Der Herr Baron.

Von Freiherrn von Schlicht.
in: „Simplicissimus”, X.Jahrgg. Nr. 8, S. 86, 23.Mai 1905,
in: „Indiana TribŁne” vom 30.6.1905 und
in: „Der Dichterleutnant”


Leutnant Müller hieß im ganzen Regiment nie anders wie „der Herr Baron”. Die Kameraden nannten ihn so, die Vorgesetzten ebenfalls, und es passierte auch manchem Soldaten, daß er mit lauter Stimme: „Zu Befehl, Herr Baron” sagte, obgleich es dienstlich zwar einen Grafen, aber keinen Baron gibt. Der Baron heißt Herr Leutnant, der Graf heißt Herr Graf, und das bleibt so, bis er Exzellenz wird, was aber nicht jeder Graf wird, und so mancher Baron auch nicht, besonders dann nicht, wenn er keiner ist. Und Leutnant Müller war, wie gesagt, gar kein Baron, er wurde nur so genannt, und das verdankte er in erster Linie seinem Monokel. Dieses Monokel war nämlich nicht nur sehr schön, sondern es bestand auch aus wirklichem Glas, und es war so geschliffen, wie es für Weitsichtige geschliffen zu sein pflegt. Leutnant Mülle war nämlich wirklich mit seinen Augen nicht ganz in Ordnung, und infolgedessen hatte er die Erlaubnis, das Monokel nicht nur außer Dienst, sondern auch im Dienst zu tragen. Er verstand es zu tragen, das mußte der Neid ihm lassen, kein anderer klemmte das Glas mit solcher Eleganz ins Auge, keinem anderen stand es so ausgezeichnet. Aber Leutnant Müller hatte noch andere hervorragende Eigenschaften als sein Monokel, er hatte hervorragend gute Stiefel, die ließ er in Berlin bei dem Hofschuster Seiner Majestät arbeiten, und er bekam gleich immer sechs Paar auf einmal. Diese Stiefel unterschieden sich von dem Schuhwerk der anderen Offiziere nicht nur durch ihre Eleganz, sondern auch dadurch, daß sie gleich bei ihrer Ankunft bezahlt wurden. Denn Leutnant Müller hatte Geld, sogar viel Geld. Aber er hatte noch etwas anderes, was namentlich den jungen Damen in der Stadt gewaltig imponierte, er hatte einen unverhältnismäßig langen Hals und trug infolgedessen unverhältnismäßig hohe Kragen, und in weiterer Folge dieser hohen Kragen ließ er nie, wie so häufig mancher andere Leutnant, den Kopf hängen, sondern blickte stets hocherhobenen Kopfes in die Welt. Aber Leutnant Müller hatte noch andere Vorzüge, er hatte aus der Residenz hervorragend gute Hosenspanner, deren Bezugsquelle er niemandem verriet. Wie Mütter abends mit der denkbar größten Liebe und Sorgfalt ihre Kinder zu Bett bringen und sie so gut verpacken, daß ihnen kein Leid passieren kann, so packte Leutnant Müller des Abends seine Beinkleider fort. Selbst nach dem längsten Liebesmahl kam es nicht vor, daß er seine Lieblinge unordentlich auf den Stuhl warf, viel eher wäre er gestorben. Er spannte das Beinkleid mit einer Genauigkeit ein, als hinge sein Seelenheil davon ab, und so gab es im ganzen Regiment niemanden, der auch nur annähernd so tadellose Hosenfalten besaß. Aber Leutnant Müller hatte auch noch andere Schönheiten, es besaß auch ein Armband, und zwar ein echt goldenes. Eigentlich ist es den Offizieren verboten, einen derartigen Schmuck zu tragen, aber bei dem Herrn Baron fand man es ganz selbstverständlich, daß er dekoriert war, und ebenso selbstverständlich war es für alle, daß er dieses Schmuckstück von einer Heißgeliebten erhalten hätte und eher sterben als es ablegen würde. In Wirklichkeit aber stammte es von einer Kellnerin, der er es in einer feuchtfröhlichen Nacht für hundert Mark abgekauft hatte. Und da er am nächsten Morgen noch total betrunken gewesen war und keine Ahnung davon hatte, wo er die Nacht zugebracht hatte, und sich auch absolut nicht darauf besinnen konnte, wie er zu dem Armband gekommen war, so lebte er in der felsenfesten Ueberzeugung, eine unbekannte Schöne, die ihn leidenschaftlich liebe, habe ihm heimlicherweise diesen Schmuck um den Arm gelegt. Denn Leutnant Müller war nicht nur mit allen möglichen äußeren Vorzügen ausgestattet, er war auch geistig sehr bedeutend, wenigstens nach seiner Meinung, und da er keine andere Ansicht als die seinige für richtig anerkannte, so war er für sich der Inbegriff aller Seligkeit, wobei er aber ganz bestimmt nicht an das Wort dachte: selig sind, die da geistig arm sind.

So besaß Leutnant Müller alles, was er brauchte, um ein wirklicher Baron zu sein. Dieses aber war er ja leider nicht, trotzdem aber empfand alle Welt das Bedürfnis, ihn in den Adelsstand zu erheben, und er ließ sich das auch ganz ruhig gefallen.

Da geschah es, daß der hohe Chef des Regimenst, der selbständige Herrscher eines ganz kleinen selbständigen Staates, das Regiment, das ihm kürzlich aus Anlaß seines siebzigsten Geburtstages verliehen worden war, besichtigte und mit den Offizieren im Kasino das Diner einnahm.

Selbstverständlich waren Seiner Hoheit vorher sämtliche Herren vorgestellt worden, und er hatte auch für jeden ein paar der üblichen leutseligen Worte gehabt, aber er hatte natürlich gar nicht nach den Namen hingehört, und sein Herz und sein Verstand hatten nichts davon gewußt, was seine Lippen sprachen. Sein Verstand am allerwenigsten, denn es ging das Gerücht, Seine Hoheit hätte nach glücklicher Ueberwindung einer schweren körperlichen Krankheit in geistiger Hinsicht einen leichten Schlaganfall bekommen, und Spuren desselben wären noch vorhanden.

Der hohe Herr saß zwischen dem Regimentskommandeur und dem ältesten Stabsoffizier bei Tisch, und während die Leutnants, um ihren hohen Gast zu ehren, noch mehr Champagner tranken, als sie es sonst beim Liebesmahl zu tun pflegten, verwickelte Seine Hoheit den Herrn Oberst in ein huldreiches Gespräch. Und während er sprach, ließ er seine Blicke ganz mechanisch über die festlich geschmückte Tafel, gleiten. Da meinte er plötzlich: „Wohl ein sehr vornehmes Offizierkorps, Herr Oberst?”

„Sehr vornehm, Hoheit,” klang es zurück, denn erstens war das Offizierkorps wirklich tadellos und auf der anderen Seite hätte der Kommandeur dem hohen Chef gegenüber doch unter keinen Umständen eine andere Antwort geben können.

„Wohl alles alter Adel?”

„Doch nicht, Eure Hoheit.”

„Aber viel alter Adel?”

„Doch nicht, Eure Hoheit.”

Hoheit sah den Kommandeur ganz erstaunt an, dann schien er zu begreifen: „Ach so, ich verstehe, alles neuer Adel.”

„Doch nicht, Eure Hoheit.”

„Aber wenigstens viel neuer Adel?”

„Doch nicht, Eure Hoheit.”

Der hohe Herr starrte vor sich hin. „Verstehe ich nicht,” meinte er endlich. „Sie sprechen von einem sehr vornehmen Offizierkorps, und dann haben Sie keinen alten Adel und auch keinen neuen Adel — — ja, was haben Sie dann für einen Adel in Ihrem Regiment?”

„Gar keinen, Hoheit.”

„Ach nee,” meinte der, und in seinem Gesicht war ungefähr zu lesen: warum macht man mich da eigentlich zum Chef dieses Regiments. Dann aber sagte er: „Sie machen wohl einen Scherz, Herr Oberst?”

„Ganz im Gegenteil, Eure Hoheit. Ich selbst bin bürgerlich, und ich muß sagen, ich bin stolz darauf, einem Offizierkorps vorzustehen, das zwar nur aus bürgerlichen, aber durchaus tadellosen Herren besteht.”

„Ist ja gewiß auch sehr schön,” erwiderte Seine Hoheit, „aber einen Adligen müßten Sie doch eigentlich im Regiment haben. Wissen Sie, wie einige Garderegimenter ihren Renommierschulzen haben, damit die niederträchtigen Sozialdemokraten nicht sagen können, ihre Regimenter wären zu vornehm, um einen Bürgerlichen in ihrer Mitte zu dulden, so müßten Sie eigentlich einen Adeligen haben, damit die niederträchtigen Sozialdemokraten nicht schimpfen und nicht behaupten können, Ihr Regiment wäre so vornehm, daß es keinen Adeligen aufnehme.”

Auf diese Bemerkung hin hüllte der Herr Oberst sich in Schweigen, und Seine Hoheit musterte die Tafelrunde wieder weiter. Da fielen seine Blicke auf den Leutnant Müller, der absichtlich so gesetzt worden war, daß der hohe Chef ihn bemerken mußte.

„Wie heißt der Offizier da?”

„Müller, Eure Hoheit.”

„Nur Müller? Nicht mal ,von Müller'?”

„Nur Müller.”

„Verstehe ich nicht, so sieht er doch gar nicht aus. Aber der Offizier gefält mir, wie heißt er doch noch?”

„Müller, Eure Hoheit.”

„Sonderbarer Name, sehr schwer zu behalten, und doch möchte ich ihn mir gerne merken. Sie müssen nämlich wissen, mein lieber Herr Oberst, ich habe absolut gar kein Namensgedächtnis, nicht das geringste, aber diesen Namen will ich mir merken. Wie war er doch noch gleich?”

„Müller, Eure Hoheit. Vielleicht denken Eure Hoheit dabei an die beiden bekannten Figuren Müller und Schulze.”

„Famoser Gedanke, werde ich mir merken. Also Schulze.”

Der Kommandeur wurde nervös: „Nein, Müller, Hoheit.”

„Ach so, ja, richtig, nun vergesse ich es auch ganz gewiß nicht wieder.” Und der hohe Herr erkundigte sich sehr eingehend nach den Familien­verhältnissen und den persönlichen Eigenschaften seines Protegés, bis es für ihn Zeit wurde, zur Bahn zu fahren.

Der Besuch Seiner Hoheit war zwar nur kurz gewesen, aber die Folgen blieben nicht aus. Die meisten Offiziere bekamen einen Orden, und ungefähr 14 Tage später kam von dem Hofmarschallamt ein längeres Schreiben: „Nach reiflichster Ueberlegung sei Seine Hoheit zu der Ueberzeugung gekommen, daß es für das ihm verliehene Regiment doch besser wäre, wenigstens einen adligen Offizier zu haben, danit die Sozialdemokraten nicht behaupten könnten, das Regiment sei so exklusiv, daß es keinen Adligen aufnehme, und aus diesem Grunde habe Seine Hoheit sich entschlossen, den Leutnant Schulze, der ihm neulich so gut gefallen habe, in den erblichen Adelsstand zu erheben. Das Adelsdiplom und der Entwurf des Wappens folgen anbei.”

Als der Oberst diesen Brief las, fiel er beinahe vom Stuhl und fragte telegraphisch beim Hofmarschallamt an, ob die Sache nicht noch zu ändern sei, denn der Leutnant Schulze des Regiments hätte bei der Anwesenheit Seiner Hoheit gerade zu Bett gelegen, wohingegen Leutnant Müller derjenige gewesen wäre, der das höchste Wohlgefallen erregt hätte. Und schon mit dem nächsten telegraphischen Funken kam die Antwort: Um Gottes willen den Mund halten! Hoheit gibt sein schlechtes Namensgedächtnis ja zwar selbt zuweilen zu, aber wenn ihm ein anderer damit kommt und ihn darauf aufmerksam macht, daß er den Falschen beförderte, dann wird er fuchsteufelswild und läßt den Sprecher erbarmungslos für immer in Ungnade fallen!

So blieb es bei dem Gnadenbeweis Seiner Hoheit: anstatt des Leutnants Müller wurde Leutnant Schulze geadelt, und als dieser wenig später von Seiner Hoheit in Audienz empfangen wurde, um sich bei diesem für die ihm gewährte Nobilitierung zu bedanken, war der hohe Herr ungemein gnädig.

Die Audienz dauerte länger als eine Minute, und als Seine Hoheit dann den Leutnant von Schulze, der im Gegensatz zu Leutnant Müller von kleiner, untersetzter Gestalt war, entlassen hatte, sagte er zu seinem Adjutanten: „Es ist ja eigentlich ganz selbstverständlich, aber sonderbar bleibt es trotzdem: von dem Augenblick an, in dem ein Mensch geadelt ist, sieht er ganz anders aus.”


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© Karlheinz Everts