Eine Attacke.

Militär-Humoreske von Frhr. v. Schlicht.
in: „Rekrutenbriefe” und
in: „Die Frau Oberst


Hans Hansen, der Bursche des Leutnants Viktor von Grotegg, des flottesten Husarenoffiziers der großen Garnison, hatte große Sorgen. Als sein Leutnant gestern abend früher, als er erwartet wurde, vom Kasino nach Haus kam, um für einen Ball Toilette zu machen, und sich nach alter Gewohnheit vorher noch einmal nach seinen Pferden umsah, hatte er im Stall seinen Burschen mit Anna, der Köchin aus dem Nebenhaus, ertappt. Erschrocken waren die beiden auseinandergefahren, und Hans Hansen hatte den Versuch gemacht, die Auserwählte seines Herzens vor den strengen Augen seines Leutnants spurlos in der großen Futterkiste verschwinden zu lassen; aber der Versuch war gescheitert. Anna war mit einem Angstschrei entflohen. Hans Hansen jedoch mußte eine barbarische Strafrede über sich ergehen lassen: „du kannst es dir überlegen, mein Sohn,” hatte der Leutnant schließlich geendet, „entweder trennst du dich von deiner Anna und bleibst bei mir als Bursche, oder aber du trennst dich von mir und behältst deine Anna. Dies Poussieren gefällt mir nicht mehr; früher habe ich ein Auge zugedrückt, aber einmal mußt du doch vernünftig werden. Also mein Sohn überlege und zwar schnell und gründlich.”

Und jetzt überlegte Hans Hansen, er saß im Wohnzimmer seines Herrn und hatte sich's dort bequem gemacht, sein Leutnant war zum Dienst und kam vorläufig nicht zurück. Hans Hansen hatte alle Zeit, das Für und Gegen zu erwägen: Anna lockte ihn, aber seine Stellung als Bursche auch, er hatte es hier viel bequemer, als wenn er in der Schwadron steckte. Die Anna war ein blitzsauberes Mädchen; allerdings die Minna, die bei seinem Rittmeister in Stellung war, auch, die hatte ihn schon ein paar Mal mit ganz verliebten Augen angesehen; doch bis jetzt hatte er der Versuchung widerstanden, sich ihr zu nähern. Und plötzlich dachte er daran, sich die Anna abzuschaffen und dafür die Minna als Braut zu nehmen, indessen das war in den Augen seines Leutnants sicher Jacke wie Hose, er sollte ja vernünftig werden, noch dazu mit zweiundzwanzig Jahren, als flotter Husar.

Hans Hansen wurde sich darüber einig, daß das eigentlich ein bißchen viel verlangt wäre, er begriff nicht, wie sein Leutnant solches Ansinnen an ihn stellen könnte, er begriff seinen Leutnant überhaupt nicht mehr. Was war das früher für ein frischer, fröhlicher lustiger Mensch gewesen, immer lustig und guter Stimmung, aber in der letzten Zeit war nicht mehr mit ihm auszukommen, er hatte immer etwas zu tadeln und auszusetzen, und mehr als einmal wars vorgekommen, daß er des Abends zu Hause blieb. Krank war er nicht, aber irgend etwas mußte da nicht in Ordnung sein.

Hans Hansen beschäftigte sich in Gedanken bald mehr mit seinem Leutnant als mit seiner eigenen Person, er achtete nicht auf die Zeit und fuhr erschrocken in die Höhe, als sein Leutnant plötzlich vor ihm stand.

„So,” sagte er sich, „nun kannst du was erleben.”

Es ging noch gnädig ab.

„Scher' dich 'raus!” das war alles.

Hans Hansen vollführte den Befehl mit einer unheimlichen Geschwindigkeit, doch draußen vor der Tür blieb er noch einen Augenblick stehen und horchte: „Vielleicht tut's ihm leid, daß er mir nicht grob geworden ist, er ruft mich sicher noch zurück.”

Aber sein Leutnant rief nicht, den beschäftigten ganz andere Dinge, er ging mit erregten Schritten auf und ab. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und trank einen Schluck kalten Wassers; doch es half nichts, sein Herz schlug stärker und unruhiger denn sonst.

„Sei kein Narr!” schalt er sich endlich, „mehr als nein sagen kann der alte Konsul nicht. Hol's der Kuckuck, ich bin wirklich kein Feigling, aber ich will lieber noch einmal wie gestern mit dem heimtückischen Coriolan, dem größten Schinder der ganzen Schwadron über die große Steinmauer springen, als vor den Konsul hintreten und zu ihm sagen: Ich liebe Ihre Tochter und will sie heiraten. Ich kenne den Konsul, der Mann ist im stande, seine etwas übertünchte Höflichkeit zu verlieren und mich einfach hinauswerfen zu lassen. Wie kommt der Mann überhaupt zu der Tochter. Na freuen wir uns, daß Hildegard überhaupt lebt und daß sie mich liebt.”

Er blieb in seliger Erinnerung an den gestrigen Abend, an dem er aus ihrem Munde das Geständnis ihrer Liebe vernommen hatte, stehen und beschwor ihr Bild vor sich herauf. Er sah sie an seiner Seite, groß und schlank, mit einem feingeschnittenen Gesicht, dem etwas dunklen Teint der Ausländerin, den großen feurigen Augen und dem tiefschwarzen Haar. Herrgott, war die schön! So schön, daß selbst er, der wahrlich nicht den Ruf hatte, der Schüchternste zu sein, zuerst gar nicht den Mut besaß, ihr den Hof zu machen, sich um ihre Gunst zu bewerben. Und wie hatte sie ihn zuerst abfallen lassen. Sie hatte eine Art gehabt, ihn mit ihren unergründlich tiefen Augen anzusehen, daß er sich oft gesagt hatte: „Gib's auf; auf ein Mädel, wie die, macht ein preußischer Leutnant keinen Eindruck.” Aber der Widerstand, den sie entgegensetzte, hatte ihn gereizt, er wollte siegen, und schließlich hatte er gesiegt.

„Und wenn sie sechs Väter hätte, die dem Konsul glichen, sie soll und muß mein werden.”

Er sprach es ganz laut vor sich hin, dann erinnerte ihn der Schlag der Uhr daran, daß es Zeit sei Toilette zu machen, gleich heute Mittag wollte er um Hildegards Hand anhalten.

Wenig später schritt er nach dem Hause des Konsuls; aber bevor er die Glocke zog, schöpfte er noch einmal tief Atem.

„So, nun heißt es frech sein, sonst erreiche ich überhaupt nichts. Alle guten Geister mögen mir beistehen; sonst gelingt die Attacke nie und nimmer!” . . .

Der Diener öffnete die Thür: „Der Herr Konsul erwarten den Herrn Leutnant bereits, der Herr Konsul haben bereits verschiedentlich nach dem Herrn Leutnant gefragt.”

Viktor hatte plötzlich das Gefühl, als ob ihm die Halsbinde zu eng würde.

„So, so,” sagte er anscheinend gleichgültig, aber innerlich war er desto unruhiger, „sicher hat Hildegard sich gestern abend irgendwie verraten, der Vater wußte, was vorgefallen war und konnte nun den Augenblick nicht erwarten, wo er seinem Herzen Luft machen konnte.”

Und so war es auch. Als der Konsul gestern Abend seine Tochter, deren erregtes Wesen ihm auffiel, ins Gebet nahm, hatte sie ihm ihre Liebe zu Viktor gestanden. Sie war darauf gefaßt gewesen, daß der Vater sich sträuben würde, seine Einwilligung zu geben, doch einen derartigen Zornesausbruch hatte sie nicht erwartet. Der Vater hatte getobt und geflucht, und sein drittes Wort war immer gewesen: „Na, laß deinen Leutnant nur morgen kommen, der kann was erleben!”

Nun standen sich die beiden gegenüber, der Konsul klein, untersetzt, das Bild eines Mannes, der sich aus kleinen Anfängen durch eiserne Energie und nie rastenden Fleiß heraufgearbeitet hat, und der da stolz ist auf das Vermögen, das er sich erwarb; der andere groß und schlank, der Typus des frischen, fröhlichen, sorglosen Reiteroffiziers.

Mit einer kurzen Handbewegung bat der Konsul seinen Gast, Platz zu nehmen. Viktor las in dem Gesicht des anderen, was in ihm vorging.

„Die Sache kann gemütlich werden, nur ruhig Blut,” sagte er sich.

Der Konsul sah seinen Gast, der ihm mit einem liebenswürdigen Lächeln scheinbar ganz unbefangen gegenübersaß, lange an, dann fragte er endlich, mit einer fast verletzenden Ironie: „Sie wollen also die große Liebenswürdigkeit haben, meine Tochter zu heiraten?”

Viktor machte seine höflichste Verbeugung: „Wenn Sie mich so offen fragen, habe ich keine Veranlassung, Ihnen darauf nicht mit einem lauten vernehmlichen Ja zu antworten.”

„Und Sie glauben natürlich, daß ich mit Freuden ja sagen werde?”

„Wenn Sie mich so offen und ehrlich fragen, da habe ich keine Veranlassung, Ihnen darauf nicht mit einem lauten vernehmlichen Nein zu antworten.”

Der Konsul sah überrascht auf: „Ich verstehe Sie nicht.”

„Ich meine, daß Sie, Herr Konsul, mir auf meine Bitte um die Hand Ihrer Tochter ein lautes Nein zurufen werden. Sollte ich mich da irren? Da möchte ich das Kompliment der Liebenswürdigkeit, das Sie mir vorhin machten, zurückgeben.”

Der Konsul überhörte in seiner Erregtheit die Ironie dieser Worte. Er stand halb auf: „Wenn Sie im voraus wissen, daß ich Nein sage, dann erscheint mir Ihr Besuch eigentlich überflüssig, und ich betrachte unsere Unterredung als beendet.”

„Ich nicht,” dachte Viktor, und mit einer liebenswürdigen Handbewegung forderte er den Konsul auf, sich wieder zu setzen: „Es ist ja eigentlich gegen die gute Sitte, daß der Gast dem Hausherrn einen Stuhl anbietet; aber vielleicht leisten Sie mir doch noch ein paar Minuten Gesellschaft.”

Der Konsul wußte selbst nicht, wie es kam; aber plötzlich saß er wieder und fragte: „Was wollen Sie denn eigentlich noch von mir?”

„Nur eine Kleinigkeit, ich möchte das Nein, das Sie aussprachen, in ein Ja Ihrerseits umwandeln.”

Der Konsul lehnte sich in seinen Stuhl zurück und sah seinen Gast groß an: „Da bin ich aber begierig, wie Sie das anfangen wollen.”

„Ich auch, Herr Konsul; aber es wird mir schon was einfallen,” meinte Viktor nicht ohne einen gewissen Galgenhumor. Und nach einer kleinen Pause fuhr er fort: „Ich könnte ja versuchen, Ihr Herz dadurch zu rühren, daß ich Ihnen schildere, wie ich Ihr Fräulein Tochter liebe und wie Hildegard mich wieder liebt; aber ich glaube, das würde auf Sie keinen Eindruck machen, das würde Sie ganz kalt lassen.”

„Ganz,” sagte der Konsul lakonisch.

„Schön, also lassen wir das Thema fallen,” meinte Viktor ebenso ruhig. „Sprechen wir von etwas anderem. Und plötzlich fragte er: „Interessiert es Sie, Herr Konsul, zu erfahren, wieviel Schulden ich habe?”

„Absolut nicht.”

„Schade,” meinte Viktor gelassen, „sonst hätte ich Ihnen mitgeteilt, daß meine Passiva, wie Sie als Kaufmann das wohl nennen, sich auf rund 10 000 Mark belaufen, denen allerdings nur geringe Aktiva gegenüberstehen. Aber später werde ich noch einmal reich, ich erbe noch einmal ein großes Majorat.”

„Das freut mich für Sie, Herr Leutnant.”

„Mich auch, Herr Konsul; es ist doch immerhin ganz angenehm, wenn man sich sagen kann, daß man später nicht ganz allein auf die Gnade seines Schwiegervaters angewiesen ist. Vorläufig müßte der allerdings meinen Haushalt standesgemäß unterhalten; später jedoch könnte man es dem Mann ja zurückgeben, wenn er so geizig wäre, darauf zu bestehen.”

Bis jetzt hatte der Konsul eine künstliche Ruhe bewahrt, aber bei den letzten Worten, deren Anspielung er nur zu gut verstand, brauste er auf: „Bitte, geben Sie sich weiter keine Mühe, mich umzustimmen, Herr Leutnant. Glauben Sie wirklich, ich hätte mehr als zwanzig Jahre Tag und Nacht drüben gearbeitet, nur um aus meiner Tochter eine gute Partie zu machen, die ich dem ersten besten Leutnant zur Frau gebe?”

Viktor richtete sich stolz empor: „Zunächst, Herr Konsul, bin ich nicht der erste beste und daß Sie lediglich gearbeitet haben, um aus Ihrer Tochter eine gute Partie zu machen, habe ich weder behauptet, noch glaube ich es. Aber Sie haben gearbeitet, damit Ihr Kind später frei und unabhängig dasteht und sich das Leben so gestalten kann, wie sie will. Na, wenn Sie, Herr Konsul, bei Lebzeiten Ihre Einwilligung nicht geben wollen, dann warten Hildegard und ich einfach bis Sie tot sind. Wir sind ja jung und haben noch Zeit.”

„Herrrr!”

Der Konsul war aufgesprungen und starrte den Leutnant an, er war solcher Kühnheit, solcher Ruhe gegenüber ganz sprachlos.

„Und wenn ich Hildegard nun später enterbe?” fragte er endlich.

Mit einer unendlich geringschätzenden Miene sah Viktor den Konsul an: „Sagen Sie mal, Herr Konsu, glauben Sie, daß ich Ihre Hildegard nur heirate, weil sie Geld hat? Glauben Sie, daß mir Ihre Millionen derartig imponieren, daß ich Ihre Tochter heiraten würde, wenn ich sie nicht liebte? Glauben Sie, daß ich Ihrer Tochter meinen Namen und meine Stellung geben würde, nur weil sie Geld hat? Sagen Sie mal, Herr Konsul, wissen Sie überhaupt, was Liebe ist?”

Das klang derartig niederträchtig ironisch, daß der Konsul abermals aufsprang und seinen Gast mit flammenden Augen ansah: „Herr Leutnant, wie kommen Sie dazu, in solchem Tone mit mir zu sprechen? Derartige Fragen an mich zu richten?”

Aber ebenso heftig, wie der Konsul wurde, so ruhig blieb der junge Offizier.

„Sie hatten vorhin die Liebenswürdigkeit, zu bemerken, es würde Sie ganz kalt lassen, wenn ich Ihnen schilderte, wie ich Ihr Fräulein Tochter liebe und wie Ihre Hildegard mich wieder liebt. Na, Sie haben doch nur das eine Kind, und wenn Sie das wirklich lieb hätten, dann würden Sie doch auch den Wunsch haben, es glücklich zu machen. Wenn Sie nun Ihr Kind nicht glücklich machen wollen, weil Sie ihr den Mann verweigern, den sie liebt, nämlich mich, da dachte ich, Sie hätten überhaupt für alles, was Liebe heißt, nicht die Spur von Verständnis.”

„So,” sagte sich Viktor, als er dem Konsul diese Lektion erteilt hatte, „nun ist Schluß, jetzt schlägt es dreizehn, nun fliege ich hinaus.” Und fast schien es, als wenn er mit seiner Vermutung Recht behalten sollte; zornschnaubend stand ihm der Hausherr gegenüber, und die Adern auf seiner Stirn waren zum Zerspringen geschwollen. Aber wie es so oft bei leidenschaftlichen, jähzornigen Menschen geht, der Zorn verflog ebenso schnell, wie er gekommen war, und zuerst mit großen verwunderten Augen, dann mit fast bewundernden Augen sah er den Leutnant an: er konnte es nicht ändern, der Mann gefiel ihm, ja noch mehr, er imponierte ihm, wie er ihm so sorglos gegenüberstand. Und plötzlich und unvermittelt, daß der junge Leutnant im ersten Augenblick nicht recht zu hören glaubte, sagte der Konsul: „Hier ist meine Hand, schlagen Sie ein, Sie sollen meine Tochter haben.”

Als Viktor nach einigen Stunden seine Wohnung wieder betrat, kam ihm sein Bursche entgegen: „Herr Leutnant, ich habe mir's überlegt, ich schaffe mir die Anna ab.”

Viktor sah ihn verwundert an: „Du bist wohl unklug? Wie kommst du dazu? Und was geht mich das überhaupt an? Ach so, nun fällt mir die Szene von gestern Abend wieder ein. Na, das war ja nicht so böse gemeint, behalte nur deine Anna, was wäre wohl das Leben ohne Liebe.”

Das leuchtete Hans Hansen in der wehmütigen Stimmung, in der er sich augenblicklich befand, sehr ein, und er beschloß, nicht nur die Anna weiter beizubehalten, sondern sich als zweite Braut auch noch die Minna anzuschaffen.


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