Sennorita Bella.

Eine Erzählung aus dem Circus von Freiherrn von Schlicht.

in: „Hamburger Fremdenblatt” vom 20. und 21.Jan. 1899


Auf der Chaussee, die nach der Provincial-Hauptstadt H. führte, rollten die Wagen — sechs an der Zahl — des Circus Brisinelli dahin. Steil führte der Weg in die Höhe, und kräftig halfen die männlichen Mitglieder der Truppe, mit ihren starken Armen und Schultern den Pferden die schwere Last zu erleichtern. Weit war die Reise, die die Gesellschaft heute schon zurückgelegt hatte, und fast noch drei Stunden konnten vergehen, ehe man die Stadt erreichte. Man durfte nicht rasten und nicht ruhen, wenn man noch zur Mittagstunde den durch große Placate und bunte Affichen angekündigten Umzug halten wollte, der die Aufmerksamkeit, die Neugier und das Interesse der Bewohner erwecken und dem Circus bei seinen Vorstellungen einen guten Besuch zuführen sollte.

Der Gesellschaft voran schritt der Director Brisinelli, — wie er sich, obgleich er ein guter Deutscher war, mit seinem Künstlernamen nannte, — er war kaum vierzig Jahre alt, eine große stattliche Gestalt mit einem scharfgeschnittenen, kühnen, enegischen Gesicht, dem ein schwarzer Bart à la Henri quatre ein gar imponirendes Aussehen verlieh. Aber wie er jetzt auf der Straße dahin schritt, den Blick auf den Boden gesenkt, sich kaum von Zeit zu Zeit einmal nach den Seinen umsehend, machte er den Eindruck eines müden, geschlagenen Mannes, der im Kampf um das Dasein unterlegen war. Und wohl noch einen Stärkeren als ihn hätte das Unglück, das über ihn hereingebrochen war, zu Boden geworfen. Vor ungefähr vier Wochen war seine Frau einem langen Leide erlegen, wenige Stunden, nachdem sein 18jähriger Sohn durch einen Fehlgriff vom hohen Trapez gestürzt und als Leiche hinausgetragen war. Nicht nur zwei Menschen, an denen sein Herz mit zärtlichster Liebe gehangen hatte, waren für immer von ihm gezogen, sondern auch zwei Künstler, die durch ihre Leistungen allabendlich stürmischen Beifall gefunden und die größte Anziehungskraft auf das Publicum ausgeübt hatten. Die Frau Director war auf ihrem Rapphengst „Blondin” eine treffliohe Schulreiterin gewesen, während sein Sohn durch seine Arbeit am Doppel-Trapez selbst älteren und berühmteren Artisten in keiner Weise nachstand.

Aber Das nicht allein, nicht nur den Verlust seiner beiden Lieben hatte der Director zu beklagen —, es war, als wenn mit ihrem Fortgange der gute Stern, der ihm bisher geleuchtet hatte, gewichen war. Wo immer auch der Circus inzwischen Vorstellungen gegeben hatte, das Publicum blieb aus, die Tageseinnahme reichte kaum zur Deckung der großen Unkosten; an ein Verdienen war nicht zu denken, und schon zu wiederholten Malen hatte der Director seine Ersparnisse angreifen müssen. Schwere pecuniäre Sorgen bedrückten ihn; kam nicht bald ein Umschwung der Verhältnisse, so mußte er das Geschäft aufgeben, die Unterhaltung der Mitglieder und der Pferde kostete täglich eine große Summe. Immer und immer Ausgaben und diesen gegenüber nur geringe Einnahmen. Wie sollte Das enden und wovon sollte er leben, wenn er gezwungen würde, seine Truppe aufzulösen? Sollte er, der so lange sein eigener Herr gewesen war, denn wieder bei einem anderen Circus eine Stellung annehmen? Würde es ihm denn möglich sein, Bella, sein vierzehnjähriges Töchterlein, sein einziges Kind, bei sich zu behalten? Würde er denn nicht vielleicht gezwungen werden, sich von ihr zu trennen, sie einer anderen Truppe, einem anderen Circus anzuvertrauen? Eine Künstlerin, eine große Künstlerin sollte sie werden, und er hatte gehofft, daß er selbst ihr Lehrmeister sein würde. Aber was dann, wenn er auch diesen Traum aufgeben, sich auch noch von ihr trennen mußte, was hatte er dann noch am Leben, wenn er Alle, die er geliebt hatte, wenn er Alles, was er besessen, einem grausamen Geschick hatte opfern müssen?

Er hob den Blick vom Boden, als wolle er in der Natur, die ihn umgab, als wolle er am Himmel, der hell und blau über ihm leuchtete, Antwort finden auf seine Frage. Da sah er zu seinen Füßen, nachdem die steile Anhöhe erklommen war. die Stadt H. vor sich liegen. „Von dir, du Stadt,” sprach er vor sich hin, „hängt mein Geschick, mein ganzes Leben ab, was wirst Du mir bringen?”

Alle seine Hoffnungen hatte der Director Brisinelli auf die Stadt H. gesetzt. Acht Tage währte der Jahrmarkt, den er mit seiner Truppe besuchen wollte — sowohl von den benachbarten Städten als auch vom Lande pflegten während des Marktes viele Besucher nach H. zu kommen, sodaß er hoffen konnte, seine Vorstellungen vor gut besetztem Hause geben zu können. Trogen ihn aber seine Hoffnungen, blieb auch hier der Besuch aus, dann mußte er den Circus zumachen.

Eine halbe Stunde vor der Stadt wurde gerastet und Alles zum glänzenden Umzug gerichtet. Die Costüme wurden gewechselt, die Pferde, die von den Stallknechten geführt worden waren, gesattelt, die zehn Mann starke Musikcapelle holte ihre Instrumente hervor und mit schmetternden Fanfaren hielt der weltberühmte Circus Brisinelli bald darauf seinen Einzug in die Stadt. An der Spitze ritt der Herr Director auf einem scheckigen Hengst und zierlich und graciös courbettirte das Pferd unter seinem Reiter. Zur Linken des Directors ritt auf ihrem Schimmelwallach „Cäsar” in leichtem Tricot seine Tochter Bella, die die Voltige à la Richard arbeitete, dann kam der Clown mit seinem Mohrenpferd, dann die beiden Athleten, die auf dem Panneau Gladiatorenkämpfe aufführten, die Reiterin Elina, die in Pirouetten und im Sprung durch Reifen nicht ihres Gleichen hatte, eine Gymnastiker-Truppe, und den Schluß bildete „der Indianer zu Pferde”, eine gar wild und kriegerisch ausstaffirte Gestalt mit schrecklich tätowirten Armen.

Dem seltsamen Zug schloß sich eine immer mehr und mehr wachsende Menge an und von Zeit zu Zeit lud der Herr Director zum Besuch seines Circus ein, indem er mit weithin schallender Stimme einem hohen Adel und einem kunstverständigen Publicum die großartigsten Vorstellungen und Vorführungen auf dem Gebiet der circensischen Kunst versprach.

Vierundzwanzig Stunden später wird der Circus eröffnet, große Annoncen im Tageblatt hatten zum Besuch der Galavorstellung eingeladen — aber nur Wenige hatten der Aufforderung Folge geleistet, das Haus war fast leer.

„Wir wollen heute Abend unser Bestes leiten,” sagte der Director zu seiner Truppe. „Das Publicum ist vielleicht mißtrauisch; wir wollen zeigen, daß wir etwas können, dann wird sich der Besuch von selbst heben.”

Unter dem Beifall der Zuschauer ging die Vorstellung zu Ende; trotzdem brachte der nächste Abend keinen stärkeren Besuch, und verzweifelt rang der Director die Hände. Was sollte werden, was sollte er anfangen, um das Publicum anzulocken? Die Concurrenz war zu groß; auf dem großen freien Platz, inmitten der Stadt, stand eine Schaubude neben der andern, eine jede nahm für sich einen Theil des Publicums in Anspruch, Alle boten Gutes — nur wer Hervorragendes leistet, konnte auf Bevorzugung rechnen. Und Hervorragendes gab es im Circus nicht zu sehen, die „Zugnummer” fehlte, und ohne die geht es nun einmal nicht. Das gestand sich der Director sehr wohl ein, aber vergebens sann er auf einen Ausweg.

Der gefährlichste Concurrent des Circus war die große Menagerie des Signor Alferni, der zugleich als Löwenbändiger im Käfig arbeitete und allabendlich vor ausverkauftem Haus auftrat.

Eines Nachmittags, als am Abend vorher der Circus wieder leer gewesen war, suchte der Director Brisinelli, begleitet von seiner Tochter, seinen Concurrenten auf, und er war nicht wenig erstaunt und erfreut, als er in dem Dompteur einen alte Bekannten wiederfand, mit dem er selbst vor vielen Jahren in einem Circus zusammen engagirt gewesen war.

„Und was führt Dich zu mir?” fragte der Dompteur, nachdem die alten Kameraden sich begrüßt hatten, „willst Du mich arbeiten sehen, oder willst Du meine Thiere bewundern?”

„Offen und ehrlich gestanden, nichts von Beiden, der Zweck meines Kommens ist ein ganz anderer. Ich wußte nicht, daß ich in Dir einen Freund wieder finden würde, trotzdem kam ich, denn es handelt sich um meine Existenz. Höre mich an, laß Dir sagen, wie es mir ergangen ist.” In beredten Worten schilderte er seine Lage, dann fuhr er fort: „Was ich dem Fremden zu sagen mir vorgenommen hatte, erbitte ich von dem alten Kameraden, mit dem ich so oft Freude und Leid getheilt: Verlasse die Stadt, räume das Feld, und gib mir dadurch die Möglichkeit, zu verdienen, mich wieder emporzuarbeiten! Nicht umsonst verlange ich dies Opfer von Dir, ich will Dich für den Ausfall Deiner Einnahmen entschädigen, soweit es in meinen Kräften steht.”

Lange saß der Dompteur nachdenklich da, dann sagte er: „Du verlangst viel von mir, aber ich will Dir helfen, und darum gehe ich, zumal ich mein Engagement in N. ruhig ein paar Tage eher antreten kann. Von einer Entschädigung Deinerseits kann natürlich nicht die Rede sein, wo bliebe sonst der Verdienst, den Du erhoffst? Nein, nein,” wehrte er dem alten Freund ab, „zu danken brauchst Du nicht, Einer hilft dem Andern, das gehör sich so, nun wollen wir nicht mehr davon sprechen, heute Abend bleibt mein Zelt geschlossen, morgen gehe ich fort. Aber wie ist es, hast Du nicht Lust, Dir meine Thiere wenigstens einmal anzusehen?”

Gleich darauf betraten sie das große Zelt, in dem sich die Menagerie befand. Es war eine seltene Sammlung fast aller Raubthiere, der werthvollste Besitz aber waren vier Löwen, die sich zusammen in einem großen Käfig befanden — es waren dies dieselben Thiere, die der Dompteur des Abends vorführte.

„Und hier in diesem Käfig,” sagte der Dompteur, „zwei junge Löwen, die erst vor sechs Wochen geboren sind. Sie sind noch so klein wie Hunde, aber sie schlagen zuweilen doch schon ordentlich zu, nehmt Euch in Acht, ich will sie herausnehmen.”

Trotz des Abrathens des Signor Alferini nahm Bella, die Tochter des Directors, einen der jungen Löwen auf ihren Schooß und spielte mit ihm wie mit einer großen Katze. Geschickt wich sie den Schlägen aus, die das Thier zuerst ihr mit seinen Tatzen versetzen wollte, ruhig und freundlich sprach sie auf ihn ein und erreichte, daß das Thier sich an sie schmiegte und sich Alles von ihr gefallen ließ. Es war, als wenn sie einen besonderen Einfluß auf die junge Bestie erreichte und als sie nun den Löwen zur Erde niedersetzte und aufstand, folgte ihr das Thier auf Schritt und Tritt.

Aufmerksam war der Dompteur jeder ihrer Bewegungen gefolgt — als aber nun der junge Löwe zornig zu brummen anfing, die Krallen seiner Tatzen hervorstreckte, sich auf ihren Zuruf hin sofort wieder beruhigte, sagte er plötzlich und unvermittelt:

„Glaub mir's, alter Freund, Deine Tochter, das Mädel, hat das Zeug zur Bändigerin in sich, es wäre Schade um die Kunst, wenn Du sie ihrem Beruf fern hieltest. Wäre es ein anderer Beruf, so würde ich sagen: gib sie mir in die Lehre, aber Das hätte hier keinen Zweck. Jede Dressur ist individuell, der Eine verdankt seinen Einfluß auf die Thiere diesem, der Andere jenem Umstand. Das ist angeboren und läßt sich nicht lernen. Muth und Unerschrockenheit sind die Hauptsache, Beides hat Dein Mädel — das Allgemeine, das sie zu wissen braucht, will ich ihr sagen, und dann laß sie los arbeiten. Was Andere mit der Peitsche erreichen, wird sie mit Güte und gelegentlicher Strenge erzielen — kaufe ihr diese beiden jungen Löwen, in einem Jahre kannst Du schon eine Zug- und Schaunummer ersten Ranges haben. Wie denkst Du darüber und vor allen Dingen, was sagt Dein Mädel dazu? Hast Du Lust, Bella, Dompteuse zu werden, oder ängstigst Du Dich?”

Hell auf blitzten die dunklen Augen des Mädchens: „Ich mich ängstigen? Ich habe noch nie Furcht gezeigt. Und ob ich Lust hätte? Ich möchte eine Künstlerin werden, so berühmt, daß die ganze Welt mich kennt. Oft habe ich schon gebeten, etwas Anderes arbeiten zu dürfen, als immer nur die Voltiges, die so leicht sind und das Publicum langweilen. Aber mit Löwen zu arbeiten, Das muß Freude machen, und ich will sie mir großziehen, daß sie mir aufs Wort gehorchen und mir folgen wie gute Freunde.”

Mit Thränen in den Augen hatte der Vater seinem muthigen Kinde zugehört — eine neue glänzende Zukunft lag vor ihm. Gelang das Vorhaben seiner Bella, gelang die Dressur, so hatte er nicht nur einen glänzenden Cassenmagneten, sondern auch eine künstlerische Anziehungskraft allerersten Ranges, mit Achtung und Bewunderung würde man von seinem Circus sprechen, und Geld und Ehren würden ihm zu Theil werden.

*   *   *

Mehr als drei Jahre waren seitdem verflossen. Von dem Tage an, da der Director Brisinelli den ehemaligen Kameraden gebeten hatte, den Platz zu räumen, war das Glück wieder bei ihm eingekehrt. Abend für Abend füllte sich der Cirkus mit einer schaulustigen Menge, die Einnahmen steigerten sich mehr und mehr und bald hatte der Director nicht nur die aufgenommenen Ersparnisse wieder zurückgewonnen, sondern auch eine größere Summe für schlechtere Zeiten bei Seite gelegt. Von Stadt zu Stadt zog der Cirkus und das Glück ging mit, das Ansehen der Truppe wuchs immer mehr und der künstlerische Ruf des Cirkus nahm mehr und mehr zu.

Ein Jahr, nachdem die Löwen in den Besitz ihrer neuen Herrin übergegangen waren, trat diese zum ersten Male als Dompteuse auf. Die Sicherheits­behörde hatte zuerst die Erlaubniß zur öffentlichen Production nicht geben wollen, weil Sennorita Bella, wie sie sich nun nannte, erst fünfzehn Jahre alt war, und zuerst beschlich auch die Zuschauer ein Gefühl der Angst und der Unruhe, als sie das Kind den Löwenkäfig betreten sahen, was sollte werden, wenn die Thiere sie angriffen? Bella war zu jung und zu zart, als daß sie sich auch nur für einen Augenblick hätte vertheidigen und zur Wehr setzen können. Aber derselbe Umstand, der die Bedenken der Behörde verscheucht hatte, beruhigte auch gar bald das Publicum — es sah aus, als wenn gar keine Dressur vorgeführt wurde, sondern als wenn die Dompteuse mit ihren Löwen spielte. Kein Peitschengeknall, keine Commandoworte, kein lautes Schelten und Rufen, kein Abfeuern von Pistolen, Nichts von alle Dem — ohne daß man den äußeren Einfluß sah, durch den die Dompteuse auf ihre Löwen einwirkte, thaten diese Alles, was ihre Herrin von ihnen verlangte. Sie spielte mit ihnen gleichsam wie mit großen Hunden, legte sich neben sie auf den Boden des Käfigs, ritt auf ihnen, ließ sich die Tatzen geben, balgte sich mit ihnen herum, ließ sie durch Reifen und über Hürden springen, schlang ihre Arme um den Hals eines Löwen, während dieser seine Tatze auf ihre Schultern legte, kurz, die Art und Weise, in der sie ihre Thiere vorführte, war eine vollständig neue, und Dies sowohl wie das Resultat, das sie durch ihre Dressur in kurzer Zeit erreicht hatte, ließ einen Beifallssturm ertönen, als Bella endlich den Käfig verließ und sich in der Manege verbeugte. „Das Kind im Löwenkäfig” bald in der ganzen Artistenwelt eine bekannte und hongeschätzte Nummer, die die größten Directoren für ihre Institute zu gewinnen suchten. Die glänzendsten Engagements­anerbietungen traten an Sennorita Bella und an ihren Vater heran — lange Zeit widerstand dieser allen Anträgen, bis er sich endlich entschloß, seinen Circus mit dem ganzen lebenden und todten Material zu verkaufen und seine Tochter auf ihren Gastspiel­reisen zu begleiten.

Seit einem Monat nun hatte Sennorita Bella ein glänzendes Engagement im Circus D. in der Residenz angenommen und allabendlich trat sie unter dem jubelnden Beifall der Zuschauer auf. Die Presse hatte ihre Leistungen mit den lobendsten Worten anerkannt, der Hof hatte schon zweimal den Circus mit seinem Besuch beehrt und der Ruhm der jungen Dompteuse stand auf der Höhe.

Sennorita Bella war nun fast achtzehn Jahre alt; sie war von mittelgroßer, schlanker, dabei aber doch voller und kräftiger Figur, deren Formen in dem äußerst kleidsamen Costüm, das sie bei der Arbeit trug, zur vollen Geltung kamen. Dichtes, blondes Haar umrahmte das liebliche Gesicht, das einen fast kindlichen Ausdruck hatte, auch die blauen Augen hatten einen einnehmenden, sanften Blick, und ihre ganze Erscheinung glich mehr einer holden, blonden Free, als einer Thierbändigerin, die Abend für Abend in den Löwenkäfig tritt. Die ganze Residenz schwärmte für sie — wenn sie in ihre Garderobe trat, um sich umzukleiden, glich diese einem blühenden Blumengarten, die kostbarsten Bouquets und Blumen­arrangements waren aufgestellt, und die Karten, die den Sendungen beilagen, trugen die vornehmsten und besten Namen. Sie war noch zu jung, um sich nicht stets von Neuem dieser Gaben und Aufmerksamkeiten zu erfreuen, und nie betrat sie die Manege, ohne sich nicht einen Strauß angesteckt zu haben, den sie sich aus den ihr gesandten Blumen zusammenband. Niemals fehlte in ihrer Garderobe ein kleiner, fast unansehnlicher Veilchenstrauß. Am ersten Abend hatte sie neugierig das Couvert geöffnet, um den Namen des Spenders zu erfahren, aber die Karte hatte nur die Worten enthalten: „Von Einem, der Sie liebt.” Sie hatte gelacht und die Veilchen wieder fortgelegt und sie nicht, wie sie zuerst gewollt, angesteckt. Abend für Abend, in der Folge ohne Begleitzeile, lag fortan ein Veilchenstrauß für sie bereit — sie wußte, daß der Absender stets derselbe war, und allmählich ward die Neugier in ihr wach, sie war gerührt von dieser sich stets gleichbleibenden Aufmerksamkeit und empfand es dankbar, daß der Spender nicht wie so viele Andere sie allabendlich mit der Versicherung seiner Sympathie und Zuneigung belästigte. Sie empfand, ohne es zu wissen und zu wollen, Etwas in ihrem Herzen für den Unbekannten, das sie selbst sich nicht zu erklären vermochte und als eines Abends die Veilchen fehlten, durchsuchte sie die ganze Garderobe, bis sie die Blumen, die zur Erde gefallen waren, unter dem Stuhl fand. Etwas später als sonst trat sie aus der Garderobe heraus, der Wagenkäfig war schon in die Manege gefahren und die Glocke gab schon das Zeichen. Schnell wollte sie die Manege betreten, als sie eine Gruppe von Officieren bemerkte, die wohl im Stall gewesen sein mochten und nun ihre Plätze wieder einnehmen wollten. Sie konnte es nicht vermeiden, zwischen den Herren hindurchzugehen, nachdem sie mit höflichen Worten gebeten hatte, ihr Platz zu machen und da geschah es, daß einer der Herren in wenig zarter Weise seiner Bewunderung für sie laut Ausdruck gab, daß sie seine Worte hören mußte. Alle Herren lachten — aber als sie sich zornig umwandte, um sich solche Aeußerungen zu verbitten, hörte sie einen der Herren mit ruhiger, aber fester Stimme zu dem Kameraden sagen: „Ich halte es nicht für ritterlich, über eine Dame in der Art und Weise sich zu äußern, wie Sie es gethan haben.”

Sie warf dem Sprecher, einem jungen, bildhübschen Garde-Cavallerie-Officier, einen dankbaren Blick zu, und als ihre Augen sich trafen und als sie sah, wie er erröthete und den Blick verlegen zu Boden senkte, wußte sie mit einem Mal, daß er der tägliche Spender der Blumen war, und nun auch entsann sie sich, ihn fast täglich im Circus gesehen zu haben. Am nächsten Abend steckte sie die Veilchen, die er ihr gesandt hatte, an, und sie war froh und glücklich, als sie seine leuchtenden Augen sah, mit denen er ihr dankte. Der nächste Morgen brachte ihr ein Schreiben von ihm und in rührenden Worten bat er, ihm Gelegenheit zu geben, sie persönlich kennen zu lernen. Nach langem Zögern und Ueberlegen willigte sie ein, und sie bat um seinen Besuch zu einer Stunde, da sie ihren Vater mit Sicherheit zu Hause wußte. — Allen, auch sich selbst und ihm gegenüber, wollte sie den leisesten Versacht, etwas Unrechtes zu thun, vermeiden.

Am nächsten Nachmittag klingelte es pünctlich zu der verabredeten Stunde an der Etagenthür der Dompteuse und gleich darauf trat der junge Officier, Victor v. Wiebig, in das Zimmer. Einen Augenblick standen sich Beide verlegen gegenüber, dann sagte er: „Ich bitte um Verzeihung, mein Fräulein, daß ich nicht in der glänzenden Uniform, sondern im schlichten bürgerlichen Gewande zu Ihnen komme. Nicht meinet-, sondern Ihretwegen geschah's, ich wollte in Ihrem Interesse jedes unnütze Gerede vermeiden. Die Welt denkt bekanntlich immer das Schlechteste — sie würde es kaum begreiflich finden und mit leisem ironischem Lächeln beantworten, wenn sie erführe, was mich so zu Ihnen hinzieht.”

„Und darf ich fragen, was Das ist?” erkundigte sie sich, nachdem sie ihm die Hand gereicht und ihn aufgefordert hatte, Platz zu nehmen.

„Lediglich das Interesse für Ihre Arbeit, das heißt, doch nicht lediglich,” verbesserte er sich, während ein leichtes Roth der Verlegenheit seine Wangen bedeckte, „verstehen Sie mich recht, mein Fräulein, ich wollte nicht unhöflich sein, ich meinte natürlich —”

„Bitte, bitte, nur keine Complimente,” unterbrach sie ihn, und fuhr dann fort: „Und darf ich auch wissen, was Ihnen an meiner Arbeit so besonders gefällt?”

„Ihr Muth, Ihre Unerschrockenheit und Ihre Ruhe,” gab er zur Antwort, „von jeher habe ich das denkbar größte Interesse gehabt für Alles, was irgendwie mit dem Circus zusammenhängt; ich habe die besten Künstler bei ihrer Arbeit gesehen, aber ich muß sagen, daß mir selten eine Nummer so gut gefallen hat, wie die Ihrige.”

„Keine Complimente,” bat sie schalkhaft mit dem Finger drohend.

„Nein, nein,” stimmte er ihr bei, „ich schmeichle auch nicht, ich spreche nur meine Ueberzeugung aus. Als Cavallerist, dessen Leben bei manchem waghalsigen Sprung auf der Rennbahn oft genug in Gefahr ist, weiß man, was Muth und Unerschrockenheit bedeutet. Beides besitzen Sie im höchsten Maße, und Ihnen meine Bewunderung aussprechen zu dürfen, war schon lange mein lebhafter Wunsch.”

„Thaten Sie es nicht schon täglich durch Ihre Blumen?” fagte sie.

„Erwähnen Sie doch die kleinen Sträuße nicht,” bat er, „ich muß mich fast schämen, stets nur mit solcher bescheidenen Gabe zu kommen, aber, aber —”

„Nun aber?” erkundigte sie sich.

„Der Knüppel liegt beim Hunde,” lachte er lustig auf, „ich bin kein Crösus und mein Vater ist ein sehr strenger Mann. Sein sehnlichster Wunsch war, daß ich studiren sollte, aber mich zog's hinaus in die freie Natur, mich lockte das fröhliche Reiterleben. Monate hat's gedauert, bis ich die Erlaubniß erhielt, Officier zu werden, ich bin fast eben ein solcher Starrkopf wie mein Vater, Keiner von uns Beiden wollte nachgeben, aber endlich siegte die Liebe des Vaters zu seinem Sohn: „Du sollst Deinen Willen haben,” sagte er, „ich will Dein Lebensglück nicht zerstören, werde Officier, aber Das sage ich Dir, an dem Tage, da Du die ersten Schulden hast, und wenn es nur wenige Pfennige sind, ist es mit Deiner Lieutenants­herrlichkeit vorbei!” Ich kenne meinen Vater, der spricht kein Wort, das er sich nicht ganz genau vorher überlegt hat — so muß ich mich mit meinen Mitteln einrichten. Aber verzeihen Sie, daß ich Ihnen diese Details aus meinem Leben erzähle, die Sie unmöglich interessiren können. Ist es neugierig und unbescheiden, wenn ich Sie bitte, mir etwas aus Ihrem Leben zu erzählen, mich insonderheit darüber aufzuklären, wie Sie bei Ihren Thieren diese Dressur erzielt haben?”

Sie gab ihm Antwort auf seine Frage, und während sie sprach, ließ er seine Augen in dem Wohnzimmer umherschweifen. Es war Alles so sauber und ordentlich, so wenig „künstlerhaft”, daß er seiner Bewunderung auch hierüber Ausdruck gab.

„Darüber dürfen Sie mir ein Compliment machen,” lachte sie fröhlich, „Das höre ich gerne. Seitdem die Mutter gestorben, muß ich mich ja bemühen, dem Vater die Häuslichkeit angenehm zu machen — seien Sie nicht böse, daß der Vater Sie nicht begrüßt, er ist erst spät zurückgekommen von der Probe, er hat sich für einen Augenblick hingelegt.”

„Stören Sie ihn nicht,” bat er, „ich weiß, wie anstrengend Ihr Beruf ist, wie es für den Artisten die Worte „Ruhe und Erholung” kaum gibt.”

„Keine Ruhe bis zum Grabe,” sagte sie mit komischer Trauer.

„Na, na,” lachte er, „etwas eher werden Sie doch hoffentlich von Ihren Lorbeeren ausruhen, denn ich kann mir doch nicht denken, daß Sie Ihr ganzes Leben lang arbeiten wollen.”

„Nein, nein,” gab sie zur Antwort, „Vater und ich haben uns eine bestimmte Summe zu verdienen vorgenommen, sobald wir das Geld zurückgelegt haben, trete ich nicht mehr auf. In drei Jahren denken wir soweit zu sein, so lange muß ich noch mit meinen Löwen durch die Welt ziehen.”

„Und haben Sie nie Angst, daß Ihnen einmal ein Unglück zustoßen könnte?”

„Nie,” gab sie zur Antwort, „in den drei Jahren, die ich meine Thiere nun habe, ist mir auch noch nicht das Geringste widerfahren, kaum eine Schramme habe ich von den Tatzen der Löwen davongetragen, nein, ich habe keine Furcht und ich brauche keine zu haben, ich glaube, eher würden die Thiere sich gegenseitig anfallen, als daß sie mich angriffen.”

Wohl noch über eine Stunde blieb der junge Officier und das Gespräch berührte die verschiedensten Sachen, er plauderte mit dem jungen Mädchen wie mit einer alten Bekannten, ihnen Beiden war, als hätten sie sich schon oft im Leben gesehen, als wären sie schon oft mit einander in Berührung gekommen, sie hatten keine Geheimnisse vor einander und offen und frei erzählten sie sich aus ihrem Leben.

Endlich mahnte die Dompteuse zum Aufbruch: „Leider kann ich Sie nicht bitten, länger zu bleiben, die Uhr ist sechs, ich muß in den Circus und meine Löwen füttern, eine Thätigkeit, die ich nie einem Anderen überlasse, von der Fütterung hängt für den Abend viel, nein, Alles ab. Wie ist es, sehen wir uns heute bei der Vorstellung?”

„Selbstverständlich,” pflichtete er ihr bei, „nicht nur heute, sondern so oft mir Dienst und meine gesellschaftlichen Verpflichtungen es mir erlauben. Und dann noch Eins, eine offene Frage: Würden Sie mir gestatten, einmal wieder zu kommen, um, wie heute, ein Stündchen mit Ihnen zu plaudern?”

Sie zögerte einen Augenblick und sah ihn prüfend und forschend an, aber aus seinen großen, dunklen Augen sprach eine solche Offenheit, eine so vornehme und edle Gesinnung, daß sie keine Bedenken trug, seine Bitte zu erfüllen.

Schon nach drei Tagen erschien der junge Officier wieder, sie hatte ihn erwartet, mit Ungeduld erwartet und dennoch nicht gehofft, daß er so bald wiederkommen würde. Ihr Herz schlug höher, als sie seine Schritte auf dem Corridor hörte und sie mußte an sich halten, um ihm nicht entgegen zu eilen. Nun, da sie ihm gegenüberstand und ihm die Hand zum Willkommen bot, fühlte sie, wie sie erröthete — ihr war, als müsse der Blick ihrer Augen ihm verraten, was ihr in dieser Minute zur Gewißheit wurde, daß sie ihn liebte; und verlegen sah sie zu Boden. Sie liebte zum ersten Mal in ihrem Leben, mit der Innigkeit eines Kindes; mit der ganzen Kraft eines erwachten Mädchenherzens. Er bemerkte, was in ihr vorging, er deutete sich ihr Benehmen richtig und grenzenlose Glückseligkeit wieder­geliebt zu werden, erfüllte sein Herz. Er fühlte, wie ein Zittern und Beben seine Gestalt durchlief, wie seine Hand in der ihrigen zitterte und vergebens suchte er nach einem harmlosen, gleichgültigen Wort: er wollte, er durfte nicht sprechen, er hatte sich geschworen, mit keinem Worte ihr gegenüber je seine Empfindungen zu verrathen, er durfte ihr nicht sagen, daß er sie seit langer Zeit liebte, daß sie seine Gedanken, sein ganzes Sein ausfüllte, er durfte keine Gedanken, keine Hoffnungen in ihr erwecken, die sich nie erfüllen konnten, er durfte das Vertrauen, welches sie in seine Ehrenhaftigkeit gesetzt hatte, nicht täuschen. Er wollte standhaft bleiben, er wollte in dem Kampfe zwischen Ehre und Liebe nicht unterliegen. Eins nur konnte ihm Rettung bringen, er mußte gehen. Langsam löste er seine Recht aus der ihrigen und wandte sich zu gehen — da fühlte er sich plötzlich von zwei weichen Armen umschlungen und heiße Küsse brannten auf seinen Lippen.

„Bitte, bitte, geh nicht fort,” klang es in flehenden Worten an sein Ohr, „ich will garnichts, ich verlange garnichts, nur in meiner Nähe, bei mir will ich Dich sehen, mit Dir sprechen, mich Deiner Gegenwart freuen.”

Sie hing an seinem Halse, lachend und weinend zugleich, sie bot ihm ihre Lippen zum Kuß und stürmisch preßte er sie an sich.

„Sei nicht bös,” bat sie, „daß ich Dir verrathen habe, was in mir vorgeht, ich schäme mich vor mir selbst und bin doch glücklich, daß Du weißt, wie lieb ich Dich habe.”

Er setzte sich neben sie und zog sie zärtlich an sich. „Du hast mich lieb und ich Dich, und doch wäre mir lieber, Du hättest mir Dein Geheimniß nicht verrathen. Was soll nun werden, Du kleine wilde Teufelin? Eins gibt es nur, wir dürfen uns nicht wiedersehen.”

Da lag sie zu seinen Füßen, hob flehend die Hände empor und während die heißen Thränen aus ihren Augen hervorstürzten, beschwor sie ihn, seine Gedanken zu ändern und nicht so etwas von ihr zu verlangen. Lange leistete er ihren Worten Widerstand, bis er endlich, endlich nachgab. Und wieder hing sie an seinen Lippen und bedeckte sein Antlitz mit Küssen, bis auch ihn die nöthige Ueberlegung verließ, und er von ihrer Leidenschaft mit fortgerissen wurde. Das Weib in ihr war erwacht, das Künstlerblut, das in ihren Adern floß, machte sich geltend und ihre Liebe verlangte Gegenliebe.

Glückliche, selige Tage der reinsten Liebe waren es, die nun für die Beiden kamen. So oft seine Zeit es ihm erlaubte, saß er bei ihr im glücklichsten Zusammensein und ihr Vater duldete diese täglichen Besuche, nachdem er mit dem jungen Officier eine lange Aussprache gehabt und sich von dessen Ehrenhaftigkeit überzeugt hatte. Bella lebte nur noch für den Geliebten, ihm galten alle ihre Gedanken, nur für ihn schmückte sie sich, nur ihn suchten ihre Augen, wenn sie Abends in die Manege trat, nur ihm galt ihr Blick, wenn sie durch eine Verneigung sich für den tobenden Beifall der Menge bedankte. Eine geradezu wahnsinnige Leidenschaft für ihn hatte sie erfaßt, und mit Schrecken und Schaudern dachte er daran, was werden würde, wenn für sie die Trennungsstunde schlüge, als er hörte, daß der Circus bald fortgehen würde. Seine Zuneigung zu der schönen Dompteuse war in der Stadt ein öffentliches Geheimniß, das durch irgend einen unglücklichen Zufall bekannt geworden sein mußte, die Neckereien und Sticheleien der Kameraden nahmen kein Ende und auch von den Vorgesetzten war er schon zu wiederholten Malen wegen seiner Beziehungen zu der Löwenbändigerin zur Rede gestellt worden. Einmal war es fast zu einem Duell gekommen, als er einem Herrn auf sein Wort hin versichert hatte, daß zwischen ihm und dem jungen Mädchen nichts das Geringste vorgefallen sei, das das Licht der Oeffentlichkeit zu scheuen brauche, und als der Kamerad auf seine Erklärung nur mit einem Lächeln des Zweifels geantwortet hatte. Er verwünschte oft die Stunde, in der er Bella kennen gelernt hatte, und doch waren seine Gedanken und seine Vorsätze, sie nicht mehr aufzusuchen, verflogen, so bald er bei ihr war, ihre Liebkosungen erwiderte und ihrem fröhlichen Geplauder lauschte. Dann kamen Minuten, in denen er ernstlich daran dachte, seinen Abschied zu nehmen und mit ihr hinaus zu ziehen in die Welt, bis die Vernunft dann wieder den Sieg davontrug, und ihm das Wahnwitzige seiner Pläne klar wurde. Während Bella in ihrer Liebe grenzenlos glücklich war, litt er mit der Zeit entsetzlich unter der Leidenschaft, die ihn gefangen hielt, vergebens kämpfte er gegen seine Liebe an, er wollte sich frei machen und hatte dazu weder die Kraft noch den Muth; er lag voll und ganz in den Banden des schönen Mädchens. Wieder gingen Tage und Wochen so dahin, bis er eines Morgens auf das Regimentsbureau gerufen wurde, wo der Oberst ihn erwartete. Der junge Officier meldete sich zur Stelle und gleich darauf nahm der Commandeur das Wort:

„Ich habe Sie zu mnir gebeten, um als ältester Freund, nicht als Vorgesetzter, mit Ihnen zu sprechen. Seit langer Zeit habe ich Sie beobachtet, da mir die Veränderung auffiel, die mit Ihnen, mit Ihrem ganzen Wesen vor sich gegangen ist. Ich bin von der Neigung, die Sie zu der schönen Dompteuse gefaßt haben, unterrichtet, und ich bin weit davon entfernt, Ihnen daraus einen Vorwurf machen zu wollen. Muth, Unerschrockenheit und Schönheit verfehlen nur selten ihre Wirkung auf ein jugendliches Herz, und fast hätte ich gesagt, ich freue mich, daß Dem so ist. Sein Herz verlieren thut Jeder mehr oder weniger oft in seinem Leben, aber man muß es auch wiederfinden, sich rechtzeitig wieder auf sich selbst besinnen können. Daß Sie sich nicht mit dem Gedanken tragen, das Mädchen zu heiraten, nehme ich als selbstverständlich an. — Ich habe mich erkundigt, aber nirgends hörte ich etwas Schlechtes über die Dompteuse; aber dennoch paßt sie nicht zu Ihnen; grenzenloses Unglück würde für Sie die Folge sein, wenn Sie aus Liebe zu dem Mädchen Ihre ganze Existenz, Ihre ganze Zukunft preisgeben würden. Ich habe dann gedacht, Sie versetzen zu lassen, Ihnen eine andere Garnison zu geben, aber ich will Sie dem Regiment, den Kameraden erhalten, fort aber müssen Sie für einige Zeit und deshalb befehle ich Ihnen, daß Sie heute noch einen längeren Urlaub einreichen. Sie brauchen die Entscheidung des Gesuches nicht abzuwarten, auf meine Verantwortung hin können Sie heute schon reisen, ich habe Ihrem Vater schon geschrieben, daß Sie heute zu ihm kommen werden. Auch aus seinem Munde wird Sie kein Vorwurf treffen — ich that für Sie, was ich konnte, Zweierlei verlange ich dafür von Ihnen: daß Sie heute noch reisen und daß Sie vorher nicht mehr die Dompteuse besuchen; für Beides verlange ich Ihr Wort als Officier; wollen, können Sie es mir geben? Hier ist meine Hand, schlagen Sie ein.”

Zögernd reichte der junge Officier seine Rechte dem Vorgesetzten, der dann fortfuhr: „ So, und nun reisen Sie mit Gott, von allen Meldungen entbinde ich Sie, kommen Sie als der Alte, der Sie waren, zu uns zurück.”

Fast wie ein Taumelnder erreichte Victor bald darauf seine Wohnung. War Das Wirklichkeit, was er soeben erlebt hatte? Stand es so um ihn, daß seine Vorgesetzten eingreifen mußten, um ihn zu retten, um ihn sich selbst zu erhalten? Ein Gefühl der Dankbarkeit beschlich ihn, daß man sich seiner so annahm, daß man so für ihn sorgte, daß man nur Mitleid, aber kein Wort des Tadels für ihn hatte.

Aber dann mit einem Mal überfiel es ihn, daß er Bella nie wiedersehen sollte — wie oft hatte er diese Minute der Trennung herbeigewünscht, und nun, da sie da war, barg er das Gesicht in seine Hände und weinte heiße Thränen. Im Geiste sah er ihr Bild vor sich, so keusch, so lieblich und anmuthig, daß stärker als je die Sehnsucht nach ihr in ihm wach wurde, und er sprang auf, um zu ihr zu eilen, um noch einmal aus ihrem Munde das Geständniß ihrer Liebe zu hören, um noch einmal, zum letzten, zum allerletzten Male einen Kuß auf ihre Lippen zu drücken . . .

Aber schon auf der Schwelle zur Thür, im Begriff, das Zimmer zu verlassen, gedachte er seines Wortes, das er dem Commandeur gegeben hatte. Es konnte, es durfte nicht sein, und doch konnte er nicht von ihr gehen, ohne ihr Lebewohl gesagt zu haben, er wollte nicht wie ein feiger Deserteur davon gehen. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, und mit rasender Schnelligkeit flog seine Hand über das Papier.

„Meine liebe, süße Bella,” lauteten die Worte, die er niederschrieb. „Wenn Du diese Zeilen erhältst, stehe ich im Begriff, die Stadt zu verlassen, wir sehen uns nie, niemals wieder. Dränge nicht in mich, versuche nicht, meinen Entschluß ändern zu wollen, es wäre vergebens. Mein Wort, das ich als Officier gab, heute noch abzureisen, ohne Dich vorher gesprochen zu haben, zwingt mich, Dir auf diesem Wege Lebewohl zu sagen.Meine Liebe zu Dir ist grenzenlos, höher aber noch als meine Liebe steht mir meine Ehre, auf dieser Welt wäre kein Platz mehr für mich, wenn ich wortbrüchig würde. Soll ich Dir noch einmal sagen, was Du mir Alles warst? Du warst mein ganzes Glück und meine Sonne und ich weiß nicht, wie ich fernerhin ohne Dich dies Dasein ertragen soll! Aber es muß sein und darum lebe wohl. Laß mich Dir und mir das Herz nicht schwer machen durch lange Abschieds­worte, ich hätte auch nicht die Kraft, sie zu schreiben, denn mein Herz ist so traurig, daß ich die Zähne aufeinander beißen muß, um nicht laut zu klagen und zu weinen. Sei muthig und stark, mein süßes Lieb und möge Gott Dich schützen auf Deinem ferneren Lebensweg.           Dein Victor.

Noch einmal durchlas der junge Officier diese Zeilen, dann klingelte er seinem Diener, um diesen Brief sofort an seine Adresse abzugeben.

„Sehen Sie zu, daß Sie das Billett der Dame persönlich übergeben,” sagte Victor zu dem Diener, der schon verschiedentlich für ihn in der Wohnung der Dompteuse gewesen war und auf dessen Verschwiegenheit er zählen konnte, „beeilen Sie sich nach Kräften, da ich heute Nachmittag verreisen werde.”

Nach einer halben Stunde schon kehrte der Diener zurück, aber aus seinem Antlitz sprach eine solche Verzweiflung, ein solches Grausen und Entsetzen, daß sein Herr bei seinem Anblick in die Höhe sprang.

„Was gibt's? Was ist geschehen? Antworten Sie. haben Sie eine Botschaft für mich? Sie taumeln ja, um Gottes Willen, was gibt's?”

Und endlich, endlich, nach vielen Fragen, da der Diener kaum zu sprechen vermochte, erfuhr er das Entsetzliche: Der Diener hatte auf seine Frage erfahren, daß die Dompteuse sich nicht in ihrer Wohnung, sondern im Circus zur Probe befand. Er hatte sich dorthin begeben, man hatte ihn in die Manege geführt, in der die Sennorita in ihrem Wagenkäfig mit den Löwen arbeitete. Als sie ihn gesehen, hatte sie ihn gefragt, ob er eine Nachricht für sie habe, sie hätte sich den Brief in den Käfig hineinreichen lassen und denselben gelesen, während die Thiere ruhig um sie herumgestanden hätten. Auf einem Male habe die junge Dame den Brief fallen lassen, habe sich gegen die Wand des Käfigs gelehnt und sei dann mit einem gellenden, wahnsinnigen Aufschrei ohnmächtig zu Boden gefallen.

„Weiter, weiter,” drängte der Officier, dem das Blut in den Adern erstarb, „weiter, weiter, ist ihr ein Leid geschehen?”

„Alle fuhren wir erschrocken zusammen,” fuhr der Diener fort, „besonders als wir sahen, wie die Thiere sich der bewußtlos Daliegenden näherten. Ein schreckliches Durcheinander, ein lautes Rufen und Schreien entstand, Keiner hatte den Muth, in den Käfig zu gehen und das Mädchen zu retten, bis der Vater sich endlich dazu entschloß. Während er sich der Thür näherte, suchten die Anderen durch eiserne Stangen und Barrièren die Löwen in eine Ecke zurückzudrängen, aber die Wuth der Bestien wurde dadurch erweckt, schrecklich hallte ihr Brüllen und plötzlich stürzten sie sich auf ihre Herrin, ihre Tatzen in den Körper vergrabend. Man eilte ihr zu Hülfe, man rief nach Waffen, aber als sie endlich gebracht wurden, als man die Bestien durch wohlgezielte Schüsse getödtet hatte, war es zu spät — Sennorita Bella war eine Leiche.”

Starr vor Entsetzen hatte der Officier diesen Worten gelauscht, aber plötzlich sprang er in die Höh: „Wo ist sie? Ich will zu ihr, das kann, das darf nicht wahr sein, sie lebt, sie ist vielleicht verwundet, sie lebt, hörst Du, sie muß leben, ich töte Dich und mich, wenn sie todt ist!”

Wie von Furien gepeitscht, eilte Victor durch die Straßen der Stadt; nach kurzer Zeit hatte er den Circus erreicht. Alles befand sich noch in der größten Aufregung; es war ein zweckloses Hin- und Herlaufen, ein Rufen, Sprechen und Schreien, bei dem Keiner auf die Worte des Anderen achtete.

„Wo ist sie? Ich will sie sehen — sie schläft nur, paßt auf, ich wecke sie wieder auf.”

Fast gewaltsam brach er sich Bahn durch die Menge der Angestellten — da sah er auf einer Bahre einen leblosen Körper, den ein großes Tuch bedeckte.

Vorsichtig nahm er die Decke herunter — aber als er der Geliebten ansichtig wurde, die noch gestern durch ihre Schönheit, durch ihren Liebreiz und ihre Anmuth sein ganzes Sein bezaubert und entzückt hatte und die nun gräßlich verstümmelt und entstellt, kalt und regungslos vor ihm lag, da sank er mit einem gellenden Aufschrei neben der Geliebten zusammen.

Wochen lang lag er an einem Nervenfieber darnieder, das ihn an die Grenze des Todes führte — Monate lang dauerte es, bis er genesen war, aber als er zurückkehrte zum Regiment, erkannten ihn die Kameraden kaum wieder, sein Haar war gebleicht und er war um Jahre gealtert.


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