Der Brustton.

Militärische Humoreske von Freiherr von Schlicht.
in: „Kaisermanöver”


Unter präsentiertem Gewehr, während die Regimentsmusik den Präsentiermarsch spielte, war dem neuernannten Herrn Oberst soeben das Regiment von dem ältesten Stabsoffizier feierlich übergeben worden, dann hatte der Herr Oberst seinen Degen gezogen, um es der Welt, soweit diese auf dem Kasernenhof versammelt war, zuzurufen: „Das Regiment hört von jetzt ab auf mein Kommando.”

Der einzige, der von der Größe des Augenblickes wirklich durchdrungen war, war der Herr Oberst. Die anderen dachten lediglich: Na wenn schon! Und ferner dachten sie, soweit sie Offiziere waren, daß es nun die höchste Zeit sei, in das Kasino zu gehen, um sich davon zu erholen, daß man eine halbe Stunde und länger auf dem Kasernenhof hatte herumstehen müssen, nur um aus dem Mund des Vorgesetzten zu hören: „Das Regiment hört von jetzt ab auf mein Kommando.”

Na wenn schon! Und vor allen Dingen wie lange? Schon mancher Oberst hatte da vor ihnen gestanden, groß und gewichtig, als gäbe es keinen zweiten wie ihn, und sie waren doch alle in die Wurstmaschine gekommen. Der eine als General, der andere als Exzellenz, aber den militärischen Tod hatten sie alle erlitten. Wann würde der neue Oberst das militärische Zeitliche segnen? Das blieb abzuwarten, vorläufig war es wichtiger, darüber nachzudenken, was man frühstücken solle. Hoffentlich ließ der Herr Oberst nun gleich forttreten.

Aber der war darüber anderer Ansicht, wenigstens soweit es seine Offiziere betraf. Die Mannschaften wurden fortgeschickt, aber seine Offiziere versammelte er um sich und alle wußten: der neue Oberst wollte ihnen eine Rede halten.

„Wozu und warum?” dachte ein jeder, „es hört ja doch keiner zu.” Du großer Gott, wieviel Kommandeure hatten im Laufe der Jahre nicht schon zu ihnen gesprochen! Wenn sie sich alle die Worte hätten merken sollen, was wäre dann wohl aus ihnen geworden? Das beste war schon, man hörte gar nicht hin.

Und diesem Grundsatz getreu hörte auch wirklich kein Mensch zu. Der älteste Stabsoffizier dachte bei den Worten des Herrn Oberst darüber nach, was es heute mittag wohl zu Hause zu essen gäbe, die drei Bataillons­kommandeure überlegten, wann sie sich einmal wieder zu einem Dauerskat verabreden könnten, und die Herren Leutnants dachten an ihre Mädels, an ihre Hunde und an ihre Schulden. Bis ihnen allen dann doch plötzlich ein Wort an das Ohr klang, das sie aufhorchen ließ und dieses Wort hieß „Vaterland.” Das Wort war nicht neu, sie hatten es schon tausendmal gehört, wußten auch ganz genau, was es bedeutete, und sie selbst hatten ihren Kerls in der Instruktionsstunde schon tausendmal erklärt, es gäbe für einen Soldaten nichts Schöneres, als für das Vaterland zu sterben, das sei noch viel schöner, als sich mittags an Speck und dicken Erbsen satt zu essen.

Nicht, was der Herr Oberst sagte, war ihnen neu, sondern wie er es sagte. Ihre Aufmerksamkeit war geweckt; wenn auch widerwillig hörten sie weiter zu und als der Oberst dann endlich nach glücklich beendeter Rede von dannen ging, stand das ganze Offiziers­korps da und sah sich mit verdutzten Gesichtern an. So hatte noch nie einer zu ihnen gesprochen, man mußte sich eingestehen, dieser Oberst war denn doch anders, als seine Vorgänger. Bis dann plötzlich in die allgemeine Stille hinein die Worte eines Leutnants erklangen: „Es ist ja alles Quatsch, was der Oberst da redete, genau derselbe Kohl, den seine Vorgänger hier auf dem Kasernenhof auch schon bauten und wenn der Kohl heute anders schmeckte als sonst, warum? Nur weil der Oberst ihn uns mit dem Brustton der Überzeugung servierte. Der machts mit dem Brustton, das ist das ganze.”

Eigentlich waren die Worte nur für den Nebenmann des Leutnants bestimmt, aber er sprach so laut, daß es alle hören mußten. Gewiß, diese Äußerung war eine unglaubliche Frechheit, denn wenn es auch das Recht eines jeden guten Soldaten ist, über die Vorgesetzten zu denken, was er will, so darf er diese seine Gedanken doch nicht verraten. So öffnete der älteste Stabsoffizier denn auch sofort seinen Mund, um den Leutnant ganz gehörig anzublasen, aber gleich darauf klappte er den Mund wieder zu. Das klügste war es schon, so zu tun, als hätte er gar nichts gehört. Vor allen Dingen aber schenkte der Etatsmäßige dem Leutnant den Anschnauzer, weil dessen Äußerung ihm den Frieden seiner Seele wiedergegeben hatte. Für einen Augenblick hatte auch er sich imponieren lassen und in dem Kommandeur wirklich ein höheres Wesen gesehen. Nun hatte er die Gewißheit, daß der neue Oberst auch nichts anderes war, als die anderen, der machte es nur mit dem Brustton, das war das ganze.

Aber gleichviel, der Brustton hatte gewirkt und um nun auch ihrerseits wieder auf ihre Untergebenen zu wirken, wurde der Brustton im Regiment Mode. Bei den Stabsoffizieren fing sie an und sie pflanzte sich fort bis herab zu dem jüngsten Leutnant. Natürlich wurde dieser Brustton den Leutnants nicht leicht und um den schneller zu lernen, übten sie ihn sogar im Kasino. Früher rief man ganz einfach: „Ordonnanz, 'ne Flasche Bier.” Jetzt sagte man dasselbe, aber man sagte es anders, man sprach beinahe wie ein Geistlicher auf der Kanzel. Es war einfach ekelhaft, das sahen die Leutnants selbst ein, aber was sollten sie machen? Immer von neuem wurden sie von den Vorgesetzten auf dem Kasernenhof ermahnt: „Mehr Brustton, Herr Leutnant. Sie wissen doch, daß der Oberst in dieser Hinsicht das glänzendste Beispiel gibt und dem Herrn Oberst nachzueifern, ist die Pflicht eines jeden Soldaten, natürlich nach Maßgabe der geistigen Fähigkeiten, die er mit auf die Welt bekommen hat.”

Und je weniger Brustton die Vorgesetzten selber hatten, desto mehr verlangten sie ihn von ihren Untergebenen. Auf Befehl seines Hauptmanns sollte sich sogar der kleine Fähnrich den Brustton angewöhnen. Der Fahnenjunker war ein lieber, kleiner Kerl von siebzehn Jahren mit einem hübschen frischen, gänzlich bartlosen Gesicht, dem die Unkenntnis aller militärischen Dinge aus seinen hellblauen Augen sprach. Aber der Fähnrich sollte mit aller Gewalt in kürzester Zeit all das lernen, was er noch nicht wußte und vor allen Dingen sollte er es lernen, endlich den Mannschaften zu imponieren. Die dachten nicht daran, sich über den Fahnenjunker lustig zu machen, dazu war er ein viel zu lieber, netter Kerl und die Mannschaften sahen es ja selbst am besten, wieviel Mühe er sich gab. Sie machten sich auch im stillen nicht über ihn lustig, aber daß der Fahnenjunker, der an Jahren jünger und an Wuchs kleiner war, ihnen trotzdem nicht sonderlich imponierte, war eine Tatsache, die nicht auf irgendwelcher bösartigen Gesinung, sondern lediglich auf den Verhältnissen selbst beruhte.

Er imponierte den großen, strammen Kerls nicht, aber er sollte ihnen laut Kompagnie­befehl imponieren, und dazu gab es nach der gewissenhaften Überzeugung des Herrn Hauptmanns nur eins: den Brustton. Den mußte er lernen und so war denn zu heute Nachmittag Exerzieren angesetzt worden. Vierzig Mann hatte der Fähnrich unter seinem Kommando und als Lehrer und Instruktor war ihm der Feldwebel zugeteilt worden, den der Hauptmann vorher in das Gebet genommen hatte: „Daß Sie mir heute Nachmittag dem jungen Fähnrich den Brustton beibringen, Feldwebel. Ich selbst bin leider verhindert, da müssen Sie schon meine Stelle vertreten. Ich verlasse mich da ganz auf Sie und ich hoffe, daß Sie energisch sein werden, damit der Fähnrich endlich begreift, was der Brustton ist.”

Was der war, wußte der Feldwebel eigentlich selbst nicht so recht, aber das schadete nichts, er würde ihn trotzdem schon dem Fähnrich beibringen, wie er den Leuten seiner Kompagnie schon so manches andere beigebracht hatte, was er wenigstens jetzt mit seinem runden Bäuchlein auch nicht mehr verstand: den Riesenschwung, die Bauchwelle und manches andere. Der Hauptmann konnte sich ganz auf ihn verlassen und so stand er denn jetzt auf dem Kasernenhof neben dem Fahnenjunker.

Zu zwei Gliedern der Größe nach waren die vierzig Leute aufgebaut und mit seiner hellen Knabenstimme kommandierte der Fähnrich die Griffe und Wendungen.

Eigentlich hatte der Feldwebel an diesen Kommandos gar nichts auszusetzen. Die waren kurz und knapp und die Griffe klappten tadellos, denn schon, um dem Fähnrich keine Unannehmlichkeiten zu bereiten, gaben sich die Leute alle Mühe, denn sie kannten ihren Feldwebel. Wenn der erst mal die Kiste aufmachte, in der er seine Donnerwetter aufbewahrte, dann brauchte der Himmel dazu nur blitzen zu lassen und das schönste Gewitter war fertig. Der Feldwebel war wirklich mit den Kommandos ganz zufrieden, aber trotzdem — ob auch bei diesen Kommandos mehr Brustton angebracht wäre? Er selbst hatte vergessen, den Herrn Hauptmann danach zu fragen und allein konnte er das nicht entscheiden, das ging über seine Wissenschaft.

Jetzt hatten die Leute Gewehr abgenommen und rührten sich, sie standen bequem, um sich auszuruhen und um frische Kräfte für neue Heldentaten zu sammeln. Da bemerkte der Feldwebel plötzlich, wie zwei Leute sich leise miteinander unterhielten und wie der eine dem anderen heimlich ein Stück Kautabak zusteckte, das der andere, der sich unbeobachtet glaubte, in den Mund nahm. Für einen Augenblick war der Feldwebel in Versuchung, die beiden Sünder, wenn auch nur in Gedanken, zu ermorden, dann aber beherrschte er sich. Nicht er leitete den Dienst, sondern der Fahnenjunker, und lediglich dessen Sache war es, den Leute gehörig die Meinung zu sagen. So nahm er sich denn jetzt den beiseite und als er erfahren hatte, daß auch der Fahnenjunker die Szene bemerkte, sagte er: „So, Fähnrich, nun blasen Sie die beiden Kerls mal an, aber feste und vor allen Dingen mit Brustton. Die Leute müssen aus Ihren Worten heraushören, daß Sie selbst empört sind. Nicht nur aus dem Mund und aus der Kehle, sondern aus tiefster Brust müssen Ihnen die Worte kommen, nun mal los, Fähnrich, nun zeigen Sie mal, daß Sie Brustton haben.”

„Stillgestanden,” erklang es gleich darauf und dann sagte der Fahnenjunker: „Leute, ich habe ein sehr ernstes Wort mit Euch zu reden.”

„Gut,” lobte der Feldwebel halblaut, „nur so weiter.”

„Ich habe vorhin bemerkt, Leute,” fuhr der Fahnenjunker fort, „wie sich zwei von Euch unterhielten und wie der eine dem anderen heimlich Kautabak zuschob. Sie alle wissen, daß das Tabakkauen während des Dienstes verboten ist. Was ich also da vorhin sah, ist durchaus ungehörig, ich muß das auf das strengste tadeln und ich erwarte von Ihrem Ehr- und Pflichtgefühl, daß so etwas nicht wieder vorkommt.”

„Das ist gar nichts, Fähnrich,” rief der Feldwebel, der hinter dem Fahnenjunker stand, diesem halblaut zu, „das ist gar nichts, so spricht ein Religionslehrer in der höheren Töchterschule zu den jungen Mädchen, aber so spricht kein Königlich Preußischer Fahnenjunker zu seinen Musketieren. Das war gar nichts, dasselbe noch mal, aber stramm, energisch und vor allen Dingen mit Brustton, viel mehr Brustton.”

Aber den hatte der Fahnenjunker nicht. Der hatte auch die Überzeugung, vollständig genug an das Ehr- und Pflichtgefühl der Leute appeliert zu haben. Wenn das noch nicht genügte, dann wußte er nicht, was er noch sagen solle. Aber eingedenk der Ermahnung des Feldwebels fing er doch noch einmal wieder von vorne an: „Ich kann es Ihnen nur nochmals sagen, ich bin über Sie empört, in tiefster Seele empört, ich muß offen gestehen, ich hätte es nie erwartet, daß wohlerzogene Soldaten, wie Sie es alle doch sein wollen — — — — —”

„Das nennen Sie Brustton, Fähnrich?” erklang da ganz laut die Stimme des Feldwebels, „Sie reden zu den Kerls wie ein Lehrer zu seinen Schülern in dem Jünglingsverein.” Und zu den Leuten gewandt, setzte er hinzu: „Nun will ich Euch mal was sagen. Himmelhunde seid Ihr, dreimal verflixte und verteufelte Himmelhunde, die nicht wert sind, auf Staatskosten ernährt zu werden. Der Satan soll Euch in die Knochen fahren, wenn Ihr es noch einmal wagt, Euch gegenseitig Kautabak zuzustecken. Dann soll Euch das Donnerwetter in die Glieder jagen, daß Ihr nicht mehr wißt, was rechts und links ist, und daß Ihr den Kirchturm für ein leeres Bierseidel anseht. Ihr Kerls seid es nicht wert, daß die Sonne Euch bescheint. In den Arrest gehört Ihr Alle, wie Ihr da vor mir steht, selbst das trockne Brot und das Wasser müßte man Euch entziehen und nach­exerzieren müßtet Ihr, daß Euch der Schweiß eimerweise den Buckel entlang läuft. Und das sage ich Euch, kommt das noch einmal vor, dann bitte ich den Herrn Hauptmann um Erlaubnis, Euch drei Stunden lang nach­exerzieren lassen zu dürfen, feldmarschmäßig, den vollen Sandsack im Tornister und wer dann von Euch bummelt, mit dem fahre ich ab, daß ihm Hören und Sehen vergeht und daß er sich wünscht, er wäre nie auf die Welt gekommen, das merkt Euch.”

Mit Donnerstimme, mit zornfunkelnden Augen hatte der Feldwebel zu seinen Leuten gesprochen. Er war ja schon so oft in seinem militärischen Leben heftig und zornig gewesen, aber so wie jetzt denn doch noch nicht. Schon, um dem Fahnenjunker zu beweisen, wie man in solchem Falle zu den Leuten zu sprechen habe, donnerte er immer weiter darauf los, bis er dann doch endlich schwieg, weil er sich überschrieen hatte und weil ihm nicht nur der Hals, sondern auch der Brustkasten weh tat. Aber das schadete nichts, im Gegenteil, das war sogar sehr gut, denn nun war ihm plötzlich ein Licht aufgegangen und voller Verachtung auf die Leute hinweisend, die beinahe mit schlotternden Knieen dastanden, rief er, die linke Hand auf die schmerzende Brust pressend, dem Fahnenjunker voller Stolz zu: „So, Fähnrich, nun werden Sie hoffentlich wissen, was der Brustton ist.”

Als aber der Fähnrich, wenn auch sehr gegen seine Überzeugung an einem der nächsten Tage in Gegenwart seines Hauptmanns mit dem vom Feldwebel mühsam erlernten Brustton seine Leute anschnauzte, daß diesen Hören und Sehen verging, bekam er selbst von seinem Hauptmann einen hereingewürgt, daß ihm die Augen überquollen.

Da wurde es dem Fähnrich ganz klar, was er sich schon selbst gesagt hatte, daß dieser Brustton auch nicht der rechte war. So bemühte er sich denn, den richtigen zu erlernen, aber vergebens, und das schadete auch nicht allzuviel, denn noch ehe ein Jahr verstrichen war, war der Herr Oberst zur Schlackwurst verarbeitet. Mit dem Brustton, mit dem er einmal erklärt hatte, er werde es wenigstens bis zur Exzellenz bringen, hatte er sich sein eigenes Grab gegraben, denn die hohen Vorgesetzten lieben es nicht, wenn die Untergebenen sich einbilden, zum mindesten ebenso klug zu sein, wie es die Vorgesetzten sehr häufig — — — — — — selbst nicht sind. — — — — —


zurück zur

Schlicht-Seite