Der Birnenhandel.

Humoreske von Freiherrn v. Schlicht (Dresden).
in: „Deutsche Lesehalle”,
Sonntags-Beilage zum Berliner Tageblatt,
Jahrgg. 1897, Nr. 3, Seite 17-19 vom 17.Jan. 1897 und
in: „Meine kleine Frau und ich”


„Ich sei ein Verschwender, ein großartiger Verschwender, der von dem Werth des Geldes, wie von so vielen anderen Dingen, nicht die leiseste Ahnung habe, der in einer Minute mit vollen Händen wieder ausgebe, was er sich in einer Woche mühselig erworben habe. Ich verdiente, unter Kuratel gestellt zu werden, wenn nicht selbst ein Kuratorium einsähe, daß bei mir jeder Versuch, mich ändern zu wollen, verlorene Liebesmühe wäre.”

So sprach oft meine kleine Frau zu mir, wenn sie Geld haben wollte, und ich ihr statt jeder anderen Antwort mein leeres Portemonnaie entgegenhielt, in dem alles Mögliche drinnen war — Locken meiner Frau und meines Jungen, Adressen, ein Geburtstags­verzeichniß von Freunden und Bekannten, alte Freimarken, alles, nur das nicht, was man zum Leben am wenigsten entbehren kann.

Zwei Jahre hörte ich diese Strafreden meines besseren Ichs ruhig an, ohne mich zu bessern, aber eines Abends, als die kleine Frau von mir hundert Mark haben wollte, und ich ihr beim besten Willen nur fünfundsiebzig Mark und ein von fast allen Zeitungen Deutschlands und Amerkas abgelehntes humoristisches Feuilleton zur Verfügung stellen konnte, riß mir bei der donnernden Strafrede, die sich über mein, wie stets, unschuldiges Haupt entlud, denn doch die Geduld.

„Nun aber ist's genug!” fuhr ich sie zornig an. „Zwei Jahre lang habe ich Deine Reden ruhig eingesteckt, als wäre es eine mir von unbekannten Gönnern gestiftete volle Geldbörse, nun aber ist's genug! Ich wüsche mir nichts sehnlicher, als noch hundert Jahre mit Dir zusammen zu leben, aber noch ein Jahr der Ehe wie die beiden letzten, und ich bin eine Leiche, die Du dann anstatt dem von Dir stündlich herbeigesehnten Kuratorium dem Krematorium in Gotha übergeben kannst. Ein Ende muß diesem Zustand gemacht werden, so oder so, und darum habe ich Folgendes beschlossen: Du übernimmst von heute ab die Kasse, ja wohl, Du, liebes Kind, trotz Deiner großen erstaunten Augen, alles Geld, das ich verdiene, liefere ich an Dich ab, ich verlange weiter nichts für mich als Taschengeld — bitte, widersprich nicht, die Sache ist unweigerlich bei mir beschlossen! Wir wollen einmal sehen, wie weit wir auf diese Art und Weise mit unserem Gelde kommen!”

Mit einem Freudenschrei flog mir meine kleine Frau um den Hals. „Wie? Was ich seit Monaten erhofft und ersehnt, worum Dich zu bitten seit Langem meine Absicht war, soll zur Wirklichkeit werden? Du vertraust mir die Kasse an? Wie lieb und gut Du bist, dafür werde ich Dir ewig danken!”

„Wie, Du willigst ein?” fragte ich höchst erstaunt. „Na, da hast Du meine Börse, gieb mir aber, bitte, zunächst für diesen Monat mein Taschengeld!”

Eine Doppelkrone wanderte in meine Hand.

„Mehr nicht?” fragte ich.

„Bitte sehr, nun habe ich die Kasse!” lautete die Antwort.

Schon wollte ich meinen voreiligen Entschluß bereuen, aber ich sagte mir: „Laß nur, wie lange wird es denn dauern, bis die kleine Frau zu Dir kommen und sprechen wird: „Nimm die Last von mir, die Du auf meine Schultern legtest, ich vermag sie nicht zu tragen!” Gewiß, das würde nicht lange auf sich warten lassen — aber heute, da seit dem Tage, an dem ich das Amt des Kassirers abgab, mehr als fünf Jahre verflossen sind, warte ich immer noch, und ich glaube, ich werde ewig darauf warten.

Wie meine Frau das Kunststück fertig bringt, stets Geld zu haben, ist mir ein Räthsel — ach, und wie ist es schön und bequem, sich um nichts zu kümmern, nichts zu wissen, keine Rechnung zu erhalten, nie um Geld gebeten zu werden, sondern nur darum bitten zu dürfen!

In einer Frauenversammlung, der ich vor Jahren einmal beiwohnte, fiel das Wort: „Die schlechteste Frau ist immer noch tausendmal besser als der beste Mann!”

Ich bin weit davon entfernt, mich dieser blödsinnigen Behauptung anzuschließen — aber in vielen Punkten sind die Frauen uns doch über.

Meine kleine Frau hat außer vielen anderen Tugenden die der Sparsamkeit, ohne dabei im Geringsten geizig zu sein, aber sie setzt ihren Stolz darein, möglichst wenig zu gebrauchen oder, richtiger gesagt, mit möglichst wenig möglichst viel zu erreichen.

So war es ganz natürlich, daß große Freude in Trojas Hallen herrschte, als ich mir eine kleine Villa kaufte, die in einem herrlichen großen Garten lag. Ein Garten war für meine Frau von jeher der Inbegriff aller Seligkeit gewesen, und mit Feuereifer nahm sie sich der Bestellung des Landes an, beaufsichtigte und instruirte den Gärtner und den Diener und sorgte dafür, daß auch alles gepflanzt wurde, was zur Leibes­nothdurft und Nahrung gehört, als da ist: Erdbeeren und Kartoffeln, Sellerie und Porrée, Erbsen und Bohnen, Salat und Grünkohl, Wurzeln und Petersilie, und was es sonst noch immer Schönes auf Erden giebt. Besondere Freude verursachten natürlich die Stachelbeeren, Himbeeren und Johannisbeeren, von denen man so wunderschön für den Winter einkochen konnte, ohne daß man nöthig hatte, dafür auch nur einen Groschen auszugeben.

Der Stolz des Hauses und der Hausfrau aber war ein Birnbaum; selbst die Beredsamkeit eines Demosthenes, verbunden mit der Farbenpracht eines Makart, wäre nicht im Stande, auch nur ein annähernd richtiges Bild dieses Baumes zu geben. Er war einfach „himmlisch”; schon als wir das Haus kauften, waren uns von dem Baum Wunderdinge erzählt worden, aber er übertraf alle unsere Erwartungen, viele Tausende der schönsten Früchte hingen an den unter der süßen Last beinahe brechenden Zweigen.

„Obst ist gesund!” lautete ein altes Wort; so aß ich denn Birnen, daß mir die Augen übergingen; ich wollte mit einem Mal gesund werden, aber ich erreichte das Gegentheil von dem, was ich erstrebt hatte — ich bekam einen total in Unordnung gerathenen Magen — und der Arzt sprach kopfschüttelnd: „Reisen Sie nach Karlsbad!”

Karlsbad ist ein theures Pflaster, aber was half's, ich mußte dorthin, wenn ich nicht an den Folgen eines Birnbaums frühzeitig von dieser Erde Abschied nehmen wollte.

Wie ich aber den schönen Baum mit seinen trügerisch schönen Früchten haßte! Am liebsten hätte ich ihn abschlagen und in Brennholz verwandeln lassen; da kam ich aber schön bei meiner Frau an. Wir hatten einen heftigen Streit, dessen Folge vorauszusehen war: der Baum blieb stehen, um auch noch andere Menschen krank machen zu können.

Die theure Gattin blieb zu Haus, und allein mit meinen tausend unverdauten Birnen im Magen fuhr ich nach Karlsbad, wo der Sprudel das gestörte europäische Gleichgewicht bald wieder auf den status quo ante brachte. Früher, als ich geglaubt und gehofft, konnte ich die Heimreise antreten. Ich hatte meine Ankunft nicht angezeigt, ich wollte die Meinen überraschen. Trotzdem sah ich auf dem Bahnhof, natürlich vergebens, nach meiner Frau aus — ich fand es unbegreiflich, daß ihr liebendes Hez ihr nicht gesagt hatte, daß ich auf dem Bahnhof stände, in der Rechten die Reisetasche, in der Linken den Koffer haltend. Es ist ein scheußliches Gefühl, anzukommen, ohne von Jemandem erwartet oder empfangen zu werden; so war denn meine Laune, allerdings durch meine eigene Schuld, nicht gerade die beste, als ich endlich vor meiner Hausthür stand.

Ich klingelte. — Niemand öffnete.

Ich klingelte abermals. — Niemand öffnete.

Ich wußte ganz genau, daß ich am Vormittag meiner Abreise meiner Frau meinen Schlüsselring, an dem sich der Hausschlüssel und der Drücker befanden, gegeben hatte, trotzdem suchte ich in allen Hosen-, Westen- und Paletottaschen, ohne etwas anderes zu finden als werthlose Pferdebahnbillets und schweren Herzens bezahlte Hotelrechnungen.

Ich läutete abermals wie verrückt. — Niemand öffnete.

„Kommst Du nicht auf diesem Wege in Dein Haus, dann vielleicht auf einem anderen!” sprach ich zu mir selbst. Ich machte linksum Kehrt und ging um das Haus, um durch die Scheune, von dort durch einen schmalen Verbindungsgang nach der Küche, von dieser nach dem Hausflur und von diesem in mein Wohnzimmer zu gelangen.

Als ich die Scheune betrat, bot sich mir ein gar seltsames Bild.

Meine kleine Frau kniete in einem einfachen starken Hauskleid auf einer ausgebreiteten blauen und weißen Küchenschürze vor einem großen Strohkorb, der voller Birnen war. Neben ihr kniete zur Rechten ein mir völlig unbekanntes weibliches Wesen, ihr gegenüber kniete der Bursche — mein kleiner Junge war der Einzige, der die Birnen stehend aß.

„Nee, Madame,” hörte ich da die Stimme der Unbekannten sagen, „nein, Madame, diese drei Birnen nehme ich nicht, die sind Fallobst, die haben Stellen!”

„Das wird immer besser!” erwiederte meine Frau. „Das soll Fallobst sein! Nicht eine einzige Birne ist zur Erde gefallen, ich und der Diener haben das Obst heute Morgen selbst gepflückt, nicht wahr, Wilhelm?”

„Jawohl, gnädige Frau, da ist kein Fallobst nicht mit darunter!”

„Da hören Sie es,” fuhr meine Frau fort, „was denken Sie sich eigentlich? Sie können sich doch nicht die allerbesten Birnen aussuchen, was sollen dann die anderen Kunden sagen?”

„Ja, wenn ich mir nicht mal aussuchen darf, was ich kaufen thue, dann kann ich auch keine Mark für das Schipp bezahlen!”

„Was, eine Mark? Sie sagten doch vorhin, Sie wollten eine Mark und zwanzig Pfennig geben?”

„So, habe ich das gesagt?” klang es ruhig zurück. „Da muß ich mich dann wohl versprochen haben, nein, mehr als neunzig Pfennig gebe ich nie für ein Schipp, nur weil gnädige Frau es sind, lege ich heute 'nen Groschen zu.”

„Geben Sie wenigstens eine Mark und zehn Pfennig!” bat meine Frau mit einer so flehenden Stimme, als bäte sie für ihr Seelenheil.

„Nein, Frau Gnädigste, das ist mir ganz und ganz gewißlich nicht möglich; aber, weil Sie es sind, und weil Sie mich so freundlich bitten thun, will ich Sie noch fünf Pfennig zulegen, aber mehr auch ganz gewiß nicht!”

„Gott sei Dank!” entrang sich dem Herzen meiner Frau, und mit einem „Gott sei Dank, daß Ihr Euch endlich einig seid!” trat ich unter die Handelnden.

Mit einem Schrei fuhr meine Frau in die Höhe.

„Du? Wo kommst Du jetzt schon her? Aber warum schreibst Du denn auch nicht? — Wilhelm, passen Sie auch genau auf, daß nicht nur die guten Birnen fortgegeben werden! — Bitte, entschuldige mich noch einen Augenblick, Du siehst ja, wie beschäftigt ich augenblicklich bin, gehe nur in Dein Zimmer! Wilhelm, begleiten Sie den gnädigen Herrn, ich folge sogleich!”

Aus diesem Sogleich wurde eine Viertelstunde und dann noch eine, und als meine Frau endlich zu mir in das Zimmer trat, war sie, wie man zu sgaen pflegt, der Auflösung nahe. Vernichtet sank sie auf einen Stuhl: „Nein, zu sagen und zu glauben ist es nicht, was man für Aerger und Verdruß hat! Alle Leute, die hierher kommen, thun es nur mit der ausgesprochenen Absicht, mich bei dem Birnenhandel zu betrügen — aber ich lasse mich nicht betrügen, nein, ich thue es nicht!”

„Aber, liebes Kind, so beruhige Dich doch!” bat ich, „es ist mir übrigens sehr lieb, daß Du das Gespräch gleich auf diesen Birnenhandel bringst; sage mir nur, wie bist Du auf diesen unglückseligen Gedanken gekommen?”

„Unglückselig nennst Du den Gedanken?” gab meine kleine Frau erstaunt und über meine Worte empört zurück, „ich finde die Idee absolut nicht unglückselig, vielmehr sehr schlau und praktisch. Ich habe schon ein hübsches Stück Geld verdient.”

„Darf ich, ohne indiskret sein zu wollen, fragen, wie viel?”

„Sechs Mark.”

Das klang so stolz, daß ich nicht umhin konnte, zu sagen: „Allerdings — ein kleines Vermögen — die Kosten der Karlsbader Reise sind beinahe gedeckt.”

Zärtlich schmiegte meine Gebieterin sich an mich: „Ach so, ja — Liebster, verzeih', ich hatte das bei dem Aerger ganz vergessen, Du warst ja in Karlsbad. Sag', wie geht es Dir? Ich finde, Du siehst bedeutend wohler aus, hat Dir der Aufenthalt dort gut gethan? Hast Du Dich gut amüsirt? Hast Du viele Bekannte getroffen? Wo hast Du gegessen? Bei Puppeler im goldenen Schild? Hast Du mir auch, wie ich Dich bat, etwas von Fanny Senk. der Unübertrefflichen, mitgebracht? Aber so erzähle doch!”

Und ich erzählte, und andächtig hörte meine Frau zu.

Da öffnete sich die Thür, und herein trat der Diener.

„Nun, was giebt's?” fragte ich, unwillig über diese Störung.

Der Diener suchte mit den Augen die Herrin des Hauses: „ Die Frau Kanzleiräthin läßt fragen, ob sie vielleicht ein halbes Schipp Birnen bekommen könnte, die gnädige Frau würden es ihr aus Gefälligkeit wohl für fünfzig Pfennig lassen.”

„Sie soll sich ihre Birnen auf em Monde pflücken!” donnerte ich los, aber meine kleine Frau erhob sich: „Bitte, verzeih' einen Augenblick, ich bin gleich wieder bei Dir!” Und ehe ich es verhindern konnte, war sie verschwunden, um wenige Minuten später, triumphirend ein blankes Fünfzigpfennigstück in der Hand haltend, wieder zu mir in das Zimmer zu treten.

„Die will ich Dir schenken,” sprach mein Ehegesponst, „dafür kannst Du heute Abend ein Glas Bier mehr trinken.”

Ich bin sonst sehr für das „Nehmen”, aber dieses Mal erhob ich abwehrend die Hände: „Behalte nur, Liebste!”

„So nimm doch!”

„Nein, wirklich, behalte sie nur!”

„Aber warum denn?”

„Nun, wenn Du es wissen willst: ich mag nicht mit dem Kanzleirath zusammen an einem und demselben Tisch sitzen und mein Bier mit demselben Geld bezahlen, das seine Frau Dir für die Birnen geschickt hat.”

Verwundert sah mich meine Frau an: „Aber warum denn nicht?”

„Ja, warum nicht? Das ist Gefühlssache, und wer's nicht fühlt, der wird es nie begreifen.”

„So willst Du also damit sagen, daß ich in dem Geldpunkt weniger feinfühlig bin als Du, daß es Unrecht ist von mir, Geld anzunehmen?”

„Du drückst Dich etwas schroff aus, Liebste, aber im Großen und Ganzen äußerst Du meine Ansicht.”

„Pfui, Du bist garstig, und ich hatte mich so auf das Wiedersehen gefreut.”

„Glaubst Du etwa, ich nicht? Aber erst muß ich eine Stunde an der Hausthür klingeln, weil Du Birnen verkaufen mußt; dann finde ich Dich mit einer Gemüsefrau um fünf Pfennig streitend, weil Du Birnen verkaufen mußt; ich will Dich begrüßen, Dir einen Kuß geben, dir erzählen, wie es mir ergangen ist, Du hast keine Zeit, Dich mir zu widmen, denn Du mußt Birnen verkaufen; ich setze Dir ganz ruhig und freidlich meine Ansichten über diesen Punkt auseinander, ohne jeden Grund nimmst Du mir das übel, machst mir eine Szene, und das alles nur, weil Du Birnen verkaufen mußt!”

Meine kleine Frau hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen und weinte die bittersten Thränen; ich selbst ging wie ein Löwe, der aber bei Hagenbeck noch nicht zur Schule gegangen ist, wuthschnaubend in meinem Zimmer auf und ab. Da öffnete sich leise die Thür, und abermals trat Wilhelm herein.

„Zum Kukuk noch einmal, was giebt es denn nun schon wieder?”

Erschrocken sah er mich an. „Das Mädchen von der Frau Kanzleiräthin läßt sagen, unter den Birnen, welche die gnädige Frau ihr ausgesucht hätte, seien drei bestoßene, und die Frau Kanzleiräthin hätten gesagt, das Mädchen solle nur von den allerbesten mitbringen, ob die gnädige Frau die drei Birnen umtauschen wollten.”

Hätte ich noch Haare auf dem Kopf gehabt, so hätte ich sie mir in diesem Augenblick ausgerissen.

„Sage dem Mädchen, die Frau Kanzleiräthin könne mir im Mondschein begegnen!”

„Aber, Mann!” bat meine Frau.

„Ach so, ja, richtig!” besann ich mich. „Nein, sage das nicht! Aber sage dem Mädchen, es solle zu Haus bestellen, meine Frau wäre meine Frau und keine Grünwaaren- und Gemüsehändlerin, und gehandelt würde hier nicht! Und noch ein Anderes will ich Dir sagen: Gnade Dir Gott, wenn Du noch einmal zu meiner Frau oder zu mir in das Zimmer kommst und meldest, daß Jemand da ist, der Birnen kaufen will! Ich schenke Dir hiermit alle Birnen, die noch da sind.”

„Es sind noch sechzig Schipp!” jammerte meine Frau und erhob flehend die Hände.

„Und wenn es sechstausend Schipp wären, ist mir ganz egal,” fuhr ich fort; „nimm sie hin, mache mit ihnen, was Du willst, verschenke sie, koche sie ein, betrachte sie als Mitgift für Deine Hochzeit, mache, was Du willst, aber laß sie verschwinden!”

Und Wilhelm ließ sie verschwinden: am nächsten Morgen fand man weder in der Scheune noch auf dem Flur von ihnen die geringste Spur.

„Gott sei Dank, daß der Birnenhandel zu Ende ist, bevor er noch größeres Unheil angerichtet hat!” sprach ich und begab mich zu meiner Frau, um definitiven Frieden mit ihr zu schließen; der Stein des Anstoßes war wenigstens für dieses Jahr beseitigt.

Kaum hatte ich meine Frau in die Arme geschlossen und ihr einen herzhaften Kuß gegeben, als der Diener uns eine Geschäftsofferte brachte. Ich öffnete und las:

„Gelegenheitskauf.

Durch einen günstigen Gelegenheitskauf in den Besitz von circa sechzig Schipp der schönsten, saftigsten Birnen gelangt, empfehle ich dieselben ganz oder theilweise per Schipp für den äußerst billigen Preis von einer Mark und vierzig Pfennig. Wiederverkäufer erhalten Rabatt.”

„Das sind ja meine Birnen!” kreischte meine Frau, und mir selbst wurde schwarz vor den Augen

„Wilhelm, wo bist Du mit den Birnen geblieben?”

„Ich habe sie an den Obsthändler verkauft, der gnädige Herr hatten sie mir doch geschenkt.”

Zuerst war ich versucht, zu fluchen, dann aber besann ich mich eines Besseren; ich griff in die Tasche und entnahm meinem Portemonnaie vierundachtzig Mark, die ich dem Diener in die Hand drückte; dann befahl ich ihm, die sechzig Schipp Birnen für mich wieder zu kaufen.

Nach einer guten Stunde kam er zurück und überreichte mir zwei Thaler.

Verwundert sah ich ihn an: „Was ist das für Geld?”

„Der Obsthändler meinte, der gnädige Herr wolle die Birnen gewiß selbst wieder verkaufen, denn allein aufessen könne der Herr sie doch nicht, und da hat er mir Rabatt gegeben, zehn Pfennig für das Schipp.”

Ich bin sanftmüthig wie ein Lamm, trotzdem erhielt Wilhelm eine schallende Ohrfeige. „Verschenken wollte ich die Birnen, ja wohl, verschenken an alle mir nur irgendwie bekannten Menschen, damit ich Ruhe hätte für alle Zeiten. Aber die Götter und die Birnen wollen meinen Tod; so leicht aber gebe ich mich noch nicht gefangen.”

Ich gab dem Diener den Befehl, vier Arbeiter zu holen, und mit diesen zusammen schaufelte ich am Nachmittag in meinem Garten ein großes Loch, in das ich die sechzig Schipp hinabsenkte. Fest wurde die Erde zugestampft — die standen nicht wieder auf.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, meldete mir der Diener, im Garten seien Diebe gewesen, die Erde wäre aufgeworfen, die sechzig Schipp Birnen wären gestohlen. —

Eine geraume Zeit ist seitdem verflossen, aber sobald es an der Hausthür klingelt, zittere ich bei dem Gedanken, daß mir meine Birnen zum Kauf angeboten würden.

Unseren Birnbaum aber, einst unser Stolz und unsere Freude, habe ich mit ewiger Verachtung bestraft. —


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© Karlheinz Everts