Abschied.

Ein Bild aus dem Offiziersleben von Freiherrn von Schlicht.
in: „Stralsundische Zeitung”, Sonntagsbeilage vom 22.7.1894,
in: „Badische Presse”, Unterhaltungsblatt vom 16.8. und 18.8.1894 und
in: „Ein Ehrenwort”.


Die Offiziere sind bestaubt und beschmutzt von einer großen Felddienst­übung zurückgekehrt und sitzen nun ausgehungert und vor Durst fast verschmachtend auf der kühlen Glasveranda, deren dichte Jalousien jeden zudringlichen Sonnenstrahl fernhalten. Geschäftig eilen die Ordonnanzen hin und her, das Rufen nach den bestellten Butterbroten, Eiern und Bratkartoffeln, Schnäpsen, Mosel und Bier nimmt kein Ende, es ist ein Gemisch von Stimmen — aber dennoch ist es heute anders als sonst, ein undefinierbares Etwas liegt in der Luft und lagert über Allen, die im bunten Durcheinander an dem langen Tisch sitzen. Es liegt etwas in der Luft, das merkt ein Jeder, nur über das „was” ist man sich noch nicht einig, besonders die Leutnants sind vollständig im Unklaren. Schon heute Morgen bei der Felddienst­übung war es anders als sonst. Der für gewöhnlich so schweigsame Kommandeur hatte seine Stabsoffiziere um sich versammelt und längere Zeit mit ihnen gesprochen, dann hatten die Hauptleute die Köpfe zusammengesteckt und leise mit einander getuschelt, und die Leutnants hatten es ihren Kapitäns nachgemacht und einander gefragt: „Was ist denn los?” Aber Antwort zu geben hatte keiner vermocht.

Da öffnet sich die Tür, die von dem großen Saal auf die Veranda führt, und herein tritt Hauptmann von Burg in großer Uniform: Waffenrock, Helm, Schärpe, Orden. Erstaunt blicken alle auf ihn, er sieht so vornehm und reingewaschen aus, daß er gar nicht zu der anderen schmutzigen Gesellschaft paßt.

Die Jungen erheben sich von ihren Plätzen, um den älteren Kamerade zu begrüßen, auch der Oberstleutnant, ein Junggeselle, der stets im Kasino speist, steht auf und geht dem Eintretenden entgegen.

„Also ist es wirklich wahr, lieber Burg, Sie wollen uns verlassen?”

„Zu Befehl, Herr Oberstleutnant, ich war soeben auf dem Regimentsbureau und habe meinen Abschied eingereicht.”

Das also war des Pudels Kern! Einen Augenblick sahen sich alle sprachlos und erschrocken an, dann aber springen sie von ihren Plätzen in die Höhe und umringen ihn. In ihren Mienen liest er, was sie bewegt, und mit einem Versuch, zu scherzen, sagt er: „Ja, es ist wahr, ich gehe. Zwanzig Jahre habe ich gedient, nun ist es Zeit, daß ich anderen Platz machen.”

Noch immer schweigen sie, sie können und wollen es nicht glauben, daß er, gerade er, von ihnen gehen will, der beste Kamerad, der liebenswürdigste Vorgesetzte, in dessen Kompagnie zu stehen ein von allen beneidetes Glück war. Die Nachricht kam so plötzlich, so unerwartet, wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

„Aber Herr Hauptmann, das ist ja gar nicht möglich,” stottert endlich sein Kompagnieoffizier, „das können der Herr Hauptmann uns doch nicht im Ernst antun wollen?”

Das klingt so bittend und rührend, daß Burg ihm zärtlich die Wangen streichelt: „Und doch ist es mein bitterer Ernst. Aber nun laßt mich los, ich muß fort, noch heute Mittag will ich reisen, ich habe, bis mein Abschied 'raus ist, Urlaub genommen.”

„So wollen uns der Herr Hauptmann so schnell verlassen, so ganz ohne Adieu zu sagen, ohne noch einen Abschiedstrunk mit uns zu tun?”

Strafend sieht er den Sprecher an: „Das glaubt Ihr doch wohl selbst nicht, ich komme wieder und dann trinken wir noch einen zusammen — vorausgesetzt, daß Ihr mich noch einmal hier haben wollt.”

„Ob wir wollen!” Jubelnd rufen sie es aus und schließen den Kreis um ihn noch fester. Gewaltsam bricht er sich Bahn und enteilt.

Traurig kehren sie zu ihrem Frühstück zurück und tauschen ihre Gedanken aus.

„Verdenken kann ich es ihm eigentlich nicht, daß er geht,” meint endlich „das lange Laster”, ein ganz kleiner und sehr solider Leutnant, der heute Morgen auf Feldwache böse einen „reingewürgt” bekommen hat, „ich ginge auch lieber heute als morgen.”

„Würde Ihnen denn das so leicht werden?” fragt ein älterer Kamerad in strafendem Ton.

Das „lange Laster” schweigt. „Leicht werden nun gerade nicht,” meint er schließlich, „nein, ich glaube, leicht würde es mir doch nicht werden, obgleich —” Wieder hält er inne und schaudert in der Erinnerung an die heutige Strafrede.

Unterdessen schreitet Hauptmann von Burg seiner Jung­gesellen­wohnung entgegen, tief in Gedanken versunken. Tagelang hatte er mit sich gekämpft und den Entschluß, seinen Abschied zu nehmen, hin und her erwogen; heute hatte er das Wort gesprochen, nun war er frei, wie er es gewollt, aber die Freiheit war teuer erkauft. Was gab er nicht alles auf!

Er dachte zurück an den Tag, an dem er in das Regiment eintrat, er wußte es noch wie heute. Gleich nach Beendigung des Feldzuges war es gewesen, sein Vater war Soldat, da war es ja ganz selbstverständlich, daß auch er den bunten Rock anzog. Mit Zittern und Zagen hatte er die Reise zu seinem Truppenteil angetreten, sein Vater hatte ihn begleitet und ihn selbst dem Kommandeur vorgestellt. Mittags im Kasino war er dem Offizierkorps präsentiert worden, man hatte tapfer gezecht, fast zu tapfer für seine jugendlichen Kräfte. Auch sein alter Herr hatte wacker getrunken und sich zum Schluß der schweren Sitzung in das Fremdenbuch einschreiben müssen. Verwundert hatte er den dickleibigen, von zwei Ordonnanzen herbeigeschleiften Folianten angestarrt und sich die darin enthaltenen Hieroglyphen nicht zu erklären vermocht. Erst viel später erfuhr er, daß dies Familienbuch stets erst nach Aufhebung der Tafel dargereicht wurde, damit man noch nach Jahren aus der Handschrift des Gastes ersehen könne, wie derselbe sich amüsiert habe. Viel Sinn und noch mehr Unsinn stand in dem codex. Auch die Hand seines Vaters hatte etwas gezittert, als sie hier die Worte niederschrieb, die dem Sohn stets als Richtschnur gedient: „Ich bringe heute meinen Sohn, möchte er dem Regiment alle Zeit Ehre machen.”

Am nächsten Tag war er eingekleidet worden und das Exerzieren und Marschieren hatte begonnen. Wie schmerzten ihm manchmal die Glieder und wie oft sehnte er sich weit, weit weg, aber ein Wort des Lobes ließ alle Anstrengungen vergessen und gab ihm neue Kraft und neuen Mut. Wie stolz fühlte er sich, als er kein „Rekrut” mehr war, als nach einigen weiteren Wochen die Gefreitenknöpfe an seinem Kragen prangten. Und dann der Tag, an dem er Unteroffizier wurde! Noch wußte er, wie er in der neuen Uniform über die Straße gegangen und zum ersten Mal von einem „Untergebenen” gegrüßt worden war, er hatte ihn zu sich herangerufen und ihn der alten Sitte gemäß mit einem Einmarkstück beschenkt.

Dann war er auf Kriegsschule gekommen: neben ernster, gewissen­hafter Arbeit große Ausgelassenheit und muntere Scherze. Er mußte in der Erinnerung noch lächeln über all den Blödsinn, den sie da losgelassen hatten. Auf der Stube mit ihm und mehreren Anderen zusammen hatte ein Kamerad gelegen, der jeden Morgen in der letzten Minute aufstand, ungewaschen zum Appell erschien und erst hinterher Toilette machte. Daraufhin hatten sie einst ihren bösen Plan gebaut, denn als der Kamerad eines Abends etwas „angesäuselt” heimkehrte und, kaum zu Bett gebracht, wie ein Toter schlief, hatten sie ihn wie einen Indianer bemalt: mit Mennige und Karmoisinrot, mit Wegebraun und Flußblau hatten sie ihm eine ganze Landschaft in das Gesicht gemalt. Schallendes Gelächter hatte sich erhoben, als der so Gezeichnete am nächsten Morgen beim Appell erschien, und der Gefoppte hatte Burg, als den Hauptanstifter, zum Duell(1) gefordert, das mittags um zwölf Uhr nach Beendigung des Hörsaals im Turnschuppen ausgefochten wurde. Burg erhielt eine Tief-Quart, die ihm die Freude an dem gelungenen Scherz aber nicht zu trüben vermochte.

Nach wohlbestandenem Examen war er zum Truppenteil zurückgekehrt, um zwei Monate später Offizier zu werden. Obgleich die Reifezeugnisse rechtzeitig von der Kriegsschule kamen und die Wahl unmittelbar darauf stattfand, hatte die Beförderung dennoch nach seiner Meinung viel zu lange auf sich warten lassen. Endlich war sie doch gekommen, noch dazu an einem Sonntagmorgen. Mit einem Jubelschrei war er in dem Bett in die Höhe gefahren und hatte die mit ihm im Offiziersflügel wohnenden älteren Kameraden geweckt. Zuerst hatten sie geschimpft, daß er sie schon um elf Uhr aus den Federn hole, dann aber waren sie aufgestanden und hatten ihm nach altem Brauch bei der Toilette geholfen. In feierlichem Zuge hatten sie ihn sodann zum Regiments­bureau geleitet, und wenige Minuten später hatte er sich bei dem Kommandeur „durch Allerhöchste Kabinettsordre zu seiner Charge befördert” gemeldet.

Am nächsten Tage war er „begossen” worden. Im Kasino war ihm zu Ehren großes Liebesmahl, bei dem er in schwungvoller Rede als „jüngster Leutnant” begrüßt und gefeiert wurde. Die Erinnerung an dieses Fest blieb ihm stets dunkel; wenn er den Worten seiner Kameraden glauben durfte, hatte er seinem Hauptmann Brüderschaft angeboten und ihm in längerer Rede auseinander gesetzt, er hoffe, sie würden gut zusammen auskommen; mit dem dicken „Ueberzähligen”, der jeden Schritt, den er gehen mußte, als Qual empfand, hatte er absolut einen Galopp tanzen wollen und war endlich bewußtlos davongetragen worden.

Dann hatte das „Leutnantsein” begonnen mit seinen Freuden und Leiden. Des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr schlug auch für ihn, immer Dienst vom frühen Morgen bis zum späten Abend, immer derselbe und doch einer gewissen Abwechslung nicht entbehrend: zuerst Rekruten-, dann Kompagnie-, Bataillon- und Regiments­exerzieren, zum Schluß das Manöver, daran anschließend der Urlaub, dann fing es wieder mit den Rekruten an, um wieder mit dem Manöver zu enden. So ging das Jahr aus, Jahr ein, aus dem „Nestküken” wurde im Laufe der Zeit ein älterer Leutnant, der keine Rekruten mehr zu drillen brauchte, dann kam der „Premier”, der Hauptmann und jetzt der Abschied!

Er stöhnte laut auf, als er in Gedanken dies Wort aussprach; was machte es ihm denn so schwer zu gehen, war es wirklich die Sehnsucht nach den fünften Hosen und sechsten Röcken, die er so oft zum Teufel gewünscht hatte, oder was hielt ihn sonst wie mit magischen Banden zurück? War es nur die Sorge, wie sich fortan sein Leben gestalten würde? Er war mittellos von Haus aus, nur im Besitz der geringen Pension, die ihm allein zum Leben genügt hätte, es ihm aber vorläufig unmöglich machte, das Mädchen, das er seit Jahren liebte, heimführen zu können. Als junger Hauptmann hatte er sich verlobt, seine Liebe aber gegen Jedermann verschwiegen. Wozu sollte er voreilig sprechen und dadurch nur unnötiges Gerede heraufbeschwören? Sie waren Beide arm, ans Heiraten konnten sie vorläufig nicht denken, wo sollten sie wohl das Kommisvermögen herbekommen? Sie mußten warten, warten, bis er Hauptmann erster Klasse war und nach dem Gesetz der Kaution nicht mehr bedurfte, nur noch ein halbes Jahr war es bis zu diesem sehnlichst erwarteten Augenblick, da kam der Abschied und mit ihm sanken und fielen alle Hoffnungen wieder zu Boden, er mußte von neuem beginnen, sich eine Existenz zu gründen! Darüber aber konnte eine geraume Zeit vergehen, und er sah sein Ziel wieder in weite Ferne entrückt. und dennoch war es nicht dies allein, was ihm das Scheiden so schwer machte, es war die Trauer, aus dem Kreis der Kameraden scheiden zu müssen.

Früh genug hatte er die Kameradschaft kennen und schätzen gelernt. Ein Vierteljahr, nachdem er Offizier geworden, war sein Vater gestorben, seine Mutter hatte er schon in seiner frühesten Jugend verloren. Geschwister hatte er nie besessen, so war er nun ganz auf sich allein angewiesen und stand nach seiner Meinung ganz allein auf der weiten Welt. Aber die allgemeine Teilnahme, die ihm erwiesen wurde, die Art und Weise, wie die älteren und jüngeren Kameraden versuchten, ihm über den Verlust hinwegzuhelfen, wie sie sich gegenseitig an Beweisen der Freundschaft überboten, wie sie darauf sannen, ihn zu zerstreuen und zu erheitern — das alles hatte ihm gezeigt, daß er doch noch nicht allein stände, daß es doch noch Herzen gäbe, die Anteilnähmen an seinem Geschick und mit ihm fühlten und mit ihm empfänden.

Leid und Freud hatten sie gemeinsam getragen, und der Festtag des einzelnen war ein Festtag für sie alle gewesen. Als zum ersten mal sein Geburtstag herankam und er, teils aus Bescheidenheit, teils weil er noch zu wenig mit den anderen Herren bekannt war, dies keinem gegenüber erwähnt hatte, trat am Vorabend seines Geburtstages der Tischdirektor mit der Frage an ihn heran, was er morgen, als an seinem Ehrentage, zu essen wünsche. Erstaunt hatte er in die Höhe geblickt: „Aber woher wissen der Herr Hauptmann das denn nur?”

„Woher ich das weiß?” hatte jener geantwortet, „das ist doch sehr einfach. Sobald ein neuer Fähnrich oder ein neuer Offizier in das Regiment eintritt, wird dessen Geburtstag sofort vom Adjutanten der Kasino­kommission mitgeteilt, die neuen Kameraden sollen eben wissen und fühlen, daß sie hier zu Hause sind. und nun sagen Sie, was Sie morgen speisen wollen und welche Torte Sie sich wünschen, denn Torte muß es geben, schon mit Rücksicht auf uns. Daß Sie morgen unser Gast sind, ist ja selbstverständlich.”

Am nächsten Nachmittag war das Liebesmahl um sechs Uhr gewesen, alle Herren, auch die Verheirateten, waren gekommen, um mit ihm den Tag zu begehen, und keiner kam mit leeren Händen. Jeder hatte eine Kleinigkeit für ihn, einen kleinen Scherz oder einen Blumenstrauß. In den spitzen Sektkelchen wurden die letzteren in einem Halbkreis vor seinem Teller aufgebaut, sodaß er zwischen den Blumen saß. Er war die Hauptperson an der Tafel für heute, bei ihm fingen die Ordonnanzen an zu servieren, und ihn baten sie um Erlaubnis, abnehmen zu dürfen. Dann kam die Torte, umgeben von einem Kranz brennender Lichter. Die Kerzen mußte er an die Tischgesellschaft verteilen, jeder erhielt eine, nur er zwei, eine rote und eine blaue. Er mußte den Kuchen zerschneiden und jedem sein Stück zuteilen, was übrig blieb, wurde ihm auf sein Zimmer gebracht. Bis spät in die Nacht blieben sie alle in der heitersten Stimmung beisammen.

Die Jahre waren vergangen: neue Offiziere waren in das Regiment versetzt, mancher liebe, gute Freund war einem anderen Truppenteile zugewiesen worden, manches hatte sich verändert, nur eins blieb stets dasselbe: Die Kameradschaft.

Als er fünfzehn Jahre Leutnant gewesen, war er zum Kompagniechef befördert worden. Wie stolz hatte sein Herz geschlagen, als sein Vorgänger ihm unter präsentiertem Gewehr die Kompagnie übergab, und er hatte sich gelobt, den verantwortlichen Posten, auf den er gestellt war, nach besten Kräften auszufüllen. „Die Tüchtigkeit eines Regiments ist abhängig von der Brauchbarkeit der einzelnen Kompagnien,” das ist ein ebenso altes wie wahres Wort. Mit Lust und Liebe hatte er sich an die Ausbildung der ihm unterstellten Mannschaften gemacht; seinen Leuten ein strenger, aber wohlwollender und gerechter Vorgesetzer zu sein, war sein ernsthaftes Streben.

Erst im Laufe der Zeit lernte er kennen, was es heißt, Hauptmann zu sein. Für alles, was in der Kompagnie geschah, für alles, was seine Unteroffiziere und Leute in und außer Dienst taten und trieben, war er verantwortlich, und verzweifelt rang er manchmal die Hände, wenn trotz aller Ermahnungen und Strafen immer wieder Urlaubs­über­schreitungen und andere Vergehen vorkamen.

Da war denn der praktische Dienst eine Zerstreuung und Erheiterung. Mit der Kompagnie hinauszugehen in das Gelände, dort zu exerzieren, Felddienst zu üben und sie für den Ernstfall vorzubereiten, war stets für ihn eine große Freude gewesen, und er vergaß dann alle Sorgen und allen Aerger, den er in der Kaserne hinnehmen mußte.

Dann kam der Tag, der ihm „das Genick brach”. Es war Regimentsappell, zu dem die vorzustellenden Sachen in tadelloser Verfassung sein mußten; alles war in Ordnung, nur ein Mann seiner Kompagnie, der einzige „Schlumps”, den er besaß, erschien in völlig zerrissenen Kleidern. Da übermannte ihn sein Zorn und er ließ sich dazu hinreißen, dem Sünder die defekten Hosen um die Ohren zu schlagen. Er bereute es, sobald er es getan; es war zu spät. Am nächsten Tag beschwerte sich der Mann über ihn und er wurde mit drei Tagen Stubenarrest bestraft; er mußte bestraft werden, so leid es dem Kommandeur auch tat, gegen einen Offizier, der sich stets tadellos geführt hatte, vorgehen zu müssen. Ein bestrafter Kompagniechef aber kann kein gutes Vorbild für seine Untergebenen sein; die Autorität leidet darunter und der Nimbus der Unfehlbarkeit ist ihm genommen. Das sagte er sich, während er seine Arreststrafe verbüßte, und mit etwas anderen Worten sagte es ihm der Kommandeur auch, „gerade heutzutage muß der Offizier sich davor hüten, sich an einem Untergebenen zu vergreifen.” Burg verstand den Wink, der in der Äußerung lag; es war nur ein Wink, noch zwang man ihn nicht zu gehen und lange kämpfte er, ob er nicht doch noch bleiben sollte. Zu viel stand für ihn auf dem Spiel — hatte er doch nicht nur an sich zu denken — und mit schwerem Herzen reichte er endlich doch seinen Abschied freiwillig ein, ehe man ihm denselben eines Tages zuschicken würde. Lange wäre seines Bleibens doch nicht mehr gewesen und er ging, bevor er „gegangen wurde”.

So stürmten die Gedanken auf ihn ein, während er, zu Hause angekommen, den bunten Rock, den er solange getragen, auszog und mit den Zivilkleidern vertauschte. Sein Herz wurde ihm dabei gar schwer und eine Thräne stieg ihm wider Willen in die Augen. Er schickte seinen Burschen hinaus, damit der nicht sähe, wie schwer ihm das Scheiden würde von einem Stand, dem angehören zu dürfen er stets als eine Ehre betrachtet hatte. Fast gewaltsam bekämpfte er seine Rührung und sah dann voll Hoffnung in die Zukunft, die ihm vieles, wenn auch nicht alles ersetzen konnte von dem, was er jetzt aufgab.


Fußnote:

(1) Eine Beschreibung eines Duells auf der Kriegsschule ist zu finden in Schlichts Autobiographie und in dem Roman „Leutnantsleben” auf Seite 85 ff. (zurück)


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