Stumme Anbetung.

Skizze aus dem Officiersleben.
Von Freiherr v. Schlicht (Dresden).
in: „Frankfurter Zeitung und Handelsblatt” vom 1.Okt. 1899,
in: „Hamburger Fremdenblatt” vom 15.Okt. 1899 und
in: „Die Kommandeuse”.


Ich weiß nicht, mir ist so, als hätte ich einmal irgendwo gelesen, daß die Zeit des Götzendiesntes vorüber sei, Anbetungen wären nicht mehr Mode und Opfer würden nicht mehr gebracht.

Wie gesagt, mir ist so, als hätte ich Derartiges einmal irgendwo gelesen, aber ich kann mich auch irren. Wie Dem aber auch sei, „bei's Civil” mag der Satz seine Richtigkeit haben, „bei's Militär” ist er falsch, ganz falsch.

In der kleinen Garnison findet am nächsten Morgen die Regiments­vorstellung statt. Se. Excellenz der commandirende Herr General hat es befohlen und dagegen ist leider nichts zu machen. Man muß sich darauf beschränken, Excellenz zum Teufel zu wünschen und Das thut man redlich.

Es ist ein Glück, daß die stillen Verwünschungen keine weiteren Folgen haben — es ist wirklich ein Glück. Manche aber sagen auch: es ist ein Jammer. Wer Recht hat, weiß ich nicht. Ich glaube — doch auf Das, was ich glaube, kommt es ja nicht an.

Die höchste Excellenz kommt: Alle, die es hören, haben nur den einen Wunsch: „O, wäre sie erst wieder fort!”

Der Herr Oberst wünscht es sich am sehnlichsten, er weiß nicht, woran es liegt, ihm ist mit einem Male gar nicht so ganz extra. Seine Gattin rieth ihm, Kamillenthee in größeren Quantitäten zu sich zu nehmen. „Du weißt nicht, Otto, wie gut Das thut,” sagt sie, „probir es nur mal!”

Aber Otto will nicht.

Der Oberstleutnant weiß, daß er morgen den Auftrag bekommen wird, den markirten Feind zu führen. Der markirte Feind verläuft sich immer. Es gibt Leute, die allen Ernstes behaupten, selbst Moltke, der doch sonst nicht ganz unbefähigt war, würde das Kunststück nicht fertig gebracht haben, den markirten Feind dorthin zu führen, wohin er soll.

Und der Oberstleutnant ist kein Moltke: ach nein, leider nicht. Manche sagen, er hätte die Epauletts eines Stabsofficiers und die Kenntnisse eines Fähnrichs. Und Fähnrichs haben bekanntlich „keine Ahnung”.

Der Oberstleutnant will Oberst werden — das will Mancher. Bange Zweifel quälen ihn, ob es ihm gelingen wird, bei dem hohen Vorgesetzten seinen Willen durchzusetzen — bei Untergebenen ist so etwas bedeutend leichter.

„Du solltest Kamillenthee trinken, Ferdinand,” räth ihm die Gattin.

Aber Ferdinand will nicht.

Die Herren Bataillons­commandeure hoffen dereinst „Etatsmäßige” zu werden. „Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden” lehrt ein altes Wort, aber beim Militär gilt das Wort nicht, was sollte da wohl werden, wenn alle Hoffnungen sich erfüllten?

Diese Frage kann selbst kein Vorgesetzter beantworten und Das will viel sagen, denn die hohen Herren wissen Alles.

Bei der Regimentsvorstellung kann ein Hauptmann sich bis zur Bewußtlosigkeit blamiren. Das wissen die Herren, sie haben Furcht vor dem kommenden Tag, sie sind aufgeregt und zittern.

Mit einer braunen Kanne voll Kamillenthee kommt die Gattin, ach die theure.

„Trink nur Fritz, es wird Dir gut thun, es beruhigt Dein Blut und Deine Nerven. Denke Dir nur, es wäre doch schrecklich, wenn Du Bezirksofficier würdest. Das darfst Du mir und den Kindern nicht anthun — bis zum Hauptmann erster Classe mußt Du es wenigstens bringen.”

Fritz ist verständig, er sieht das ein, aber Kamillenthee trinken will er auch nicht.

Gekocht ist der schöne, theure Thee aber nun einmal. Soll er in die Gosse wandern? Das bringt die sparsame Hausfrau nicht fertig — sie trinkt ihn selbst. Guten Appetit.

Die Einzigen, die sich durch das Erscheinen Sr. Excellenz nicht aus der Ruhe bringen lassen, sind die Herren Leutnants. Liegt Das daran, daß keinem Leutnant ein Commandirender, oder daran, daß keinem Commandirenden ein Leutnant imponirt? Ich weiß es nicht.

Excellenz kommt, dank der schlechten Eisenbahn­verbindung, bereits am Abend vor der Besichtigung, und mit ihm kommen die anderen hohen Herren. Der Herr Divisions­commandeur, Excellenz, der Herr Brigade–Commandeur, nicht Excellenz, und dann die Adjutanten und Generalstabs­officiere, auch keine Excellenzen, aber nach ihrer eignen Meinung viel klüger und bedeutender, als Excellenzen im Allgemeinen zu sein pflegen und ihre Excellenzen es im Besonderen sind.

Im ersten Hotel der Stadt sind Zimmer für die hohen Herren bestellt und der Speisesaal ist für die Herrschaften reservirt. Wer von den Officieren der Garnison Das noch nicht weiß, erfährt es aus einer Regimentsnotiz, die der Adjutant auf Veranlassung des Herrn Oberst „verbrochen” hat, die durch eine Ordonnanz sämmtlichen berittenen Officieren zugestellt wird, und die da lautet: „Se. Excellenz der commandirende Herr General, sowie die übrigen hohen Vorgesetzten gedenken den heutigen Abend in ihrem Hotel zu verbringen. Auch ich werde dort sein, — es wäre zu wünschen, wenn möglichst viele Herren sich gegen acht Uhr im Hotel einfinden.”

Jeder, der diesen Befehl erhält, flucht wie ein Wilder, erklärt den Oberst für blödsinnig, daß er solchen „Mist” loslassen könne, schwört zehn Eide, daß keine hundert Pferde ihn in das Hotel bringen würden und zieht sich dann seinen besten Ueberrock an und geht doch hin.

Der Oberstleutnant als erster. einmal, weil es der Oberstleutnant ist, dann aber auch, weil er etwas in Erfahrung zu bringen hofft, wo morgen der Feind stehen soll — er hätte dann Zeit, sich heute Nacht in Ruhe zu überlegen, wie er am besten nach dem ihm bezeichneten Fleck der Erde hinkäme. Ob diese Ueberlegung einen praktischen Nutzenhaben würde, ist allerdings mehr als zweifelhaft. Er verläuft sich doch.

In dem Speisesaal des Hotels versammeln sich nach und nach sämmtliche Herren. Man sitzt an einer langen Tafel — in der Mitte der Commandirende, zu seiner Rechten der Herr Divisions–Commandeur, ihm gegenüber der Herr Oberst. Zur Rechten des Herrn Oberst der Herr Oberstleutnant, zur Linken der älteste Herr Major — zur Rechten und zur Linken reihen sich die anderen Herren, streng nach der Anciennität und der Rangliste.

Se. Excellenz der Commandirende hat sich ein Glas Bier bestellt und sogar einen kleinen Kümmel.

„Geben Sie mir Dasselbe,” sagt der Herr Divisions–Commandeur. „Mir auch,” befiehlt der Brigade–Commandeur.

Die anderen Herren bestellen sich Dasselbe, aber nicht so laut und selbstbewußt, es könnte einen schlechten Eindruck machen, wenn man dem Beispiele Sr. Excellenz mit einem einfachen „Mir auch!” folgte.

Schlechte Eindrücke müssen heute Abend unter allen Umständen vermieden werden, die kommen morgen immer noch früh genug, wenn nicht zu früh.

Neben dem jüngsten Major sitzt der älteste Hauptmann: für sein Leben gern würde er sich eine Flasche Rothwein bestellen oder wenigstens eine halbe, denn er ist mit seinem Magen thatsächlich nicht in Ordnung.

„Was meinen der Herr Major?” fragt er seinen Nachbarn, „kann ich mir wohl Wein kommen lassen?”

„Ich würde es an Ihrer Stelle nicht thun,” lautet die Antwort, „es könnte unangenehm auffallen; auf jeden Fall würde Excellenz sich wundern.”

Nichts ist schlimmer, als wenn die Vorgesetzten sich über die Untergebenen wundern — Das weiß der Hauptmann, so bestellt er sich ebenfalls ein Glas Bier.

Excellenz zündet sich eine Cigarre an und die anderen Herren folgen seinem Beispiel. Wie auf Commando erscheinen die verschiedenen Cigarrentaschen und wie auf Commando werden ungefähr zwanzig Streichhölzer angezündet — wenigstens zehn werden Sr. Excellenz offerirt.

Excellenz nimmt dankend das brennende Hölzchen des Herrn Divisions­commandeurs. Dieser strahlt vor Glückseligkeit: wer kann es wissen, vielleicht wird er doch noch einmal commandirender General? Eigentlich ist er für diese Charge schon zu alt, aber uneigentlich —

Weiter kommt er nicht mit seinen Gedanken, denn die höchste Excellenz trinkt den Herren erst seinen Kümmel und dann seine Blume vor.

Und die Anderen kommen ihm nach.

Die Cigarre brennt, die Blume ist getrunken — die Anbetung beginnt.

Se. Excellenz der commandirende General fängt an zu erzählen, selbstverständlich vom letzten Feldzug.

Wie oft dieser letzte Feldzug, trotz seiner herrlichen Folgen, schon verflucht worden ist, Das weiß nur Derjenige, der zu wiederholten Malen Gelegenheit hatte, einer Anbetung beizuwohnen.

Excellenz erzählt, weder geistreich, noch amüsant, noch fließend — aber er erzählt.

Aufmerksam lauschen Alle. Der Herr Divisions­commandeur an der Spitze. Wie Das bei der hohen Charge, die er bekleidet, selbstverständlich ist, hat er für Das, was erzählt wird, nicht nur das größte Interesse, sondern vor allen Dingen auch das größte Verständniß.

Mit chargenweise abnehmendem Interesse und Verständniß lauschen die Anderen.

„Sehr interessant,” denkt der Divisions­commandeur.

„Wenn er doch endlich einmal den Mund halten wollte, damit man wenigstens einmal wieder trinken kann,” denkt der jüngste Hauptmann.

Alle sitzen und lauschen auf Das, was Excellenz erzählt — der Commandirende ist der Einzige, der an der großen Tafel spricht.

Die Anderen sind stumm — sie bedauern lebhaft, nicht taubstumm zu sein.

Der jüngste Hauptmann hat einen mächtigen Durst, es zuckt ihm in den Fingern, das Glas zu erheben und an seine Lippen zu führen — aber er wagt es nicht. Excellenz könnte es bemerken und sich mit Recht darüber wundern, daß Jemand für leibliche Genüsse Interesse hat, während er, der Commandirende, so geistreich und vor allen Dingen so belehrend erzählt.

Wenn Excellenz trotz des vielen Sprechens nicht durstig ist, darf er erst recht nicht durstig sein.

Er schiebt sein Glas weit von sich, am liebsten würde er es ganz hinausbringen und es dann, nachdem er es leergetrunken, ganz fortsetzen.

Der Gedanke ist gar nicht so dumm und während Excellenz über die Einschließung der Festung Metz berichtet, denkt der Hauptmann darüber nach, wie er sich und sein Glas Bier mit Anstand zur Thür hinausbringt.

Er könnte ja auch sein Bier stehen lassen und sich draußen ein neues Glas geben lassen. Der Gedanke ist sogar in Anbetracht des um ihn herum herrschenden Stumpfsinns sehr geistreich. Er denkt über die Ausführung nach — man muß ihm anmerken, daß er mit seinen Gedanken weit, weit weg ist, denn plötzlich trifft ihn ein tadelnder Blick des Herrn Oberst, der da zu sagen scheint: „Bete an.”

Der Hauptmann fällt vor Schrecken beinahe vom Stuhl. Das durfte nicht kommen, Das nicht. Er weiß, wenn er oder seine Compagnie morgen nur den geringsten Bummel macht, wird Dies dem Herrn Oberst die bekannte militärisch „erwünschte” Gelegenheit geben, ihm maßlos grob zu werden.

„Der Anpfiff kommt so sicher wie der Segen in der Kirche,” denkt der Hauptmann, „aber wenn man mir nun doch einmal grob wird, will ich auch wenigstens wissen wofür, dann will ich wenigstens Etwas dafür haben.”

Er ergreift sein Bierglas und führt es an die Lippen, er stößt seinen Nachbar mit dem Ellenbogen und sagt „Prost!”

Alle hören dies Wort — Alle sind starr. Der Hauptmann selbst bekommt darüber, daß ihm das Wort so laut entfahren ist, einen solchen Schreck, daß er mit dem Glas an den Lippen unbeweglich, wie eine Wachsfigur dasitzt.

„Nun gibt's ein Unglück,” denkt der Häuptling.

Die Anbetung ist je(1) unterbrochen — der Hauptmann kommt sich vor wie ein Mensch, der durch sein Benehmen den Gottesdienst gestört hat.

Die Predigt ist unterbrochen — Excellenz schweigt. Mitten im Satz hat er innegehalten und sieht den Sünder drohend, finster an.

Der sitzt noch immer unbeweglich, nun aber löst sich der Bann. Vor Entsetzen über den Blick Sr. Excellenz läßt der Hauptmann den rechten Arm sinken.

Mit dem Arm sinkt der(2) Seidel, tiefer, immer tiefer — nun sind Beide auf dem Tisch angelangt.

Und der Hauptmann hat nicht einmal getrunken!

In den Augen Sr. Excellenz blitzt es freudig auf: er hat den Rebellischen zur Raison gebracht.

Strafe aber muß der Sünder haben; so wendet sich Se. Excellenz denn an den Herrn Regiments–Commandeur und sagt die kurzen, aber inhaltsreichen Worte: „Nicht wahr, Herr Oberst?”

Der ergänzt den Satz in Gedanken dahin: „Nicht wahr, Herr Oberst, Sie sprechen morgen einen Ton mit dem Herrn Hauptmann?”

„Selbstverständlich, Excellenz, selbstverständlich,” beeilt er sich zu erwidern.

Armer Hauptmann, Dir wäre besser, Du wärest nie geboren.

Einen Augenblick herrscht noch eine tiefe Stille: man bemüht sich, sich wieder zu fassen, die Gedanken wieder zu sammeln und auf Se. Excellenz zu richten. Aber nicht nur die Gedanken, auch die Blicke der kleinen Gemeinde gehen zu Excellenz und scheinen da zu sagen: „Wende Dich nicht weg von uns, strafe uns nicht um des einen Sünders willen.”

Excellenz läßt sich erweichen — er beginnt von Neuem zu erzählen.

Die Anbetung nimmt ihren Fortgang und sie dauert, so lange das Wissen Sr. Excellenz reicht.

Das Wissen einer Excellenz aber ist grenzenlos.


Fußnote:

(1) In der Buchfassung heißt es hier: „jäh”. (zurück)

(2) In der Buchfassung heißt es hier: „das”. (zurück)


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