Das versiegelte Bild

Skizze von Freiherr v. Schlicht
in: „Volksblatt für Stadt und Land”, Unterhaltungs-Beilage, vom 2.1.1927


Der Gong hatte bereits zum zweitenmal zum Mittagessen gerufen. Trotzdem stieg Aenn, die letzthin neunzehn Jahre geworden war, nur langsam die Treppe zu dem im Erdgeschoß gelegenen Eßzimmer hinunter. Sie war wirklich nicht die Spur neugierig, den heute vormittags glücklicherweise nur für den noch kurzen Rest seiner landwirtschaftlichen Lehrzeit auf dem Gut ihres Vaters neu eingetroffenen Volontär Herrn von Felsen kennen zu lernen. Mit ihm würde es bestimmt auch nicht anders werden als mit seinen Vorgängern. Sicher würde auch er keine Gelegenheit vorübergehen lassen, um ihr etwas von ihrer schönen, schlanken Figur vorzuschwärmen, von ihren großen schwarzen Augen und von allem, was ihm sonst noch an ihr gefiel. Dann würde auch er es natürlich versuchen, einen Flirt mit ihr anzufangen. Aber die Lust dazu wollte sie ihm gleich von Anfang an nehmen, schon durch die Art, wie sie ihm bei der ersten Begegnung höflich und liebenswürdig, aber dennoch zurückhaltend und ablehnend gegenübertrat.

Das nahm sie sich jetzt noch einmal fest vor, bevor sie die Tür zum Speisezimmer öffnete, wo sie bereits erwartet wurde. Aber als die Mutter ihr nun den neuen Hausgenossen vorstellte und als der, groß und schlank, dabei doch kräftig gewachsen, ihr mit seinen sieben- oder achtundzwanzig Jahren, mit seinem hübschen, klugen, bartlosen Gesicht und den großen, braunen Augen gegenüberstand, mußte sie an sich halten, um nicht einen leisen Ruf des Schreckens und der Ueberraschung auszustoßen. Dieser Herr von Felsen war ja kein anderer als der, der — —

Dunkelrot stieg ihr plötzlich das Blut in die Wangen und sie war froh, als sie sich auf eine Bitte der Mutter hin noch einen Augenblick am Büfett zu schaffen machen konnte, bevor man Platz nahm. Und sie empfand es dann mehr als dankbar, daß sie sich an der Unterhaltung nicht zu beteiligen brauchte, die von dem Vater und dem neuen Volontär allein geführt wurde.;

Während der ganzen Zeit dachte sie beständig: Ist er es oder ist er es nicht? Das wollte, nein, das mußte sie wissen. Und deshalb fragte sie plötzlich, als in der bisher geführten Unterhaltung eine kleine Pause entstand, mit einer Stimme, die zu ihrem eigenen Erstaunen gleichgiltig und gelassen klang: „Sagen Sie, bitte, Herr von Felsen, ich denke schon lange darüber nach, sind wir uns in unserem Leben nicht schon einmal begegnet, und zwar vor einem reichlichen halben Jahr auf dem Verlobungsfest meiner Freundin Elly Rettberg?”;

„Zu dem Fest war ich allerdings auch geladen, gnädiges Fräulein,” stimmte er ihr bei. Bis er nun nach einer kurzen Pause, in der er sie forschend und prüfend anzusehen hatte, mit dem Ausdruck ehrlichsten Bedauerns fortfuhr: „Seien Sie mir, bitte, nicht böse, gnädiges Fräulein, daß ich mich bei der großen Zahl der damals Geladenen der von Ihnen erwähnten Begegnung nicht mehr entsinnen kann. Allerdings besitze ich ein beklagenswert schlechtes Physiognomien­gedächtnis und das wird mir hoffentlich auch Ihnen gegenüber als Entschuldigung dienen.”

War er es oder war er es nicht? Die Frage beschäftigte sie trotz der Antwort, die er ihr eben gegeben, bei Tisch fortwährend weiter und erst recht, nachdem sie sich wieder in ihr Zimmer begeben hatte. Da dachte sie an die kleine Szene, die schon so weit zurücklag und die sie dennoch nicht vergessen hatte und die sie eigentlich auch nicht vergessen wollte. In einer der vielen Tanzpausen hatte auf jenem Verlobungsfest an dem herrlichen Sommerabend die ganze Schar der jungen Mädchen und Herren in dem großen Park herumgetollt. Man hatte Greifen und Haschen gespielt und sie selbst war vor einer lustigen Schar, die Jagd auf sie machte, davongelaufen. Aber sie war flinker und geschmeidiger gewesen als ihre Verfolger und hatte in ihrem wilden Lauf auch nicht innegehalten, als die anderen die Verfolgung schon aufgegeben hatten. Da war sie plötzlich gegen einen Herrn gerannt, der unvermutet aus einem Nebenweg vor ihr auftauchte. Erschöpft hatte sie sich an ihn gelehnt und lachend und atemlos gebeten: „Halten Sie mich, ich kann nicht mehr, ich falle um.” Da hatte er sie gehalten und dann — ja, auch heute vermochte sie sich nicht zu erklären, wie es eigentlich gekommen war, jedenfalls hatte er sie plötzlich auf den Mund geküßt. Einen Augenblick hatte sie ihn fassungslos angesehen, dann war sie davongelaufen. Der Herr aber hatte gar nicht den Versuch gemacht, ihr zu folgen. Er stand, als sie sich noch einmal umsah, wie angewurzelt da und starrte ihr nach. Auch im weiteren Verlauf des Abends hatte er sich ihr nicht wieder genähert, nicht ein einziges Mal mit ihr getanzt, wohl weil er ihr gegenüber ein zu schlechtes Gewissen besaß.

Deutlich stand der Abend wieder vor ihr. Der ihr damals den Kuß gegeben, weilte nun als neuer Hausgenosse in ihrem elterlichen Hause. Immer vorausgesetzt natürlich, daß er es war; denn seinen Namen hatte sie damals, als er ihr mit vielen anderen gemeinsam vorgestellt wurde, nicht verstanden oder wenigstens nicht behalten. Hinterher hatte sie nicht gewagt, sich danach zu erkundigen, schon um keinen Argwohn zu wecken. Nun, die nächsten Tage oder Wochen würden ihr ja Gewißheit bringen. Aber ihre geheime Frage: Ist er es oder ist er es nicht? wurde durch keinerlei Andeutung von ihm beantwortet.

Dafür fand sie die Erklärung, als sie eines Tages während seiner Abwesenheit im Auftrage der Mutter mit dem Mädchen zusammen sein Zimmer betrat, um dort einen kleinenn Wunsch, den er für die Einrichtung geäußert hatte, zu erfüllen. Da entdeckte sie auf seinem Schreibtisch in einem einfachen Holzrahmen das Bild eines geradezu blendend schönen jungen Mädchens oder einer jungen Frau. Nun verstand sie ihn, verstand sie alles. Er liebte eine andere und darum konnte und durfte er sie natürlich nicht lieben, auch nie davon sprechen, daß er sie, wenn auch nur einmal und noch dazu im Scherz, geküßt habe. Heiß und jäh flammte die Eifersucht in ihr auf. Wer war diese andere? Sie mußte es wissen. Nachdem sie das Mädchen mit einem Auftrag fortgeschickt, versuchte sie, das Bild aus dem Rahemn zu nehmen, um eine Widmung zu entdecken. Doch die kleinen Klammern, die den Rahmen verschlossen, waren versiegelt. Es schien, als hätte der Besitzer des Bildes vorausgesehen, daß neugierige Hände sich eines Tages daran zu schaffen machen könnten. Da schämte sie sich, daß ihr das Blut in die Wangen schoß. Am Mittag bei Tisch wagte sie kaum, ihn anzusehen.

Es war das erstemal, daß sie sein Zimmer betreten hatte, es sollte auch für immer das letztemal gewesen sein. Aber etwa vierzehn Tage später war wieder ein kleiner Wunsch geäußert worden, dessen Ausführung die Mutter dem Mädchen nicht allein überlassen wollte. So stand sie abermals vor dem Bild und noch viel stärker als bei dem ersten Mal trat die Versuchung an sie heran, es aus dem Rahmen zu lösen. Doch wie sollte sie, ohne daß er es später bemerkte, den Siegellack von dem Verschluß entfernen? Sie sah genauer hin und stellte jetzt zu ihrer größten Ueberraschung fest, daß der aus irgend einem Grunde bereits entfernt war. Die nächsten Minuten würden ihr also Gewißheit bringen. Aengstlich zögernd sah sie sich nach dem Mädchen um. Kaum hatte sie dieses mit einem Auftrag wieder fortgeschickt, da hielt sie auch schon das Bild in Händen, auf dessen ganzer Rückseite mit kleinen Stiften ein Briefbogen befestigt war. Und nun las sie:

„Liebe kleine Ann! Ich habe die Siegel, die ich bisher Deinetwegen gemacht, heute Deinetwegen absichtlich wieder entfernt. Ich hoffe, daß nicht nur Deine Neugierde, sondern namentlich Deine Eifersucht Dich verleiten wird, das Bild, das die Frau meines besten Freundes zeigt und das ich nur Deinetwegen auf den Schreibtisch stellte, aus dem Rahmen herauszunehmen. Es ist kein Zufall, daß Deine liebe Mutter Dich heute zum zweitenmal in mein Zimmer schickte; sie weiß, kleine Aenn, daß ich Dich von dem Augenblick an liebe, da ich mich damals auf dem Verlobungsfest hinreißen ließ, Dich zu küssen. Alles weitere erzähle ich Dir mündlich, vorausgesetzt, daß Du es von mir hören willst.”

Eine kleine Weile saß sie voll freudigster Erregung starr da; dann aber sprang sie mit dem Brief in der Hand auf, um ihn, den sie schon so lange liebte, zu suchen. Doch im letzten Augenblick besann sie sich eines anderen. Sie wollte das Bild samt den an sie gerichteten Zeilen wieder in den Rahmen stellen; denn sie war es sich selbst schuldig, ihm zu beweisen, daß sie nicht die Spur neugierig und erst recht nicht die leiseste Spur eifersüchtig gewesen sei. Aber sie kam nicht dazu, ihm diesen Beweis zu erbringen, denn plötzlich fühlte sie sich, ohne daß sie sein leises Kommen gehört hätte, von ihm umfaßt und gleich darauf geküßt.

Und ehe sie ihm erzürnt hätte zurufen können: „Sie haben ja wieder nicht gefragt, ob Sie auch dürfen” — da hatte sie ihn dieses Mal schon wiedergeküßt.


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© Karlheinz Everts