeden Offizier eine Konduite; was da drinnen steht, erblickt kein Auge eines Untergebenen. Von dieser Konduite aber ist es abhängig, wie lange man als Soldat wirkt. Das weiß jeder und darum versucht ein jeder sich bei seinen Vorgesetzten in ein möglichst gutes Licht zu stellen. So entsteht die Schusterei, die Augendienerei und das Strebertum. Gott schütze das Handwerk!

Schön ist es ja gerade nicht, das kann ja kein Mensch behaupten — aber für manche kommt es nicht darauf an, was schön ist, sondern auf das, was praktisch ist.

„Praktisch, praktisch, praktisch muß man sein,” lautet der Refrain eines alten Couplets — das Lied kennen die Schuster entschieden.

Daraus, daß auch ich das Lied kenne, schließen zu wollen, daß auch ich ein Schuster bin oder richtiger gesagt „gewesen” bin, halte ich für nicht ganz angebracht.

Thut man es aber dennoch, so sage ich nur: Der Glaube macht selig. —

Im Kasino ist Liebesmahl, eins von den gewöhnlichen, die alle vier Wochen stattfinden, und die dazu beitragen, das Band der Kameradschaft fester zu knüpfen und die Geldbörse der Teilnehmer zu erleichtern. Ein Vergnügen ist solches Liebsmahl nicht immer; wenn man Mittags im Parolebuch liest: „Morgen Abend um sechs Uhr findet im Kasino Liebesmahl statt,” dann freut sich zuweilen einer, der Tischdirektor, der für das unter seiner Verwaltung stehende Kasino einen Verdienst erhofft. Die Junggesellen denken an ihren Kasinorest, der schon ganz gewaltig ist und der nun noch anwachsen wird, und die verheirateten Offiziere? Der Hauptmann sitzt mit seiner Gattin am Abendbrottisch. „Nun wie ist's?” fragt sie ihn, „es bleibt doch bei unserer Verabredung, daß wir morgen nach dem Theater in dem neuen Weinrestaurant zu Abend essen?”

„Um Gotteswillen,” sagt er, „gut, daß du mich daran erinnerst, ich habe es ja ganz vergessen, es dir zu sagen, morgen kann ich nicht, wir haben zur Abwechslung einmal wieder Liebsmahl.”

„Aber mußt du den hin?” fragt sie bittend, „ich bekomme dich überhaupt nicht mehr zu sehen, den ganzen Tag bist du im Dienst und abends bist du in deinem Zimmer und arbeitest. Ich hatte mich so auf morgen gefreut, man giebt den Tannhäuser — kannst du nicht absagen? Bitte, thue es mir zu Liebe.” Sie streckt ihm die Hände entgegen, die er zärtlich an die Lippen führt.

„Sieh mal, Kleine,” spricht er nachdenklich, „mit dem Absagen ist das solch heikle Sache, es ist ja gerade kein unbedingtes „Muß”, das vorliegt, — totgeschossen werde ich gerade nicht, wenn ich nicht komme —”

„Nun also,” sagt sie, „dann bleib doch fort.”

„Aber es wird mir verdacht, wenn ich nicht komme,” setzt er hinzu, „du weißt ja, wie unser Oberst ist, er verzeiht viel eher eine dienstliche Dummheit, als daß man sich in puncto der Kameradschaft irgend etwas zu Schulden kommen läßt.”

„So laß ihn dir das ruhig übel nehmen,” entgegnet sie, „wenn er solche Ansichten hat, daß er nach dem einmaligen Fortbleiben von einem Liebesmahl auf unkameradschaftliche Gesinnung schließen will, dann thut der Mann mir leid.”

„Ja, ja,” stimmt er ihr bei, „das ist sehr schön gesagt, aber man muß nun doch einmal sich nach seinen Wünschen richten. Glaube mir, ich bleibe auch lieber mit dir zusammen, als daß ich den ganzen Abend der Weisheit der Stabshengste lausche . .”

„Kannst du denn nicht wenigstens nachkommen?”

„Ich bitte dich, wir sitzen doch mindestens bis neun Uhr bei Tisch.”

„Aber abholen kannst du mich doch wenigstens?”

Er sieht sie verwundert an: „Wie kann ich das wohl? Du weißt doch, daß der Oberst stets bis nach Mitternacht aushält?”

„Kannst du dich nicht vorher ,spanisch' drücken, wie ihr es nennt?”

„Ich will's versuchen, wenn es irgend geht —”

„Nein, das kenne ich schon,” unterbricht sie ihn, „darauf lasse ich mich gar nicht ein, das weiß ich schon im voraus, dann kommst du doch nicht. Da bleibe ich denn morgen Abend auch zu Haus.”

Vergebens versucht er, sie umzustimmen, aber allein auszugehen, hat sie keine Lust. So sitzt sie denn daheim und stopft Kinderwäsche, und der Mann sitzt im Kasino und trinkt Sekt, allerdings nur deutschen. Der Hauptmann hat seinen Platz dem Oberst gegenüber, und andächtig hört er zu, wenn der Herr Oberst spricht. Hinter dem Hauptmann steht eine Ordonnanz und versucht vergebens, ihm die Speisen anzubieten. Der Hauptmann thut, als merke er das gar nicht; weit vorn übergebeugt, lauscht er den Worten des Obersten, die gar nicht direkt an ihn gerichtet sind. Endlich macht ein Herr den Hauptmann darauf aufmerksam, daß die Ordonnanz noch immer hinter seinem Stuhl stände. Mit einem wütenden Gesicht dreht er sich um, als wenn er sagen wollte: „Kerl, wenn du von meiner Kompagnie wärst, ich sperrte dich drei Tage ein, wie kannst du es wagen, mich jetzt zu stören!” Es sieht so aus, als wenn er so spräche, aber in Wirklichkeit sagt er gar nichts, denn wenn er etwas sagte, würde er ja nicht verstehen, was der Oberst sagte.

„Wollen Sie wirklich nichts mehr von diesem Hummer?” fragt ihn sein Nachbar, „Sie hätten nur nehmen sollen, der Hummer ist wirklich ganz ausgezeichnet, soll ich Ihnen nicht noch ein Stück auflegen?”

Hummer ist sein Leibgericht, aber trotzdem dankt er, nicht weil er satt ist, sondern weil das Essen ihn am Zuhören hindern würde. Und der Herr Oberst erzählt sehr, sehr interessant, wenigstens versichert der Hauptmann das dem Kommandeur durch seine Zwischenrufe alle fünf Minuten. Hin und wieder, wenn die Regimentsmusik ein fortissimo spielt, wirft er ihr einen mißbilligenden Blick zu. Er legt die rechte Hand ans Ohr, damit ihm kein Wort des Kommandeurs entgeht, und die, die das sehen und sie sehen es alle, sagen: „Na, der schustert sich wieder einen ordentlichen Stiefel zurecht.” Nach Tisch werden die Cigarren herumgereicht, bald erhebt man sich und steht in zwanglosen Gruppen herum.

Der Kommandeur mit den übrigen Stabsoffizieren geht in das Spielzimmer, um die übliche L'hombre-Partie zu machen. Die junge Welt setzt sich nun, da sie unter sich ist, zu einem Männertrunk zusammen; wer eine Verabredung hat, empfiehlt sich heimlich. Aber der Hauptmann entfernt sich nicht. Er hätte seine Gattin gut vom Theater abholen können, aber der Oberst muß ja sehen, welch guter Kamerad er ist. So fordert er denn zwei Herren zu einer Skatpartie auf, er bekommt einen Korb nach dem anderen, bis er endlich seine beiden Kompagnieoffiziere fängt. Die können es ihm nicht abschlagen. Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, sagen die beiden Lieutenants „Ja” und eine Minute später zieht er mit ihnen in das Spielzimmer, in dem auch der Oberst sitzt. Der Hauptmann ist glücklich, dem Kommandeur einmal wieder ad oculos demonstrieren zu können, welch freundschaftlicher, kamerad­schaftlicher Verkkehr zwischen ihm und seinen Offizieren besteht. Obwohl er geizig ist wie die Sünde, sagt er, wenn auch blutenden Herzens: „Die Herren trinken doch ein Gläschen Sekt mit mir?”

„Rache ist süß,” denken die Lieutenants, „das ,Gläschen' Sekt soll dir teuer zu stehen kommen,” und weil sie sich sonst nicht rächen können, trinken sie wie die Wilden, und der Hauptmann muß eine Flasche nach der anderen bestellen. Spät in der Nacht entfernt sich der Kommandeur und eine Sekunde später ist auch der Hauptmann verschwunden. Er hat sein Tagewerk gethan, er hat sich seinen Stiefel zusammen­geschustert — nun kann er ruhig schlafen gehen . . .

Am nächsten Morgen beim Dienst ist er gegen seine Lieutenants mächtig grob und er, der gestern in Gegenwart des Kommandeurs die Liebenswürdigkeit selbst war, wird von Minute zu Minute unangenehmer.

Grob gegen die Untergebenen, um die Vorgesetzten herumkriechend — so macht der Schuster seinen Weg.

Jeder Mensch ist sich nicht nur der Nächste, sondern sogar der Allernächste, lautet das Glaubens­bekenntnis des Schusters.

In einer kleinen Garnison stand an der Spitze des einzigen dort liegenden Infanterie-Bataillons einmal ein Major, der, wie seine Feinde von ihm sagten, aus lauter Schusterei zusammengesetzt war. Er war vollständig unfähig, er hatte vom Reglement keine Ahnung und von der höheren Taktik keinen Dunst. er besaß den Rang eines Stabsoffiziers, aber die Kenntnisse eines ganz jungen Lieutenants. Wie es mit seiner Wissenschaft bestellt war, wußte niemand besser als er selbst. Aber er tröstete sich — er nahm alles von der leichten Seite — er konnte doch auch schließlich nichts dafür, daß er bei der Erfindung des Pulvers im Zimmer nebenan gesessen hatte.

„Habe ich es so weit gebracht,” dachte er, „bringe ich es auch noch weiter; das sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn ich nicht noch wenigstens General werde. Habe ich mich so hoch geschustert,”tröstete er sich, „schustere ich mich noch höher!” Das war in diesem Falle viel leichter gesagt, als gethan, denn er war „der Höchstkommandierende in den Marken”; höhere Vorgesetzte wohnten nicht am Ort, die kamen nur zu den Besichtigungen aus ihren Stabsqaurtieren.

Schustern aber mußte er, denn einmal war es ihm Lebensbedürfnis, dann aber auch mußte er sich schustern, wenn er als Soldat weiter leben wollte.

Bei wem aber sollte er schustern, wenn niemand da war?

Zuerst verfiel er auf den Gedanken, sein eigener Schuster zu werden — aber schon nach wenigen Tagen sah er das Fruchtlose seiner Bemühungen ein, gab sein Vorhaben auf und sann über eine Neuerung nach.

Nach kurzer Zeit hatte er das Neue gefunden.

Er war sich darüber nicht im Zweifel, daß die erste Bataillons­vorstellung ihm mit tötlichster Sicherheit das Genick brechen würde, wenn er nicht von irgend einer Seite Unterstützung fände.

Und deshalb beschloß er, sich bei seinen Hauptleuten und bei seinen Lieutenants zu schustern. Darüber herrschte in Trojas Hallen große Freude, denn jeder Offizier wird von seinem Vorgesetzten viel lieber mit „mein Lieber” angeredet, als daß er bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit sich etwas auf den Hut geben läßt. Selbst der steifste Hut wird mit der Zeit eingetrieben, und wenn man erst die Schläge auf dem Kopf zu fühlen beginnt, fängt die Sache an, scheußlich ungemütlich zu werden.

Die Hauptleute und die Lieutenants des Herrn Major lebten, obgleich sie keine Türken waren, schon auf Erden im siebenten Himmel. „Anpfiffe” kamen gar nicht vor, der Herr Major war mit allem einverstanden, was seine Untergebenen machten, und wenn ein Lieutenant um vierzehn Tage Urlaub bat, sagte der Herr Major: „Aber, mein Lieber, warum nehmen Sie denn nicht drei Wochen?”

So ging die Zeit dahin, die Besichtigung kam heran und verlief selbstverständlich glänzend. Der Major gab zwar manchen falschen Befehl, aber das schadete nichts — die Hauptleute, unterstützt von ihren Lieutenants, machten nicht das, was befohlen war, sondern das, was gemeint war, und so erntete der Major denn ein ganz kolossales Lob. Unbegreiflicher Weise fing der Major aber nun an, gegen sein Offizierkorps unfreundlich zu werden, er dachte sich wohl, daß es bis zur nächsten Vorstellung noch ein ganzes Jahr hin sei, und daß die Schusterei ihm auf die Dauer doch wohl zu teuer würde, denn er hatte eine Gesellschaft nach der anderen gegeben, um sich die Herzen wohl geneigt zu machen. Er vergaß, daß jeder Besichtigung wenig später das Manöver folgt, na, und was er da leistete, war derartig, daß er bald darauf in die Wurst kam.

Am schlimmsten sind die Vorgesetzten, die sich bei ihren Untergebenen „schustern”, bei den Mannschaften. Die können das ganze Offizierkorps zum Selbstmord treiben.

„Herr Hauptmann von der Zweiten — in Ihrer Kompagnie wird gebummelt,” ruft der Herr Major bei dem Exerzieren.

Wütend wendet der Häuptling sein Pferd. „Kerls, wollt ihr wohl eure verdammte Pflicht und Schuldigkeit thun. Na, wartet, ich lasse euch nachexerzieren, daß ihr den Himmel für einen Dudelsack anseht.”

„Sie werden die Leute nicht nachexerzieren lassen, Herr Hauptmann,” ruft der Major so laut, daß das ganze Bataillon es hört, „die Leute würden sich mehr anstrengen, wenn Sie, Herr Hauptmann, bessere und schärfere Kommandos abgeben würden. Daran liegt's.”

Der Hauptmann ist in Versuchung, dem Vorgesetzten seinen Degen vor die Füße zu werfen, denn wie soll er bei solcher Behandlung in seiner Kompagnie Disziplin und Subordination aufrecht halten — er tadelt, der Major lobt — was sollen da die Leute denken? Zur Ehre unserer Leute sei es gesagt, daß sie zehntausendmal lieber einen Vorgesetzten haben, der streng aber gerecht ist, als einen, der „schlapp” ist und sich bei ihnen schustert. Mit Vorliebe wird bei den Untergebenen „geschustert”, wenn diese zu einer Uebung eingezogene Reservisten oder Landwehrleute sind. Die Ansichten über die Behandlung dieser Leute sind verschieden. Die Einen sagen: „Der Mann ist zu einer kurzen Uebung eingezogen, er soll wieder lernen, was er vergessen hat, damit er im Fall der Mobilmachung den Platz, auf den er gestellt wird, auch ausfüllen kann. Selbstverständlich verlange ich in der ersten Zeit von einem Reservisten weniger als von einem aktiven Soldaten, denn er muß sich erst allmählig wieder an den Dienst gewöhnen — hinterher aber muß er mir dasselbe leisten. Das fordere ich unbedingt und thut der Mann es nicht willig, so brauche ich Gewalt.” Der Schuster sagt: „I, was werde ich von den Leuten viel verlangen, ist mir ganz gleichgültig, was die machen, was werde ich mich da groß aufregen. Nach kurzer Zeit gehen die doch wieder weg und dann erzählen sie in der ganzen Stadt und in ihrer Heimat, ob sie es gut oder schlecht bei mir gehabt haben, und je weniger Dienst desto besser geht es ihnen. Also möglichst wenig Dienst, und dann, wenn es sein muß, beide Augen zugedrückt, da wird's schon werden — so was spricht sich hinterher doch herum und wenn es dann heißt, der Hauptmann So und So, das ist ein feiner Kerl — na, schaden thut's auf keinen Fall und wenn's die Vorgesetzten zu hören bekommen nutzt es sogar.” Dafür, daß die Vorgesetzten es erfahren, sorgt er schon ganz allein.

Aber immer nützt das doch nichts. In einem Regiment wurden durch einen Zufall mehrere Jahre hindurch die Landwehrkompagnien immer denselben beiden Hauptleuten zugeteilt. Jedesmal wenn die Leute entlassen wurden, zeigte sich dasselbe Bild. „Der Schuster” bekam von seinen Leuten ein donnerndes Hoch, und der andere Kapitain, der seine Leute streng, aber gerecht behandelt hatte, bekam kein Hoch. Der Wahrheit getreu sei es gesagt, daß unsere Reservisten anständig von Gesinnung, aber ziemlich faul sind, sie bilden sich ein, mit ihren dreißig Jahren alte Leute zu sein, und so ist ihnen der Vorgesetzte der Liebste, bei dem sie am wenigsten Dienst haben, der fünf gerade sein läßt. Die höheren Vorgesetzten waren stets auf dem Kasernenhof bei dieser Abschiedsscene zugegen, aber trotzdem wurde der Schuster bald abgethan, während der andere emporstieg. Alle sagten, da geschieht dem Schuster ganz Recht, — und die das am allerlautesten sagten, waren die größten Schuster.

Aber nur nichts merken lassen, daß man selbst schustert — alles andere, nur das nicht.

Amüsant ist es auch zu beobachten, wie geschustert wird, wenn aus Anlaß der Besichtigungen die Excellenzen aus ihren Stabsquartieren ankommen. Am Abend vor der Besichtigung sind dann gewöhnlich die Stabsoffiziere mit den hohen Herren im Restaurant oder im Kasino zusammen und dann wird geschustert, daß die Wände zittern. Jeder schustert sich bei dem im Range nächst Höheren und alle zusammen werben um die Gunst des im Range am Höchsten.

Wennn Se. Excellenz der kommandierende Herr General sich eine Cigarre anzünden will, so fallen ungezählte Hände über die auf dem Tisch stehenden Streichhölzer her und halten Se. Excellenz die brennenden Hölzchen entgegen. Eins kann Se. Excellenz natürlich nur annehmen, und derjenige, der das Glück hat, Excellenz Feuer geben zu dürfen, schläft die ganze Nacht nicht vor Freude und Stolz. Wenn Se. Excellenz die Asche seiner Cigarre abstreifen will, werden ihm alle Aschbecher zugeschoben und kaum hat Excellenz ausgetrunken, als auch schon irgend ein Schuster aufspringt, nach der Thür eilt und den Kellner herbeiholt.

Der richtige Schuster thut um das Wohlgefallen Sr. Excellenz oder überhaupt seiner Vorgesetzten zu erregen alles, alles, alles.

An der Spitze eines Armeekorps stand einmal ein General, der ein eingefleischter Junggeselle war und die Ansicht vertrat, daß das Heiraten die Felddienst­fähigkeit seiner Offiziere beeinträchtige. So unrecht hatte er mit dieser seiner Meinung wohl nicht — aber in erster Linie ist man doch Mensch und dann erst Soldat. Na, und der Mensch will es doch möglichst gut haben auf Erden.

Ds dachte auch ein junger Offizier in dem Sr. Excellenz unterstellten Armeekorps und verlobte sich.

Als Se. Excellenz davon erfuhr, ließ er den Offizier hart an: „Ich muß mich doch sehr wundern, daß ein so junger Herr wie Sie schon ans Heiraten denkt ,” und Excellenz wurde schließlich so ausfallend, daß der arme Lieutenant stotterte: „Wenn Excellenz befehlen, kann ich die Verlobung ja wieder rückgängig machen.”

Wäre der junge Offizier ein Schuster gewesen, so hätte er, obgleich Se. Excellenz antwortete: „So etwas von Ihnen zu verlangen, bin ich nicht berechtigt,” dennoch seinen Worten auch die That folgen lassen, er hätte sich entlobt und dann sofort Sr. Excellenz davon Meldung erstattet.

Dann hätte er groß dagestanden, und Excellenz hätte nicht umhin gekonnt zu sagen: „Seht, das ist ein Mann nach meinem Herzen.”

Zur Belohnung hätte er dann vielleichtirgend ein Kommando bekommen oder er wäre vielleicht bei der nächsten Gelegenheit zur Vorpatentierung eingegeben worden, das Auge Sr. Excellenz hätte fortan vielleicht mit Wohlgefallen auf ihm geruht und selbst dann, wenn sein Herz auch wegen der Entlobung geblutet hätte, würde er dennoch auf eine Frage Sr. Excellenz: „Nun, mein Lieber, haben Sie Ihren Schritt auch noch nicht bereut?” geantwortet haben: „Ich werde Ew. Excellenz ewig dankbar sein, mich veranlaßt zu haben, eine Verbindung zu lösen, die mich an meiner militärischen Entwicklung hinderte.”

Der Schuster in der Vollendung würde seinem auf Freiersfüßen gehenden Vorgesetzten, wenn dieser es wünschte, ruhig Weib und Kinder abtreten. Er würde sich begnügen mit dem Bewußtsein, daß sein Vorgesetzter ihm zu Dank verpflichtet ist, und die Aussicht, infolgedessen Carriere zu machen, würde ihn reichlich entschädigen für alles, was er aufgegeben hat.

„Carriere machen,” das ist das Ziel aller Schuster, vorwärts kommen auf jeden Fall, der Zweck heiligt auch hier wie überall nach seiner Meinung die Mittel.

In der Wahl seiner Mittel ist der Schuster nicht sehr wählerisch, davon können die Hauptleute eines jeden Regiments ein Lied singen, wenn sich unter ihnen ein Schuster befindet. Einmal in der Woche ist sogenannte Stabsoffizier­parole, bei der sich die Stabsoffiziere und Hauptleute um den Herrn Oberst versammeln. Es wird da besprochen, was in der letzten Zeit vorgekommen ist, und der Kommandeur äußert seine Wünsche für den Dienst in den nächsten Tagen.

„Meine Herren, übermorgen möchte ich mir einmal die vierten Anzüge ansehen, bis dahin werden dieselben wohl fertig sein.”

Alles widerspricht, die zur Instandsetzung des Anzuges gegebene Frist war zu kurz bemessen, der viele Dienst hat es unmöglich gemacht, fertig zu werden, übermorgen geht es auf keinen Fall, acht Tage müssen die Kompagnien noch haben.

Nur ein Hauptmann sgate: „ich bin mit dem vierten Anzug fertig, Herr Oberst.”

Dabei ist er vielleicht noch weiter zurück als die anderen, aber er hat ja noch achtundvierzig Stunden Zeit, und morgen ist ja Sonntag. Allerdings darf an einem Sonntag kein Dienst abgehalten werden, und die Handwerker dürfen nicht arbeiten, aber das schadet ja nichts. Der Kommandeur braucht es ja nicht zu erfahren, daß er morgen doch arbeiten läßt, und die anderen Hauptleute, die ihm scharf auf die Finger sehen, auch nicht. Er wird sich schon nicht abfassen lassen, da wäre er ja schön dumm. Er wird seinen Leuten auch nicht den Befehl geben, morgen zu arbeiten, er wird nur den Wunsch äußern, daß seine Handwerker „die paar Kleinigkeiten, die noch fehlen, erst fertig machen, ehe sie morgen ausgehen,” na, und wenn er, der Hauptmann, bittet und seinen Leuten dafür in der nächsten Woche einen Extraurlaub verspricht, so können die doch gar nicht anders als „Ja” sagen. Das ist doch klar wie Kartoffelbrei. Der Herr Oberst sieht sich erstaunt um:

„Ich muß mich doch sehr wundern, meine Herren, daß die anderen Kompagnien bis übermorgen nicht fertig werden können, wenn die dritte Kompagnie schon heute, zwei Tage vor der befohlenen Zeit fertig ist. Es scheint mir doch, als ob die Herren die ihnen zur Verfügung gestellte Zeit nicht gehörig ausgenutzt haben, und ich muß Sie doch sehr bitten, meine Herren, daß Sie sich in Zukunft etwas besser einrichten. Wie Sie bis übermorgen mit den Sachen fertig werden, überlasse ich Ihnen — ich bedauere, den Appell nicht verschieben zu können. Mich freut es aber, daß wenigstens eine Kompagnie ihren Anzug in Ordnung hat.”

Dieses unverdiente Lob stimmt den Hauptmann so froh, daß er es gar nicht empfindet, als hinterher die anderen „Häuptlinge” ihn vollständig schneiden, nicht mit ihm sprechen und ihm durch ihr Benehmen deutlich zu verstehen geben, wie sie übe rihn denken. as

Dieses unverdiente Lob stimmt den Hauptmann so froh, daß er es gar nicht empfindet, als hinterher die anderen „Häuptlinge” ihn vollständig schneiden, nicht mit ihm sprechen und ihm durch ihr Benehmen deutlich zu verstehen geben, wie sie über ihn denken. Das läßt ihn vollständig kalt, das rührt ihn gar nicht. wie wird er sich über solche Kleinigkeiten aufregen?

Achtundvierzig Stunden später ist der Appell, und selbstverständlich sind seine Anzüge die besten.

„Wie gewöhnlich,” setzt der Herr Oberst hinzu und giebt ihm sogar zum Zeichen seiner besonderen Anerkennung die Hand. Nun können die anderen ruhig mit Steinen auf ihn werfen — nun hat er sich so fest geschustert, daß es den anderen unmöglich ist, ihn wieder in den Augen des Kommandeurs herabzusetzen.

Und freudestrahlend eilt er heim zu der teuren Gattin:

„Nun, wie war's?” fragt diese und er erzählt, wie es ihm ergangen.

„Haben die anderen sich ordentlich geärgert?” fragt sie, und frohlockend vernimmt sie die frohe Kunde, daß die anderen ihn nicht mehr mit den Hacken ansehen, weil sie seinetwegen so hineingefallen sind.

Auch die teure Gattin schustert — wie er sich bei den Herren — so sie sich bei den „vorgesetzten” Damen.

Die Kommandeuse interessiert sich sehr für Neuigkeiten — die Frau Hauptmann auch, obgleich ihr im Grunde ihres Herzens die Neuigkeiten ganz gleichgültig sind.

So sehen sich die Damen täglich bei den „Besorgungen”. Arm in Arm gehen sie dann durch die Straßen der Stadt und wer ihnen begegnet, wird angesprochen.

Und sind sie dann wieder allein, dann klatscht die Frau Hauptmann alles was sie weiß, nein, nicht alles, nur das, von dem sie weiß, daß es der Kommandeuse angenehm ist. Sie klatscht nicht nur über die Frauen, sondern auch über die Männer: „und denken Sie sich nur, gnädige Frau, der Hauptmann von Dingsda soll gestern Abend wieder total betrunken aus der Kneipe nach Haus gekommen sein. Die arme, arme Frau, sie thut mir zu leid.”

Zu Haus erzählt die Kommandeuse natürlich sofort ihrem Gatten, was sie über den Hauptmann von Dingsda erfahren. Es trägt natürlich gerade nicht dazu bei, den Hauptmann bei seinem Vorgesetzten in ein günstiges Licht zu stellen.

Das schadet ja aber auch nichts, wenigstens der nicht, die der Kommandeuse die Sache erzählte, im Gegenteil, es bringt ihr vielleicht Nutzen, denn der Hauptmann von Dingsda ist bereits „erster Klasse”, während ihr Mann noch immer „zweiter” ist. Na, und wenn dem Hauptmann von Dingsda nun vielleicht bald einmal „gewunken” wird, sich nach einer anderen Thätigkeit umzusehen, so rückt ihr Mann in die erste Gehaltsstufe, sie bekommt höheres Toilettengeld und kann sich endlich das grüne Sammetkleid kaufen, das sie sich schon so lange wünscht.

Die arme Frau von Dingsda thut ihr ja „schrecklich” leid, aber man ist sich doch schließlich selbst der Nächste, und warum betrinkt der Mann sich? Warum paßt sie nicht besser auf, das ist doch schließlich ihre eigene Schuld und sie hat eigentlich gar kein Mitleid verdient.

Also fort mit ihnen. —

Viele befolgen auch die Theorie, daß sie sich gleich bei allen schustern, die neu ins Regiment versetzt werden. Auch wenn die neuen Herrschaften ihnen ganz unbekannt sind, schreiben sie ihnen, erklären sich bereit, eine Wohnung für sie zu besorgen, sich nach einem Dienstmädchen für sie umzusehen und erklären es als ganz selbstverständlich, daß „der liebe Kamerad nebst Weib und Kind solange bei ihnen wohnt, bis es gelungen ist, eine passende Wohnung zu finden.” Solche Schusterei macht viel Umstände, kostet Zeit und Geld, aber das schadet nichts. Man kann nie wissen, weß Geistes Kind der neue Kamerad ist. Vielleicht hat er Konnexionen, vielleicht bringt er eine vorzügliche Konduite mit, steht sich vielleicht brillant mit dem Kommandeur, macht vielleicht eine ausgezeichnete Carriere — das sind alles Eventualitäten, die zu erwägen sind. Sieht man hinterher, daß der neue Ankömmling keine große Zukunft vor sich hat, nun, dann bricht man den Verkehr wieder ab, da hat man sich eben geirrt, man hatte geglaubt, man würde gut zu einander passen und sieht nun zu seinem aufrichtigen Bedauern, daß dies doch nicht der Fall ist. Damit ist die Angelegenheit erledigt, geschadet aber hat sie trotzdem nicht, im Gegenteil, der Kommandeur hat sich über die Kameradschaft, mit der man den neuen Herrn bei sich aufgenommen hat, sehr gefreut und es geht sogar das Gerücht, der Herr Oberst habe gesagt: „Das sei die wahre Kameradschaft.” Mehr kann man schließlich doch nicht verlangen.

Es ist ganz selbstverständlich, daß der Schuster nur mit Denen gesellschaftlich verkehrt, die bei den Vorgesetzten gut angeschrieben sind — darauf, ob er die Betreffenden selbst leiden mag, kommt es gar nicht an.

„Sollen wir die schrecklichen Menschen wirklich schon wieder einladen?” fragt klagend seine Frau, „er ist mir zu unausstehlich und gegen die Frau kann ich bei dem besten Willen nicht an, sie ist zu entsetzlich dumm und hat Ansichten, daß ich immer an mich halten muß, um sie nicht auszulachen.”

„Glaubst du, daß ich anders denke?” fragt er, „aber es nützt nichts. Er ist bei dem General brillant angeschrieben, und sie ist ja eine richtige Cousine von der Frau des Divisions­kommandeurs, die Leute müssen wir uns warm halten, man kann nie wissen, wozu es gut ist.”

„Aber der Divisions­kommandeur geht doch, wie man sagt, bald ab, er soll sein Abschiedsgesuch einzureichen beabsichtigen.”

„Noch aber hat er den Abschied nicht,” entgegnet er, „ist der Abschied heraus, wird die Excellenz a. D., dann haben wir ja auch kein Interesse mehr an der Cousine seiner Frau, dann können wir sie ja ruhig fallen lassen, vorläufig aber ist es noch nicht so weit.”

Und die Frau ist klug genug, ihrem Manne recht zu geben.

Jeder Schuster ist ein „Manteldreher” — er wendet seinen Mantel wie der Wind von oben weht.

Kein Mensch lebet ewiglich, die Vorgesetzten erst recht nicht und je höher diese stehen, desto kürzer währet ihr Dasein.

Man ist vierzehn Jahre Lieutenant, aber oft nur ein Jahr General.

Der umgekehrte fall, daß jemand nur ein Jahr Lieutenant, aber vierzehn Jahre General war, ist meines Wissens noch nicht dagewesen.

Jeder Vorgesetzte hat über viele Punkte, um nicht zu sagen über alle, andere Ansichten als sein Vorgänger.

Und der Schuster kann nicht umhin, die Ansichten, die sein jemaliger Vorgesetzter hat, als die allein richtigen zu bezeichnen.

„Der Mann gefällt mir, der weiß was er will, was der sagt, hat Hand und Fuß, bei dem kann man unendlich viel lernen,” das ist das Thema, das er in allen Aussprüchen variiert.

„Aber das haben Sie von seinem Vorgänger auch schon gesagt,” ruft man ihm zu.

„Gewiß,” bestätigt er, „aber ich halte diesen doch für noch bedeutender und glaube, daß ich bei diesem noch mehr lernen werde.”

Von einem Schuster möchte ich noch erzählen, er war Hauptmann, und wie man zu sagen pflegt, der größte Oekonomie­handwerker, den jemals die Sonne beschienen hat. (Unter den Oekonomie­handwerkern versteht man die berufsmäßigen Schneider und Schuster, die ihre Dienstzeit nicht bei der Waffe „abreißen”, sondern die in den Korps-Bekleidungsämtern lediglich ihrem Handwerk obliegen.)

Der Hauptmann war also der Schuster par excellence, und wie sehr er es war, das zeigte sich, als eines Tages unvermutet einige Excellenzen zur Besichtigung in der Stadt eintrafen. Da fiel es ihm plötzlich ein, daß ja sein Geburtstag sei, er beschloß das Fest würdig zu feiern, steckte sich hinter die verschiedenen Adjutanten, und die Folge war, daß am Abend alle Generäle und Stabsoffiziere in seiner Wohnung zu einem opulenten Diner versammelt waren. Von den Hauptleuten und Lieutenants war kein Mensch eingeladen, warum auch? Die konnten ihm ja doch nichts nutzen. Der Herr Hauptmann hatte gerade seinen Toast losgelassen und sich für die hohe Ehre bedankt, die die Excellenzen ihm und seinem Hause durch ihr erscheinen erwiesen hätten, als sich die nach dem Korridor führende Thür öffnete und der Bursche erschien. Auf seinen Armen trug er einen Schusterhöcker, einen Hammer, eine Glaskugel, einen Knieriemen, ein hölzernes Zuschneidebrett, ein Messer und ein großes Stück Leder. Staunen ergriff alle beim Anblick.

„Herr Hauptmann,” sagte der Bursche, „da draußen steht ein Dienstmann, er läßt fragen, ob das hier wohl richtig wäre.”

„Sagen Sie dem Mann, er müsse sich irren, hier wohnt doch kein Schuster.”

Doch kaum ist ihm dies Wort entfahren,
Möcht' er's im Busen gern bewahren.

Er merkt, daß er eine Dummheit gesagt hat: er sieht das leise Lächeln, das den Mund Sr. Excellenz umspielt, und das sich weiter fortpflanzt bis hinab zu dem Adjutanten, der sich krampfhaft die Serviette in den Mund stopft, um nicht laut zu lachen. Er fühlt es: er ist erkannt. Und das ist das Schlimmste, was einem Schuster passieren kann, denn dann ist es aus mit der Schusterei. Auch ohne das wird der Schuster gewöhnlich vor seinem Ziel von der Nemesis ereilt, dafür sorgt der gesunde Geist des deutschen Heeres, der trotz der starren Subordination doch Stolz und aufrechte Mannhaftigkeit von dem einzelnen unbedingt verlangt. Die Schuster sind glücklicherweise Ausnahmen, die die Regel bestätigen.


zurück zur

Schlicht-Seite