Die „Besichtigungsrinne”.

Von Freiherrn v. Schlicht (Dresden).
in: „Frankfurter Zeitung und Handelsblatt” vom 25.Febr. 1900,
in: „St. Petersburger Zeitung” vom 25.Febr.(9.März) 1900,
in: „Hamburger Fremdenblatt” vom 15.März 1900 und
in: „Einquartierung”.


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Es wird gewaltig gebimst und gebusmmsen, denn trotz des Schnees, der noch die Felder bedeckt, steht der militärische Frühling schon vor der Thür, und das Fest, mit dem man die Frühjahrswende feiert, ist die Compagniebesichtigung.

Die Erde krümmt sich unter den energischen Fußtritten, die viele, viele Tausend mehr oder weniger krummer Soldatenbeine ihr täglich bei dem Exercieren versetzen, die Erde stöhnt und mit ihr stöhnen die Krieger, ihnen thut es um ihrer selbst willen leid, daß sie die alma mater so schlecht behandeln müssen. Aber es geht wirklich nicht anders: werfen sie die Beine nicht himmelhoch, so wirft der Hauptmann sie ins Loch, und anstatt in Speck und dicken Erbsen zu schwelgen, müssen sie sich dann von trocken Brot und Wasser ernähren.

Und Das ist für Den, der es nicht mag, kein Hochgenuß. Jeder, der es weiß, braucht es nicht erst durch diese Zeilen zu erfahren, daß die Armee in den letzten Jahren zu wiederholten Malen durch ein neues Exercierreglement, eine neue Felddienst­ordnung und eine neue Schießvorschrift beglückt worden ist.

Aber malgré tout cela, um nicht zu sagen, trotz alledem, ist auch heute noch der Parademarsch die Hauptsache, in dieser Hinsicht stehen wir so ziemlich auf demselben Standpunct wie anno Toback (man nennt das Jahr so, weil es damals noch keinen Taback gab) und wie es heute ist, so wird es auch noch vorläufig bleiben.

Das wissen die Herren Compagniechefs, die trotz der Behauptung ihrer Vorgesetzten, daß sie keine Ahnung haben, doch nicht so thöricht sind, wie die hohen Herren manchmal aussehen, ganz genau, und deshalb üben sie während des Compagnie–Exercierens den Parademarsch nach allen Regeln der Kunst.

Ich möchte sagen, der Parademarsch ist der rothe Faden, der sich durch das ganze militärische Dasein hindurch zieht.

Der Parademarsch wird geübt in Rotten, Gliedern, Zügen und in der ganzen Compagnie. Eben erscheint der Herr Major, der, wenn auch schweren Herzens, seinen Winterschlaf unterbricht, um sich den Parademarsch der Compagnien anzusehen, und dann befiehlt eines Tages der Herr Oberst: „Morgen werde ich mir den Parademarsch der Compagnien ansehen!”

Das ist ja denn nun, wie man zu sagen pflegt, eesig, aber es läßt sich leider nicht ändern.

Am nächsten Morgen stehen die Bataillone auf dem großen Exercierplatz zum Parademarsch in der Tiefcolonne bereit, es erscheint der Herr Oberst mit seinem Adjutanten.

Die Herren Bataillons–Commandeure reiten ihm entgegen, um zu melden, was der Oberst schon lange gesehen hat, daß die Bataillone zur Stelle sind.

Nur Thoren können diese Meldung für überflüssig halten.

Der Commandeur winkt den Stabsofficieren ab, er hat noch keine Zeit für sie, gefolgt von seinem Adjutanten reitet er auf dem Exercierplatz herum, im ganz kurzen Trab den Blick beständig zu Boden gesenkt.

Es unterliegt keinem Zweifel, der Oberst sucht etwas, aber was?

Das weiß außer dem Oberst selbst kein Mensch, nicht einmal der Adjutant, der doch sonst nicht nur Alles weiß, sondern auch Alles wissen muß, denn wozu ist er denn sonst Tintenspion.

Der Oberst trabt auf seinem Gaul immer noch herum, und der Adjutant trabt mit, ja, auch er heftet den Blick zu Boden und sucht mit, obgleich er gar nicht weiß, was er suchen soll.

„Unbegreiflich,” spricht da der Oberst vor sich hin.

Gewohnheitsmäßig legt der Adjutant die Hand an die Mütze, obgleich er gar nicht weiß, worauf sich diese Bemerkung bezieht.

Aber mit Freuden constatirt er, daß es doch irgend etwas auf der Welt gibt, das sein Herr nicht begreift.

„Die Sache ist mir geradezu unfaßlich, verstehen Sie es?” fragt da der Commandeur.

Der Adjutant hat noch immer keine Ahnung, um was es sich handelt, aber Das ist in diesem Falle ja auch ganz gleichgültig, wenn der Oberst etwas nicht versteht, darf er es, wenigstens officiell, erst recht nicht verstehen. So zögert er denn auch nicht einen Augenblick, sondern er antwortet mit fester Stimme: „ Nein, Herr Oberst!”

Diese Worte erfreuen den Commandeur, denn sie zeigen ihm, daß er sich nicht irrte, daß Das, was er nicht zu begreifen vermochte, wirklich unfaßlich ist.

Im Kreise umreitet der Oberst immer einen Ahornbusch, der sich mitten auf dem Exercierplatz befindet. Dieses Gestrüpp ist heilig wie die einsame Pappel auf dem Tempelhofer Felde, sie darf, obwohl sie oft sehr im Wege steht, nicht augerottet werden, denn sie spielt bei dem Exercieren eine sehr wichtige Rolle: bald dient sie bei Marschbewegungen als „Marsch­richtungs­punct” (point de vue sagt der Deutsche), bald dient sie bei Gefechten als Versteck für die durch eine weiße Flagge markirte feindliche Cavallerie, jeden Tag spielt sie eine andere Rolle, sie ist nicht zu entbehren.

„Hier ging sie doch früher vorbei,” spricht der Oberst vor sich hin.

Bei dem Worte „sie” horcht der Adjutant doch auf, die „sie” interessirt ihn, er ist ein großer Damenfreund, wie er Das dem Rock, den er trägt, schuldig ist. So ziemlich kennt er alle Damen, die irgendwie, sei es bei reellen oder unreellen Absichten für einen Leutnant in Frage kommen, aber vergebens zerbricht er sich den Kopf darüber, welche „sie” früher hier bei dem Ahornbusch vorbeizugehen pflegte. Und was geht diese „sie” schließlich den Oberst an, der ist doch verheiratet und hat erwachsene Kinder. Allerdings, Alter schützt vor Thorheit nicht, und Armut macht nicht glücklich, Das ist eine alte Geschichte.

„Ich begreife es wirklich nicht,” sagte der Commandeur, „die Besichtigungsrinne kann doch nicht spurlos von der Erdoberfläche verschwunden sein!”

Vor Schrecken und Enttäuschung sinkt der Adjutant auf seinem Pferd in sich zusammen: Das also ist des Pudels Kern? Das hätte er nur vorher wissen sollen, dann wäre er unter irgend einem Vorwand zurückgeblieben und hätte seinen Herrn allein in der Welt herumreiten lassen. Wegen dieser Lappalie die Beine seines Pferdes anzustrengen, lohnte sich doch wirklich nicht.

Aber der Oberst hat Recht mit Dem, was er sagt: die Besichtigungsrinne ist verschwunden.

In früherer Zeit, noch in der vorigen „Saison”, führte eine schnurgerade, Gott weiß wie entstandene Furche über den Theil des Exercierplatzes, der den stolzen Titel hatte: das Paradefeld. Sollte bei Besichtigungen der Parademarsch gemacht werden, so wurde der rechte Flügelmann der Compagnie so „aufgebaut” daß er mit seinen beiden Hacken auf der Furche stand. Während des Marsches hatte er nur darauf zu achten, daß er stets auf der für die hohen Vorgesetzten vom Pferde herab kaum sichtbaren Furche blieb. Das schwierige Problem, geradeaus zu gehen, wurde auf diese Weise mit spielender Leichtigkeit gelöst. Man hatte bisher immer deswegen hohes Lob geerntet, und nun ist mit einem Mal die Furche, die im Laufe der Jahre den Namen „die Besichtigungsrinne” erhalten hatte, spurlos von der Erdoberfläche verschwunden.

Wo mag, wo kann sie nur geblieben sein?

Der Adjutant erinnert sich dunkel, in seiner Jugend einmal Etwas davon gehört zu haben, daß die Erde vor einiger Zeit einmal ein glühender Feuerball gewesen sei, daß sie nach und nach ihre jetzige Formation angenommen habe, und daß durch irgendwelche Einflüsse, auf die er sich im Augenblick nicht besinnen konnte, die ja aber auch ganz nebensächlich waren, sich auch jetzt zuweilen die Erde noch in ihrem Aeußeren verändere.

Sollten irgendwelche geheimnißvollen Naturkräfte ihre Hand im Spiel gehabt haben?

Aber auch auf einfachere Art konnte man sich das Verschwinden der Besichtigungsrinne erklären. Vielleicht war ein Bauer, obgleich es bei fünf Mark Strafe verboten war, über den Exercierplatz gefahren, und die Räder seines Wagens hatten die Furche vernichtet, auch ein starker Regenguß oder der im Winter reichlich gefallene Schnee konnten, der letztere als er schmolz, die Spur vernichtet haben.

Der Lösungen des Räthsels gab es viele, aber es hatte keinen Zweck, sich hiermit aufzuhalten. Nicht auf die Veranlassung kam es an, sondern auf die Thatsache: die „Besichtigungsrinne” war verschwunden, und sie kam nicht wieder zum Vorschein, als der Commandeur sich jetzt sein Monocle einklemmte und mit diesem Vergrößerungsglas die Erdoberfläche absuchte.

„Was machen wir denn nun?” fragte der Oberst.

„Es ist immer die alte Geschichte,” dachte der Adjutant, „so lange die Vorgesetzten etwas wissen, dürfen wir nicht den Mund aufmachen, dann ist Alles, was wir sagen, Unsinn, sind sie aber mit ihren Kenntnissen Matthäi am letzten, dann erinnern sie sich gnädigst, daß wir nicht nur ein Amt, sondern zuweilen auch eine Meinung haben.”

Laut aber sagt er: „Wenn die Besichtigungsrinne verschwunden ist, müssen wir es eben ohne sie versuchen.”

Der Commandeur versinkt in tiefes Nachdenken, der Rath, den ein Untergebener einem Vorgesetzten gibt, will wohl überlegt sein, denn die Verantwortung fällt immer auf Den zurück, der das höchste Gehalt bezieht.

„Ihr Vorschlag hat etwas für sich,” sagt der Oberst endlich, „ich glaube, er ist praktisch und sachgemäß, auch ich sehe keinen anderen Auswg!”

„Aus dem einfachen Grunde, weil es thatsächlich keinen anderen gibt,” denkt der Adjutant, dann sagt er: „Könnten wir vielleicht jetzt mit dem Parademarsch anfangen, Herr Oberst, die Leute stehen sich sonst die Beine in den Leib.”

So unrecht hat der Adjutant nicht, seit einer halben Stunde und länger stehen die Mannschaften und die Herren Officiere auf demselben Fleck Erde, und nichts ermüdet auf der ganzen Welt so wie das Stehen, nicht einmal das viele Schlafen.

Der Commandeur stimmt seinem Adjutanten bei und der Oberst ruft zunächst die Herren Officiere zu sich heran: „Meine Herren,” sagt er, „gleich mir werden auch Sie sich erinnern, daß hier früher eine Furche war.” (Den Untergebenen gegenüber vermeidet er das Wort „Besichtigungsrinne”.) „Die Furche, die ja in mancher Weise eine Erleichterung für uns bildete, ist verschwunden, nun, meine Herren, es geht auch ohne sie, ermahnen Sie nur Ihre Flügelleute, genau geradeaus zu gehen, auch die Herren Leutnants bitte ich, bei dem Parademarsch, wenn sie am rechten Flügel sich befinden, recht genau geradeaus zu gehen. Ich bitte Sie, meine Herren Leutnants, sollten Sie meine Bitte nicht erfüllen, so müßte ich Ihnen grob werden — mir ist das einerlei, vielleicht aber ist es Ihnen nicht gleichgültig. Wir wollen jetzt anfangen, meine Herren, ich danke Ihnen.”

„Es geht auch ohne die Furche,” hat der Herr Oberst gesagt, und was ein Regiments­commandeur behauptet, pflegt im Allgemeinen und im Besonderen die lautere Wahrheit zu ein.

Aber trotz alledem gehr es doch nicht ohne sie. Bei dem Parademarsch in Zügen gehen die rechten Flügelleute nicht geradeaus, und bei dem Marsch in Compagniefront bummeln und sündigen die Herren Leutnants. Es wird gedrängt, geschoben und gestoßen, die Leute torkeln und fallen, sie stolpern über ihre eigenen Gebeine. Die Richtung geht zum Teufel — die Sache ist jammervoll.

Der Oberst wettert, schimpft und flucht, daß die Locomotive der Secundärbahn, die am Rande des Exercierplatzes vorbeigeht, es mit der Angst bekommt und davonrast, daß der Locomotiv­führer sie kaum zu zügeln und zu bremsen vermag. Die Unbetheiligten fliehen den Ort des Schreckens, die Andern thäten es am liebsten auch, aber sie müssen dableiben.

Der Oberst ist schon derartig grob, daß er bei dem besten Willen gar nicht gröber werden kann, trotzdem ruft er beständig: „Wenn es jetzt aber nicht besser wird, werde ich grob, darauf können Sie zehn Eide schwören.”

Aber auch diese Prophezeiung nützt nichts, es wird nicht geradeaus gegangen.

Da wird der Oberst energisch und bestraft die sämmtlichen rechten Flügelleute der zwölf Compagnien mit drei Tagen Arrest und dictirt einigen Leutnants drei Tage Stubenarrest wegen grober Vernachlässigung bei dem Exercieren.

Aber — das hilft auch nichts.

„Meine Herren, es muß gehen,” fährt der Commandeur seine Hauptleute an, „mit diesem Parademarsch können wir Se. Excellenz nicht empfangen.”

Das sehen die Herren vollständig ein, aber besser wird der Marsch ihrer Compagnien deshalb doch nicht.

Es wird weiter geübt, es wird gebimmst und gebummsen, daß es keine rechte Freude ist.

Endlich, endlich ruft der Oberst seine Officiere von Neuem zu sich heran und sagt: „Meine Herren, wir wollen jetzt aufhören, aber morgen Früh um dieselbe Zeit sehen wir uns hier Alle wieder, und ich bitte mir aus, daß der Parademarsch morgen geht.”

Und als am nächsten Morgen der Oberst mit seinem Adjutanten auf dem Exercierplatz erscheint, da geht der Parademarsch wirklich, die rechten Flügelleute marschiren geradeaus, daß es ein Stolz ist.

Der Commandeur wendet sich an seinen Begleiter: „Es freut mich, daß ich gestern einmal gehörig grob geworden bin und einige Strafen verhängt habe. Von Zeit zu Zeit ist eine gehörige Dosis Grobheit sehr angebracht,” und den Leuten ruft er zu: „Na, warum geht es denn nun?”

Niemand antwortet, auch nicht der Adjutant, aber ein leises Lächeln umspielt seinen Mund: er weiß es, aber er verräth es nicht, die „Besichtigungsrinne” ist wieder da, sie ist im Laufe des gestrigen Nachmittags von fleißigen Soldatenhänden, die den Spaten führten, wieder hergestellt worden.


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