Ein Heirathsantrag mit Hindernissen.

Soldatenhumoreske von Graf Günther Rosenhagen
in: „Lübecker Eisenbahn-Zeitung” Nr. 119 vom 22., 23. und 24.Aug. 1895,
in: „Seine Hoheit” und
in: „Exzellenz lassen bitten”.


Endlich war der heißersehnte Tag gekommen! Das Bataillonsexerzieren lag hinter uns. Vier Wochen hindurch waren wir jeden Tag, den der Schöpfer neu erstehen ließ, morgens um sechs Uhr nach dem zehn Kilometer entfernt liegenden Exerzierplatz abgerückt und hatten den „Türken”, wie das im Grunde genommene sich stets gleich bleibende Gefechtsbild heißt, Tag für Tag abgeschlachtet. Von vorne und von hinten, von rechts und von links, im Schritt und im Laufschritt, im Marsch und im Marsch-Marsch, von Osten nach Westen und von Nord-Süd-Ost nach West-Süd-West hatten wir den Knick gestürmt, hinter dem sich der böse Feind in Gestalt von einigen roten Flaggen zu verbergen beliebte. Es war zum Wahnsinnigwerden; jeden Mittag, wenn der Bursche das Dienstbuch brachte, las man stets dasselbe: „Morgen früh um 6 Uhr Abmarsch zum Bataillonsexerzieren;” wenn es wenigstens noch einmal geheißen hätte „morgen um 6 Uhr früh” — aber nein, selbst in dem Befehl drückte sich das ewige Einerlei aus, das uns zu töten drohte. Man dachte und sprach überhaupt nichts anderes und wenn man sich nachmittags, um auf andere Gedanken zu kommen, zu einem kleinen Spaziergang entschloß, schlugen die Füße schon von selbst den Weg nach dem Exerzierplatz ein — nur mit Gewalt waren sie in eine andere Richtung zu bringen.

Wie die Kinder freuten wir uns daher, als endlich in dem Parolebuch zu lesen stand: „Morgen früh um sechs Uhr steht das Regiment auf dem Kasernenhof in Tiefkolonne zum Abmarsch in das Manöverfeld bereit.” Wie ein vielpfündiger Mühlstein fiel es uns von der Brust und voller Ungeduld erwarteten wir die Stunde, in der wir mit klingendem Spiel die Stadt verlassen sollten. Um 6 Uhr sollten wir abmarschieren, aber schon um vier Uhr hörte ich auf dem Korridor schwere Tritte, von eisenbeschlagenen Stiefeln herrührend, und eine halbe Minute später ertönte aus der mich umgebenden tiefen Finsterniß eine rauhe Stimme: „Herrr Lieutenant, is sich höchste Zeit.”

Der also zu mir sprach war mein treuer Bursche Cornelius Nepos. Nur der Himmel mochte wissen, wie der Vater dazu gekommen war, seinem weder geistreichen, noch durch körperliche Schönheiten auffallenden Sohn den stolzen Namen Cornelius zu geben — genug, er hatte es aus mir unbekannten Gründen gethan und bei einer etwas feuchten Sitzung hatten einige Kameraden, die ich mir zu Gast gebeten, ihm den Beinamen Nepos gegeben und unter diesem Namen war er bald überall bekannt. Cornelius trug die ihm zu theil gewordene Namensauszeichnung mit Stolz und bemühte sich, sich seines großen Ahnen, von dessen Existenz er keine Ahnung hatte, würdig zu erweisen.

„Aber Cornelius Nepos,” sprach ich zu ihm in vorwurfsvollem Ton, „was fällt Dir denn ein, mich jetzt schon zu wecken, jetzt wo die Hähne sich noch einmal auf ihrem Bein herumdrehen und noch garnicht an das Krähen denken! In einer Stunde frag mal wieder an, vielleicht bin ich dann geneigter, auf Deinen Vorschlag einzugehen.”

Doch meine wohlgesetzten Worte machten auf ihn nicht den leisesten Eindruck. Aus seiner unergründlich tiefen Tasche nahm er ein Streichholz nach dem anderen und versuchte es an seinem eignen Ich zu entzünden — schwedische Streichhölzer zu gebrauchen war er nicht zu bewegen. An seinem Niesen merkt ich, daß der Schwefel ihm in die Nase gestiegen war und gleich darauf hatte er das Licht angezündet. Seiner Instruktion gemäß zog er mir die Decke fort und reichte mir die Strümpfe, damit jeden weiteren Widerstand meinerseits besiegend.

„Herr Lieutenant, is sich die höchste Zeit,” wiederholte er noch einmal, gleichsam als Ent­schuldigung für sein energisches Vorgehen, „ich muß sich ja noch packen.”

„Aber Mensch — ich denke, das ist Alles gestern Abend besorgt,” fuhr ich ihn an.

„Is sich auch, is sich auch,” beruhigte er mich, „aber das Waschzeug.”

„Und deswegen weckst Du mich so früh,” wollte ich schelten, da fiel mir noch zur rechten Zeit ein, welche unbegrenzte Hochachtung Herr Cornelius vor diesen Reinigungsmitteln besaß. In einem kleinen Dorf, hart an der russischen Grenze geboren und erzogen, hatte Cornelius, als er mein Bursche geworden, mit immer größer werdenden Augen zugesehen, wie ich mich zu den verschiedensten Tageszeiten wusch. Das war ihm etwas ganz Neues gewesen, und erst allmählich hatte ich ihm beigebracht, daß das Wasser nicht nur zum Trinken da sei. Lange hatte das nicht in seinen Kopf hineingewollt, aber als er es endlich begriffen, hatte er für meinen Waschtisch und alles, was damit zusammenhing, eine Liebe und Ehrfurcht bekommen, die ihres Gleichen suchte.

Eine halbe Stunde später war meine Toilette beendet und ich sah Cornelius zu, der den Rest meiner Habseligkeiten in meinen Tornister packte. Da erst gewahrte ich den seltsamen Ausdruck, der auf dem Gesicht meines treuen Knappen lag.

„Aber Nepos, Würdigster der Römer, Kind, was fehlt denn Dir heute Morgen,” sprach ich zu ihm, „Du siehst ja so eigenthümlich aus, Du hast so seltsam geröthete Augen, was ist denn los mit Dir?”

Aber anstatt zu antworten, beugte Cornelius sich nur noch tiefer über den Tornister.

„Hast Du gestern Abend etwa etwas zu tief in das Glas hineingesehen? Ich will so etwas von Dir nicht hoffen” — mit Schrecken dachte ich daran, was ich gestern Abend selbst Alles getrunken —, „obgleich die Freude, endlich in das Manöver auszurücken, manches, wenn auch nicht Alles entschuldigt. Ich nehme natürlich zu Deiner Ehre an, daß auch Du Dich auf das Manöver freust?”

„Jaaa, Herr Lieutenant.”

Das klang beinahe, als wenn ein Esel geschrieen hätte, aber bevor ich Zeit zu einer weiteren Frage fand, hatte Cornelius das Zimmer verlassen, um sich nach der Kaffeemaschine umzusehen. Auch im Eßzimmer verschwand er, als ich hineintrat, und ich sah ihn erst wieder, als das Regiment auf dem Kasernenhof zum Abmarsch bereit stand.

Herr Cornelius stand in Reih und Glied, aber nicht wie sonst stolz und kühn, wie es dem Träger eines so alten schönen Namens zukam, sondern anscheinend gebrochen an Leib und Seele, und als ich genauer hinblickte, gewahrte ich eine Thräne, die sich heimlich aus seinem linken Auge verlor und langsam und schwermüthig zur Erde niederfiel. Ich war starr. Cornelius Nepos weinte! Was war die Thräne des Perikles, durch die er einst Aspasia rettete, im Vergleich mit der Thräne meines Cornelius Nepos? Warum weinte er? Sollte auch er wie Perikles, wenn auch nicht um eine Aspasia, so vielleicht doch um eine Anna oder Lina klagen? Gewiß, das war es, wie konnte ich nur so thöricht gewesen sein, nicht gleich darauf zu kommen, sein J—a, in dem sich sein ganzer Seelenzustand ausdrückte, hätte es mir gleich verrathen müssen.

„Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus,” spielte die Musik und fort ging es durch die Straßen der Stadt nach dem Bahnhof, wo wir „verladen” und nach unserem Bestimmungsort „eingeschifft” wurden. Militärzüge fahren trotz ihres stolzen Namens „Extrazüge” ganz besonders langsam, und so hatte ich denn, wie ich glaubte, Zeit genug, über Herrn Cornelius nachzudenken. Aber es ging, wie so oft, erstens kam es anders, zweitens als ich dachte, ich schlief ein und wurde erst wieder wach, als wir an unserem Bestimmungsort angekommen waren. Nach einem kurzen Marsch von etwa einer Stunde hatten wir unser Quartier erreicht und nachdem ich mich bei einem guten Frühstück erholt, war mein Herz doppelt milde und sanft gestimmt.

Als ich mein Zimmer betrat, war Cornelius damit beschäftigt, mein Waschzeug auszupacken. Leise näherte ich mich ihm von hinten und meine Hand fest auf seine Schulter legend, daß er, der von Natur sehr furchtsam, erschrocken zusammenfuhr, sagte er[wohl recte: ich]:

„Nun, wie heißt sie?”

„Is sich ja die Anna, Herr Leutnant,” stotterte er verwirrt, mich mit großen Augen ansehend, als begriffe er nicht, wie ich seine geheimsten Gedanken hatte errathen können. „Gut,” fuhr ich fort, „also die Anna, aber welche „die”?”

„Die, Herr Lieutenant.”

„Zum Donnerwetter, welche „die”?”

„Is sich doch nur eine „die”, Herr Lieutenant.”

Also er liebte wirklich heiß und treu, das ging aus seinen Worten hervor, die neben der einen „die” die anderen dies nicht aufkommen ließen. So ging das nicht weiter, ich mußte klar sehen und deshalb sprach ich zu ihm in dem Tone eines Untersuchungsrichters, „also erzähle nur den Sachverhalt, aber möglichst kurz und ohne Umschweife.”

Und endlich kam Licht in die Sache. Die Anna war's. Vor nunmehr fast Jahresfrist hatte er sie auf einem Vereinsball kennen gelernt, sie hatten fleißig miteinander getanzt, seine Augen hatten gesprochen: ich liebe Dich und ihre Augen hatten geantwortet: ich bin Dir gut. Ihre Herzen hatten sich gefunden und als der Ball beendet, war Cornelius so gut wie verlobt und nach acht Tagen war er es wirklich. Ein unnennbares Gefühl des Glückes und der Freude hatte seine Heldenbrust geschwellt, aber nur zu bald war dem Taumel die Ernüchterung gefolgt, als er das „Nationale” seiner Braut kennen lernte. Schon ihr Name Anna Hansen war ihm so bekannt vorgekommen, ihm war immer so, als wenn er den Namen Hansen schon mal gehört hatte, nur über das Wann und Wo konnte Cornelius Nepos sich nicht einig werden. Aber eines Tages bei dem Exerzieren war ihm die Sache klar geworden. „Feldwebel Hansen” hatte der Hauptmann mit lauter Stimme gerufen — richtig, der war es, sein Feldwebel hieß Hansen, Herr Gott, wenn seine heimliche Braut etwa gar eine Verwandte —. Er hatte nicht gewagt, den Gedanken zu Ende zu denken, sein Herz drohte ihm still zu stehen; und nur mit Aufbietung aller seiner Kräfte hatte er vermocht, seinen Dienst zu Ende zu thun. Mit fieberhafter Ungeduld hatte er an jenem Tage das Ende der abendlichen Putz- und Flickstunden abgewartet und war dann auf den Flügeln der Liebe zu seiner Braut geeilt.

„Is sich, daß Du kennst Feldwebel meiniges Hansen,” hatte er sie athemlos gefragt.

„Natürlich, das ist ja mein Bruder, den werde ich doch wohl kennen,” hatte sie geantwortet und Cornelius hatte geglaubt, sein letztes Stündlein wäre gekommen. Er, der Musketier, noch dazu wie sein Unteroffizier ihm jeden Tag zwanzigmal versicherte, der Krümmste der ganzen europäischen Armee, war heimlich verlobt mit der Schwester seines Feldwebels. Das war etwas so Unerhörtes, Subordinations­widriges, daß sein armer Kopf es nicht zu fassen vermochte. Wenn es entdeckt würde. Er hörte im Geiste die Stimme seines Vorgesetzten, der ihm bei seinem Dienst-Eintritt die Kriegs-Artikel vorgelesen hatte und sah sich schon mindestens mit dem Tode und fünf Jahren Ehrverlust bestraft. Wie sollte das enden? Er wußte keinen Ausweg und verwünschte sein Herz, daß ihm solchen Streich gespielt, nach allen ihm bekannten und unbekannten Gegenden.

Die Anna lachte ihn aus, die Sache war doch sehr einfach. Er mußte hingehen zu ihrem Bruder und um ihre Hand bitten, das war selbstverständlich, da gab es doch garnichts zu überlegen.

Aber Cornelius war anderer Ansicht, er dachte daran, wie ihn einmal der gestrenge Feldwebel, der in seiner Rang-Ordnung unmittelbar hinter Sr. Majestät dem Kaiser rangierte, angefahren hatte, als er einen etwas längeren Urlaub haben wollte. Was würde erst mit ihm geschehen, wenn er als Freier auftrat?

Unweigerlich hatte Anna auf ihrer Forderung bestanden und endlich hatten sie sich dahin geeinigt, daß die Verlobung vorläufig noch zwischen ihnen beiden ein vollständiges Geheimniß bleiben solle, bis Cornelius eines Tages den Muth gefunden hätte, sich dem Feldwebel anzuvertrauen. Er hoffte, daß diese Stunde bald schlagen würde, doch Tag auf Tag, Monat auf Monat vergehen, ohne daß er den Schritt gewagt hätte.

So war der gestrige Tag herangekommen und bei dem Abschied, den er von Anna genommen, fand eine böse Aussprache zwischen ihnen statt. Anna hatte ihn in heftigen Worten der Feigheit beschuldigt. Nur noch vierzehn Tage, dann sei seine Dienstzeit zu Ende, dann würde er entlassen, was dann aus ihr werden solle? Aus den Augen, aus dem Sinn, das wäre ein altes Wort, das sich bisher noch immer bewahrheitet hätte, aber sie habe keine Lust, sich von ihm verlassen zu sehen und nie und nimmer würde sie seine Frau werden und nie und nimmer je wieder ein Wort mit ihm sprechen, wenn er nicht, so lange er noch Soldat war, bei ihrem Bruder um ihre Hand gebeten habe.

„Und das is sich mich doch gar nicht möglich,” schloß Cornelius Nepos schluchzend seine Erzählung und verzweiflungsvoll rang er in seinen Händen meinen großen Schwamm.

Der arme Mensch that mir sehr leid und ich begriff die Stimmung, in der er sich befand, vollkommen, aber nach meiner Meinung gab es hier nur ein „Vorwärts”, kein „Zurück” und deshalb sprach ich zu ihm: „Cornelius Nepos, sei ein Mann. Was Du Dir eingebrockt hast, mußt Du auch ausessen und wenn die Anna darauf besteht, daß Du bei ihrem Bruder um ihre Hand anhältst, so mußt Du das auch thun, das bist Du ihr schuldig. Einen besseren Rath kann ich Dir nicht geben, das ist nun einmal Mode in der Welt, daß derjenige, der ein Mädchen heirathen will, die Angehörigen desselben um Erlaubnis fragt und auch Du wirst deshalb keine Umwandlung in die wohlgeschmierte Weltmaschine bringen wollen. Also gehe hin und thue desgleichen, und morgen Mittag nach dem Dienst wirst Du mir Meldung erstatten, was Du ausgerichtet hast. Bei meinem Zorn!”

Vollständig vernichtet sank Cornelius mit einem hörbaren Ruck in sich zusammen, aber ich that, als wenn ich seinen Zustand nicht bemerkte.

„Nun wie steht's?” fragte ich am nächsten Tag, als ich nach dem Regimentsexerzieren todtmüde und von der enormen Augusthitze auf das äußerste erschöpft, mein Quartier betrat, in dem Cornelius mich bereits erwartete und Alles zum Umkleiden bereit gelegt hatte, „nun, wie ist's, hast Du mit dem Feldwebel gesprochen?”

Die Thränen traten in die Augen des unglücklichen Liebhabers, und seine Worte: „Is sich mich doch garnicht möglich, Herr Lieutenant,” klangen wie der Angstschrei eines sterbenden Kriegers.

„Cornelius Nepos.” Meine Stimme nahm einen drohenden Klang an und alles, was ich an Verachtung über die Feigheit meines Burschen empfand, legte ich in die Betonung, mit der ich seinen Namen sprach.

„Ach Herr Lieutenant meiniges, is sich mich doch ganz und gar wahrhaftig nicht möglich,” klagte Cornelius in einem Ton, der einen Stein gerührt hätte.

„Und warum nicht Du, Du —”. Vergebens suchte ich nach einem passenden epitheton ornans.

„Is sich mich doch wirklich garnicht möglich, Herr Lieutenant, is sich doch der Feldwebel, als der älteste Unteroffizier des Regiments, gar nicht in das Manöver mit ausgerückt, sondern in der Garnison, „bei dem Schwamm”, mit anderen Worten bei dem Wachtkommando zurückgeblieben.”

Die Sache wurde immer schwieriger, derenhalber wußte Cornelius, das war bei mir beschlossene Sache.(1)

„Sieh mal, Cornelius,” erwiderte ich, „das trifft sich ja in mancher Weise ganz günstig, was man heutzutage nicht mündlich abmachen kann, erledigt man schriftlich. Das ist zwar häufig etwas umständlicher, hat aber zuweilen den großen Vortheil, daß man die Worte nicht hört, die der Empfänger unseres Schreibens bei dem Lesen unserer Bitte zornentbrannt ausruft. Auch in Deinem Fall ist es besser, die Sache schriftlich abzumachen, Du schreibst dem Fedlwebel einen höflichen Brief, setzest ihm auseinander, wie Du mit seiner Schwester stehst, erklärst ihm, daß Du bereits eine gute Civilstellung hast, in der Du bei einiger Sparsamkeit eine Frau zu ernähren wohl im Stande bist und bittest ihn, Deinem Glück nicht im Wege stehen zu wollen. Paß auf, wenn Du ihm das so schreibst, wird er Dir sicher den Segen ertheilen.”

Cornelius Augen strahlten vor Entzücken. Alles, Alles wollte er thun, nur nicht seinem zukünftigen Schwager persönlich gegenübertreten, er hatte in diesem Punkte zu traurige Erfahrungen gemacht. Heute noch wollte er schreiben und mir dann den Brief zeigen, damit ich sähe, daß ich mich auf ihn verlassen könnte, und daß er Alles thäte, was sein lieber Herr Lieutenant seiniges ihm riethe.

Cornelius verschwand und ich legte mich schlafen, um auszuruhen von den Anstrengungen des Morgens und um für den Nachmittagsdienst frisch zu sein.

„Um vier Uhr will ich geweckt werden,” hatte ich ihm befohlen, aber als ich um vier Uhr von selbst erwachte, war von Cornelius nichts zu sehen und nichts zu hören. Ich wartete fünf Minuten — er kam nicht, ich wartete weitere fünf Minuten — er kam noch nicht, ich wartete noch fünf Minuten — er kam absolut nicht. Zornig sprang ich in die Höhe und öffnete die Stubenthür: „Cor—ne—li—us.”

Ein Toter wäre bei dem Ruf lebendig geworden, aber der, der es hören sollte, schien tauber denn taub zu sein.

„Cor—ne—li—us.”

Ich brüllte, daß ich vor mir selbst einen Schrecken bekam, aber Cornelius erschien nicht.

„Sollte der Mensch ausgegangen sein? Das war bei seiner Pflichttreue vollständig ausgeschlossen, also er mußte entweder schlafen oder es mußte ein Unglück passirt sein.

Ich kleidete mich alleine an und stieg die Treppe empor zu dem Boden, auf dem mein Bursche sein Zelt aufgeschlagen hatte, um ihn zu wecken. Aber als ich leise die Thür geöffnet und den Bodenraum betreten, bot sich mir ein seltsamer Anblick. Auf einem Brett, das er auf zwei umgestülpte Tonnen gelegt hatte, den Oberkörper weit vornübergebeugt, saß mein treuer Knappe und schrieb einen Brief. Es mochte ihm heiß geworden sein bei der Arbeit, denn den Rock hatte er ausgezogen und auf die Erde geworfen und dicker Schweiß perlte auf seiner Stirn. Er sah und hörte mich nicht, in seiner Rechten hielt er eine Bleifeder, an deren einem Ende er eine Stahlfeder hineingepiekt hatte und mühselig malte er einen Buchstaben nach dem andern.

„Aber Cornelius,” sagte ich, „vergißt Du denn ganz Deinen Dienst?”

Bei meinen Worten sprang er empor, aber anstatt sich erschrocken zu zeigen, strahlte er „über dem ganzen Gesichte”.

„Is sich mich gerade fertig, Herr Lieutenant, war sich aber ein schweres Stück Arbeit.”

Triumphirend hielt er den Briefbogen, der mit Bildern aus dem Soldatenleben ebenso sinnig wie geschmacklos dekorirt war, in der Rechten und sein Blick, mit dem er mich ansah, sprach:

„Schau her und bleibe Deiner Sinne Meister.”

Mein Zorn war seiner Freude gegenüber verraucht.

„Na, dann zeig mal her, Knabe.”

Vorsichtig, mit den äußersten Fingerspitzen, reichte er mir das Schreiben und ich las:

„Sihr geährter Herr Veldwebell!”

„Is sich das ich liebe Ihre Schwester. Die Anna. Und sie ist mir gut. Und Herrn Lieutenant meiniges hat gesagt, und auch die Anna, ob ich darf hoffen, sie zu bekommen zur Frau nach die Manöver mit ihre Bewilligung. Denn ich kann sie auch ernähren.

Des Herrn Veldwebels
gehorsamster
Cornelius Wobka, was alle nennen Cornelius Nepos,
Muschketier bei der vierzehnte Kompagnie und Bursche bei Herrn Lieutenant meiniges.”

Ich sah Cornelius an, wie er gespannt auf meine Antwort wartete und ich brachte es nicht über das Herz, ihm meine wahre Ansicht zu sagen.

„Is sich das nicht gut so?” fragte er, als ich noch immer schwieg.

„Gewiß,” antwortete ich, „Du hast Deine Sache gut gemacht: klar, kurz und bündig. Und was Deinen Stil anbelangt, so erinnert mich derselbe an die Schriften des richtigen Cornelius Nepos, den ich in früheren Jahren — allerdings nicht freiwillig las. Doch davon verstehst Du nichts. Ich muß zum Dienst. Bringe den Brief zur Post und sei versichert, daß eine günstige Antwort nicht ausbleiben wird,”

Am nächsten Tag ging Cornelius Nepos mit einem Gesicht in der Welt herum, als wenn er wenigstens dreimal nach der Reihe das große Loos gewonnen hätte. Ich habe ihm gesagt, daß sein Brief Erfolg haben werde und das war ihm ebenso viel werth, als wenn er den Erfolg schon hätte. Das Einzige, was ihn quälte, war, daß die Antwort so lang auf sich warten ließ — nun, wo er seines Glückes sicher, konnte er den Augenblick, da die Antwort eintreffen konnte, nicht mehr erwarten und alle fünf Minuten lief er nach der Thür, um nachzusehen, ob kein Postbote draußen stände.

„Aber Cornelius, sei doch nicht kindisch,” redete ich ihn an, „bedenke doch, daß die Antwort so schnell nicht kommen kann, der Brief muß erst in die Garnison, dann muß der Feldwebel ihn lesen und überlegen, mit der Anna sprechen, Dir wieder schreiben, das dauert alles Zeit, selbst im günstigsten Falle können drei bis vier Tage vergehen.”

Cornelius senkte betrübt sein Haupt, aber nur für eine Sekunde, denn es klopfte an der Thür und der Postbote erschien auf der Schwelle: „Ein Brief für den Burschen,”

„Das ist ja unbegreiflich schnell gegangen,” sagte ich, „na Cornelius, zeig mal her.”

Ich nehme den Brief und betrachte kopfschüttelnd das Couvert: „An den Veldwebel Hansen von die 14.Kompagnie (2) von das Xte Regiment in unsere Garnison.”

Postvermerk: „Dem Absender zurück mit dem Bemerken, daß Adressat sich z.Z. hier am Ort befindet.”

Na, das war stark, und Cornelius war, als er mit meiner Hülfe die Sache begriffen, dem Selbstmord nahe. Wieder weinte er die bittersten Thränen und er beruhigte sich erst, als ich ihm versprach, seinen Brief selbst auf der Post aufzugeben und den Beamten anzuweisen, seine Nase nicht in Sachen zustecken, die ihn nichts angingen und nicht „zu schlau” zu sein.

Cornelius schrieb ein neues Couvert und als ich Mittags zu Tisch ging, nahm ich den Brief mit und setzte es durch, daß derselbe nach unserer Garnison abgeschickt wurde.

Cornelius befand sich in einem Zustand der fieberhaften Erregung, er fuhr jedesmal erschrocken zusammen, wenn es an die Thür klopfte. Die traurigen Erfahrungen, die er mit dem ersten Brief, den er in seinem Leben aus der Fremde geschrieben, gemacht, hatten ihm alles Zutrauen zu der Post genommen. Vergebens suchte ich ihn zu trösten und zu beruhigen, er wollte es nicht glauben, daß sein Brief diesmal wirklich abgegangen wäre.

Zwei Tage waren vergangen, als endlich der von Cornelius trotz seiner Angst sehnsüchtig erwartete Postbote wieder in das Zimmer trat: „Nur zwei Briefe für den Burschen, Herr Lieutenant.”

„Von der Anna,” sagte er glückstrahlend, als er die Aufschrift des einen Couverts gelesen hatte, aber sein Lächeln erstarb gar bald, als er den zweiten Brief betrachtete.

„Nun was giebt es denn jetzt wieder?” fragte ich.

Statt der Antwort reichte er mir den zweiten Brief. „An den Veldwebel Hansen von die 14. Kompagnie von das Xte Regiment in unsere Garnison.”

Postvermerk: „Dem Absender zurück. Adressat befindet sich z. Zeit mit dem Regiment im Manöver.”

Einen Augenblick war ich sprachlos, so etwas war mir denn doch noch nicht vorgekommen.

„Gieb es auf, Cornelius Nepos,” sagte ich endlich, „die Post will es nicht, daß Du glücklich wirst.”

Aber davon wollte er nichts wissen, er liebte die Anna und die Anna ihn.

„Na, dann lies den Brief von der Anna,” tröstete ich ihn „ich werde mir inzwischen überlegen, wie Dir zu helfen ist.”

Er las, und während er las, entsprang ein Thränenquell seinen Augen. Die Anna machte ihm die heftigsten Vorwürfe und schalt ihn feige und ehrlos. Vor einigen Tagen war sie bei ihrem Bruder gewesen, in der sicheren Erwartung, daß Cornelius denselben schon über seine Verlobung gesprochen hätte, aber aus einigen unabsichtlich hingeworfenen Bemerkungen habe sie ersehen, daß Cornelius noch immer sein Versprechen nicht erfüllt habe. Es thäte ihr leid, daß sie so dumm gewesen wäre, seinen Liebesschwüren zu glauben, nie und nimmer würde sie ihm jemals einen Kuß gegeben haben, wenn sie nicht sicher geglaubt hätte, daß es ihm, gleich ihr, mit der Liebe heiliger Ernst gewesen wäre. Lange genug habe sie sich von ihm täuschen lassen, aber nun wäre es aus, ganz aus, es müßte denn sein, daß er umgehend den Schritt thäte, den sie schon seit Monaten von ihm erwarte.

Cornelius schluchzte wie noch nie in seinem Leben und die Vorwürfe seiner heimlichen Braut trafen ihn um so empfindlicher, als er sich frei von jeder Schuld fühlte. Dreimal hatte er nun schon um ihre Hand anhalten wollen und auch angehalten. Das erstemal war ihm, allerdings zu spät, eingefallen, daß sein zukünftiger Schwager in der Garnison zurückgeblieben, der erste Brief, den er ihm geschrieben, war garnicht abgeschickt und der zweite als unbestellbar zurückgekommen. Es war wirklich, als wenn die Welt sich gegen ihn verschworen hätte.

„Lieber Herr Lieutenant meiniges, hilf mir,” stöhnte Cornelius, „is sich ein serrr resolutes Weibchen, die Anna, und was sie sagt, das geschieht sich.”

Tröstend legte ich ihm die Hand auf die Schulter: „Fasse Mut, Cornelius, es wird noch Alles gut werden, Du hast Deine Pflicht gethan und kein Vorwurf kann Dich treffen. Schreibe an Deine Anna und theile ihr den Sachverhalt mit.”

„Aber sie wird mir nicht glauben, lieber Herre Lieutenant meiniges.”

Da mochte er so Unrecht nicht haben, denn ich mußte mir eingestehen, daß ich die Briefgeschichte, wenn ich sie nicht selbst miterlebt, ebenfalls für ein Märchen gehalten hätte. Aber geholfen mußte ihm auf irgend eine Art und Weise werden, denn das Schreiben seiner Anna klang so energisch, daß es keinen Zweifel daran aufkommen ließ, daß es ihr ernst war mit ihren Worten.

„Ja, Cornelius, was machen wir den blos?” fragte ich ihn, als ich seinen erwartungsvollen Blick gewahrte, „wie wäre es, wenn Du drei Tage Urlaub nähmest und in die Garnison führest?”

Aber davon wollte er selbst jetzt nichts wissen, ja, wenn ich mit ihm fahren wollte, dann würde er schon den Muth haben, aber ohne mich — für keinen Schatz der Welt, selbst nicht, wenn dieser Schatz Anna hieß.

„Schön,” sprach ich, „Cornelius, dann will ich Dir einen Vorschlag machen. In Anbetracht des Umstandes, daß Du mir zwei Jahre hindurch treu und redlich, wenn auch etwas dämlich gedient hast, will ich selbst nochmals für Dich schreiben und den Feldwebel in Deinem Namen um die Hand seiner Schwester bitten.”

Cornelius war so gerührt, daß er keine Worte finden konnte und eine halbe Stunde später trug er den Brief zur Post. Die Adresse lautete: „An den Feldwebel Hansen. 14.Kompagnie. Xtes Regiment. Nicht im Manöver, sondern kommandirt zum Wachtkommando in der Garnison.”

Nun mußte der Brief an seine Adresse gelangen und ich war ordentlich glücklich, daß diese Liebesgeschichte, die anfing mich nervös zu machen, endlich aus der Welt geschafft war.

Drei Tage waren vergangen, Cornelius Nepos glich in Erwarteung der Dinge, die da kommen sollten, nur noch einem Schatten und ich selbst konnte eine gewisse Unruhe nicht verbergen. Endlich kam der Postbote: „Ein Brief für den Herrn Lieutenant.”

Neugierig streckte ich die Hand aus, aber wie von einer Vieper gestochen, fuhr ich zurück: „An den Absender zurück mit dem Vermerk, daß Adressat sich seit gestern im Manövergelände befindet.”

Ich starrte noch immer wie geistesabwesend auf den Brief, das war denn doch wirklich, um drei Schlaganfälle auf einmal zu bekommen, das also war die vielgezeichnete Findigkeit der Post, na, mich sollte der Zufall nur einmal mit Herrn Postdirektor meiner Garnison zusammenführen, ich wollte ihm schon die Augen öffnen über die „Tüchtigkeit” seiner Beamten.

Da klopfte es zum zweiten Male an die Thür und bevor ich „herein!” rufen konnte, wurde dieselbe geöffnet und auf der Schwelle erschien der Feldwebel Hansen.

Ich stürzte auf ihn los und ergriff ihn bei der Brust: „Herr, wo kommen Sie her?”

Verwundert blickte er mich an, aber ohne seine stramme Haltung im geringsten zu verändern, sprach er: „Feldwebel Hansen meldet sich ganz gehorsamst an Stelle des erkrankten Vice–Feldwebels zur Kompagnie zurückversetzt.”

„Gut, daß ich Sie sehe,” sprach ich zu ihm, „seit acht Tagen suchen mein Bursche und ich Sie wie eine Stecknadel, zuerst sollen Sie, wie es einem tüchtigen Feldwebel zukommt, im Manöver sein und sind statt dessen in der Garnison und jetzt, wo Sie in der Garnison sein sollen, sind Sie auf einmal im Manöver — da soll der Teufel klug daraus werden, wo Sie denn nun eigentlich stecken.”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.” Es war eine Eigenthümlichkeit des Feldwebels Hansen, daß er immer dann „Zu Befehl” sagte, wenn es am wenigsten paßte.

Der Feldwebel schickte sich an, eine Kehrtwendung zu machen und das Zimmer zu verlassen, aber ich hielt ihn zurück.

„Sagen Sie mal, Feldwebel, was ich Sie fragen wollte — Sie haben eine Schwester?”

„Nein, Herr Lieutenant.”

„Nanu?” fragte ich, „Cornelius —” forschend schweiften meine Blicke im Zimmer umher, doch Cornelius war verschwunden.

Ich griff an meine Stirn. „Sagen Sie mal, Feldwebel, wissen Sie das genau, daß Sie keine Schwester haben?”

Lächelnd blickte der Gefragte mich an. „Aber natürlich habe ich Schwestern.”

„Aber Mensch, eben sagten Sie mir doch, Sie hätten keine Schwestern.”

„Herr Lieutenant fragten mich, ob ich eine Schwester hätte — ich hab' aber zwei Schwestern, Marie und Anna.”

„Aber Mann, das hätten Sie doch gleich sagen können,” fuhr ich fort, „also was ich sagen wollte, es handelt sich nämlich um Ihre Schwester Anna, die ist nämlich verlobt. —”

Seine Augen weiteten sich zusehends.

„Und zwar mit meinem Burschen.”

Seine Augen sprühten Blitze, wenn nun Cornelius dagewesen wäre!

Die Subordination verbot ihm, offen und ehrlich seine Meinung zu äußern, so sagte er dann nur „Zu Befehl”.

„Ich hoffe, daß Sie die Wahl Ihrer Schwester billigen. — Cornelius ist wirklich ein guter Kerl, er hat sein Auskommen und Ihre Schwester liebt ihn, das ist doch schließlich die Hauptsache.”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

Ich gab ihm die Hand: „Na, es freut mich, daß Sie so vernünftige Ansichten haben und daß Sie so schnell Ihre Einwilligung geben, Cornelius kann Ihnen erzählen, was wir uns schon seit acht Tagen für Mühe gegeben haben, dieselbe zu erhalten. Soll ich Cornelius jetzt rufen?”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.” Das klang wie das Brüllen eines gereizten Tigers.

Ich wußte, daß Cornelius mein Rufen doch nicht beachten würde, und so stieg ich wieder die Treppen nach dem Boden hinauf, wo ich Cornelius wie Espenlaub zitternd auf seinem Strohsack sitzen fand.

„Is er sich futsch, Herr Lieutenant?”

„Im Gegentheil,” beruhigte ich ihn, da ich die Angst hörte, die aus seiner Frage sprach, „er ist noch unten und wartet auf Dich und freut sich, Dich als Schwager begrüßen zu dürfen. Er billigt Annas Wahl — Du wirst sie heirathen.”

„Ha,” mit einem Freudenschrei sprang er in die Höhe und mich fast umrennend, raste er die Treppe hinunter und öffnete die Thür zu meinem Zimmer.

Noch einmal hörte ich unten sein „Ha”, aber das klang wie der Hülfeschrei eines Menschen, dem eine rauhe Hand an die Gurgel fährt. Dann war Alles still.

Als ich nach etwa zehn Minuten die Stube wieder betrat, standen die beiden Schwäger einträchtig nebeneinander. Sie hatten sich „ausgesprochen”, aber die Unterhaltung mußte sehr erregt gewesen sein, denn das Gesicht des Feldwebels war ganz blaß, während Cornelius Nepos merkwürdig rothe Backen hatte.

„Nun,” sprach ich zu Cornelius, als der Feldwebel uns wenige Sekunden später verlassen hatte, „nun freue Dich, daß Du endlich das Jawort hast und vergiß in Deiner Ehe nie, wie schwer es Dir geworden ist, Dir Deine Anna zu erringen.”

Da sah er mich mit einem gar seltsamen Blick an und sich mit der Rechten die Wamge streichend, sagte er:

„Liebes Herre Lieutenant meiniges, is sich garnicht möglich, daß ich werd vergessen können das Wort „Ja”.


Fußnoten:

(1) In der Buchausgabe „Seine Hoheit”: „Die Sache wurde immer schwieriger.” (zurück)

(2) Schlicht war 1894 Lieutenant in der 14.Kompagnie des 2. Hans. Inf. Rgt.76. (zurück)


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