Der Lieutenant.

Humoreske von Freiherr von Schlicht.
in: „Armeetypen”


Man erzählt sich von einem Berliner Theaterdirektor, den Namen will ich lieber nicht verlauten lassen, daß er infolge der vielen Orden, die seine Brust schmücken, eine so gewaltige Hochachtung vor sich selbst habe, daß er zur Toilette stets mindestens drei Stunden gebrauche, weil er, so oft er sich im Spiegel sähe, sich selbst stets eine Verbeugung nach der anderen mache.

Ebenso geht es auch dem „neugebackenen” Lieutenant.

Seit einer Stunde steht er nun schon vor dem Spiegel und bewundert sich.

Er sagt es nicht, aber er denkt es: „Wie bin ich schön.”

Und so unrecht hat er nicht: man muß schon ein Ausbund von Häßlichkeit sein, um in der kleidsamen Uniform nicht „passabel” auszusehen.

Endlich, endlich reißt er sich, wenn auch schweren Herzens, von seinem Spiegelbilde los, er muß ja zum Kommandeur und sich melden.

Von seiner, in der Kaserne gelegenen „Fähnrichsbude”, die nun den stolzen Namen „Offizierswohnung” trägt, geht er über den Korridor nach dem Regimentsburesu.

Noch einen flüchtigen Blick wirft er in einen der auf dem Korridor hängenden großen Spiegel, dann tritt er in das Vorzimmer, in dem die Schreiber damit beschäftigt sind, entsetzlich viel Tinte zu verbrauchen. Es wird unheimlich viel zusammen­geschrieben, und wie die böse Welt behauptet, viel Ueberflüssiges.

Der Lieutenant wirft einen fragenden Blick nach dem Zimmer nebenan, in dem der Kommandeur mit seinem Adjutanten arbeitet.

„Jawohl, der Oberst ist drinnen,” lautet die leise Antwort auf die stumme Frage.

Im Vorzimmer des Königs wagt man vielleicht laut zu sprechen, im Vorzimmer eines Regiments­kommandeurs nicht.

„So melden Sie mich: Lieutenant von Herteritz.”

Sonst ist er auf seinen Adel sehr stolz — sein Urahne ist von Karl dem Durstigen geadelt worden, weil er seinem Landesherrn im Trinken über war — sonst betont er stets das Wort „von”, heute nur das Wort: „Lieutenant”.

Der Schreiber verschwindet und kehrt mit dem Bescheid zurück: „Der Herr Lieutenant möchte einen Augenblick warten, der Zahlmeister sei gerade zum Vortrag da.”

„Aber das ist ja unerhört,” denkt der Lieutenant, „kann denn der Zahlknecht nicht auf mich warten,” aber das Schelten hilft nicht, er muß warten.

Und er vertreibt sich die Zeit damit, in den Spiegel zu sehen.

„Nein, wie ist er doch einmal schön!”

Selbst sein Bursche hat zu ihm gesagt: „nein, so'n schönen Herrn Lieutenant haben wir doch im ganzen Regiment nicht.”

Nach einer guten Stunde — die Unterhaltungen zwischen dem Kommandeur und seinem Finanzminister, der die ganze Bekleidungsfrage unter sich hat, dauern stets sehr lange — öffnet sich die Thür, und der Zahlmeister kommt heraus.

Er will dem Wartenden die Hand reichen und ihm Glück wünschen, da ruft schon der Herr Oberst:

„Wo steckt denn der Herr Lieutenant?”

Rasch tritt der jüngste Sekond in das Allerheiligste: „Sekondlieutenant von Herteritz meldet sich ganz gehorsamst durch Allerhöchste Kabinettsordre zu seiner Charge befördert.”

Der Herr Oberst mustert den vor ihm Stehenden, klemmt dann das Monocle ein, mustert sein vis-a-vis nochmals und sagt: „Herr Lieutenant, Sie kommen ja in einem vollständig unvorschriftsmäßigen Anzug — gehen Sie, bitte, erst mal in Ihr Zimmer und ziehen Sie sich richtig an, und dann kommen Sie nochmals wieder.”

Der Lieutenant steht da wie ein begossener Hering stehen würde, wenn er stehen könnte.

Er thut das Schlauste, was er thun kann, er macht sich dünne und er, der vorhin so stolz wie ein Caesar über den Korridor schritt, läuft jetzt im Marsch-Marsch nach seiner Bude zurück.

Dort angekommen, holt er die Bekleidungsvorschrift heraus und fängt emsig an zu studieren.

Wie überall, so hätte auch hier das Studium vorangehen müssen.

Ich bin weit davon entfernt, das Muster eines Ehemanns zu sein, aber eine gute Seite habe ich doch, ich werde nie ungeduldig, wenn meine Frau zu mir sagt: ich weiß nicht, was ich anziehen soll.

Das habe ich als Offizier trotz der Bekleidungsvorschrift oft selbst nicht gewußt.

Man unterscheidet: Paradeanzug, Dienstanzug, kleiner Dienstanzug und Gesellschafts­anzug.

Wer aber glaubt, daß hiermit das Thema erschöpft ist, der ist, um mich poetisch auszudrücken, ebenso schief gewickelt wie eine echte Brasil-Cigarre.

Für den Dienst im Frieden und im Krieg giebt es noch unzählige Nebenabteilungen, mit denen ich niemanden langweilen will.

Nur eins möchte ich zu schildern versuchen: den Anzug des Offiziers im Felde, im Gefecht.

Vor den Augen hat er das Fernglas, um den Feind zu beobachten. In den seltensten Fällen wird er ein Gestell mit sich führen, auf das er das Fernglas auflegen kann, er muß es also mit einer Hand halten, sagen wir, mit der linken. In der rechten Hand hat er den gezogenen Säbel, außerdem den Revolver.

Soweit es angängig ist, soll der Offizier im Gefecht mit einem Zirkel auf der Karte die Entfernung nach dem Feinde abmessen: er muß also in die Rechte außer Säbel und Revolver auch noch den Zirkel nehmen und in die Linke, die das Fernglas trägt, die Karte.

Wie einfach unter diesen Umständen das Abmessen der Entfernungen ist, wird einem Jeden einleuchten.

Im Felde ist das Rauchen erlaubt: man wird also eine Cigarre im Mund haben, außerdem soll der Offizier aber stets eine „Schützenpfeife” (alias Flöte) zur Hand haben, um jeden Augenblick das Feuer „abstoppen” zu können.

In die Hand nehmen kann der Lieutenant bei dem besten Willen nichts mehr, folglich nimmt er die Schützenpfeife in den Mund: rechts die Cigarre, links die Pfeife, oder umgekehrt, das kann er machen, wie er will.

Daß er außerdem noch Kommandos abgeben muß, ist selbstverständlich.

Wie er das aber machen will, ist mir nicht ganz klar. —

Nach eifrigem Suchen hat der jüngste Sekond endlich herausgefunden, daß er sich zwar bei Meldungen im Regiment im kleinen Dienstanzug, bei Meldungen außerhalb des Regiments im Dienstanzug, bei Meldungen infolge einer Allerhöchsten Kabinettsordre aber im Paradeanzug zu melden habe.

So stürzt er sich denn schleunigst in die befohlenen Kleider und eilt zum zweitenmal auf das Regimentsbureau. Wieder die stumme Frage an die Schreiber, dieses Mal aber die laute Antwort: „Der Herr Oberst ist soeben nach Haus gegangen, er erwartet den Herrn Lieutenant in der Wohnung.”

In die Trauer, zu spät gekommen zu sein, mischt sich die Freude, Gelegenheit gefunden zu haben, im vollen Schmuck der Waffen durch die Straßen der Stadt gehen zu können.

Er geht die Treppe hinunter, dann durch das Portal.

Der dort stehende Posten, der darauf zu achten hat, daß keine Zivilpersonen ohne eine schriftliche Erlaubnis die Kaserne betreten, der auch darauf sehen soll, daß kein Soldat, der nicht den Waffenrock anhat, die Kaserne verläßt — dieser Posten präsentiert.

Das kostet einen Thaler, nicht dem, der präsentiert, dem kostet es höchstens, wenn er den Griff schlapp macht und deswegen gemeldet wird, drei Tage Kasten — sondern demjenigen, vor dem zum erstemal in seinem Leben präsentiert wird.

Das ist ein alter Brauch in der Armee.

Gnädig legt der Lieutenant einen Finger an den Helm: „Nehmen Sie über, mein Sohn.”

Dann greift der Herr Lieutenant in die Tasche, öffnet das Portemonnaie und holt einen Thaler heraus, nein, er will einen Thaler herausholen, aber es gelingt ihm nicht, denn er besitzt nur noch zwei Mark und sechzig Pfennig.

Na, schließlich wäre der Soldat, der schon vor Freude „grinst”, ja auch damit zufrieden, aber das geht doch nicht, er kann doch nicht weniger geben als die anderen, so vertröstet er denn den braven Posten auf bessere Zeiten — und bleibt ihm den Thaler schuldig.

Dann geht er zu seinem Kommandeur: der Weg ist weit, aber das schadet nichts, je weiter, desto besser.

Der Herr Oberst empfängt seinen jungen Lieutenant und ist sehr gnädig. Er erteilt dem jungen Kameraden gute Lehren, wünscht ihm das Beste für die Zukunft und entläßt ihn mit den besten Segenswünschen.

Der Lieutenant geht glückselig von dannen — so etwas von Liebenswürdigkeit ist ihm ja in seinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen, bei einem so wohlwollenden Vorgesetzten müssen die Tage ja wie im Fluge vergehen, unter ihm zu dienen, muß ja eine wahre Freude sein.

Eigentlich müßte der Herr Lieutenant sich nun gleich bei seinen sämtlichen Vorgesetzten melen, „aber die haben ja Zeit,” denkt er, „die laufen mir ja nicht weg. Viel wichtiger ist es entschieden, daß ich den „Zahlmops” noch abfasse, ehe er nach Haus geht.”

So öffnet er denn wenig später die Thür zum Zahlmeisterbureau und er hat Glück: „der Mann des Geldes” sitzt noch an seinem Arbeitstisch

Er nimmt die Glückwünsche in Empfang und trägt mit halblauter Stimme sein Anliegen um einen Vorschuß vor.

Der „Zahlknecht” lächelt, nicht darüber, daß er angeborgt wird, ach nein, er ist Kummer und Elend gewohnt, aber er freut sich über die Art und Weise, wie er gebeten wird.

Das ändert sich mit der Zeit.

Da ist der dicke Baron, der Uebung im Pumpen hat, anders: der reißt einfach die Thür auf und ruft vom Korridor aus hinein: „Sie, Miquel, haben Sie hundert Meter für mich?” und je nach dem Bescheid, den er erhält, geht er entweder laut fluchend oder laut singend von dannen.

„Na, wieviel wollen Sie denn haben?” fragte der Zahlmeister.

„Ach, ich dachte zwanzig Mark, aber wenn es Ihnen zu viel ist, bin ich auch mit weniger zufrieden.”

Aber der Finanzminister ist gnädig, er macht freiwillig aus den erbetenen zwanzig Mark zweihundert, denn der Tag, an dem man Lieutenant wird, ist der einzige in der langen, fünfzehnjährigen Lieutenantszeit, an dem man Geld hat.

Wie das kommt? Man mag Offizier werden, an welchem Tag im Monat es sei, selbst wenn es der mit Recht so gefürchtete Letzte ist, man erhält für den ganzen Monat sein Gehalt, Service und alles Mögliche nachgezahlt, ohne daß irgendwelche Abzüge gemacht werden.

Der junge Lieutenant traut seinen Augen nicht, soviel Geld giebt es ja gar nicht und er überlegt allen Ernstes, ob er dem Reich nicht einen der vom Reichstag nicht bewilligten Kreuzer zum Geschenk machen soll.

Da fällt ihm der Posten ein, der auf seinen Thaler wartet und er zieht es vor, erst diese „drückende” Schuld zu tilgen.

Mit heißen Dankesworten verabschiedet er sich vom Zahlmeister, der aber sagt: „Wenn Sie noch mehr Geld haben wollen, ich kann Ihnen den Rest, der Ihnen noch zusteht, auch gleich geben.”

Doch der Lieutenant erhebt abwehrend seine beiden, in tadellos neuen Lederhandschuhen sitzenden Hände.

„Noch mehr? Nein, ich danke herzlichst, vielleicht nach Wochen, aber heute — nein, heißen, heißen Dank.”

Nachdem er auf der Wachtstube den Thaler abgegeben hat, denn der Posten selbst darf, so lange er Posten steht, keine Geschenke annehmen, macht er sich auf den Weg, um seine anderen Meldungen abzustatten und begiebt sich dann schleunigst nach Haus, um sich für das am Nachmittag ihm zu Ehren stattfindende Liebesmahl zu rüsten. Er vertauscht den Paradeanzug mit dem gewöhnlichen Ueberrock und steigt dann ins Kasino hinab, wo man ihn bereits erwartet.

Mit einem Tusch seitens der Regimentsmusik wird er empfangen.

Ach, er ist glücklich, so unaussprechlich glücklich; die ganze Welt möchte er umarmen!

Unter den Klängen eines flotten Marsches geht es zu Tisch.

Er, der sonst als Fähnrich ganz unten saß, um den sich kein Mensch kümmerte, den man höchstens einmal nach seinem Alter befragte, ist heute die Hauptperson. Er sitzt in der Mitte der Tafel, sein Stuhl und sein Platz sind mit frischen Blumen geschmückt, vor ihm steht der große, silberne Aufsatz, ein Geschenk der Stadt, das sonst nur vor den Höchsten der Tischgesellschaft zu stehen pflegt, ein kunstvoll gezeichnetes Musikprogramm liegt neben seinem Couvert, erst, als er sich hingesetzt hat, nehmen auch die anderen Herren Platz, die Ordonnanzen reichen erst ihm die Speisen, dann den anderen und er sieht es mit Erstaunen: alle, alle sind da, selbst die Verheirateten, sogar der Herr Oberst.

Die Kasinokommission hat zur Feier des Tages ein großartiges Menu zusammengestellt und eine wundervolle Erdbeerbowle gebraut.

Von allen Seiten wird ihm zugetrunken: jetztbraucht er nur noch aufzustehen, wenn die Stabsoffiziere auf sein Wohl trinken, sonst kann er sitzen bleiben, er ist par inter pares.

Und es wird mächtig getrunken.

Bei dem Braten erhebt sich der Kommandeur und bringt das Wohl des jüngsten Regiments­kameraden aus.

Der aber ist, wenn auch noch nicht gerade im siebenten Himmel, so sicher schon im vierten: von der Rede des Obersten versteht er keine Silbe, erst das Hurrarufen und der Tusch bringen ihn einigermaßen wieder zur Besinnung.

„Sie müssen hingehen und mit dem Kommandeur anstoßen,” flüstert man ihm zu.

Er nimmt seine ganze Energie zusammen, es gelingt, schnurgerade geht er auf den Kommandeur zu, stößt mit ihm an und kehrt dann festen, sicheren Schrittes auf seinen Platz zurück.

Und dann wird mächtig weitergetrunken.

Da naht sich eine Ordonnanz.

„Herr Lieutenant von Ulkstein erlaubt sich auf das Wohl des Herrn Fähnrich zu trinken.”

Wie ein Blitz springt der gewesene Fähnrich in die Höh', homerisches Gelächter belehrt ihn, daß auch er, wie jeder andere, auf diesen uralten und doch ewig neuen Witz hereingefallen ist.

Es wird mächtig weiter getrunken und allmählich trinkt er sich wieder nüchtern.

Das ist bekanntlich der Anfang vom Ende, aber das weiß er noch nicht, dazu ist er zu jung, es fehlt ihm an „Erfahrungen”.

Nach Tisch, als die Cigarren herumgereicht sind, setzt sich sein Hauptmann zu ihm heran und nun schüttet er diesem sein Herz aus, wie glücklich er wäre und wie lieb er ihn hätte. „Nein, Herr Hauptmann — Hauptmann, lieber Hauptmann, nein, du bist ein zu feiner Kerl — komm' sag' du zu mir, laß uns Brüderschaft trinken!”

Selbstverständlich geht der Hauptmann darauf ein — er ist ganz sicher, daß sein Leutnant am nächsten Morgen keine Ahnung davon hat. Warum also einem Betrunkenen widersprechen?

Von einem Lieutenant weiß ich, daß er sich am nächsten Morgen noch ganz genau erinnerte, mit seinem capitain Brüderschaft getrunken zu haben. Anstatt die Sache nun einfach totzuschweigen und zu thun, als wenn gar nichts vorgefallen wäre, ging er, als sein capitano zum Dienst kam, auf ihn zu und fragte: „Es ist dir doch recht, daß wir Brüderschaft getrunken haben? Sonst kann ich ja ruhig wieder Sie zu dir sagen. Nenn du mich aber bitte bei Vornamen: Otto.”

Der Hauptmann war ein verständiger Mann, der über seinen Unterthanen, der, wie er sich ausdrückte, „noch halb voll Sekt stand” lachte — aber der arme Lieutenant hat trotzdem oft seine Frage bereut, denn wo immer er sich sehen ließ, da hieß es: „Nicht wahr, Sie heißen doch mit Vornamen Otto?”

Die Uzerei ging so weit, daß der Unglückliche eines Tages an das Offizierkorps einen großen Schreibebrief richtete und flehentlich bat, ihn nicht weiter zu necken. Als auch dies nichts half, steckte er sich hinter hohe Gönner und ließ sich versetzen, aber auch das war vergebens, denn jeder im neuen Regiment fragte ihn: „Ach, nicht wahr, Sie sind doch der, der Otto mit Vornamen heißt?”

Da beugte er sein Haupt und nahm sein Geschick auf sich. —

So glücklich, so grenzenlos glücklich man am ersten Tage seines „Lieutenantdaseins” ist, ebenso unglücklich ist man am lendemain.

Davon, daß man einen Jammer hat, daß man einen Elefanten nicht von einem Kanarienvogel unterscheiden kann, will ich nicht sprechen, denn dazu ist mir ein Jammer zu jämmerlich.

Ich will auch schweigen von den ungezählten Flaschen Selters, die der Bursche keuchend herbeiholt, bis er endlich meldet: „Herr Lieutenant, in der Kantine ist nun auch kein Selterwasser mehr, soll ich mal hinüber zum Krämer laufen?”

Aber sein Herr winkt ab, es ist auch wohl besser so, zu viel Wasser ist auch nicht bekömmlich, so erhebt er sich denn mühsam von seinem Lager und sein erster Weg ist wie gestern nach dem Spiegel: aber das Bild, das ihm da entgegenlacht, ist so wenig schön, so wenig verführerisch, daß er sich mit Schrecken abwendet.

Er ergreift sein Portemonnaie: „Geh' mal hin zum Barbier, der Mann soll sofort herkommen und eine Flasche Eau de Quinine zum Kopfwaschen mitbringen, du kannst sie gleich bezahlen, ich glaube, sie kostet einen Thaler.”

Er macht die Börse offen und schaut hinein, aber er sieht nichts.

Er reibt sich die Augen und schaut nochmals hinein, aber er sieht immer noch nichts.

Er steckt den Kopf in die Waschschüssel und blickt dann nochmals, nun mit klaren Augen, in das Portemonnaie: es ist leer.

„Aber wie ist denn das,” denkt der Herr Lieutenant, „mir ist doch so, als ob ich gestern zweihundert Mark gehabt hätte — gewiß, ja, ich irre mich nicht, wo sind die denn aber nur geblieben?”

Und allmählich, ganz allmählich wird es Tag in seinem Schädel — richtig, gestern Abend, als die hohen Herren fort waren, ist ja auch im Kasino die Karte gebogen worden, da hat er nicht nur alles verspielt was er besaß, sondern auch noch alles, was er vom Zahlmeister zu fordern hat.

Und er selbst ist blank wie eine Kirchenmaus und hat für den ganzen Monat nicht einen Pfennig bar Geld.

Er schlägt die Hände vor's Gesicht und in einer Anwandlung von moralischem Katzenjammer weint er biterlich.

Ach lieber, kleiner Lieutenant, trockne deine Thränen — wenn du jedesmal weinen willst, wenn dein Portemonnaie leer ist, wirst du nicht viel Zeit für andere Dinge haben, denn mit einer leeren Börse in der Welt herumzulaufen ist dank der glänzenden Bezahlung, die man erhält, der „Normalzustand” des preußischen Offiziers.

Der jüngste Lieutenant kommt sich sehr unglücklich vor, und wenn sich ihm heute eine Zivilstellung böte, in der er im Monat hundert, ach nein nur fünfzig Mark verdienen könnte, er würde nicht eine Sekunde zögern, sie anzunehmen.

Er erinnert sich, vor vielen Jahren, als er noch Schüler war, die bekannte Posse „Der jüngste Lieutenant” gesehen zu haben. Die Hauptrolle wurde von einer entzückenden Schauspielerin gegeben — und sie machte solchen Eindruck auf ihn, daß er sich gelobte, auch Offizier werden zu wollen.

„Der jüngste Lieutenant” zu sein, deuchte ihm einfach „himmlisch”.

Nun ist er's und sein einziger Wunsch ist: wäre ich doch überhaupt nur nicht Offizier oder wäre ich doch wenigstens nicht mehr der Jüngste!

„Die Hintermänner” spielen in unserer Zeit ja eine große Rolle, nirgends aber so wie beim Militär.

Je mehr Hintermänner, desto besser, denn um so „älter” wird man.

Schon daraus geht hervor, daß der jüngste Lieutenant und überhaupt ein junger Lieutenant zu sein, wahrlich nicht das höchste Glück auf Erden ist: weder dienstlich noch außerdienstlich.

Dienstlich ist er in den Augen seiner Vorgesetzten eine große Null mit einem vorstehenden Minuszeichen.

Man setzt ihm Dienst an, weil man ihm Dienst ansetzen muß, aber man bittet ihn: „Lassen Sie die Unteroffiziere nur ganz selbständig arbeiten, die wissen ganz genau, wie ich es haben will, sehen Sie sich die Sache nur an, wie sie gemacht wird.”

Und er steht auf dem Kasernenhof und sieht zu, wie die Sache gemacht wird, wie ein Kerl sechsundsechzig Mal in einer Stunde den Griff „Gewehr über, Gewehr ab” macht, wie ein anderer beständig die Wendung „Linksum” übt und wie ein dritter „das Fußrollen” durchnimmt, damit er bei dem Parademarsch hübsch, wie sich das so gehört für einen Soldaten, die Fußspitzen herunterdrücken kann

Der Lieutenant sieht zu und lernt sehr viel dabei: der Vizefeldwebel, der allem Anschein nach vom Hauptmann instriert ist, den jungen Offizier auf einiges aufmerksam zu machen, weicht nicht von seiner Seite.

„Wenn ich mir die Bemerkung erlauben dürfte, was der Meier ist, Herr Lieutenant, der streckt immer das Kinn zu weit vor.”

„Lassen Sie ihn doch, wenn's ihm Spaß macht, wenn er sonst ein guter Kerl ist, ist das doch ganz gleichgültig.”

„Aber es ist doch gegen die Vorschrift —”

„Selbstverständlich,” verbessert sich der Herr Lieutenant schnell, der merkt, daß er seine innere Ueberzeugung zu offen und ehrlich ausgesprochen hat und der fürchtet, daß sein Feldwebel ihn bei seinem Hauptmann verklagen wird, „selbstverständlich, das ist ja geradezu unerhört. Was fällt denn dem Menschen ien, rufen Sie ihn mir mal her, ich werde ihm mal seinen Standpunkt gehörig klar machen.”

Gleich darauf steht der Gerufene, ein Hüne von einem Menschen, vor dem jungen Offizier

„Hören Sie mal, der Feldwebel meldet mir da soeben, daß Sie die Neigung haben, Ihr Kinn stets zu weit vorzustrecken, das Kinn gehört an die Binde heran, wenn Sie das noch nicht wissen sollten, denn wozu trägt der Soldat sonst die Halsbinde? Wollen Sie mir das mal sagen, was? Merken Sie sich das, sonst werde ich Ihnen mal deutlich — Sie bekommen dafür bezahlt, daß Sie thun, was Sie zu thun haben, darüber können Sie auch mal nachdenken, treten Sie ein.”

„Das wird hoffentlich genützt haben,” sagt der Lieutenant, und der Feldwebel bestätigt es — im Inneren ihres Herzens sind sie beide davon überzeugt, daß diese schöne Rede an dem Sünder völlig spurlos vorübergehen wird.

Der Feldwebel macht seinen Lieutenant inzwischen auf weitere Schwächen seiner Unterthanen aufmerksam:

„Wenn der Herr Lieutenant sich mal den Hansen ansehen wollen, das ist der erste, zweite, dritte, vierte, fünfte Mann vom rechten Flügel, ja wohl, der mit dem rötlich strahlenden Schnurrbart, wollen der Herr Lieutenant sich den mal ansehen?”

Der Lieutenant befolgt den Rat und beschaut sich den Jüngling von oben bis unten und von unten bis oben, sein militärisch ungeübtes Auge kann nicht den leisesten Fehler an ihm entdecken.

„Nun, was ist denn los mit dem?” fragt er endlich.

„Denken sich der Herr Lieutenant nur, der Mensch hat eine ganz verkrüppelte kleine Zehe am rechten Fuß.”

Der Lieutenant heuchelt Interesse: „Das ist ja wirklich sehr, sehr interessant, den Mann muß ich mir doch einmal etwas genauer ansehen.”

Der Feldwebel folgt ihm und beide stehen nun vor dem unglücklichen Glücklichen.

„Wirklich sehr interessant,” wiederholt der Offizier.

„Nicht wahr, Herr Lieutenant,” pflichtet der Feldwebel ihm bei, „und was das Komische an der Sache ist, man sieht es ihm gar nicht an.”

„An der Nase können Sie es ihm doch auch nicht ansehen,” sagt der Lieutenant, „und durch die Langschäftigen können Sie ja doch auch nicht sehen.”

„Ich meine natürlich man, Herr Lieutenant, man merkt es ihm bei dem Marschieren nicht an. Hansen, marschieren Sie mal dem Herrn Lieutenant was vor.”

Und wie andere Leute bei passenden oder unpassenden Gelegenheiten etwas vorsingen oder vorspielen, so marschiert Hansen was vor; er macht seine Sache gut, sehr gut, selbst mit zehn verkrüppelten Zehen könnte er es nicht besser machen.

Man bewundert ihn und seine Leistungen, und erlaubt ihm dann, wieder einzutreten.

Seine Separatvorstellung ist beendet.

Nun wird ein anderer vorgeführt.

„Sehen der Herr Lieutenant sich hier mal den Petersen an — mit dem kann man anfangen, was man will, er kann das linke Knie nicht durchdrücken, mit dem rechten geht es ja. Petersen, marschieren Sie mal, aber ordentlich, das bitt' ich mir aus — nun sehen der Herr Lieutenant sich nur mal diese krumme Gestalt an!”

„Der Mensch müßte totgeschossen werden,” sagt der Lieutenant.

„Na, Herr Lieutenant,” meint der Feldwebel nach einigem Nachdenken, „das wäre wohl ein bißchen hart, denn der Petersen ist sonst ja ein ganz guter Kerl, wenn er ein paar Jahre Festung bekäme, hätte er wohl genug.”

„So, glauben Sie?” meint der Lieutenant, „na, wir können ja mal abwarten, wie der Mann sich macht, außerdem haben wir beide darüber ja auch nicht zu entscheiden.”

Ein Mann nach dem anderen wird nun vorgenommen und jeder hat seinen Fehler.

Ganz zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten ist kein einziger.

Endlich, endlich ist der Vormittagsdienst zu Ende, drei Stunden seines Lebens hat der junge Lieutenant auf dem Kasernenhof gestanden und entsetzlich viel gelernt.

Nein, gelernt, eigentlich noch nichts, das fängt erst zu Haus an. Da hat er auf einem Zettel Papier die Namen seiner hundertundzwanzig Kerls stehen und hinter jedem steht sein Fehler. Das muß er wissen, der Hauptmann verlangt es: „Interesse für jeden einzelnen Mann, meine Herren, das ist die Hauptsache.”

Nun sitzt der junge Offizier die halbe Nacht und lernt: „Meier — vorgestrecktes Kinn, Hansen, verkrüppelte Zehe, Petersen dickes Knie, Wolfsen krumme Füße, Alsen krummen Rücken, Paulsen schiefe Nase, Erdsen schielt,” so geht das eine endlose Reihe hindurch, bis der arme Lieutenant endlich dabei einschläft. Aber Ruhe findet er deshalb doch nicht, denn im Traume erscheinen ihm sämtliche Leute der Kompagnie und zeigen ihm ihre Gebrechen und Fehler, so daß er sich vorkommt wie ein Arzt, zu dem die Kranken und Gichtbrüchigen aus aller Herren Länder zusammmenströmen.

Ein halber Arzt ist er ja auch in Wirklichkeit, denn er soll ja die Leiden heilen und die Krummen gerade machen.

Die einen nennen das eine geistreiche, die anderen eine langweilige Beschäftigung.

„Wer's mag, der mag's und wer's nicht mag, der mag's ja wohl nicht mögen.”

„Ja, Herr Lieutenant, Sie stehen hier mit einem Gesicht beim Dienst, als wenn die ganze Sache Sie überhaupt nichts anginge, als wenn Ihnen die ganze Sache überhaupt keinen Spaß macht.”

„Aber Herr Hauptmann,” wagt der Getadelte schüchtern einzuwenden.

„Na, mich soll's ja freuen, wenn ich mich irre, aber bis jetzt habe ich noch nicht bei Ihnen das Interesse gefunden, das ich bei einem so jungen Offizier wie Sie es sind, unbedingt voraussetzen muß.”

So unrecht hat der Hauptmann ja schließlich nicht, aber was kann der Lieutenant dafür, daß er sich, trotzdem er noch ein so junger Offizier ist, absolut nicht für den Dienst begeistern kann, daß es ihm vollständig gleichgültig ist, ob der Mann bei dem Marsch seine Kniee nach der Heimat (nach vorne) oder nach hinten durchdrückt — wenn er sie nur durchdrückt, das ist doch schließlich die Hauptsache, das „wohin” ist ja ganz nebensächlich.

Er tröstet sich damit, daß es mit der Zeit schon besser werden würde, daß ihm die Lust und die Liebe zum Dienst kommen würde, wenn er mehr davon verstände, er hofft und hofft, aber die Hoffnungen erfüllen sich nicht immer.

Ein geübtes Auge sieht es jedem Offizier an dem Tage, an dem er zu seiner Charge befördert ist, an, welchen Weg er machen wird, ob er die „Ochsentour” einschlägt, oder ob er zu Höherem berufen ist.

Unter der Ochsentour versteht man die militärische Laufbahn, die der Offizier im ewigen Einerlei des Frontdienstes vom Tage seines Diensteintritts bis zum Tage seiner Verabschiedung zurücklegt.

Die durchschnittliche Lebensdauer des Menschen beträgt, wenn ich mich nicht irre, ungefähr dreißig Jahre.

Länger dauert das militärische Leben für den, der die Ochsentour wandert, auch nicht: dann kommt er in die Wurst.

Nur wer auf der Kriegsakademie und im Generalstab war, kann hoffen, daß ihm die Rose des Lebens länger blüht.

Aber auch da täuscht man sich zuweilen, und daß eine „rote” Hose nicht immer vor dem Tode schützt, haben die in roten Hosen steckenden, gefallenen französischen Soldaten anno 70 leider erfahren.

Von hundert Offizieren machen neunzig sicher die Ochsentour und der junge Lieutenant, der als Kadett oder als Fähnrich vielleicht im Traum einmal eine rote Hose gesehen hat, kann mit Sicherheit darauf rechnen, doch nur als „Hurra-Kanaille” durch die Welt und durch sein militärische Leben zu „laufen”.

Vorläufig ist er aber noch nicht einmal „Hurra-Kanaille”, dessen Thätigkeit darin besteht, wie in allen anderen Dingen so auch in dem „Hurrarufen”, wenn man auf den Feind los stürmt, mit gutem, nein, mit dem besten Beispiel voranzgehen. Vor unserem „Hurra” sind die Franzosen im letzten Kriege bekanntlich ebenso ausgerückt, wie vor unseren Ulanenlanzen, deshalb wird das „Hurrarufen” eifrigst geübt, man schreit sogar „Hurra” wenn man gar keinen Feind, nicht einmal einen „markierten” vor sich hat, wenn man ein Loch in die Natur stürmt.

Vorläufig aber, wie gesagt, ist der jüngste Lieutenant noch nicht einmal „Hurra-Kanaille”, sondern eben nur der jüngste Lieutenant

„Ist's auch nicht viel, so ist's doch was,
Und wer es mag, dem macht's auch Spaß.”

Obgleich ich diesen schönen Vers selbst gemacht habe, setze ich ihn dennoch in Anführungs­striche, um wenigstens vorübergehend den Verdacht der Thäterschaft auf Goethe oder seine Geistesschwester, Friederike Kempner, zu lenken.

Hoffentlich nimmt Friederike es mir nicht übel, daß ich sie mit Goethe in einem Atem nenne — thut sie es dennoch, so will ich mir zur Strafe ihre gesammelten Werke kaufen und wenn sie es verlangt, so will ich sie auch lesen. Aber lieber nicht, lieber wollte ich noch einmal wieder der jüngste Lieutenant sein, obgleich auch das kein Genuß ist.

Denn der jüngste Lieutenant ist dienstlich ein Stein des Anstoßes und außerdienstlich der Gegenstand weiser Belehrungen seitens älterer Kameraden und ewiger Neckereien.

Dienstlich leistet er, wie schon gesagt, gar nichts, außerdienstlich „leistet er sich aber dafür desto mehr”.

Das ist die stehende Redensart, mit der ihm der Kopf gewaschen wird, wenn er aus Unwissenheit oder aus Unüberlegtheit sich eine Dummheit hat zu schulden kommen lassen, wenn er eine Dame bei dem Tanzen auf den Fuß trat, oder einem jungen Mädchen, in dem Glauben, sie sei die verheiratete Schwester die Hand küßte, oder bei dem Kotillon der Kommandeuse keinen Strauß brachte, oder wenn er eine schlechte Verbeugung gemacht hat, oder wenn er, weil es so warm war, die Handschuhe in der Hand, statt auf den Händen getragen hat, oder wenn er zu spät wieder gegrüßt hat, — ich müßte mir einen Kahn nehmen und die ganze „Oder” von Ratibor aus, wo dieser Fluß ja erst schiffbar wird, wie ich mich noch aus meiner Schulzeit her erinnere, hinauffahren, um dieses unermeßliche Oder-Gebiet zu erschöpfen.

Der jüngste Lieutenant bekommt soviel auf den Hut, daß er gar nicht mehr weiß, wo er hin soll, es wird ihm soviel Sinn und Unsinn, teils im Ernst, teil im Scherz vorgeredet, daß er nicht mehr ein und aus weiß.

Kein Mensch macht sich einen Begriff davon, wieviel beim Militär „geklemmt” alias gestohlen wird. Um dies zu verhindern, oder richtiger gesagt, um das Wiederfinden der geklemmten Sachen zu erleichtern, andrerseits um einen Verkauf der „geklauten” (von Klaue, allgemeine militärische Bezeichnung für „Müllschüppe” alias „Hand”) Sachen zu verhindern, tragen alle dem Militär zur Benutzung überlassenen Sachen ein eingebranntes K. U.

Das heißt „Königliche Utensilien”.

Und wenn ich das K. U. irgendwo sehe, muß ich immer an einen lieben Kameraden denken, der auch einmal der jüngste Lieutenant war.

Wir saßen eines Mittags im Kasino, es war an einem Mittwoch und da für die Soldaten wie für die Kinder — viel anderes sind die Soldaten ja auch nicht — am Mittwoch und Sonnabend Nachmittag im allgemeinen kein Dienst ist, dehnte sich die Sitzung etwas länger als sonst aus und in Anbetracht der nicht fortzuleugnenden Thatsache, daß man ja doch schon einen Kasinorest hatte, wurde lustig darauf losgezecht.

Da fragte auf einmal einer unseren jüngsten Dachs: „Sagen Sie mal, Kleiner, haben Sie sich eigentlich schon brennen lassen?”

Wir alle horchten auf, keiner verstand im ersten Augenblick, worauf der andere hinauswollte, so blieben wir durch einen Zufall ernst.

„Ob ich was bin? Gebrannt?”

„Ja, ich meine, ob Sie sich schon das ,K. U.' haben auf dem Rücken einbrennen lassen?”

Unser Jüngster saß da wie in Erz verwandelt.

„Aber muß ich denn das?” stotterte er endlich.

„Das ist doch ganz selbstverständlich, dafür sind Sie doch preußischer Offizier.”

„Ja, gewiß,” entschuldigte sich unser Jüngster, „verzeihen Sie, man hat es mir bisher noch nicht gesagt, sonst hätte ich es natürlich schon lange gethan.”

„Es wird aber auch die höchste Zeit. Sie wissen, morgen Mittag um zwölf Uhr will der Herr Oberst uns sprechen und wenn der erfährt, daß Sie noch nicht gebrannt sind, giebt es ein heiliges, oder richtiger gesagt, ein unheiliges Donnerwetter für uns alle, für Sie und auch für uns, daß wir Sie nicht daran erinnert haben.”

„Um Gotteswillen, nur das nicht,” bat der Geängstigte, „ich möchte um keinen Preis Ihnen Unannehmlichkeiten bereiten, dann will ich lieber das bisher Versäumte sofort nachholen.”

Und nach einer kleinen Pause setzte er hinzu: „Wo lasse ich mich denn brennen? Wer besorgt das?”

„Der Regimentskammerunteroffizier,” lautete die Antwort, „der hat den Stempel für uns Offiziere, es dauert nur wenige Sekunden.”

„Ist es sehr schmerzhaft?”

„Es giebt manches auf Erden, was angenehmer ist, aber bedenken Sie: bis die Brandwunde geheilt ist, sind Sie natürlich dienstfrei, das hat doch auch etwas für sich.”

„Ganz gewiß,” pflichtete der Jüngste bei und er erhob sich.

Gleich darauf war er verschwunden, um nach kaum zehn Minuten wutentbrannt zurückzukehren.

„Das ist ja geradezu unerhört,” rief er, „der Kammerunteroffizier weigert sich, mich zu brennen, er sagt, er hätte hierzu keine Erlaubnis. Ich habe ihn aber schön angepfiffen, ich werde den Mann zur Bestarfung melden.”

„So sind Sie also immer noch nicht gebrannt?” fragten wir ihn. „Das ist aber sehr, sehr unangenehm.”

„Gebrannt noch nicht,” gab er zurück, „aber ich habe mir vorläufig den Stempel mit chinesischer Tusche auf die rechte Schulter drücken lassen.”

„Wirklich?” fragten wir zweifelnd.

Da zog er den Rock aus, ließ das Hemd hinunter und zeigte uns auf dem rechten Schulterblatt ein meisterhaftes K. U.

Und nun brach ein Sturm des Jubels los, daß im Vergleich damit ein Teifun die reine Windstille ist.

Da merkte er, daß man ihm einen Streich gespielt hatte, er war verständig genug, mitzulachen, aber er schwor, daß wir ihn nie wieder hereinlegen sollten.

Einmal gelang es uns dennoch, allerdings erst nach langem Ueberlegen.

Wir wurden mit der Eisenbahn ins Manövergelände befördert und vertrieben uns die Zeit während der langen Fahrt mit Skatspielen. Da öffnete sich die nach dem Nebencoupee führende Thür und der „Bahndienst” habende Offizier, der das Ein- und Aussteigen der Mannschaften, sowie die Absperrung auf den Bahnhöfen zu leiten hat, erschien in der Thür.

„Darf ich die Herren bitten, mir Ihre Billets vorzeigen zu wollen?”

Selbstverständlich fährt jeder Militärzug auf Requisition seitens der vorgesetzten Behörde, Billets werden daher an niemanden ausgegeben — trotzdem griffen wir in die Tasche und ein jeder von uns holte eine alte Fahrkarte heraus, die der Offizier, nachdem er sie geprüft, höflichst dankend zurückgab.

Nun wandte er sich an unseren Jüngsten.

„Darf ich Sie um Ihr Billet bitten?”

Der aber stand da wie auf Kohlen: „Ich — ich — ich habe kein Billet.”

„Was?” fuhr ihn der andere an, „Sie haben kein Billet? Sie als preußischer Offizier spielen hier den blinden Passagier? Nehmen Sie mir das nicht übel, aber das finde ich nicht gerade fein. Selbstverständlich muß ich die Angelegenheit dem Kommandeur melden, der die Sache nicht ungesühnt lassen wird, außerdem haben Sie an die Bahnverwaltung nach den bestehenden Gesetzen hundert Mark Strafe und den doppelten Preis des erforderlichen Billets zu bezahlen.”

„Aber soviel Geld habe ich gar nicht bei mir, was mache ich nur?”

Der Arme zitterte vor Angst und die Augen standen ihm voller Thränen.

„Vielleicht ist einer der Kameraden so liebenswürdig, Ihnen das Geld vorzuschießen, ich selbst bin leider dazu nicht in der Lage.”

Und nun ging der Arme von Coupee zu Coupee und machte Pumpversuche, aber alle bedauerten, kein überflüssiges Geld bei sich zu haben.

Da packte ihn die Verzweiflung in der höchsten Potenz, er ging direkt zum Kommandeur hin und beichtete seine doppelte Schuld.

Der glaubte, sein Lieutenant wäre verrückt geworden, und er kam, um sich bei uns zu erkundigen, was denn eigentlich los wäre.

Und unser Jüngster hatte jetzt nicht nur den Spott seiner Kameraden zu tragen, sondern auch, nachdem der Sachverhalt aufgeklärt war, einen mächtigen Anpfiff unseres Oberst.

Unser Jüngster schwur Rache und beschloß uns zu „schneiden”, einfach nicht mehr mit uns zu sprechen. Natürlich ließen wir uns das nicht gefallen, sondern sprachen derartig deutlich „mit ihm”, daß er nach ganz kurzer Zeit auch wieder mit uns sprach.

Da konnte die Uzerei denn wieder weiter gehen und er fiel nach wie vor auf alles hinein.

Niemand kann leugnen, daß man von Tag zu Tag, wenn man inzwischen nicht stirbt, älter wird. Viele behaupten auch, daß mit dem Alter der Verstand zunähme, und daß man von Tag zu Tag klüger würde. Offen und ehrlich gestanden glaube ich das nicht — wäre dies wirklich der Fall, so müßte ein Lieutenant, der mindestens fünfzehn Jahre seine Charge bekleidet in den — Jaques Inaudi, größter aller Rechenkünstler hilf mir — in den fünftausend vierhundert und fünfundsiebzig Tagen seines Lieutenantsdaseins so klug werden, daß es auf Erden gar nichts Klügeres gäbe.

Leider ist dem, wenigstens nach Ansicht der Vorgesetzten, nicht so — es giebt keinen Lieutenant, der nach ihrer Meinung nicht in jeder Beziehung noch sehr, sehr viel lernen muß, ehe er so tüchtig wird, wie sie, die Herren Vorgesetzten, nach ihrer Meinung selbst sind.

So wird an jedem Lieutenant herumerzogen, nicht nur an dem Jüngsten, ach nein — au controlleur, im Gegenteil, selbst ein alter Premier, der zu Hause Weib und Kind hat, muß sich oft genug noch „erziehen” lassen.

Das ist, wie so vieles auf Erden, nicht jedermanns Sache und so kommt es, daß fast jeder Lieutenant, der einst keinen sehnlicheren Wunsch hatte, als Lieutenant zu werden, nun, da er es ist, keinen sehnlicheren Wunsch hat, als es nicht mehr zu sein.

Bis aber der jüngste Lieutenant nicht mehr Lieutenant ist, muß er, wie ich eben mit vieler Mühe ausgerechnet habe — hoffentlich stimmt es — fünftausend vierhundert fünfundsiebzig Tage warten.

Und das ist, wie der Berliner sagt, „gerade wat Schönes”.


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