Die Stiefel des Benefizianten.

Humoreske von Freiherr von Schlicht.
in: „Meraner Zeitung” vom 30.4.1899 und
in: Bühne und Welt,
1.Jahrgg. 1898/99, 2.Halbjahr, Seite 661 - 664, Mai 1899

(Siehe dazu auch den zugehörigen Brief von Schlicht/Baudissin)


Der erste Liebhaber und zugleich Bonvivant des Stadttheaters in der kleinen Provinzialstadt H. hatte heute sein Benefiz. Nur wer die Theaterverhältnisse in einer kleinen Stadt kennt, weiß, wie viel Hoffnungen an solchen Abend geknüpft werden. Die Gage ist so gering, daß sie kaum zum Sattmachen reicht, selbst in den kühnsten Träumen kann keiner daran denken, auch nur einen Groschen für schlechte, engagementslose Zeiten zurückzulegen. Auf der Bühne Fürsten und Könige in mehr oder weniger glänzenden Gewändern, im Leben arme Teufel, die häufig tagelang von trocken Brot und Wasser leben — so leben sie in der Welt des Scheins und Seins. Man braucht da wirklich kein Verschwender zu sein, um mit der Gage nicht zu reichen, man gerät in Schulden, und die einzige Hoffnung, diese bezahlen zu können, ist das Benefiz. Wieviel Hoffnungen schließt dieser eine Abend in sich, aber auch wieviel bittere Enttäuschungen — nie werde ich es vergessen, daß in der kleinen Stadt, in der ich lebe, die erste Liebhaberin einmal an ihrem Ehrenabend fünfundzwanzig Pfennig ausgezahlt erhielt — eine Tragik, die einer gewissen Komik nicht entbehrt.

Ein so trauriges Resultat brauchte der erste Liebhaber Reimers nun nicht zu befürchten, denn er war ein wirklich guter Schauspieler und, was noch mehr wert war, die Schwärmerei sämtlicher jungen Damen. Er war ein großer, hübscher Mensch von schlanker, eleganter Figur, mit einem jugendlichen, frischen Gesicht, mit schmachtenden, dunkeln Augen und dichten blonden Locken. Alles an ihm war hübsch, nur eins war häßlich, das waren seine Füße, die waren zu lang geworden, viel zu lang und leider auch zu breit. Er versuchte dieses Uebel dadurch zu verbergen, daß er stets Beinkleider trug, die sehr weit auf den Fuß fielen, in Salonrollen ging es, aber wenn er einmal in hohen Reiterstiefeln erscheinen mußte, war der Anblick seiner Fortbewegungs­organe weniger schön. Vielleicht wäre die Größe seiner Füße auch weniger aufgefallen, wenn er andere Stiefel getragen hätte; er besaß nur ein einziges Paar, die er stets, sowohl auf der Straße wie auf der Bühne trug, es waren Knöpfstiefel aus gewöhnlichem Leder mit breiter, sehr langer Lackspitze. Lackstiefel machen bekanntlich sehr leicht einen häßlichen Fuß — ein unschöner Fuß erscheint in Lackstiefeln doppelt und dreifach scheußlich. Reimerts hatte, wie gesagt, nur dieses eine Paar, und mußte er in hohen Stiefeln erscheinen, so zog er zu seinen Knöpfstiefeln ein Paar schwarzlederne, bis an das Knie reichende Gamaschen an, und fertig war die Verwandlung.

Mit dieser Stiefelmetamorphose mußte Reimers auch in der Rolle, die er sich zu seinem Benefiz ausgewählt hatte, auftreten. Nicht leicht ist die Wahl eines Stückes für den Benefizianten in einer kleinen Stadt — ist das Stück ganz unbekannt, so sagt sich jeder: „Das kennen wir nicht, wir wollen erst einmal abwarten, wie es ist.” Ist das Stück alt, so sagt jeder: „Was, solch altbekanntes Stück? Das haben wir ja schon einmal gesehen, dafür geben wir unser Geld nicht zum zweiten Male aus!” Das Resultat ist in beiden Fällen dasselbe: das Haus bleibt leer.

Der Benefiziant kämpfte einen schweren Kampf, welche Rolle er wählen solle, bis er sich endlich für den „wilden Reutlingen” in dem gleichnamigen Lustspiel von Moser und Trotha entschloß. Geschickt verfaßte Notizen im Tageblatt erweckten die Neugier des Publikums, die erstaunten Bewohner des Städtchens lasen, daß Friedrich der Große in höchst eigener Person auf der Bühne erscheinen würde, Se. Majestät der Kaiser hatte dies allergnädigst erlaubt, ja es ging sogar das Gerücht, daß der Krückstock und die Uniform des alten Fritzen aus dem Hohenzollen-Museum entliehen seien. Reimers hatte sich in seiner Berechnung nicht geirrt, diese Notizen zogen und schon im Vorverkauf waren sämtliche Plätze vergriffen. Der Herr Direktor rieb sich die Hände und der Benefiziant rieb sich den Magen — dem sollte heute abend ein doppeltes Beefsteak gut thun. Nach Abzug aller Kosten kamen auf seinen Anteil fast zweihundert Mark, soviel Geld hatte er seit einer Ewigkeit nicht gesehen, nun konnte er nicht nur einige drückende Schulden bezahlen, sondern auch seine Garderobe etwas auffrischen. Und dazu gehörte in erster Linie, daß seine Stiefel, deren Sohlen durchgelaufen und deren Lackspitzen an den Seiten geplatzt waren, aufgebessert wurden. Als er von der letzten Probe, auf der er von dem glänzenden Kassenresultat gehört hatte, fortging, galt sein erster Besuch dem Schuster.

„Kann ich die Stiefel bis um fünf Uhr heute nachmittag wieder in der Wohnung haben?” fragte Reimers, und der Schuster versprach, die Stiefel gleich aus der Wohnung des Schauspielers abholen zu lassen und sie spätestens um vier Uhr schon fix und fertig zurückzuliefern.

Aber die Stiefel waren weder um vier Uhr noch um fünf Uhr wieder in der Wohnung, in der der Schauspieler erregt und beunruhigt in großen Filzschuhen auf und ab ging.

Um sieben Uhr fing das Theater an, um sechs mußte er in der Garderobe sein und jetzt war es gleich einhalb sechs. Sein erster Gedanke war, zu dem Schuster zu eilen und diesen zur Rede zu stellen, aber die Ausführung scheiterte daran, daß er kein zweites Paar Stiefel anzuziehen hatte. Er konnte doch nicht in Socken über die Straße gehen — aber in Morgenschuhen; ja, wenn er noch ein paar lederne gehabt hätte! aber seine waren aus Filz und dunkel konnten sie sich der Zeit entsinnen, da auch sie einmal jung und schön gewesen waren.

Es schlug halb sechs.

In seiner Not wandte er sich an seine Wirtin, eine hübsche stattliche Witwe, die die Hälfte ihres Herzens an ihren Mieter verloren hatte, und diese, eine resolute Frau, versprach Hilfe: „Das ist ja unerhört, Herr Reimers, was Sie mir da sagen, aber wissen Sie was? Ich laufe schnell hin zum Schuster, es sind nur einige Schritt, und bringe Ihnen die Stiefel mit, verlassen Sie sich darauf.”

Sie eilte davon und nach einer guten Viertelstunde kam sie schon zurück: „Nein, aber so was, Herr Reimers! Nee, ich habe dem Mann aber seinen Standpunkt klar gemacht, er hat Dinge von mir zu hören bekommen, Dinge — nee, die Rede, die ich ihm gehalten habe, steckt er sich nicht hinter den Spiegel!”

„Ich danke Ihnen, liebe Frau Wirtin — aber wo sind meine Stiefel?”

„Ja, das ist ja eben die Geschichte, die sind natürlich noch nicht fertig.”

Er rang verzweifelt die Hände: „Aber liebste Frau, warum haben Sie die Stiefel denn nicht so mitgebracht, wie sie waren?”

„So wie sie waren?” fragte sie erstaunt, „ohne Sohlen? Was wollen Sie auf der Bühne mit einem Paar Stiefel ohne Sohlen?”

Er taumelte zurück: „Was, ohne Sohlen?”

„Ja,” gab sie entrüstet zur Antwort, „denken Sie sich nur, die hatten sie gerade in dem Augenblick abgerissen, als ich kam, aber in einer Stunde sind sie fertig, er schickt sie ins Theater, er hat es mir geschworen und ich habe gedroht, ihm die Augen auszukratzen, wenn er nicht Wort hält; er kennt mich und weiß, daß ich in solchen Dingen nicht scherze.”

„Das ist alles sehr schön und sehr gut, liebste, beste Frau,” entgegnete der erregte Mime, „aber was soll ich machen, ich muß jetzt ins Theater und ich habe keine Stiefel.”

Einen Augenblick dachte die Wirtin nach, dann sagte sie: „Wissen Sie was? Ziehen Sie sich Ihre Gummigaloschen an, es ist schon dunkel auf der Straße, es sieht kein Mensch, daß Sie keine Stiefel darin anhaben. Und im übrigen verlassen Sie sich auf mich, ich gehe, bevor ich ins Theater komme, noch einmal beim Schuster vor — um dreiviertel auf sieben sind die Stiefel in Ihrer Garderobe.”

„Ihre Garderobe,” das klang sehr stolz und sehr vornehm — in Wirklichkeit war aber für die ganzen Herren nur eine einzige Garderobe da, und in dieser herrschte schon das reine Ameisengewimmel, als Reimers endlich erschien. Freundlich und herzlich wurde er von seinen Kollegen begrüßt, er war ja der Held des Abends, und alle hofften, daß er sie nach beendeter Vorstellung zu einem Glase Bier einladen würde. Der einzige, der bereits mit der Toilette fertig war, war „der alte Fritz”, er trat zwar erst im letzten Akt auf, aber er wollte sich durch ein fleißiges Studium noch das Schnupfen, das Zuschlagen der Tabaksdose und den Gang des großen Königs mehr zu eigen machen. Endlich war auch der Letzte angezogen, die letzte Perücke aufgesetzt, und alle Schauspieler standen auf der Bühen, einer nach dem andern durch das Loch im Vorhang sehend! „Kinder, ist das eine Fülle,” sagte da die Soubrette, die den Fähnrich spielte, „vor so viel Menschen geniere ich mich ja in diesem Aufzug,” und kokett drehte sie sich auf den Absätzen, um sich in ihrer kleidsamen fridericianischen Uniform von allen Seiten bewundern zu lassen.

Die Musik hatte ihren Marsch beendet, das erste Klingelzeichen war gegeben, da stürzte „der wilde Reutlingen” in voller Uniform, aber ohne Stiefel auf die Bühne.

„Um Gottes Willen, noch nicht den Vorhang hoch, meine Stiefel sind noch beim Schuster!”

Ein fürchterliches Halloh und Durcheinander erfolgte.

„Ruhe,” gebot der Direktor, „ich ziehe jedem, der spricht, eine Mark von seiner Gage ab,” dann wandte er sich an den „wilden Reutlingen”: „Ich verlange Aufklärung.”

Die wurde gegeben, aber damit waren die Stiefel noch nicht da.

Der Direktor war ein Mann der That: „Wo ist der Theaterdiener? Er soll sofort hinlaufen und die Stiefel holen.”

Der Theaterdiener stürmte davon, und gleich darauf erschien im Orchesterraum ein kleiner Junge und rief dem Leiter der Kapelle zu: „Noch ein Stück Musik.”

Man hatte die Worte im ganzen Theater vernommen, und ein lautes Halloh ertönte, als die Musik „die blaue Donau” intonierte.

Als der letzte Ton verhallt war, stürzte der Theaterdiener atemlos auf die Bühne: „Der Schuster sagt, die Stiefel müßten schon lange hier sein, vor einer Viertelstunde hätte er seinen Laufburschen damit fortgeschickt.”

Sie mußten da sein, aber sie waren nicht da.

Zwischen dem Direktor und dem Benefizianten fand eine Aussprache statt, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ.

Das Publikum hörte das laute Sprechen auf der Bühne und fing an, ungeduldig zu werden, und schnell zog der Direktor aus seiner Rocktasche die Glocke und klingelte zum zweiten Male. Wie auf Kommando wurde es still im Zuschauerraum.

„Aber so haben Sie doch Mitleid,” bat der Liebhaber. „Sie können doch nicht anfangen lassen?”

„Soll ich etwa das Publikum wieder nach Hause schicken, das Entree zurückzahlen, wo ich endlich einmal Kasse habe? Ich denke nicht daran — gespielt wird, mit oder ohne Stiefel, die ganze Sache ist Ihre Schuld, warum sind Sie so eitel und wollen mit heilen Stiefeln kommen! Haben die kaputen es so lange gethan, hätten sie auch heute Abend noch gehalten. In den ersten Scenen treten Sie ja nicht auf, sehen Sie zu, woher Sie bis dahin ein Paar Stiefel haben, leihen Sie sich welche.”

„Aber mir passen doch keine andern,” jammerte der Aermste.

„Mir ganz egal,” donnerte der Gestrenge, „dann spielen Sie in Gummischuhen oder machen Sie, was Sie wollen. Sie können aber lange warten, bis ich Ihnen jemals wieder ein Benefiz bewillige! Wir fangen an. Auf die Plätze, eins, zwei, drei. Vorhang hoch!”

In einer Stimmung, die nichts anderes als Selbstmord­gedanken aufkommen ließ, lehnte „der wilde Reutlingen” an einer Coulisse. Was sollte werden? Wie sollte er vor das Publikum treten? Die erste Scene war vorüber, immer näher kam der Augenblick, in dem er an der Spitze seiner Offiziere in das Kloster stürmen sollte, dessen Bewohner aus Furcht vor den Preußen geflohen waren und in dem nur eine junge Dame mit ihrer Zofe zurückblieb. Was sollte werden?

Da, in der höchsten Not kam ihm der rettende Gedanke, und als er, von dem Beifall des Publikums begrüßt, auf der Scene erschien, stürmte er nicht, wie die Rolle es vorschreibt, wild herein, sondern er kam langsam, gestützt auf den Krückstock des alten Fritzen einhergegangen, die Füße in Gummischuhen, die mit Tüchern umwickelt waren. Da erblickte er die junge, schöne Bewohnerin des Schlosses und improvisierend sagte er: „Verzeiht mein Fräulein, daß ich so vor Euch erscheine. Ich bin blessiert, ich stürzte mit dem Pferde, verzeiht, wenn ich mich setze.”

Niemand ahnte im Publikum, was los war, niemand kam auf den Gedanken, daß es sich um eine Improvisation handelte. Andächtige, teilnehmende Stille herrschte im Zuschauerraum, als sich „der wilde Reutlingen” ächzend und stöhnend auf einen Sessel niederließ.

„Das hab ich gut gemacht,” sprach er frohlockend zu sich selbst, und wollte eben mit dem von den Dichtern vorgeschriebenen Text beginnen, — da ertönte die Frage an sein Ohr: „Herr Reimers, soll ich Ihre Stiefel in die Garderobe bringen?” und neben ihm stand ein Schusterjunge, seine heiß ersehnten Stiefel in den Händen.

Mit einem Schlage begriff das Publikum, um was es sich handelte, ein Sturm des Jubels brach los, und der Vorhang ging nieder, um sich nicht wieder zu heben. Das Geld wurde an der Kasse zurückgezahlt und dem armen Schauspieler bleib von seinem Benefiz weiter nichts, als ein paar neue Sohlen unter den Stiefeln.


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