Manöverbriefe.

Von Freiherrn v. Schlicht.
I.
in: „Das Kleine Journal” Nr. 226 vom 17.Aug. 1896,
II.
in: „Das Kleine Journal” Nr. 233 vom 24.Aug. 1896,
III.
in: „Das Kleine Journal” Nr. 254 vom 14.Sep. 1896 und
I. und II. und III.
in: „Aus der Schule geplaudert”


I.

Lieber Freund!

Infandum regina jubes renovare dolorem — Infamer, laß das Bitten sein, es kostet mich nur Tinte — hätte ich Dir zugerufen, wenn ich früher von Deiner meuchelmörderischen Absicht, mich um Manöverbriefe zu ersuchen, Kenntniß gehabt hätte. Du schreibst mir, ich sollte meine freie Zeit benutzen, um Dir etwas über ein Manöver zu erzählen, denn da Du nie Soldat gewesen, hättest Du keine Ahnung, worum es sich dabei handle und von dem, was da los sei, hättest Du keine Idee.

Liebster, tröste Dich und beruhige Dein Gemüth in dem Bewußtsein, viele Leidensgefährten zu haben — auch unter denen, die das Manöver als homines militares mitmachen, giebt es eine stattliche Anzahl von solchen, die wie Du keine Ahnung haben, worum es sich dabei handelt und von dem, was da los ist, keine Idee besitzen.

Laß mich, wenn denn doch einmal geschrieben sein soll, an das Wort „Idee” anknüpfen.

Einer jeden militärischen Uebung liegt eine Idee zu Grunde, es wird angenommen, daß der böse Feind sich da und da in der und der Stärke gezeigt hat und daß wir, die wir von hier und da kommen, den Auftrag haben, den Gegner da und da anzugreifen. Je nach der Idee ist natürlich der Verlauf der Uebung jedesmal verschieden — bei den Uebungen in der Garnison, in dem sich stets gleichbleibenden Gelände wiederholt sich natürlich auch die Idee, und selbst wenn man in dieser Hinsicht die Fruchtbarkeit eines Kaninchens besäße, wäre es schwer, immer etwas Neues zu erfinden.

Und doch giebt es Vorgesetzte, die das verlangen. In einer Garnison war einmal ein Major, der von seinen Hauptleuten verlangte, daß sie selbst dann, wenn sie zum Exerzierplatz marschirten, ihrem Marsch eine Idee zu Grunde legen sollten. Diese konnte aber nur darin bestehen, daß sie annahmen, sie wären entweder Avantgarde, Arrieregarde oder Seitendeckung eines hinter oder neben ihr marschirenden Gros, das sie vor plötzlichen Angriffen sichern sollten. (Für Dich als Laien sei in Parenthese gesagt, daß ein Gros geschlossen marschirt, während die Avantgarde, Arrieregarde oder Seitendeckung sich in mehreren(1) kleinen Abtheilungen auflöst.)

Acht Tage lang machten die Häuptlinge die Sache nach Wunsch ihres Vorgesetzten, da aber sah der Herr Major eines Morgens eine Kompagnie, die geschlossen, ohne irgend welche Sicherug, nach dem Exerzierplatz hinausbummelte.

„Aber, Herr Hauptmann, aber, Herr Hauptmann,” rief der Major, verzweifelt die Hände um den Hals seines Pferdes, das einen großen Satz machte, zusammenschlagend, „Herr Hauptmann, ich hatte Sie doch gebeten, jedem Marsch eine Idee zu Grunde zu legen.”

„Zu Befehl, Herr Major — ich habe auch eine Idee angenommen.”

„Und die ist, wenn ich fragen darf?”

„Daß ich in der Mitte des Gros marschiere.”

Da wandte der Herr Major sein Pferd und ritt von dannen.

Bei größeren Uebungen, wie stets im Manöver, giebt es sogar zwei Ideen, eine General- und eine Spezialidee; die erstere giebt in kurzen Worten die allgemeine Kriegslage an, während die zweite die den einzelnen Detachementsführern zufallende Aufgabe in großen Zügen enthält. Von den vielen Möglichkeiten, die ihnen gegeben sind, die richtige herauszufinden — das ist die Kunst, um die sich Alles dreht.

Man unterscheidet Brigade-, Divisions- und Korpsmanöver. Bei den ersteren geht es noch ganz gemüthlich zu, weil da nur ein Regiment gegen das andere kämpft, ungemüthlicher wird es schon, wenn eine Brigade gegen die andere losgelassen wird, und das Grausigste ist, wenn eine Division gegen die andere unter den Augen des Korpskommandeurs „ficht”. Man sagt „ficht”, nicht fechtet — das Warum ist mir ebenso schleierhaft wie den Führern im Manöver zuweilen die Lösung ihrer Aufgabe.

Der böse Feind ist im Anmarsch, sogar auf zwei Straßen, die weit vorausgeschickte Kavallerie hat diese Meldung überbracht.

„Der Leitende hört dies mit Grausen,
So darf er hier nicht länger hausen”,

wenigstens darf er nicht mehr unthätig bleiben.

Verzweifelt wendet er sich an seinen Adjutanten: „Haben Sie es gehört? Der Gegner marschiert in zwei Kolonnen, das ist ja eine ganz verteufelte Situation, in die ich da gebracht werde” — käme der Feind nur auf einem Wege anmarschiert, so wäre diese Situation natürlich auch verteufelt — „was machen wir da nur?”

Der Adjutant schüttelt bedenklich sein Haupt: „Vielleicht warten der Herr General noch erst nähere Meldungen ab, auf welcher Straße die Hauptmacht des Feindes heranrückt.”

„Gewiß, ja, selbstverständlich, ich habe der Kavallerie schon einen diesbezüglichen Befehl geschickt, aber vielleicht schicken Sie noch eine Patrouille an die Kavallerie ab, mir unverzüglich Meldung über die Stärke des Gegners zu schicken.”

Dies geschieht und der Herr General überlegt sich nun nach allen Windrichtungen, wo die größere Abtheilung im Anmarsch ist. Endlich kommt er zu der Ueberzeugung, daß er, wenn er sich an der Stelle des Gegners befände, auf dieser Straße mit der Hauptmacht, auf jener mit schwächeren Abtheilungen anrücken würde.

Da kommt eine Patrouille im carrière zurück und meldet, daß der Gegner gerade das Gegentheil von dem macht, was der Herr General sich ausgedacht und für allein richtig befunden hat.

„Das ist mir geradezu unverständlich,” spricht er zu seinem Adjutanten, „nun, wir werden ja im Laufe des Gefechtes sehen, wer recht hat, nun aber gilt es zu handeln.”

Quidquid agis, prudenter agas et respice finem — was Du auch immer thust, handele weise und bedenke das Ende — lehrt schon ein altes Wort. Weise Rathschläge aber muß man befolgen und so überlegt sich denn auch der Herr General die Sache, ehe er handelt und er bedenkt das Ende.

Er überlegt gründlich: wenn ich nun dies mache, macht der Gegner das, vielleicht aber auch das, und dann thue ich dies, und wenn der Feind die Sache ebenso auffaßt wie ich, dann thut er das, wenn er aber anderer Ansicht ist, thut er dies, und darum wäre es vielleicht besser, ich machte die Sache nicht so, sondern so, dann machte der da drüben sie aber auch so — allerdings könnte er es auch so machen, dann allerdings dürfte auch ich nicht so, sondern nur so machen, denn wenn der Gegner so macht und nicht so, dann macht er so, folglich mache ich entweder so oder so, entweder dies oder das.

Der Herr General ist ein leidenschaftlicher Skatspieler und als solcher kennt er die beim Tourniren übliche Regel: „In zweifelhaften Fällen muß man immer den anderen nehmen.” Er will diese Weisheit auch auf den vorliegenden Fall anwenden, aber dieses Mal ist es noch schwerer als sonst, denn er kann sich immer noch nicht darüber einig werden, welches der eine Ausweg, welches der andere ist.

Inzwischen marschirt das dem Herr General unterstellte Detachement immer weiter, dem anrückenden Feind entgegen.

„Quousque tandem Catilina abutere patientia nostra — wie lange, o Catilina, willst Du unsere Geduld noch auf die Probe stallen?”, stöhnt ein wohlbeleibter Infanterie-Offizier, dem das Laufen „höllisch sauer” wird und der trotz der schlechten Zeiten etwas darum geben würde, wenn er sich nun endlich einmal für eine Viertelstunde auf die Erde legen und mit den Beinen in der Luft strampeln könnte und zu seinem Nachbarn gewandt, spricht er: „Haben Sie eine Ahnung, was eigentlich los ist?”

„Keine,” erwidert dieser, einen tiefen Zug aus der mit aqua vitae, zu Deutsch mit Cognac, gefüllten Lederflasche thuend, dann aber, sich den mächtigen Schnauzbart, der in der Garnison das Entzücken so vieler Damen bildet, streichend, fährt er fort:

„Ich kümmere mich prinzipiell nicht um Dinge, die mich nichts angehen, und ich gebe Ihnen den guten Rath: gehen Sie hin und handeln desgleichen. Sehen Sie, ob der Feind aus Norden, Osten, Süden oder Westen oder aus den zwischen diesen liegenden Himmelsrichtungen kommt, ist doh für uns „Offizierssoldaten” Jacke wie Hose. In der Garnison bin ich Offizier und thue den mir anvertrauten Dienst nach bester Ueberzeugung, unter Aufbietung meines ganzen Könnens. Aber hier im Manöver, Liebster, bin ich nicht Offizier, sondern Offiziersoldat, da gehe ich dahin, wohin ich geschickt werde, ebenso wie der Musketier, ohne nach dem Wieso, Warum, Weshalb zu fragen. Mag es falsch sein oder richtig, was kümmert es mich, nicht ich bin der verantwortliche Redakteur, welch schönes Wort neuesten Datums entsetzlicher Weise ja von den ganz klugen Leute mit einem „ö” geschrieben wird, sondern diejenigen, die mich dahin schicken, wo ich schließlich mit dem letzten Aufgebot meiner Lunge „Hurrah” rufe — denn darüber müssen wir Lieutenants uns doch klar sein: für uns ist doch jedes Gefecht ganz gleich, einerlei ob es sich hier oder in den Urwäldern von Amerika abspielt, wir lassen feuern und rufen „Hurrah”, unbekümmert um das, was sonst auf dem Schlachtfelde vor sich geht.”

„Sie sind heute etwas pessimistisch angehaucht,” tröstet der Andere, „ich weiß nicht. ob die gestrige Abendsitzung daran Schuld ist oder ob sonst irgend ein Leid Ihr Herz bedrückt. Im Uebrigen kennen Sie ja das schöne Wort: ‚Getheilter Schmerz ist keine doppelte Freude und getheilte Freude ist kein halber Schmerz’. Nun aber glaube ich, stehen wir am Vorabend großer Ereignisse, ein geheimnißvolles Rauschen und Flüstern geht durch die Luft.”

Inzwischen ist das Detachement am Scheidewege angekommen und wie ein moderner Herakles hält der Herr General dort auf seinem Pferde: „Geh' ich zur Rechten, dann gehe ich nicht zur Linken und gehe ich zur Linken, dann gehe ich nicht zur Rechten.”

Da giebt der Himmel ihm einen klugen Gedanken ein. Der Leitende schließt die Augen und drückt dem Pferde die Sporen in die Seite: „Wo Du hingehst, da will auch ich hingehen,” spricht er, und da der Gaul mit einem großen Satz nach rechts springt, ist es ein Zeichen höherer Mächte: „Der Feind soll von der rechten Straße aus angegriffen werden.”

Und nun, wo diese Frage gelöst ist, ergiebt sich das Weitere von selbst. Der Herr General ruft die Führer an die Tête der Marschkolonne und giebt seinen Befehl: kurz, klar und bündig.

Auf der anderen côté rückt der Feind heran. Der Herr General, der dort kommandirt, verfügt über eine starke Kavallerie, ungezählte Patrouillen reiten durch das Vorgelände. „Alles, Alles, was da drüben vorgeht, will ich wissen, nichts ist so unbedeutend, daß es nicht für den Verlauf des Gefechtes von den weittragendsten Folgen sein könnte. Ein nachlässig zur Erde geworfenes Zündholz hat schon Häuser und Dörfer in Flammen aufgehen lassen.”

So hat der Her General gesprochen und infolge dessen melden die Patrouillen Alles, Alles — es ist beinahe, als wenn über den feindlichen General wie über einen kranken Fürsten viertelstündlich Bulletins ausgegeben würden.

„Meldung von Patrouille Nr. 3. Der Herr General hat sich soeben eine neue Cigarre angezündet,” kommt athemlos auf schweißbedecktem Gaul ein Ulan angesprengt.

Fünf Tage Arrest,” bemerkt(2) der General. „Kerl, haben Sie über Nacht einen Sonnenstich bekommen, daß Sie mir solchen Blödsinn erzählen?” Dann aber denkt er daran, daß er vorhin von einem fortgeworfenen Streichholz erzählt hat und er fügt milder hinzu: „Ich will mich bei Ihrem Rittmeister nach Ihnen erkundigen und wenn Sie wirklich so dumm sind, wie es den Anschein hat, dann will ich für diesmal noch Gnade für Recht ergehen lassen.”

Alle möglichen Meldungen gehen ein, nur nicht diejenige, die der Herr General am meisten ersehnt: daß der Gegner nämlich nicht nach rechts, sondern nach links abgebogen ist.

„Ich weiß wirklich nicht,” spricht er zu seinem Adjutanten, „was den Herrn Führer da drüben zu disem höchst sonderbaren Schritt veranlaßt hat — er bringt mich dadurch in eine hm — hm — höchst unangenehme Situation. Ich hatte ganz anders disponirt — das ist mir wirklich sehr fatal.”

„Das geschieht Dir ganz recht, mein Junge,” denkt der Adjutant, der sich mit seinem Bortherrn wie Katze und Hund steht, „das geht oft so im Leben, erstens kommt es anders, zweitens als man denkt, nun zeig mal, was Du kannst.”

Laut aber antwortet er auf die Bemerkung seines Vorgesetzten: „Zu Befehl, Herr General” — der kann sich bei diesen Worten denken, was er will.

Der Herr General neigt sein Haupt, nicht um zu verscheiden, sondern um nachzudenken: es ist so schwer, einen Gedanken, den man einmal gefaßt hat, aufzugeben, und deshalb kommt der Herr General immer wieder darauf zurück: „Wäre es nicht vielleicht doch noch möglich, es so zu machen, wie ich es mir ursprünglich gedacht hatte?” Ja oder nein, das ist hier die Frage.

Kanonendonner reißt ihn jäh aus seinen Grübeleien.

„Wir werden beschossen, Herr General,” meldet sein Adjutant.

Athemlos kommt ein Ordonnazoffizier angesprengt: „Herr General, wir werden beschossen.”

Ein Ulan kommt im Galopp, springt der Vorschrift gemäß vom Pferd, stürzt hin, aber noch im Fallen sprechen seine bleichen Lippen: „Herr General, wir werden beschossen.”

Sein Pferd mit Sporen und Peitsche zur wahnwitzigsten Pace antreibend, erscheint der Kommandeur der Artillerie, er will sein Pferd pariren, aber der Schinder geht mit ihm durch. Wie ein geölter Blitz saust er vorbei, aber er meldet: „Herr General, wir werden beschossen.”

Von allen Seiten, wie Pilze aus der Erde herauswachsend, erscheinen die berittenen Offiziere: „Herr General, wir werden beschossen.”

„Glauben Sie denn, daß ich taub bin, meine Herren?” fährt nun aber der Schlachtenlenker in die Höhe. „Natürlich werden wir beschossen — glauben Sie etwa, meine Herren, daß wir im Kriege nicht beschossen werden?”

Gegen die unumstößliche Wahrheit des letzten Satzes wagt Niemand einen Widerspruch zu erheben und so nimmt denn der Herr General, nachdem er sich davon überzeugt hat, daß alle Führer zur Stelle sind, von Neuem das Wort:

„Meine Herren, ich bin absichtlich so lange geschlossen marschirt, um dadurch den Feind frühzeitig zur Entwicklung seiner Kräfte zu zwingen.”

Der Herr General macht eine kleine Pause: Der eine Oberst, der sich bei dem Vorgesetzten mächtig „schustert”, weil er dicht vor der Beförderung steht, spricht zu seinem Nebenmann gewandt ein „Sehr richtig.” — er sagt es halblaut, Niemand soll es hören und doch hören sie es Alle.

Im Stillen denkt der Herr Oberst natürlich ebenso wie die übrigen Offiziere: „Wenn's nur wahr ist, was Du uns da erzählst.”

„Nun aber, meine Herren werde ich den Feind angreifen.”

„Zeit wird's auch nachgerade,” flüstert Einer dem Anderen zu.

„Und zwar gebe ich für den Angriff folgenden Befehl:

Die Artillerie fährt sofort auf dieser Höhe hier halbrechts auf und versucht die feindlichen Batterien zum Schweigen zu bringen — Sie wissen doch, welche Höhe ich meine, Herr Oberst?”

Aber es erfolgt keine Antwort.

„Wo ist denn der Herr Oberst?” frug der Herr General dann verwundert.

„Ja, wo ist denn nur der Herr Oberst?” Alle blicken sich suchend und forschend um; Niemand aber vermag Antwort zu geben und der Einzige, der weiß, wo er sich aufhält, wird es, so lange er lebt, nicht erzählen, daß sein S chinder ihn zur Strecke geliefert hat, und daß er sich seit zehn Minuten vergebens bemüht, den Rücken seines Streitrosses wieder zu besteigen. Mit Hilfe seines Burschen ist es ihm eine Kleinigkeit, in den Sattel zu kommen, aber so ist die Sache nicht so einfach und verzweifelt blickt er sich um, ob zwischen den zahllosen Schafen, die dicht bei ihm weiden, nicht auch ein zweibeiniges ist.

„Nun, Herr Hauptmann, dann übernehmen Sie also das Kommando über die Artillerie — Sie sind ja wohl der Aelteste?”

„Zu Befehl, Herr General.”

„Ueber die Infanterie disponire ich folgendermaßen: Das Regiment X beschäftigt den Gegner durch ein Feuergefecht in der Front, das Regiment Y mit Ausnahme eines Bataillons, das zu meiner Verfügung bleibt, wird den Gegner in der linken Flanke zu fassen und zu werfen versuchen. Die Pionier-Kompagnie schließt sich dem Vorgehen des Regimenst X an. Bin ich verstanden, meine Herren?”

„Zu Befehl, Herr General.”

„Dann treffen Sie, bitte, Ihre Anordnungen. Ich danke sehr, meine Herren.”

„Hurrah — hurrah — hurr—a—a—a—ah!”

Der General denkt, ihn soll der Schlag rühren. Sind seine Untergebenen denn verrückt geworden oder reißt ihr Patriotismus und die Liebe zu ihrem Führer sie soweit hin, daß sie alle Gesetze der Subordination außer Acht lassen und ihm ein „Hurrah” rufen, wie es wohl auf dem Schlachtfeld, nicht aber im Manövergelände üblich ist?

„Hurrah — hurrah — hurr—a—a—a—ah!”

Noch einmal erschallt der Ruf.

„Aber meine Herren,” will der General sagen, indem er sich nach den berittenen Offizieren umwendet. Da sieht er — nein, das ist ja garnicht möglich, das ist ja ein Trugbild seiner Phantasie, seine Augen haben in den letzten Jahren gelitten, „ich muß sie wirklich mal gründlich untersuchen lassen,” spricht er zu sich selbst.

„Hurrah — hurrah — hurr—a—a—a—ah!”

Mit eingelegter Lanze saust das feindliche Ulanenregiment in die Queue der ruhig und friedlich ihres Weges ziehenden Kompagnien.

Und vorne donnern die Kanonen! Der General wünscht in disem Augenblick, er stände als Teufel auf einer Bühne und brauchte nur mit dem Fuß aufzustampfen, um von einem gefälligen Bühnenarbeiter in die Versenkung herabgelassen zu werden.

„Die Herren mit dem langen Säbel.”

Ueber die weite Ebene schallt das Signal: die da zu Fuß sind, denken: „Nanu, jetzt ist die Sache schon aus? Ich glaubte, nun ginge es erst los.”

Und die da zu Pferde sind, denken: „Ich glaubte, nun ginge es erst los und nun ist es schon aus?”

„Wehe, Wehe,
Wenn ich an das Ende sehe”

Der Rest ist Schweigen — auch für mich.

Dies war ein Tag des „Manövrierens” — das nächste Mal schildere ich Dir einen Tag des „Kämpfens”.

Bis ich aber wiederum an Dich schreibe

„Verbleibe ich ganz und gar
Dein Dich grüßender Ottokar.”


II.

Lieber Freund!

Du meinst in Deiner Antwort auf meinen ersten Brief: das müssen denn doch auch verteufelt schwer sein, bei einem Angriff oder bei einer Vertheidigung stets das Richtige zu finden.

Lieber Freund, welch böses Wort hast Du mit diesem „das Richtige” gesprochen. Schon als Schüler hatten wir schlaflose Nächte, wenn wir ungewiß waren, ob die Lösung unserer mathematischen Aufgabe dem im „Schlüssel” angegebenen Resultat entspräche — was im Schlüssel steht, ist ja maßgebend; selbst wenn es verdruckt ist, ist das, was da steht, das Richtige, alles Andere ist falsch.

Beim Militär ist fast nie etwas richtig, merkwürdigerweise aber auch fast nie etwas falsch, stimmen thut es deshalb doch nicht.

Kennst Du noch so viel Latein, um das schöne Wort: „Exempla rem illustrant” zu verdeutschen? Sonst sei es Dir hiermit gesagt: „Paß 'mal auf, mein Junge.”

Das Detachement hat die Nacht über im Bivouak gelegen — gestern Nachmittag nach beendetem Gefecht sind die Zelte auf einem frisch gepflügten Ackerfeld aufgeschlagen worden. Man hat gegessen, was der Bursche zusammenkochte — schön war es nicht gewesen, dann hatte man Kaffee mit viel Kognak und hinterher Kognak ohne vielen Kaffee getrunken, hatte mordsmäßig geflucht über die Einrichtung der Welt im Allgemeinen und die eines Bivouaks im Besonderen und hatte um sechs Uhr angefangen, sich für die Zubereitung des Schlummerpunsches zu interessiren. In den Kochkessel der Kompagnie waren ungezählte Flaschen Rothwein und Arrak gegossen, auch etwas Wasser mit viel Zucker war dazu gekommen, und als der Mischling sein Werk berochen hatte, war er wohl damit zufrieden gewesen. Mit lautem Geschrei hatte er die Bewohner seines Wigwams zusammengetrommelt, mit ihnen gemeinschaftlich einen Freudentanz ausgeführt und dann — ja dann war man am Morgen erwacht und wußte nicht ganz genau, ob man todt oder lebendig wäre.

Um vier Uhr, während man ein braunes Wasser, euphemistisch Kaffee genannt, herunter­zuschlucken versuchte, waren die Zelte über den Kopf hinweg abgebrochen worden, und wie Marius auf den Trümmern von Karthago, sitzen die Offiziere auf Kisten und Säcken — sie denken nicht wie der edle Römer über die Vergänglichkeit alles Irdischen nach, sondern sie beschäftigen sich mit etwas weit Besserem.(3) „Sie warten.”

Von allen Dingen, die das Leben hold und schön machen, ist Warten sicherlich das Allerangenehmste. Giebt es etwas Schöneres, als bei einem Rendezvous im strömendsten Regen eine Viertelstunde nach der anderen zu warten, kann man sich etwas Herrlicheres denken, als Jahrhunderte hindurch auf Avancement und Gehalts­aufbesserung zu warten — giebt es etwas Köstlicheres als jedes Jahr auf den Klapperstorch zu warten, besonders wenn man schon neun ungezogene Jungens und sieben unerzogene Mädchen sein Eigen nennt?

Das Detachement wartet noch immer.

„Worauf?” wissen nur die Götter, vielleicht aber wissen auch sie es nicht.

Auch der Herr General wartet.

„Das Detachement tritt erst auf meinen Befehl den Vormarsch an,” hat der Leitende zu ihm gesagt; er entgegnete „Zu Befehl!” und wartet, als wäre er eine Wartefrau.

Endlich — endlich kommt ein Adjutant angesprengt — unter allgemeiner Spannung der Zuschauer überbringt er dem Herrn General eine Meldung und gleich darauf erfolgt das Kommando: „An die Gewehre!”

„Gewehr in die Hand. Die Herren Offiziere!”

Aha, nun kommt die berühmte Idee!

„Meine Herren, die Situation ist sehr einfach. Der Feind ist in seiner gestrigen Stellung stehen geblieben, offenbar in der Absicht, ein weiteres Vordringen meinerseits zu verhindern. Ich werde den Feind angreifen und denselben zurückzuwerfen versuchen. Die Avantgarde tritt sofort den Vormarsch an, das Gros folgt auf zwei Kilometer(4), Näheres werde ich an Ort und Stelle befehlen. Ich danke sehr, meine Herren.”

Wenn man zu einem gebildeten Menschen „Danke sehr” sagt, erwidert dieser: „Bitte sehr — keine Ursache.” Beim Militär entgegnet man nie: „Bitte sehr,” vielleicht, weil nie eine Ursache zum Danken vorliegt.

Das Detachement tritt den Vormarsch an, er marschirt einen Kilometer nach dem anderen, und als es sieben und einen halben Kilometer hinter sich hat — Du meinst, da macht es Halt? Ach nein, da hat es nur eine Meile zurückgelegt. Die Kavallerie, die mit Rücksicht auf die Pferde sehr kleine Märsche hat, rechnet nach Kilometer, die Infanterie, die ihr Reservepferd in Gestalt eines Paar Stiefel im Tornister mit sich trägt, rechnet nach Meilen. Eigentlich müßte es umgekehrt sein, wie so vieles Andere auf der Welt — aber alle Philosophie ist nicht in der Lage, etwas zu ändern. Es ist — weil es war — und es wird sein, weil — es war. Punktum. Gedankenstrich —.

Und das Detachement marschirt noch immer.

„Schade,” sagt ein Offizier zum andern, „schade, daß die Welt rund ist — die Sache mag ja auch ihr Gutes haben — für uns wäre es aber jedenfalls besser, wenn sie nicht rund wäre, dann kämen wir doch einmal zum Halten.”

„Voran(5) wird geschossen — aha, nun geht's los.”

„Die berittenen Herren Offiziere an die Tête,” melden die Adjutanten und Alles eilt nach vorn, um zu hören, was los ist.

„Meine Herren, der Feind hat hier vor uns in einer Entfernung von drei Kilometer die Höhe besetzt.” Nun erfolgt der Befehl an die einzelnen Waffen, „und Sie, Herr Oberst, bitte ich, mit Ihrem Regiment den linken Flügel des Gegners anzugreifen und denselben aus jener Waldparzelle dort oben zu vertreiben.”

„Zu Befehl, Herr General!”

„Ich danke sehr, meine Herren!”

Der Herr Oberst beruft seine Stabsoffiziere und theilt ihnen mit, in welcher Art und Weise er den ihm gewordenen Auftrag zu lösen beabsichtigt.

Die Herren Stabsoffiziere sagen ihren Herren Hauptleuten, in welcher Art und Weise sie den ihnen gewordenen Auftrag zu lösen beabsichtigen, und die Herren Hauptleute sagen ihren Herren Lieutenants, wie sie ihre Aufgabe zu lösen beabsichtigen, und ie Herren Lieutenants sagen es den Unteroffizieren und die Unteroffiziere sagen es den Leuten — und dann „geht's los”.

Wie oft beim Militär etwas losgeht, ist selbst dem größten Mathematiker nicht möglich zu berechnen — es geht eben immer los: der Parademarsch geht los und das Gefecht geht los und der Schuß geht los, letztere allerdings oft unbeabsichtigt, und der, dem das passirt, hat drei Tage los, während der er nicht los, sondern fest ist.

Der Herr Oberst hat seine Truppen zum Gefecht vorgesetzt — „mihr kenn hei” — um mit Fritz Reuter zu sprechen — „nu nich mehr dhaun”; er hält mit seinem Adjutanten auf einer Anhöhe — zuweilen befindet er sich auch auf der Höhe der Situation — und sieht von da aus zu, wie seine Unterthanen sich gegen den Feind heranarbeiten.

Das erste Bataillon hat Schützen entwickelt und geht „sprungweise” vor — alle Reichstags­abgeordneten, die gegen die Gehaltserhöhung der Offiziere sind(6), müßten einmal solches sprungweises Vorgehen mit durchmachen, sie würden dann zum Geben geneigter sein.

Der sprungweise Angriff eines Bataillons soll rollen, d. h. zwei Kompagnien springen, die beiden anderen feuern, und wenn die ersten beiden Kompagnien genug gesprungen haben und wieder weiter feuern, dann hören die beiden anderen Kompagnien, die genug gefeuert, aber noch nicht gesprungen haben, mit dem Feuer auf — dann kommen wieder die beiden ersten Kompagnien und das „rollt” so weiter, bis man schließlich vor Entsetzen mit den Augen „rollt” — man könnte sich beinahe als „echter” Harzer Roller in einen Käfig setzen lassen.

Unterdeß folgen die beiden anderen Bataillone geschlossen — durch ihr Vorgehen sollen sie den vorne liegenden Schützen Muth und Entschlossenheit, den Impuls zum weiteren Vordringen verleihen.

Und der Herr Oberst hält sich auf seiner Höhe und freut sich, wie hübsch sich die Sache macht, von seinem Standpunkt aus wirklich ganz entfernt.

Er ist wohl mit sich zufrieden.

Athemlos kommt ein Adjutant herangesprengt — ich mache Dich ganz besonders darauf aufmerksam, daß Adjutanten stets athemlos sind; das ist charakteristisch und bei einem Steckbrief würde als besonderes Kennzeichen „athemlos” stehen.

„Adjutanten reiten wie der Wind,
Doch nur, wenn sie zu sehen sind,”

lautet ein altes Wort. So oft der Adjutant einen Befehl erhalten hat, rast er davon, aber sobald er sich in „Deckung gegen Sicht” befindet, parirt er sein Roß und reitet Schritt. Sein Pferd hat nur vier Beine, an denen gewöhnlich die beiden Vorderbeine „kaput” sind — es müßte aber wenigstens vierzig Beine und ebenso viele Lungen haben, wenn es die an ihn gestellten Anforderungen erfüllen sollte.

Wird der Vorgesetzte sichtbar, dem man den Befehl oder die Meldung überbringen soll, dann wird ein kleiner Kanter gemacht und dieser sowie eine gewisse Uebung genügen, um die „etatsmäßige” Athemlosigkeit hervorzurufen.

„Der Herr Oberst möchten sofort zu dem Herrn General kommen.”

Der Herr Oberst giebt dem Gaul die Sporen und galoppirt von dannen.

Die Herren Stabsoffiziere reiten stets sehr schnell, und wenn die Vorgesetzten es sehen, springen sie sogar über Hindernisse, sonst reiten sie natürlich drum herum, denn sicher ist sicher.

Bekannt ist die Geschichte, wie ein General einen Major zu sich bitten läßt. Der Adjutant kommt zurück und meldet: „Der Herr Major könnte noch nicht kommen, sein Pferd wolle nicht über einen Graben springen.”

„Sagen Sie dem Herrn Major von mir, er spränge oder er spränge.”

Und der Herr Major sprang nicht und sprang doch — verstehst Du auch, was Du liest?

Der Herr Oberst salutirt mit seinem Degen.

„Der Herr General haben befohlen?”

„Allerdings, Herr Oberst — ich wollte Ihnen persönlich sagen, daß ich nicht damit einverstanden bin, wie Sie den Gegner angreifen. Nicht als ob das, was Sie machen, falsch wäre, davon kann natürlich keine Rede sein, falsch ist nur das, was gegen die Vorschriften des Reglements verstößt, das ist selbstverständlich ausgeschlossen — aber ich glaube dennoch, daß es richtiger oder lieber gesagt besser wäre, wenn Sie gleich zwei Bataillone auflösen und nur eins geschlossen behalten — es kommt mir darauf an, den Feind so schnell wie möglich zurückzuwerfen, da heißt es, gleich von Anfang an energisch vorgehen. Das ist meine Ansicht, Herr Oberst, Sie, nicht ich führen das Regiment, ich überlasse es daher vollständig Ihnen, ob Sie meinen Rath befolgen wollen oder nicht.”

Der Herr Oberst sagt: „Zu Befehl, Herr General,” reitet zurück, von wo er gekommen ist, und ordnet das Nöthige an. Er ist sehr froh, daß der Herr General sich in die Sache hineingemischt hat — wird er nachher bei der Kritik gelobt, so steht er groß da, tadelt man ihn aber, so kann er ruhig sprechen: „Ich wasche meine Hände in Unschuld, nicht mich steinigt, sondern den da, der mir diesen Rath ertheilte, den ich wider meine Ueberzeugung befolgte.”

Natürlich geht die Sache nicht immer so ruhig und friedlich zu.

Bei einem Brigade-Manöver war es, auf jeder Seite „führte” ein Regiments­kommandeur, der Herr General war der oberste Schiedsrichter. Mit dem, was die Südpartei machte, war er wohl einverstanden, er hätte es selbst, trotz seines höheren Gehalts, nicht besser machen können — aber was der Herr Führer auf der anderen côté aufstellte, das war in seinen Augen „Mist”. Eine Weile sah er sich die Sache ruhig an, in dem Glauben, sie werde sich noch wieder zurechtziehen — als aber der Unsinn, der da drüben aufgeführt wurde, nach seiner Meinung die Grenze des Erlaubten überschritt, sprengte er mit seinem Adjutanten zu dem Herrn Obersten hinüber.

„Herr Oberst, ich muß doch aber sehr bitten, was soll denn das bedeuten, was Sie hier machen? Das ist ja Unsinn, nichts wie Unsinn!”

Der Herr Oberst sah mit Ruhe und Gelassenheit auf seinen Vorgesetzten, der in der höchsten Erregung in den höchsten Fisteltönen sprach und auf seinem Gaul ungeduldig hin- und herrutschte; ein leises, ironisches Lächeln umspielte seinen Mund.

„So, meinen der Herr General?” und zu seinem Adjutanten gewandt: „Lassen Sie das Signal „Halt” blasen.”

„Herr Oberst, ich muß doch sehr bitten — wie können Sie sich erlauben, eine Uebung abbrechen zu wollen, die ich leite? Herr Oberst, ich verstehe Sie nicht, dürfte ich Sie vielleicht um Aufklärung bitten?”

„Zu Befehl, Herr General,” klang es mit himmlischer Ruhe zurück, „ich wollte das Gefecht hier abbrechen und es dann so machen, wie der Herr General meinen — dann wird es sich ja herausstellen, wer von uns Beiden Recht hat.”

Starr, fassungslos blickte der Herr General seinen Untergebenen an — solche Unverfrorenheit war ihm denn doch noch nicht vorgekommen, dann aber wandte er sein Pferd und eilte von dannen und nie wieder hat er es gewagt, dem Herrn Oberst ein Wort des Tadels zu sagen.

So viel Köpfe, so viel Ansichten — das Wort gilt nirgends so gut wie beim Militär und auch da bei keiner Gelegenheit besser als bei dem Angriff. Wie soll man den Feind angreifen? Kein Weiser vermag darauf Antwort zu geben — so Vieles wird erfunden, wann wird der Mann geboren werden, der den richtigen Angriff erfindet?

Der Herr Oberst hat inzwischen sein zweites Bataillon in Schützen aufgelöst und der Angriff rollt nun weiter, dazwischen rollt der Donner der Geschütze. Die Batterien sind hinter einer Höhe aufgefahren, die Mündungen der Rohre sehen gerade über den Kamm hinüber und Schuß auf Schuß wird gegen die feindlichen Geschütze abgegeben. Das geht nun schon zwei Stunden so, endlich wird dem Hernn Major die Sache langweilig.

„Ich denke, wir hören mal etwas mit dem Feuern auf, meine Herren. Der Gegner thut ja, als ob wir gar nicht da wären, wir verschießen unnöthig unsere ganze Munition, ich denke, wir frühstücken erst etwas.”

Der Vorschlag findet Beifall — in dem Protzkasten ist ein schönes Frühstück verwahrt, das allen Herren köstlich schmeckt.,

Eine halbe Stunde ist so vergangen, da ruft ein Kanonier: „Herr Major, Herr Major, die Infanterie geht vor.”

Der Herr Major wendet sich an den jüngsten Hauptmann: „Ach, seien Sie doch so liebenswürdig und unterstützen Sie die Infanterie ein Bischen.”

„Zu Befehl, Herr Major,” und gleich darauf das Kommando: „Erstes Geschütz — Feuer, zweites Geschütz — Feuer.”

„I, nanu,” denkt der Artillerie-Kommandeur auf der anderen côté, „leben die immer noch, ich dachte, die hätten sich schon seit einer halben Stunde verschossen, wo mögen denn die nur frische Munition herbekommen haben?”

„Na, nun ist es wohl genug, Herr Hauptmann — kommen Sie, hier ist noch ein halbes Kücken für Sie, ich hab's für Sie gerettet.”

Während die Artillerie so ausruht vom blutigen Ringen, harrt die Kavallerie ungeduldig des Augenblicks, da sie in den Kampf eingreifen kann. Die schönen Tage von Aranjuez — die Zeiten der schneidigen Attacken — sind für sie vorüber. Auch für die Kavallerie ist es schwer, es den hohen Vorgesetzten recht zu machen: attackieren sie nicht, so heißt es: bei größerer Umsicht und Gewandtheit hätte sich vielleicht doch ein Angriffsobjekt zur Attacke finden lassen, die, richtig angesetzt und schneidig geritten, wohl Erfolg hätte haben können — attackirt die Kavallerie aber, so heißt es: „Ja, meine Herren, ich will Ihrem Muth und Ihrem Schneid jedes Lob spenden, aber ich glaube, daß dieser Augenblick für eine Attacke doch nicht günstig gewählt war, Sie würden im Ernstfalle Verluste gehabt haben, die es Ihnen unmöglich gemacht hätte, sich fernerhin an dem Gefecht zu betheiligen.”

Die Dragoner aber, die hinter dem Wäldchen auf eine passende Gelegenheit zum Eingreifen lauern, kümmern sich vorläufig den Teufel um die Kritik, die ihnen hinterher zu Theil wird, und als sie eine geschlossene Kompagnie sehen, die im ruhigen Vormarsch begriffen ist, heißt es: „Eskadron, Galopp, marsch!”

Mit eingelegter Lanze sausen sie einher — der Hauptmann läßt halten, giebt ein vernichtendes Schnellfeuer ab, und als er einige Dragoner sieht, die sich von ihren Pferden trennen und die Mutter Erde küssen, bewegt kein Mitleid sein kriegerisches Herz, sondern er spricht ruhig und gelassen:

„Dragoner werden in der Schlacht
Wie and're Leute umgebracht.”

Auch die Pioniere harren des Augenblicks, da sie das Lob ernten sollen für die Arbeit, durch die sie ihr Theil zum Gelingen des Angriffs beigetragen haben. Ueber ein Gewässer ist eine Brücke geschlagen worden, nun warten sie, daß Jemand dieselbe benutzt, aber es kommt Niemand. Das alte Lied:

„Doch der größere Theil des Korps
Zog die alte Brücke vor.”

bewahrheitet sich auch hier einmal wieder. Und die Brücke ist so schön — die Pioniere schwören Jedem, der in ihre Nähe kommt, daß sie auch hält, aber es glaubt ihnen Keiner — endlich kommt Einer, der da sagt: „Ja, ja, ich glaube es,” aber malgré cela tout geht er doch mitten durch das Wasser hindurch.

Inzwischen ist auf dem Manöverfelde eine Stunde nach der anderen verronnen, die Zeiger weisen auf die elfte Stunde. Der Leitende wendet sich an seinen Adjutanten: „Was meinen Sie, lassen wir für heute genug sein des grausamen Spiels? Es wäre mir allerdings sehr lieb zu wissen, wie der Feind seinen Rückzug antritt, aber ich denke, morgen ist auch noch ein Tag.”

Der Adjutant pflichtet seinem Herrn und Gebieter bei — schon will der General „das Ganze” blasen lassen — als auf einmal der seit Stunden vorbereitete Angriff zur Ausführung kommt. Die Infanterie, die sich bis auf wenige hundert Meter an den Feind herangemacht, erhebt sich von der Erde und stürmt mit „Marsch, marsch, Hurrah!” auf den Feind, die Artillerie giebt Schnellfeuer ab, was die Kanoniere laden können, die Kavallerie reitet noch eine verzweifelte Attacke, die Poniere bewachen ihre Brücke, damit Keiner sie stiehlt — der Herr General, der das angreifende Detachement leitet, ist stolz und glücklich.

Der Angriff ist gelungen — der Feind baut ab.

Sieh', mein Sohn Brutus, so gestaltet sich ein Angriff; aber glaube nur nicht, daß der Angriff jetzt zu Ende ist — das dicke Ende kommt nach und das lautet: „Die Kritik.”

Dir eine Kritik zu schildern, soll, aber nur dann, wenn Du es wünschest, die letzte und schwerste Aufgabe der Manöverbriefe sein.

Bis dahin lebe wohl. Si tu vales, ego valeo — wenn es Dir juht jeht, bin auch ich verjnüjt, besonders wenn dieser Brief, ebenso wie der erste, Deinen Beifall und Gnade vor Deinen Augen findet.

„Nun trinkt Bier — und nicht zu rar!
Dein Dich grüßender Ottokar.


III.

Lieber Freund!

„Vorüber ist der Harst und Kampfgeschrei
          Und Kampf vorbei.
Auf das Gefilde, wo getobt die Schlacht,
          Senkt sich die Nacht.
Da liegen auf der Haide fahlem Grund
Gestreckt zwei Helden, beide todeswund.”

Warum ich diese schönen Verse, die erstens gar nicht von mir, sondern, wie man hier zu Hause sagt, von „Jämar Anders”(7) (Jemand Anders) herstammen und zweitens eigentlich gar nicht so recht herpassen, diesem Briefe voransetze, weiß ich selbst nicht. Nicht die Nacht senkt sich hernieder auf das Gefilde, wo getobt die Schlacht, sondern die glühendste Mittagssonne, und nicht zwei Helden, sondern mindestens deren zwanzigtausend liegen nicht todeswund, sondern todtmüde auf der Haide fahlem Grund.

Was machen sie dort? Sie warten, spitzen die Ohren, und das wird Einigen gar nicht so ganz leicht, aber sie versuchen es wenigstens, und nun kommt das Signal:

„Das Ganze.”

Und die Ohren werden noch spitzer.

Und nun: „Sammeln.”

Der Herr sei gepriesen, das Manöver ist beendet! Nun geht es auf dem schnellsten Wege zur nächsten Bahnstation, dort werden die Truppen verladen, der Heimath entgegen ziehen die muthigen Streiter, nur noch wenige Stunden, dann wird der bunte Rock ausgezogen — Reserve hat Ruh.

„Blasen Sie: Die berittenen Herren Offiziere.”

Der Kommandirende spricht's, der Stabstrompeter gehorcht, er bläst stark und mächtig in seine Trompete, daß es klingt wie die Posaunen am letzten Gericht — und ist es nicht für Manche das letzte Gericht, zu dem sie zusammengeblasen werden? Frohe Lieder singend, lachend und scherzend machen die Truppen, daß sie möglichst schnell von den hohen Vorgesetzten wegkommen — schweigend, ernst und traurig machen die berittenen Offiziere, daß sie zu den hohen Vorgesetzten hinkommen, und so da Einer sein Pferd in Galopp setzen will, halten die Kameraden ihn zurück: „Nur immer langsam voran — zu der Kritik kommen wir noch immer früh genug.”

Auf einer Anhöhe, von wo aus man einen freien Blick über das Manövergelände hat, hält der kommandirende General mit seinem Stabe und nach und nach versammeln sich um ihn sämmtliche Offiziere.

Der Kommandirende wendet sich an den ältesten Divisions­kommandeur:

„Excellenz hatten heute den Auftrag, mit dem Ihnen unterstellten Armeekorps gegen den markirten Feind vorzugehen — darf ich Euer Excellenz bitten, mir die Anordnungen aufzuführen, die Sie zur Erledigung des Ihnen gewordenen Auftrages getroffen haben, sowie diejenigen Punkte aufzuführen,(8) die Ihnen bei der Ausführung Ihrer Befehle aufgefallen sind.”

„Zu Befehl, Euer Excellenz.”

Excellenz will sich vor Beginn seiner Rede räuspern, man könnte Räuspern aber leicht mit Husten verwechseln, Husten aber ist ein wenn auch nur geringes Zeichen von Erkrankung, krank sein aber darf der Soldat nicht, darum wird das Räuspern unterdrückt und er beginnt:

„Meine Herren, ich hatte auf Grund der mir über den Feind zugegangenen Meldungen befohlen, daß die xte und die halbe(9) zte Division den Feind in seiner rechten Flanke angriffe, während die letzte Brigade den Gegner durch ein möglichst vernichtendes Feuer in der Front beschäftigen sollte. Wären meine Befehle sachgemäß ausgeführt worden, so glaube ich, daß es mir möglich gewesen wäre, den Feind aus seiner Stellung herauszudrängen.”

Die niedere Excellenz schweigt und sieht die höhere Excellenz mit einem scheuen Seitenblick an, als wolle sie aus dessen Mienen lesen, ob seine Worte Beifall und Zustimmung gefunden haben, aber in den Mienen der höheren Excellenz ist nichts zu lesen, absolut gar nichts; so fährt die niedere Excellenz denn nach einer kleinen Pause fort:

„Ich wende mich zunächst zu der Brigade, die den Feind in der Front beschäftigen sollte, während die übrigen Truppen die rechte Flanke, ich betone: die rechte Flanke angreifen sollten. Die Brigade stand, wenn ich mich nicht irre, unter Ihrem Kommando, Herr General.”

„Zu Befehl, Euer Excellenz.”

„Zu meinem Bedauern kann ich mich mit den Maßnahmen der Brigade absolut nicht einverstanden erklären.”

„I, nanu, warum denn nicht?” denkt der General im Stillen — er ist höheren Ortes sehr gut angeschrieben, da bricht ihm ein Wort des Tadels noch nicht das Genick. Er faß die Sache on der humoristischen Seite auf.

„Zunächst kann ich die Zusammensetzung der Avantgarde nicht billigen; Sie hatten dieselbe nach meiner Meinung zu schwach gemacht und Sie schwächten sie noch weiter dadurch, daß Sie Ihre Kavallerie selbständig machten. Meine Herren, mit der selbständigen Kavallerie ist das eine eigenthümliche Sache, über die ich mich schon bei früheren Gelegenheiten ausgesprochen habe, so daß ich meine Ansicht über diesen Punkt als bekannt voraussetzen zu können glaube — um so mehr wundert es mich, Herr General, daß Sie die Kavallerie nicht(10) bei der Avantgarde behielten.”

„Hätt' ich die Kavallerie nicht selbständig gemacht,” denkt der Herr General, „so würde es jetzt in der Kritik heißen: „um so mehr wundert es mich, Herr General, daß Sie die Kavallerie bei der Avantgarde behielten” — richtig hätte ich es doch nicht gemacht.”

„Nach meiner Meinung war, wie gesagt,” fährt die Excellenz fort, „ die Avantgarde für ihren Zweck zu schwach, außerdem beging sie den groben Fehler, daß sie gleich zu Beginn des Gefechtes viel zu nahe an den Feind heranging. Wer führte die Infanterie der Avantgarde?”

„Ich, Eure Excellenz.”

„Ah, Sie, Herr Oberst; dürfte ich Sie bitten, mir die Gründe auseinanderzusetzen, die Sie zu diesem mir völlig unverständlichen Handeln verleiteten?”

„Ich aber gedachte es gut mit Euch zu machen,” zitirt der Herr Oberst im Stillen, laut aber sagt er:

„Ich hielt auf achthundert Meter, Euer Excellenz, auf einer größeren Entfernung glaubte ich keine günstigen Schießreultate mehr zu erzielen.”

„Da unterschätzen Sie die Leistungsfähigkeit unseres neuen Gewehrs denn aber doch ganz bedeutend, mein Herr Oberst, und ich möchte Ihnen das Studium der Schießversuche doch angelegentlichst empfehlen.”

„Warum denn gleich so grob,” denkt der Herr Oberst; „sollte ich übrigens heute nicht abgeschlachtet werden, so will ich aus Dankbarkeit gerne einmal in die Schießtabellen hineinsehen, obgleich ich felsenfets davon überzeugt bin, daß ich in denselben nichts finde, was ich nicht schon wüßte.”

„Sie waren, wie gesagt, zu nahe herangegangen, Herr Oberst. Ihr Regiment wäre in Wirklichkeit vernichtet worden und auch Sie selbst, Herr Oberst, der Sie sich viel zu viel vorne in der Schützenlinie aufhielten, anstatt sich in angemessener Entfernung zu befinden, ständen im Ernstfalle mir augenblicklich nicht mehr gegenüber, sondern Sie wären eine Leiche.”

„Dies Wort bedeutet meinen Tod,” stöhnt der Oberst leise, „aber was hilft's, gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen!”

„Der Fehler, ich kann wohl sagen: der grobe Fehler, den Sie, Herr Oberst, begingen, hatte zur Folge, daß die anderen Regimenter der Avantgarde, von dem Bestreben geleitet, Sie zu unterstützen, ebenfalls sich auf einer Entfernung vom Feinde hielten, auf der man selbst von einem Pfeil, geschweige von unseren Geschossen, getroffen worden wäre. In Wirklichkeit wäre die ganze Avantgarde in kürzester Zeit vernichtet worden, während es ihre Aufgabe sein mußte, durch ein möglichst hinhaltendes Gefecht den Feind so lange zu beschäftigen, bis die Division die beabsichtigte Umgehung ausgeführt hatte. Wie gesagt, meine Absicht wurde vereitelt — in erster Linie mache ich den Führer der Avantgarde-Infanterie, dann aber auch Sie, Herr General, dafür verantwortlich. Ihre Aufgabe war es, die Ihnen unterstellten Führer so zu instruiren, daß Fehler, wie die gerügten, überhaupt ausgeschlossen waren. Aber noch einen anderen Vorwurf kann ich Ihnen, Herr General, nicht ersparen: Sie wußten, daß es meine Absicht war, die rechte feindliche Flanke anzugreifen, ich hatte mich so klar und deutlich darüber ausgesprochen, daß nach meiner Meinung ein Irrthum völlig unmöglich war — da hätten Sie mich bei der Ausführung meiner Absicht dadurch unterstützen müssen, daß Sie bei Ihrem Vorgehen sich gegen die Front des Feindes, nicht aber, wie Sie es thaten, gegen den linken Flügel dirigirten.”

Dem General wird bei diesem Tadel doch etwas ungemüthlich zu Muth, er ist ja schließlich auch nur ein Mensch, wie so viele Andere, und alle Menschen müssen sterben, die guten wie die schlechten, nur daß die letzteren meistens länger ihr Dasein fristen. Heimlich sieht der General nach der Uhr und im Stillen verfaßt er eine Todesanzeige: „Heute Mittag zwei Uhr siebenundzwanzig Minuten starb plötzlich und unerwartet an den Folgen einer vernichtenden Kritik der General und Brigade­kommandeur, — möchte ihn die Erde weniger bedrücken als der Tadel seiner Vorgesetzten.”

„Ich wende mich nun zu den anderthalb Divisionen, die die Umgehung gegen den rechten feindlichen Flügel zu machen hatten.”

Der einen Partei fällt ein Stein vom Herzen, um mit hörbarem Gepolter durch die Brustkasten der anderen côté auf deren Herzen zu fallen.

„Den Oberbefehl über die Truppen der anderen Theile des Armeekorps hatte ich selbst in meinen Händen, die Anordnungen, die ich traf, sind Ihnen, meine Herren, bekannt, mein eigenes Thun und Lassen zu kritisiren kann natürlich nicht meine Aufgabe sein, ich muß mich darauf beschränken, einige Bemerkungen über das zu machen, was mir besonders aufgefallen ist.”

„Ich möchte mit der Artillerie beginnen.Meine Herren, man nennt die Artillerie heutzutage die Waffe der Zukunft — das aber darf Sie, meine Herren, nicht abhalten, daran zu denken, daß Sie zur Zeit noch in der Gegenwart leben, und Sie dürfen nicht kämpfen, wie es vielleicht nach hundert oder mehr Jahren üblich sein wird, sondern Sie müssen den bestehenden Vorschriften gemäß handeln. Das aber, meine Herren, haben Sie heute fast überall unterlassen. Ich habe schon an Ort und Stelle mich dem Herrn Oberst gegenüber klar ausge sprochen: seine Entschuldigung, daß nicht er, sondern der Herr Major und Abtheilungs­kommandeur an dem falschen Verhalten der Batterien Schuld sei, kann ich nicht gelten lassen: bequem ist es ja allerdings, die Verantwortung auf andere Schultern abzuwälzen, aber ich glaube nicht, daß das den bestehenden Vorschriften entspricht. Selbst ist der Mann, mein Herr Oberst, und so lange Sie noch die Ehre haben, an der Spitze Ihres Regiments zu stehen, sind Sie, Sie ganz alleine, der verantwortliche Redakteur.”

Das Wort „so lange noch” hat einen infamen Beigeschmack, das giebt zu allerlei Bedenken Anlaß, das kann entweder heißen: mein Junge, wir wollen Dich noch in Deiner Stellung lassen, oder aber auch: es dauert zwar nicht mehr lange, vorläufig aber bist Du nun doch noch einmal in Amt und Würden, darüber, wie lange dieses „noch” noch dauert, schweigt des Sängers Höflichkeit.

„Wenn ich mir einige Worte über die Pioniere gestatten darf, so bin ich der Ansicht, daß der Brückenschlag über das doch nur sehr schmale Gewässer heute Morgen viel zu viel Zeit in Anspruch genommen hat. Ich habe mich nach der Ursache der Verzögerung erkundigt; man gab mir zur Antwort, das vorhandene Material reiche nicht aus, es müsse erst neues beschafft werden. Ja, meine Herren, da liegt, wenn ich mich so ausdrücken darf, der Hase im Pfeffer — mit den vorhandenen Mitteln reichen, mit Geringem Viel leisten, schnell Neues herbeizuschaffen, findig sein in der Erschließung neuer Hilfsquellen, das ist die Kunst, die wir bei unseren Garnisonübungen lernen und von der wir im Manöver zeigen sollen, daß wir sie beherrschen. Leider bietet sich in diesem Jahr den Pionieren ja keine Gelegenheit mehr, die Scharte von heute Morgen wieder auszuwetzen, aber über ein Jahr, mein Herr Oberst,(11) sehen wir uns wieder und ich hoffe, daß Sie dann Ihr Bataillon besser auf Draht gezogen haben. Draht ist ja bei Ihnen billig.”

Dieser kleine Versuch Sr. Excellenz, einen Witz zu machen, findet beifällige Aufnahme, am herzlichsten lacht „das Pioniergeräth”. Der Herr Oberst(12) ist heute Morgen angepfiffen worden, daß er sich von seinen Leuten ein Grab „buddeln” lassen wollte, und auf das Grab wollte er seinen Helm stecken und an diesen einen Zettel mit den Worten: „c'est moi”. denn viel mehr als die helmspitze war heute nicht von ihm zu sehen gewesen, so war er unter den Redensarten Sr, Excellenz zusammengebrochen. Nun aber ist wieder Alles auf dem Standpunkt früherer Tage: „im nächsten Jahr, Herr Oberst,(13) sehen wir uns wieder; im nächsten Jahr, das ist noch so lange hin, wer wird sich um das kümmern, was das nächste Jahr bringt, es ist genug, daß ein jeglicher Tag hat seine Plage.”

„Der Kavallerie kann ich meine volle Anerkennung nicht vorenthalten. Die Herren wissen, daß ich früher selbst Kavallerist gewesen bin; ich mache daher besonders darauf aufmerksam, daß ich, wie es sich ja eigentlich von selbst versteht, nicht pro domo spreche, sondern völlig objektiv urtheile, aber ich kann wohl sagen, daß ich mit Allem, was ich gesehen, sowohl mit dem Pferdezustand als mit dem Verhalten der Leute voll und ganz einverstanden bin. In allen vier Regimentern weht ein frischer, fröhlicher Geist, erhalten Sie den, meine Herren, und Sie werden im Ernstfalle hervorragende Resultate erzielen.”

„Fast ebenso viel Lob möchte ich der Infanterie spenden: die Leute sind frisch und lebendig, sie haben die großen Anstrengungen gut überstanden, das hat mich gefreut.”

„Nur noch einige kurze Worte über Ihr Verhalten, meine Herren. Sie, Herr Oberst,” suchend blickt er sich im Kreise um und hat ihn endlich gefunden, „Sie Herr Oberst, waren im ersten Treffen; ich bin mit Ihren Anordnungen voll und ganz einverstanden, aber ich bitte zu überlegen, ob es nicht vielleicht doch besser gewesen wäre, wenn Sie Ihr Regiment nicht in zwei, sondern in drei Staffeln gegliedert hätten. Wie gesagt, es ist nur Ansichtssache, aber ich glaube, die Wirklichkeit würde mir Recht geben, im Ernstfalle hätten Sie auf Ihre Art und Weise enormen Verluste erlitten, ganz gewiß, glauben Sie es mir, und deshalb möchte ich fast sagen, daß es falsch, unter allen Umständen falsch war, Ihr Regiment so zu gliedern, wie Sie es thaten. Ein eifriges Studium der verschiedenen Reglements sowie der Kriegsgeschichte hätte es Sie lehren müssen, mein Herr Oberst, daß wir in der von Ihnen gewählten Formation starken Verlusten ausgesetzt sind, so daß dieselbe fast zur absoluten Unmöglichkeit gehört. Ich wäre daher unter allen und jeden Umständen in drei Staffeln vorgegangen und kann Ihr Vorgehen nur als falsch, den heutzutage über die Kampfesweise herrschenden Ansichten als direkt zuwiderlaufend bezeichnen.”

Je länger die Rede Sr. Excellenz dauert, desto länger wird das Gesicht des Herrn Oberst. Die Kritik fing so hübsch an, so väterlich wohlwollend — uns nun dies Ende! Sollte auch er schon auf der Liste der Aussterbenden stehen?

Se. Excellenz der kommandirende General zieht die Uhr; die niedere Excellenz bemerkt das, sie legt die Hand an den Helm und spricht:

„Das waren im Großen und Ganzen die Punkte, die zu besprechen ich mir vorgenommen hatte, Euer Excellenz.”

Der kommandirende General legt dankend die Rechte an den Helm und ergreift das Wort:

„Im Allgemeinen bin ich mit den Ausführungen und Bemerkungen Euer Excellenz wohl einverstanden, ich möchte mir indessen doch noch einige Bemerkungen erlauben.”

„Euer Excellenz haben bei dem Angriff den Schwerpunkt auf den rechten Flügel gelegt — eine Ansicht, die auch ich zuerst nach einem Blick auf die Karte theilte. Das Gelände ist aber wesentlich anders, als es nach dem Plan den Anschein hat. Gerade auf dem linken Flügel der feindlichen Stellung befinden sich Erdeinsenkungen(14) und Geländeformen, die das Vorgehen selbst einer größeren Truppenmacht begünstigen. Dies, glaube ich, hat der Herr Führer der Avantgarde erkannt, und diesem Umstande ist wohl das von Euer Excellenz getadelte Ziehen nach links zuzuschreiben. Ich möchte die Ansicht vertreten, daß ein Vorgehen auf dem linken Flügel den sicheren Erfolg für sich gehabt hätte, während ein Vorgehen rehcts doch immerhin mehr als zweifelhaft erschien.”

Der Kommandirende schweigt und läßt dem Herrn Divisions­kommandeur Zeit, über diese Worte nachzudenken, dann fährt er fort:

„Was die von Euer Excellenz gerügte späte Feuerentwickung der Avantgarde betrifft, so bin auch ich der Meinung, daß man auch auf weiteren Entfernungen noch gute Schußwirkungen hat. Andererseits aber müssen wir versuchen, so nahe es irgend geht, gleich von vornherein an den Feind heranzukommen, und wir müssen uns klar machen, daß, wenn wir einmal Halt gemacht haben, wir nur unter großen Verlusten vorwärts kommen.”

Der Kommandirende schweigt und läßt dem Herrn Divisions­kommandeur Zeit, über diese Worte nachzudenken, dann fährt er fort:

„Ueber die Selbständigkeit der Kavallerie teile ich ganz die Meinung Euer Excellenz; mich aber wollte es bedünken, als ob die Meldungen, auf die hin wir Führer doch erst unsere Maßnahmen zu treffen vermögen, nicht rechtzeitig angekommen wären. Die Schuld liegt meiner Meinung nach daran, daß die Pferde sich in einem äußerst mangelhaften Zustande befinden, daß ihnen nicht die nöthige Pflege und Sorgfalt gewidmet wird. Das muß ganz anders werden, meine Herren, in dieser Verfassung sind die Gäule im Kriege, wo an dieselben noch ganz andere Anforderungen gestellt werden, nicht zu gebrauchen. Ich hatte Gelegenheit, die Attacke am linken Flügel zu beobachten — meine Herren, da fehlte der Schneid, da war keine Verve, kein Feuer, bei solcher Veranlassung muß geritten werden, so schnell die Pferde laufen können — das hat mirnicht imponirt, absolut nicht, meine Herren, es thut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen.”

Der Kommandirende schweigt und läßt dem Herrn Divisions­kommandeur und den Herren Regiments­kommandeuren der Kavallerie Zeit, über diese Worte nachzudenken, dann fährt er fort:

„Ueber die Pioniere habe ich nur wenig zu sagen, ich habe die Brücke nicht gesehen, einer meiner Adjutanten hat mir aber gemeldet, daß er über dieselbe hinweggeritten und nicht eingebrochen sei — das ist ein Lob für Sie, meine Herren, denn mein Adjutant hat ein mächtiges Gewicht, und wenn die Brücke den ausgehalten hat, hält sie auch noch mehr aus. Und das ist doch schließlich die Hauptsache, meine Herren.”

Ein Lächeln legt sich um Aller Lippen, am herzlichsten lacht der Adjutant, eingedenk des Wortes: „ Das Unvermeidliche (den Schmerbauch) soll man mit Würde tragen.”

„Was das Staffeln des in Frage stehenden Regiments betrifft, so stelle ich es der Erwägung anheim, ob es nicht besser gewesen wäre, dasselbe in einem Treffen auseinanderzuziehen, sowohl zwei wie drei Staffeln scheinen mir nicht das Geeignete zu sein. Doch das ist, wie gesagt, Ansichtssache, wo nur der Ernstfall entscheiden kann, wer Recht, wer Unrecht hat.”

Meine Herren, noch ein paar Worte über die Artillerie —”

Der Adjutant sieht nach der Uhr und flüstert seinem Gebieter einige Worte zu.

„Schon so spät; nun, da will ich mich kurz fassen. Meine Herren, ich habe mir durch meinen Adjutanten noch mancherlei aufschreiben lassen, was nicht meinen Beifall, nicht meine Zustimmung gefunden hat, nicht hat finden können, theils weil es gegen die einfachen Gesetze der Taktik, theils weil es gegen die Reglements verstieß. Ich werde die Bemerkungen niederschreiben lassen und sie den Herren zustellen. Sie werden noch von mir hören. Adieu, meine Herren!”

Der Kommandirende wendet sein PFerd und sprengt, gefolgt von seiner Suite, davon.

Und damit ist die Kritik aus.

Aus? Ach nein, das dicke Ende kommt erst nach, wenn der Eine oder der Andere im Laufe der nächsten Wochen hört, daß er krank und nicht mehr felddienstfähig ist. erst dann ist es aus, ganz aus.

Ahnt Dein Gemüth jetzt, was eine Kritik ist und warum so Manchem das Herz nicht im Leibe lacht, wohl aber vor Angst bubbert, wenn es heißt: „Die Herren mit dem langen Sabul!”?

Haben diese Briefe ihren Zweck erfüllt? Hast Du nun eine Ahnung, was im Manöver eigentlich los ist, und eine Idee, um was es sich dabei handelt?

Ja?

Dann genug für dieses Jahr!
Dein Dich grüßender Ottokar.


Fußnoten:

(1) In der Buchfassung: „in mehrere”. (zurück)

(2) In der Buchfassung: „donnert”. (zurück)

(3) In der Buchfassung: „mit etwas Besserem”. (zurück)

(4) In der Buchfassung: „auf ein Kilometer”. (zurück)

(5) In der Buchfassung: „Vorne”. (zurück)

(6) In der Buchfassung: „waren”. (zurück)

(7) In der Buchfassung: „Jäm Anders”. (zurück)

(8) In der Buchfassung: „zu nennen”. (zurück)

(9) In der Buchfassung fehlt das Wort: „halbe”. (zurück)

(10) In der Buchfassung fehlt das Wort: „nicht”. (zurück)

(11) In der Buchfassung: „Major”. (zurück)

(12) In der Buchfassung: „Major”. (zurück)

(13) In der Buchfassung: „Major”. (zurück)

(14) In der Buchfassung: „Erdsenkungen”. (zurück)


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