Auf Urlaub.

Weihnachts-Novelette von Freiherrn von Schlicht
in: „Bozner Zeitung” vom 24.12.1902


„Nun, was giebt's?”

Leutnant von Pleskow, der in seiner Jungesellen-Wohnung am Schreibtisch saß, sah auf und wandte sich an seinen Burschen, der in das Zimmer getreten war.

„Kompagnie-Ordonnanz, Herr Leutnant.”

„Was will denn die schon wieder?”

Der Bursche legte die Mappe vor seinen Herrn hin, und dieser nahm ein Quartblatt heraus: „Laut Regimentsnotiz ist der Weihnachtsurlaub der Herren Offiziere dem Regiment bis zum 20. d.M. einzureichen. Der Herr Leutnant werden gebeten, hierunter anzugeben, von wann bis wann der Herr Leutnant Urlaub wünschen.

A. B.   
Glaser,
Feldwebel.”

„Gar nicht,”schrieb Herr von Pleskow auf den Zettel, dann gab er die Mappe dem Burschen zurück. „Es ist gut — verschwinde.”

Der junge Offizier tauchte die Feder, die er vorhin bei Seite gelegt hatte, wieder ein, um den Brief, an dem er schrieb, zu vollenden, aber bevor er weiter schrieb, nahm er noch einmal den Brief seines Vaters, den er am Morgen erhalten hatte zur Hand.

„Es geht nicht, mein lieber Sohn, es geht nicht,” las er noch einmal, „die Erndte war schlecht, große Ausgaben traten an mich heran, und Ende des Quartals habe ich die dreihundert Mark thatsächlich nicht übrig, die Du haben mußt, um die Reise vom äußersten Westen bis zum äußersten Osten machen zu können. Daß Du in Deiner Garnison bleiben mußt, während wir in Ostpreußen Weihnachten feiern, thut mir um so mehr leid, als wir dieses Mal den Weihnachtsabend mit unseren Nachbarn, den guten Rakow's, zusammen sind. Natürlich freut Deine Schwester sich am Meisten auf den Besuch, die Lilly Rakow ist aber auch wirklich trotz ihres Reichthums, der manche Andere stolz und hochmüthig machen würde, ein liebes, freundliches und bescheidenes Mädchen. Du kennst sie ja auch zur Genüge.”

Und ob er sie kannte! Allerdings hatten Rakow's erst vor zwei Jahren das Gut gekauft und sich in der dortigen Gegend angesiedelt, aber trotz der kurzen Zeit hatte er die kleine Lilly während seines Sommerurlaubs zu wiederholten Malen gesehen und gesprochen, und sein Herz hatte Feuer gefangen, als er ihr zum ersten Male auf einem Spazierritt begegnete.

Ihretwegen hatte er sich in erster Linie auf den Weihnachtsurlaub gefreut — nun war sie sogar am heil'gen Abend bei seinen Eltern auf dem Gut, und er konnte nicht dort sein! Tiefe Trauer beschlich ihn, nicht nur seinet-, sondern auch der Eltern wegen. Wie schlecht mußte es zu Haus finanziell aussehen, wenn sein Vater ihm nicht einmal das Reisegeld schicken konnte. Daß sein alter Herr nicht über große Mittel verfügte, merkte er selbst am Besten an der geringen Zulage, die er erhielt, und die dazu noch noch sehr häufig unregelmäßig eintraf, aber daß es so schlecht stand, hatte er denn doch nicht geahnt. Er freute sich jetzt noch mehr als sonst, daß es ihm stets gelungen war, mit dem Wenigen, das er hatte, auszukommen, und die Antwort, die er nun seinem Vater schrieb, gipfelte in dem Satz: „Nicht meinet-, nein Euretwegen bin ich traurig, daß Ihr so schwere Zeiten durchzumachen habt.”

Achtundvierzig Stunden später wurde der Leutnant von Pleskow auf das Regimentsbureau befohlen.

„Zwar bin ich mir keiner Schuld bewußt,” dachte der junge Offizier, während er die Treppen zum Allerheiligsten hinaufstieg, „aber irgend Etwas werde ich schon ausgefressen haben — daß der Oberst sich mit mir nur über die strenge Kälte und den starken Schneefall unterhalten will, glaube ich nicht recht.”

Als er sich bei dem Kommandeur meldete, bat dieser seinen Adjutanten, für einen Augenblick in das Nebenzimmer zu gehen, dann sah er den jungen Offizier lange, aber freundlich und wohlwollend an.

Pleskow war der Typus des preußischen Leutnants, aber frei von jeder Karrikatur und Eingenommenheit. Er war groß, von schlanker, kräftiger Gestalt — sein Gesicht hatte einen frischen, fröhlichen, doch entschlossenen Ausdruck. Man sah dem jungen Pleskow an, daß er, trotzdem er erst fünfundzwanzig Jahre zählte, ein ganzer Mann war, der da ganz genau wußte, was er wollte.

„Ich habe Sie zu mir rufen lassen,” nahm der Kommandeur das Wort, „weil ich zu meinem Erstaunen auf der mir eingereichten Liste gelesen habe, daß Sie nicht auf Urlaub fahren wollen. Sie wissen, wie ich über den Urlaub denke — viele Regiments­kommandeure tadeln ihre Offiziere, wenn sie auf Reisen gehen wollen, ich freue mich darüber, denn der Dienst ist heut zu Tage so anstrengend, daß nur Derjenige frisch bleiben kann, der von Zeit zu Zeit einmal ausspannt. Das aber nicht allein: wer in der glücklichen Lage ist, wie Sie, seine Eltern noch zu besitzen, der hat nach meiner Ansicht die heilige Verpflichtung, sie, so oft er kann, aufzusuchen. Weihnachten ist das Fest der Liebe, darum sollen am heiligen Abend die Eltern und die Kinder stets zusammen sein, und deshalb wünsche ich es, Herr Leutnant, daß auch Sie zu Ihren Eltern reisen.”

Die Wangen des jungen Offiziers färbten sich dunkelroth vor Verlegenheit.

„Der Herr Oberst sind sehr gütig,” erwiderte er endlich, „aber es geht leider nicht, ich muß hier bleiben — ich habe das Reisegeld nicht und mein Vater kann es mir nicht schicken.”

„Das also ist's,” erwiderte der Kommandeur erfreut, „ich fürchtete schon, Sie hätten sich mit Ihrem Herrn Vater aus irgend einem Grunde entzweit, und ich hielt es für meine Pflicht, das gute Einvernehmen wieder herzustellen. Das also ist's.”

Der Oberst ging ein paar Mal in dem Zimmer auf und ab, dann blieb er plötzlich vor seinem Offizier stehen.

„Sie sollen trotzdem reisen, Herr Leutnant,” sagte er, „ich will es — alle anderen Kameraden fahren zu ihren Eltern, da sollen Sie allein nicht hier bleiben. Die Weihnachtsfeier im Kasino ist in erster Linie für Diejenigen, die keine Angehörigen mehr besitzen, da muß die Kameradschaft die Liebe der Eltern und der Geschwister ersetzen. Sie haben kein Geld; ich habe Sie oft bewundert und Ihnen im Stillen meine Anerkennung nicht vorenthalten, wenn ich sah und hörte, wie Sie mit dem Wenigen reichen, nie Schulden machen, trotzdem alle Zeit lustig und guter Dinge und trotz aller Sorgen mit Leib und Seele Soldat sind. Der Regiments­kommandeur soll nicht nur der Vorgesetzte, sondern auch der beste Kamerad seiner Offiziere sein, so fasse ich wenigstens meine Stellung auf, und deshalb bitte ich Sie: nehmen Sie das Reisegeld von mir an. — Bitte, hören Sie mich zu Ende,” fuhr er fort, als er sah, daß Herr von Pleskow ihn unterbrechen wollte, „ich schenke Ihnen das Geld nicht, ich würde Ihnen nicht zumuthen, das von mir anzunehmen, ich leihe es Ihnen auf unbestimmte Zeit. Sie geben es mir wieder, wann Sie können, sagen wir vorläufig, nach zehn Jahren, wann Sie Hauptmann erster Klasse sind. Sie wissen, ich bin reich, ich brauche das Geld nicht und Sie bereiten mir eine Weihnachtsfreude, wenn Sie es von mir annehmen. Na, Pleskow, hier ist meine Hand — schlagen Sie ein.”

Noch immer stand der junge Offizier in strammer, dienstlicher Haltung vor dem Vorgesetzten — die Linke hielt den Säbel, die Rechte den Helm. Er zögerte immer noch, aber aus dem Gesicht des Kommandeurs sprach so viel Wohlwollen, so viel Herzensgüte, daß er schließlich doch in die ihm dargebotene Rechte einschlug.

„Der Herr Oberst sind wirklich sehr, sehr gütig,” stotterte er endlich, „und ich weiß wirklich nicht, wie ich danken soll.”

Der Kommandeur lachte leutselig auf.

„Das ist sehr einfach,” sagte er, „denken Sie in den nächsten Jahren nicht daran, daß Sie mir Geld schuldig sind und — sprechen Sie nicht darüber. Einen weiteren Dank begehre ich nicht, und nun machen Sie, daß Sie nach Haus kommen, packen Sie Ihren Koffer und reisen Sie los. Wann geht Ihr Zug? Heute Abend um sechs Uhr? Schön — um zwei Uhr haben Sie das Geld in Händen. Glückliche Reise und frohe Weihnacht!” und halb lachend, halb ernsthaft schob er den jungen Offizier zur Thür hinaus.

Pleskows erster Gedanke, als er auf der Straße stand, war, den Eltern zu depeschiren: „Ich komme nun doch noch!” aber gleich darauf verwarf er diese Absicht wieder, er wollte sie überraschen, sich erfreuen an den Gesichtern, die sie machen würden, wenn er plötzlich, unvermuthet und unerwartet unter sie treten würde. Er sah im Geiste die leuchtenden Augen der Mutter, er hörte das etwas derbe, aber herzliche Lachen des Vaters, er fühlte den Kuß der Schwester auf den Lippen — aber immer dachte er: wird auch Lilly sich freuen? wird auch sie froh sein, wenn sie mich plötzlich sieht?

Und dieser Gedanke, diese Frage beschäftigte ihn während der achtundvierzig Stunden, die er im Schnellzuge zubringen mußte, ehe er die Bahnstation, von der er noch fast zwei Stunden bis zu dem elterlichen Gut hatte, erreichte.

Der Bahnhofsinspektor begrüßte den jungen Offizier: „Das ist aber eine Freude, Herr Baron, daß Sie doch noch kommen, ich habe schon immer nach Ihnen ausgesehen und bei jedem einlaufenden Zug gedacht: nun muß er doch kommen. Aber es ist kein Wagen für Sie hier — warten Sie, ich leih' Ihnen meinen Schlitten, schön ist er ja nicht; doch schlecht gefahren ist immer besser als gut gegangen. Sie können ja allein fahren und schicken mir Pferd und Schlitten morgen durch einen Knecht wieder hierher.”

Dankend nahm er das Anerbieten an und eine kleine Viertelstunde später fuhr er auf den ihm wohlbekannten Wegen dem Elternhause zu.

Ein unendlicher Frieden und eine Alles bezwingende Ruhe lag über der Natur. Zahllose Sterne glänzten am Himmelszelt, und das Mondenlicht ließ die weiten Schneeflächen wie ein Feld von Diamanten leuchten und funkeln. Alles still — kein Laut, soweit das Ohr reichte, als das Klingeln der Schellen am Geschirr des Pferdes.

Weihnachten in der Natur — Weihnachten bei den Menschen. In den Hütten der Armen, in den Kathen der Arbeiter, an denen der Schlitten vorbeifuhr, überall leuchteten die Lichter des Weihnachtsbaumes, überall ruhte die Arbeit, und das Lied „Stille, Nacht, heilige Nacht” klang aus den Häusern heraus, hinauf zum Himmelszelt

Und je länger der junge Offizier fuhr, je öfter er das Pferd Schritt gehen lassen mußte, um so größer ward seine Ungeduld, um so größer seine Erregung.

Endlich, endlich tauchte das Herrenhaus vor ihm auf, von der Chaussee bog der Weg ab und führte durch eine lange Linden-Allee, deren Baumkronen unter der Last des Schnees fast brachen, dann noch ein kurze Strecke bis zu den etwas abseits gelegenen Ställen, und wenig später trat er in das Elternhaus. Leise, unhörbar schlich er durch eine Seitenthür, die er offen fand, und unbemerkt gelangte er auf die große Diele, an der die im Parterre gelegenen Zimmer anstießen.

Auf der großen Diele, die mit Geweihen und anderen Jagdtrophäen geschmückt war, wurde stets das Weihnachtsfest gefeiert. Auch heute ragte ein gewaltiger Tannenbaum bis an die Decke des hohen Raumes empor, und wie immer hatte ein Jeder, der beschenkt wurde, auf seinem Tisch noch einen kleinen Baum für sich zu stehen. Und es waren Viele, die eine Gabe erhielten — die Knechte und Mägde waren auch versammelt, und Jeder erhielt, was er sich gewünscht.

„Na, Leute,” erklang da des Vaters Stimme, „viel ist es nicht, was ich Euch heute gab; die Zeiten sind schlecht, das brauche ich Euch, die Ihr mit mir arbeitet, nicht erst zu sagen. Aber das Wenige, was ich gab, gab ich mit Freuden,” und zu seiner Frau gewendet, setzte er hinzu: „Weißt Du, Mutter, eigentlich hätte ich den Jungen, den Curt, doch kommen lassen sollen — wo Alles herkommt, wäre das Reisegeld schließlich auch noch hergekommen.”

„Vater, Mutter — ich bin ja da!”

Es hielt Curt nicht länger an der Thür, in der er bisher gestanden, und laut aufjubelnd schlossen die Eltern ihn in die Arme.

„Junge, Junge, hoffentlich geht das mit richtigen Dingen zu?” fragte der Vater.

„Sorge Dich nicht! Wem ich es verdanke, daß ich hier bin, erzähle ich Euch später,” gab Curt zur Antwort, „nun aber laß mich die Schwester begrüßen und auch Deine Gäste.”

Er machte sich aus den Armen der Mutter frei ‐ da fiel sein Blick auf Lilly, die, ein Bild jugendlicher Anmuth und Schönheit, leuchtenden Auges zu ihm hinübersah.

Was ihr Mund noch verschwieg, verriethen ihre Blicke, und grenzenlose Freude, grenzenloses Glück erfüllte ihn.

„Frohe Weihnacht!” erklang es da aus dem Munde der Leute, die sich mit ihren Geschenken zurückgezogen, „frohe Weihnacht!”

„Wollen's hoffen, dank' schön, Leute!” erwiderte der alte Herr. — Curt und Lilly sahen sich noch einmal mit schweigenden und doch so beredten Blicken an, für sie Beide war die frohe Weihnacht schon gekommen.


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© Karlheinz Everts