"Rumpelstilzchen"

"Mecker' nich!"
(Jahrgangsband 1925/26)

Brunnen-Verlag / Karl Winckler / Berlin, 1926

Glossen 4 - 6
8. bis 22. Oktober 1925


4

Alles reitet Wechsel - Auf Abzahlung - Herr Berliner in London - Reklame - Frieda Wagen und Helene Odilon - In der Mannequins-Schule - Begehren oder Liebe? - Das Klammeräffchen

Die Lernbegierigen sterben nicht aus; wir Berliner sind wirklich strebsame Leute. Am häufigsten begegnen einem jetzt Menschen, die sich erkundigen, wie man Wechselformulare auszufüllen hat. Diese Wissenschaft war früher nur etwas für Kaufleute, allenfalls für leichtsinnige Studenten oder Leutnants, aber heute wird sie allgemein verlangt, denn die Geldknappheit wird immer drückender. Da hilft man sich eben mit Wechselreiten und mit schlechten Witzen: daß man nun in die Wechseljahre komme oder daß man vom Wechselfieber erfaßt sei. Ein "selbständiger" Reporter braucht ein Motorrad für seinen Boten, zahlt 100 Mark an, schreibt das übrige "quer", und wenn er einen Bürgen und ein Pfandobjekt hat, nimmt der Händler den Zettel. Im kleinen Häuschen des Studienrats im Vorort gibt die Heizanlage, seit Kriegsbeginn nie durchrepariert, nur noch schwache Lebenszeichen, eine neue ist dringend nötig, - ein Dreimonatsakzept schafft wieder Wärme. Nachher gibt es freilich manchmal Heulen und Zähneklappern. Erschütternd ist es, sich etwa in der Zentralgenossenschaftskasse die Wechselberge anzusehen. Es finden sich darunter Querschriften wegen 40, 30, 20, ja sogar wegen 14 Mark in einem Falle, so daß man das Bild gleich vor Augen hat: da hatte irgendein Kleintischler oder Flickschuster am Freitag den Lohn für seinen Gesellen nicht beisammen. Die Gebühren und Zinsen für diese allgemeine Pumpwirtschaft fressen uns auf und bringen uns Teuerung, aber heute hat eben auch jedermann Außenstände und man kriegt sein Geld nicht herein. Die Schuldner genieren sich nicht mehr im geringsten. Der Einkassierer einer Zeitung kommt mit einer längst überfälligen Anzeigenrechnung über 350 Mark in eine große Fabrik und begegnet zufällig dem Generaldirektor. Der sieht sich die Quittung an, zuckt die Achseln und sagt dem Einkassierer mit dreistem Lachen:

"Erlauben Sie mal, wir fabrizieren hier doch Kleineisenzeug, nicht Papiergeld!"

Man ist auf die Inanspruchnahme von Kredit so gefaßt, daß sogar bedeutende Spezialgeschäfte, die jahrzehntelang nur vom Barverkauf gelebt haben, jetzt mit dem ungesunden Abzahlungswesen paktieren müssen. Ein Riesenhaus für Wirtschaftsartikel, Raddatz in der Leipziger Straße, schickt allen Kunden neue Kataloge über Lampen, Waschtische und sonstigen Bedarf mit "bequemen Terminen". Es gibt in Berlin buchstäblich nichts mehr, was man nicht so erwerben könnte, von dem Modellkleid zu 800 Mark bis zur silbernen Brosche für 8 Mark; und unsereins, der die Gefahren dieser Art kennt und doch auch den kolossalen Aufschlag - Risikoprämie - schätzen kann, hat alle Hände voll zu tun, um Dienstmädchen und andere Schutzbefohlene von leichtsinnigen Käufen abzuhalten, ihnen das "Erwirb erst, dann besitze!" zu predigen.

Hand in Hand damit die Reklame. Wie das lockt und gleißt! Wir haben eine Hypertrophie der Reklame, ein Sichaufblasen und Sichbemerkbarmachen mit allen Mitteln, um trotz Geldknappheit doch noch aus dem Publikum etwas herauszuholen, den Konkurrenten zu verdrängen. Es geschehen da die sonderbarsten Dinge. Vor mir liegt eine Ansichtskarte aus London, dort frankiert und eingeworfen: ein Blick auf den indischen Hof in der britischen Reichsausstellung Wembley. Ein Unbekannter schwärmt mir etwas von den Herrlichkeiten da vor, kommt dann auf das angeblich so unübertreffliche englische Schuhwerk zu sprechen und verrät zum Schluß, daß es genau dieselbe gute Ware demnächst in dem neueröffneten Hause da und da am Kurfürstendamm gebe. Unterschrift: "Ihr A. Berliner." Der Teufel soll ihn holen, ich kenne ihn nicht, ich empfange auch nie Leute, die Berliner heißen. Ich werde auch bestimmt nie etwas in diesem Schuhladen kaufen, der unter Lobhudeleien auf England Zehntausende von Ansichtskarten drüben kaufen, zugunsten der englischen Post dort frankieren und nach Berlin versenden läßt, damit wir hier seine in Pirmasens oder Magdeburg fabrizierten Stiefel erstehen. Eine derartige Frechheit ist mir noch nicht vorgekommen. Natürlich ist die Handschrift auf der Karte faksimiliert, aber meine Adresse in der gleichen Handschrift geschrieben, um die erste Täuschung durchzuführen. Eine beiläufige Frage: wieviel muß der Mann aufschlagen, bis er die Kosten dieser Reklame wieder hereinbekommt ? Und doch, es muß sich wohl rentieren. Ungezählte Berliner MItbürger fühlen sich geschmeichelt durch diese "persönliche" Art und laufen hin.

Es ist eine alte Erfahrung, daß gerade in Jammerzeiten die Reklame zum Rettungsanker wird. Wer in Zeiten der Knappheit daran sparen will, der ist verloren,. Eine Weltfirma in England, Pears Soap, ist nur durch Zeitungsanzeigen groß geworden. Das hatte sie jahrzehntelang betrieben. Zuletzt betrug der Annoncenetat 1,3 Millionen Schilling jährlich. Da pausierte die Firma ein Jahr lang, weil sie nun doch wahrhaftig bekannt genug sei. Und die Folge ? Ein fast ruinöser Rückgang des Reingewinns um 1,4 Millionen Schilling, sowie ein Hochkommen der Konkurrenz.

Zur modernen Reklame gehört für gewisse Branchen neben der Zeitungsanzeige auch die geschickte Vorführung. Zwischen unseren Modegeschäften ist der Kampf mit Nägeln und Zähnen entbtannt; nicht nur die großen, deren "Schöpfungen" in den illustrierten Blättern abgebildet und von Bühnenstars getragen werden, veranstalten Fünf-Uhr-Tees mit Modenschau in den eigenen Räumen oder mondänen Lokalen, sondern auch die kleinen Schneiderateliers in Vorstadtstraßen lassen ihre Kostüme und Kleider auf jedem Tanzbums der ärmlichen Gegend vorführen.

Das ist heute die große Konjunktur für das Volk der Mannequins.

Früher sagte man Gelbstern. Ein paar Dutzend davon genügten für Berlin; für die Modehäuser am Tage, wo sie den Käufern die Toiletten vorzutänzeln hatten, und für die Weinhäuser am Abend, wo sie im Geleit von "Geschäftsfreunden" die Dame von Welt mimten. Sie wurden freilich von Schauspielerinnen in den Schatten gestellt. Damals gehörte es geradezu zum Kreit eines Bankiers, mit einer kostspieligen Dame vom Theater liiert zu sein. Auch andere pirschten sich heran. Die schöne Frieda Wagen wurde immer im Zusammenhang mit einem entfernten Verwandten des Kaiserhauses genannt. Die noch schönere Helene Odilon hatte die Millionen eines Rennstallbesitzers zur Verfügung. Das ist nun schon etwa 30 Jahre her, damals, als sie mit den Meiningern auf Gastspielreisen ging und sogar das kühle Londoner Publikum als "Goldene Eva" hinriß. Heute ist Frieda Wagen, die zuletzt ein Luxus-Wäschegeschäft Unter den Linden hatte, wo jetzt schon lange das Wiener Haus Braun sitzt, tot. Und Helene Odilon ist erblindet und verarmt und geht in Wien betteln. Ihre Berufsgenossinnen von heute sind aber ein ganz anderer Schlag, rechnen sich zur Gesellschaft und heiraten früh einen Kollegen. Der Weg für die Gelbsterne ist frei. Sie, die Mannequins, die Vorführdamen, sind heute "die gesuchtesten Objekte".

So ist es denn auch die Losung des Tages für jedes langbeinige, schmalhüftige, leidlich hübsche Berliner Göhr: "man lernt auf Mannequin". Und betriebsame Leute, die da wissen, daß Bedarf in Hunderten von Mannequins ist, eröffnen Schulen zu ihrer Ausbildung.

Nach vielen Umwegen ist es mir gelungen, einer Unterrichtsstunde an einer solchen Bildungsstätte beizuwohnen. Es ist fast wie in einer Ballettschule. Nur steht der Lehrer nicht wippend und taktierend auf dem Parkett, die Schülerinnen nicht an der langen Messingstange, sondern der Meister sitzt behaglich tief im Klubsessel mit seiner dicken Zigarre, und die Mädels gehen in Prozession vorbei und wippen und schwänzeln. "Fräulein Müller, 'n bisken mehr mit die Oogen plinkern so von unten her, vaschtehnse!"   "Orntlich mit de Hüften rollen, Fräulein Mosbach, det ne Bauchtänzerin for Sie Respekt bekommt!"   "Aber Fräulein Schulze, lassense Ihre Flossen nich so hängen, locken müssense mit den Armen, locken!"   "Fräulein Halbe, ick sage et ja, wenn eene ooch keenen Steiß hat, so muß se ihn doch zeigen!"   "Na, Sie Kleene, Se ham woll die Drehkrankheit, mehr elejante Ruhe bitte!" Nein, Herrn Siegfried Wolkenschatten entgeht wirklich nichts, er nimmt es ernst mit der Unterweisung, und nach einer Stunde sind die Mädchen hundemüde. Aber was macht das ? Man hat doch die große Chance, durch Herrn Wolkenschattens Verbindungen in eine gute Firma zu kommen und dann - vielleicht sehr bald von einem Kenner entdeckt und aus dem Arbeitsdasein entführt zu werden. Sie träumen alle von Grafen und von Bankiers, diese kleinen Mädchen, von 60pferdigen Autos und von Chinchillamänteln, die man nicht mehr vorführt, sondern die einem selber gehören. Und viele, viele von ihnen heiraten ja auch bald. "Hier habter de Statistik", sagt Herr Siegfried Wolkenschatten, "in einem einzigen Jahr 40 Prozent von de Mannequins in Berlin jlicklich unner de Haube!"

Den Mädchen glänzen die Augen. Sie sind meist noch blutjung, die wenigsten von ihnen ahnen Weibesschicksal, kaum eine von ihnen weiß, daß Begehren und Liebe verschiedene Dinge sind. Einmal wird die angstvolle Frage in ihnen auftauchen. Und im Antlitz eines Mannes entdecken sie dann vielleicht nur ein leises spöttisches Lächeln: "Liebe ich den Apfel, wenn ich ihn mir schmecken lasse ?" Aber auch manche Dame von Welt will ja heute lieber begehrt als geliebt sein. Sie ist vielleicht von berückendem Äußeren oder von blendendem Geist oder von gesellschaftlichem Raffinement: mit irgend etwas will sie Leidenschaft erregen und Begehren reizen. Sie macht sich nicht klar, daß nur Opfer zur Liebe führt. Und eines Tages ist das Spiel aus, das Netz wird anderswohin geworfen, die Technik verbessert sich, aber die große Öde beginnt.

Zum Glück, möchte man fast sagen, machen sich die Berliner jungen Dinger nicht solche Gedanken. Wozu überhaupt Gedanken, wenn man Gefühle hat ? Und wenn gar noch einer sie erwidert ? Da gibt es welche, von denen man sagt: "Se hat eenen." Da gibt es andere, von denen heißt es: "Se weeß eenen." Diese sind meist noch glücklicher als jene. Ach, es gibt immer noch trotz der schlechten Zeiten so viel Glück in der Welt. Um das zu erkennen, braucht man bloß einmal nachmittags oder am Sonntag früh eine der Zufahrtsstraßen zum Grunewald aufzusuchen, wo die vielen Motorräder mit sogenanntem Soziussitz an einem vorüberknattern. Das geht freilich nicht immer glatt ab trotz krampfhaft liebender Umarmung. Da fahre ich neulich an einer jungen Berlinerin vorüber, die einsam zu Fuß in Breeches daherhinkt, und hole nachher noch einen Motorfahrer ein, der gerade ganz vertattert vom Rade steigt. Er kratzt sich den Kopf und sagt:

"Nu ha' ick mein Klammeräffchen valoren!"
8. Oktober 1925 (Donnerstag)


5

Das Echo auf Locarno - Die neue Versöhnungshymne - Kein Kaffeehausleben bei uns - Unter alten Kostbarkeiten in der Bellevuestraße - Im Zeitalter der Kreuzworträtsel - Kundgebung für die Freiheit der Kunst - "Uns geht's den Dreck an" - Die Anzeige der jungen Lady

"Die Studien blühen, - o Jahrhundert, es ist eine Lust, in dir zu leben!", rief Ulrich von Hutten einst begeistert aus. Den ersten Satz von den Studien läßt man meist weg, wenn man den Ausruf zitiert. So kann sich jeder nach Belieben den Vordersatz ergänzen. Das Geschäft blüht. Die Jugend blüht. Der Pazifismus blüht. Die Republik blüht. Die Parteikasse blüht. Der Wein blüht. Der Tango blüht. Jedenfalls, die Hauptsache, es ist eine Lust, zu leben. Besonders, wenn es uns alle Tage versichert wird, wie sehr Frankreich in Locarno bestrebt sei, alle Artikel des kommenden Sicherheitspaktes uns mundgerecht zu machen; obwohl es dabei nicht um Zollbreite von seiner "historischen Aufgabe" abweicht, uns Deutsche über den Kopf zu hauen. Es ist bereits die Hymne fertig, die wir nach Locarno singen sollen. Sie ist zum erstenmal bei der republikanischen Verfassungsfeier dieses Sommers in Dortmund vorgetragen, wird jetzt samt Noten in einem Berliner demokratischen Weltblatt veröffentlicht und klingt in die "machtvolle" Strophe aus:

Völker aller Weltenteile,
Seid zum Frieden nun bereit!
Lasset schwinden Haß und Feindschaft,
Liebt wie Brüder euch allzeit.
Liebt euch allzeit,
Liebt euch allzeit!
Liebt wie Brüder euch allzeit!

Nun kann es uns an nichts mehr fehlen, nun bricht der Friede aus, nun werden die Franzosen uns "allzeit" lieben, so daß ihnen für etwas anderes gar keine Zeit mehr bleibt. Eine Ehrenkompgnie Senegalesen, grüne Palmwedel geschultert, marschiert durchs Brandenburger Tor ein, wird von Berliner Jungfrauen begrüßt, und abends präsidieren dem Festkommers gemeinsam Abbé Wetterle und Herr von Graefe und Theodor Wolff, während ein Transparent an der Wand Huttens Bildnis mit der Umschrift zeigt: "O Jahrhundert, es ist eine Lust, in dir zu leben!" Es gibt wahrhaftig so dumme Berliner, die alles dies schon im voraus als Silberstreifen am Horizonte sehen. Sie nennen sich unsere Intellektuellen. Aber gerade die einfachsten Leute bis zum Droschkenkutscher und Straßenfeger hinunter denken ganz anders, wenn sie über Locarno sprechen, und meinen kritisch: "Jetzt soll uns der Völkerbund auf die französische Schlachtbank spedieren!" Es hält freilich schwer, hinter diese Meinung zu kommen, denn sie wird nur im engsten Kreise geäußert, wo ein paar von den Leuten unter sich sind, etwa in der Mittagspause in der Destille; öffentlich laut wird das nicht.

Wir haben gar nicht den Platz, wo eine wirklich öffentliche Meinung sich äußern könnte. Wir haben nicht, wie alle Südländer, das Kaffeehaus als politische Börse, wir haben nur Zeitungen, die uns alles vorkauen, und Versammlungen, in denen wir auf fertige Resolutionen stoßen. Es gärt und reift nichts. Es wird alles geliefert. Schon das an den meisten Tagen im Jahr unfreundliche Wetter verhindert ein Boulevardleben in Berlin. In Paris, in Madrid, in Rom und sonstwo, sogar in Brüssel gibt es ganze Straßenbreiten voll von Stühlen und Tischchen vor den Kaffeehäusern fast das ganze Jahr über. Die Berliner Andeutung davon, das kleine schmale Podium, wird immer schon Ende September weggeräumt; und in den Sommertagen sitzen da auch meist nur Fremde für ein eiliges Glas Bier oder einen Mokka. Das erregte Durcheinanderquirlen anderer Weltstädte in politisch fesselnder Zeit fehlt hier ganz. Nicht einmal das stundenlange Verweilen, wie es die Salzburger oder Wiener oder Ofenpester kennen, ist in Berlin üblich, das Verweilen in den Räumen selbst zwischen Bergen von Zeitungen und Zeitschriften. Wir machen auch nicht "kef" wie die Türken, die bei einer Portion Laimak oder einer Wasserpfeife halbe Tage lang sinnieren. Wir sind eben ein arbeitendes, kein politisierendes Volk, und nach der Arbeit kommt für uns das Ausruhen daheim oder das Vergnügen im dicksten Kneipenrauch und Bratkartoffelgeruch oder in den Parfums der Tanzdiele. Die Straße dient nur dem Verkehr, nicht der Diskussion. Und wenn du wirklich einmal im Hochsommer an der Kranzlerecke Unter den Linden sitzst, starrst du stumm auf die Vorüberwandelnden und sie auf dich, es sprühen nie Zurufe hinüber und herüber, und zwischen deinen Beinen installiert sich auch nicht, wie im Süden überall, der Stiefelputzer, der deinen Pedalen, ohne daß du ihn weiter beachtest, Hochglanz verleiht und dann wohl die paar verdienten Pfennige gleich am Nebentisch in Orangeade umsetzt, nun ganz ein Gentleman.

Unsere Berliner Kaffeehäuser haben trotz allen Tschingtaras etwas Erkältendes. Sie sind keine "Bleibe". Das alte Café Größenwahn war eine Ausnahme; da saßen aber auch nur wenig wirkliche Berliner. Lieber sitzt man schon in wirklich ruhiger und vornehmer Umgebung, sagen wir, in der traulich antiken Pracht eines von der Zeit unberührten alten Schlosses. Ich trinke da - es ist in der Bellevuestraße - meinen Kaffee und weide meinen Blick an Gobelins und stilvollen Möbeln, höre verträumt eine Uhr aus Urgroßvaterszeit schlagen, mustere auch wohl im Salon nebenan den Bücherschrank, in dem ich die erste Ausgabe von Rousseaus gesammelten Werken und daneben in Schweinsleder den Spötter Lukian neben Vater Augustinus entdecke. Noch einen Saal weiter zieht mich außer den wundervollen Möbeln besonders eine Vitrine mit Nymphenburger Porzellan an. Doch was ist das ? Da sind ja Preise vermerkt! Wahrhaftig, es ist ja gar nicht ein Schloß, in dem ich mich befinde, sondern die Antiquitäten-Abteilung des Kaufhauses Wertheim in der ehedem fürstlichen Wohnung mit ihren elf großen Räumen. Man kann hier seinen Lunch für drei, seinen Fünfuhrtee für zwei Mark nehmen, man kann dabei sinnen und denken und das Auge auf Köstlichkeiten ausruhen lassen, die einem allmählich so ans Herz wachsen, daß man Kauflust bekommt. Da gibt es Dinge, die Tausende von Mark kosten; aber auch andere, die schon für fünf Mark zu erstehen sind. Die Fremden, die in wenigen Tagen Berlin durcheilen, kennen diese Oase meist nicht, aber Einheimische, namentlich kunstverständige Damen, treffen sich hier häufig mit Bekannten zu einem Täßchen und einem Schwätzchen. Unter einem feinen alten Bilde, das gut und gern im Madrider Prado hängen könnte, sitzen gerade ihrer fünf. Hin und wieder wird ein Satz zu mir herübergeweht, vielleicht kann ich Bildung profitieren, und so höre ich denn:

" . . . ja, und guter Schweizerkäse zu zwei Mark das Pfund . . ."
" . . . doch, wir haben uns den Schinkenspeck direkt aus Holstein . . ."

Es ist schon eine Lust, zu leben. Nächstens kommen auch wohl noch Damen mit ihrem Mah-Dschong-Köfferchen her und bauen die Steine auf. "Charakter zwei!"   "Norden!"   "Bambus sechs!" Das ist noch geistvoller. Oder sie zücken den Bleistift über einem Kreuzworträtsel und schauen mich aus verschwimmenden Augen an, ob ich nicht von selbst hinüberkomme und ihnen die fehlende Figur aus einem Shakespeare-Drama oder den chemischen Grundstoff oder die frühere Dynastie auf Chinas Kaiserthron nenne. Ich weiß, ich weiß. Man muß ritterlich sein. Zu Hause mache ich es nicht mehr honorarfrei. Wer sich von 1 bis 27 oder von 27 bis 52 die Kreuzworte von mir sagen läßt, der muß mir eine gute Wolff-Zigarre, "Graf Bernstorff" oder "Deutsche Krone" oder "Stall Haniel" stiften; oder eine halbe Tafel Schokolade. Sonst verweise ich stumm auf Konversationslexikon oder Geschichtstabellen oder Handatlas zum Nachschlagen, obwohl ich die meisten geschichtlichen, geographischen, politischen, militärischen, literarischen gesuchten Worte aus dem Handgelenk geben kann. Nur in Botanik bin ich außergewöhnlich schwach. Bei "Fruchtart" fällt mir immer nur Himbeereis ein.

Wenn wir den Kreuzworträtsel-Fanatismus organisierten, jeder daheim bei den Seinigen, wenn wir die Rätsellöser wirklich zum Nachschlagen und dann zum Rund-Herum-Lesen veranlassen könnten, wenn alle diese lieben Leutchen, die jetzt - in Berlin wenigstens - im Durchschniutt täglich eine Stunde über Kreuzworträtseln sitzen, sich dadurch stets zu neuer Lektüre anregen ließen, wären wir nach Jahr und Tag das gebildetste Volk der Erde.

Derweil sorgen unsere Intellektuellen dafür, daß wir wenigstens in Kunstdingen das Banausentum ablegen. Für die Freiheit der Kunst hat in Berlin wieder einmal eine große Kundgebung stattgefunden, an der sich von Kerr bis Fulda und von Gustav Rickelt bis Wolfgang Heine alles beteiligte, was berufsmäßig unsere Kulturgüter verteidigen zu müssen glaubt. Irgendwo ist, heißt es, die Polizei wieder einmal täppisch gewesen. Hat Sachen beschlagnahmt, die "wirklich" nicht sittenlos, nur künstlerisch sind. Also auf in den Kampf um die geistige Freiheit! Merkwürdig nur, daß solch ein Kampf in der dreimal heiligen Republik, diesem Horte der Freiheit, überhaupt noch nötig ist, wo doch schon Ebert in Weimar gesagt hat, daß ihre Gründung uns für Militarismus Idealismus, für Machtpolitik geistige Größe gebracht habe. Wir "anderen" haben zwar erfahren, daß die Republik, eiserner als jede Despotie, durch ihr "Schutzgesetz" mit Beil und Ruten zu arbeiten versteht. Aber sollte sie wirklich nicht einmal vor freien Künstlern haltmachen ? Wilde Anklagen erschallen im Saale. Besonders koddrig-schnoddrig tut es der alte Sozialdemokrat Heine, der jede Bevormundung auf dem Gebiete des Künstlerisch-Geschlechtlichen ablehnt, da "doch sowieso schon jedes sechzehnjährige Mädel ihren Liebhaber hat". Ich weiß in den Kreisen um Heine nicht so gut Bescheid; auf unsere trifft es nicht zu. Aber das weiß ich, daß die Freiheit - oder Frechheit - des Zotens und des Schimpfens überhaupt auf alles Hohe und Edle einschließlich der Verunglimpfung des eigenen Vaterlandes nie so groß war wie heute. Ungestraft darf in Deutschland heute gedruckt und deklamiert und gesungen werden:

Das Nationalgesindel hetzt zu neuem Krieg.
Das Vaterland ist in Gefahr ?
Was geht's uns an ?
Wir bluten nur in einem Kampf: Klassenkampf.
Wir rüsten nur in einem Krieg: Bürgerkrieg.
Wir haben nur noch eine Kugel im Gewehr: für euch.
Das Vaterland ist in Gefahr ?
Uns geht's den Dreck an!

Da es das Kennzeichen der neuen Zeit ist, daß ihr die Form über das Wesen geht, wollte ich niemand raten, in diesem Kampflied "Vaterland" etwa durch "Republik" zu ersetzen; postwendend würde er in Ketten anch Leipzig geschleppt. Nein, lassen wir die Intellektuellen ruhig unter sich, schweigen wir still und denken wir uns unseren Teil. Und erziehen wir unsere Kinder so, daß sie unserem betörten Volke einst die rechte Freiheit bringen, von der Ernst Moritz Arndt mehr verstand als Alfred Kempner-Kerr.

Einstweilen tändeln unsere Buben noch arglos jener Zeit entgegen, weil die Bildungsaufnahme in den Schulen und das bißchen Freude nebenbei die ganze Zeit ausfüllt. Bei unseren beiden Primanern ist plötzlich sogar ganz freiwillig ein fabelhafter Bildungsdrang ausgebrochen. Sie lassen auf dem vorsichtigen Umwege über die Mutter mir sagen, ob es nicht gut wäre, wenn sie bei einer richtigen Engländerin Konversationsstunden bekämen. Ei, ei. Aber die Jungens haben Pech, denn ich habe die Anzeige in einer Berliner Zeitung - auch gelesen:

Young lady
with bobbed hair
gives English lessons.

Also ein junges Mädchen "mit Bubikopf" gibt englische Stunden. Glaubt mir, ihr Lieben: die sucht keine Unterprimaner als Schüler.
15. Oktober 1925 (Donnerstag)


6

Der Herr Direktor - Stenotypistin und Existenzminimum - Mediumismus, Hellsehen, Prophetie - Bei drei Wahrsagerinnen - Unser gläubiges Flickfräulein - "Wilhelm-Turm im Grunewald" - Severings Polizeistunde

Die meisten Berliner heißen mit Vornamen Direktor.

Das hat mir, baß erstaunt, schon vor Jahr und Tag ein ausländischer Großkaufmann gesagt. Die Probe auf Exempel kann auch jeder Deutsche machen. Also du brauchst bloß einmal zu inserieren, daß du 1000 Mark, wirklich bare 1000 Mark, irgendwie gut anlegen möchtest. Alsbald kannst du daraufhin die persönliche Bekanntschaft von Herrn Direktor Schulze, Herrn Direktor Goldberg, Herrn Direktor Pupke, Herrn Direktor Levy, Herrn Direktor Müller und ungezählten anderen machen. Im Handumdrehen hast du 1000 Direktoren für deine 1000 Mark beisammen. Im Durchschnitt "dirigiert" jeder von ihnen allenfalls ein Tippfräulein. Aber der Herr Direktor trägt Gamaschen über seinem sonst nichts weniger als eleganten Schuhwerk, hat eine "japanische" Perle im Schlips und ist den Oberkellnern fast aller Cafés gut bekannt; denn die Cafés sind sein eigentliches Geschäftslokal. Läßt du dich auch nur mit einem von den 1000 ein, so bist du deine 1000 Mark sicher los. Es gibt aber immer noch Leute, die nicht alle werden, Leute, die kleine Erbschaften oder Kauferlöse oder Lotteriegewinne nach Berlin bringen, und davon leben diese Berliner, die mit Vornamen Direktor heißen. Sie sind da wie Sand am Meer. Wenn sie außer einem Tippfräulein noch einen Radfahrer beschäftigen, nennen sie sich Generaldirektor.

Mein kleiner Freund Franz, der Gerissene aus der Unbegabtenschule, den ich schon seit langer Zeit nicht mehr gesehen habe, wird demnächst wohl auch als Direktor auftauchen. Das ist eine üble Erscheinung für alle diejenigen, die wirklich im Geschäftsleben dirigieren, so wie ja auch die Ostjuden keine reine Freude für alteingesessene Bankiers sind, für die Mendelssohn und Rothschild und Schwabach. Manch ein wirklicher Direktor verzichtet deshalb sogar schon auf seinen Titel; und als Hugo Stinnes starb, da stand in der Todesanzeige unter seinem Namen nur: Kaufmann in Mülheim an der Ruhr.

Man hat es heute nicht leicht im Geschäftsleben. Der Reichsbankpräsident ist unerbittlich. Nicht einmal auf bereits schwimmende ganze Schiffsladungen wird dem Exporteur der früher übliche Kredit eingeräumt, die Sorge um die Beschaffung von Bargeld vergrößert sich lawinenartig und erschlägt schließlich auch die Geschäftsfreunde. Die Schadenfreude über solche Nöte des "Kapitalismus" bleibt aber heute den roten Zeitungen im Halse stecken, denn die Rückwirkung auf die Lebenshaltung der breiten Masse ist doch unverkennbar. Das merkt jeder Arbeitnehmer von allein, und es ist bezeichnend, wie das in dem Wettbewerb um die wenigen gelegentlich freiwerdenden Stellungen zum Ausdruck kommt. In Berlin suchte dieser Tage eine Fabrik, die täglich an die 10 000 Isolierflaschen herstellt und viel davon exportiert, eine Stenotypistin. Auf eine Anzeige hin meldeten sich 254 junge oder ältere Damen, von denen nur fünf ein Gehalt von mehr als 100 Mark zu beanspruchen wagten; die Forderung der meisten bewegte sich zwischen 60 und 80 Mark für den Monat. Das ist - wenigstens für Berlin mit den fast immer unvermeidlichen 7,50 Mark für das Monatsabonnement auf der Straßenbahn und sonstigen erhöhten Unkosten - schon weniger als das Existenzminimum. Aus solchen Angeboten spricht unverkennbar die Verzweiflung.

In dieser Stimmung landet man schließlich müde - bei der Wahrsagerin.

Noch nicht jeder hundertste erwachsene Berliner könnte einem wirklich klar, nicht nur aus dem Gefühl heraus, über die Fußangeln Bescheid geben, die in Locarno für uns ausgelegt sind. Aber jeder zweite erwachsene Berliner hat mit brennendem Interesse den Bernburger Hellseherprozeß verfolgt und schwört nun plötzlich auf Wahrsagerei.

Der sogenannte physikalische Mediumismus hat bei wirklich Gebildeten abgewirtschaftet. Die vielbesprochenen Phänomene zeigen sich nicht, wenn die Kontrolle einwandfrei ist, es gibt keine Materialisation und es kommt kein Geist, wenn Hände und Füße des Mediums so beobachtet werden, daß kein Betrug möglich ist. Der verbleibende Rest von Nachäfferei einer mittelalterlichen Magie ist für die Betörten, die unter allen Umständen an ihrem naturwissenschaftlichen Aberglauben festhalten wollen. Es führt kein Weg von den Abgeschiedenen zu uns herüber. Aber etwas anderes ist es um ganz natürliche, nur noch nicht ganz erforschte Kräfte in uns selber, um die nur sehr wenigen Menschen verliehene Sehergabe, um irgendein aktives oder passives Strahlungsvermögen vom Gehirn aus, das man Hellsehen oder Abwesenheits-Telepathie oder sonstwie nennen mag. Es hat immer in dem oder jenem Jahrhundert mal Propheten gegeben, die man wohl besonders begnadet genannt hat, obwohl sie meist sich als von Gott Geschlagene fühlten. Dieser Gabe froh geworden ist noch niemand, von Kassandra, der Tochter des Priamus in Troja, angefangen bis zu Friederike Hauffe, der schwäbischen Seherin von Prevorst, die im blühenden Alter von 28 Jahren darunter zusammenbrach. Wir kennen die preußisch-deutsche Weissagung von Lehnin, die den Zweifelnden noch mehr sagt, als die Prophetie des Alten Testaments, die sich der Nachprüfung nicht so leicht stellt; aber was in Jahrhunderten einmal sich als erschütternde Wahrheit offenbart, das wird in der Zwischenzeit von Unzähligen zu gewerbsmäßigem Betruge ausgenutzt.

Heute blüht dieses Geschäft auch in dem "aufgeklärten" Berlin so gut wie noch nie zuvor; sogar noch besser als in den ersten Kriegsjahren, wo bekümmerte Mütter aus Karten und Kaffeesatz sich das Frontschicksal des Jungen wahrsagen ließen. Abgebaute Angestellte und abgebaute Liebhaber: das ist das Hauptkontingent derer, die heute zu den Wahrsagerinnen laufen. Die ersten sind meist männlichen, die zweiten meist weiblichen Geschlechts. Unbekümmerte gehen nicht hin, wirklich Gebildete auch nicht, also haben es die Prophetaster leicht, den geeigneten Schwatz zu machen.

Vor zwei Jahren bin ich einmal bei dem "berühmten" und sehr teuren Johannsen gewesen, [Anm. d. Herausg.: 3.Band 1922/23, 4. Jan. 1923 ] der besonders geschickt ist und selbst Leute "besserer" Herkunft fasziniert. Nun wollte ich mir einmal einen Rundgang bei den Sibyllen des kleinen Mannes gönnen, die für wenige Mark ihr Gewerbe ausüben.

Zuerst im hohen Norden. Müllerstraße. Im zweiten Hof, eine Treppe links, in trübem Dunst und muffiger Luft, haust Frau Peters. Sie empfängt mich gleich mit einem Schwall von Bemerkungen über den "Kollegen", den Hellseher Drost in Bernburg, und die von ihm entdeckten Diebe. Jawohl, sage ich, gerade so etwas führe mich her. Ich möchte wissen, wer mir neulich die 11 Hemden vom Trockenboden geklaut hat. Ob ihr Medium bereit sei. "Nee," sagt sie, "mach ick alleene!" Und nun setzt sie mir auseinander, daß ich eine alte Erb-Bibel und einen alten Erb-Schlüssel mitbringen müsse. Die Bibel werde, nachdem man den Schlüssel an ihr angebunden, auf den Tisch "hochkant" gestellt, ich müsse den Schlüssel anfassen und dann die Namen aller derer herzählen, die ich im Verdacht hätte, während sie, die Hellseherin, meine freie Hand fasse und "magnetisch-geistig" beeinflusse. Bei dem richtigen Namen werde dann die Bibel wackeln . . .

Also auf Wiedersehen. Auf zur nächsten Frau.

Im äußersten Westen. Holsteinische Straße. In einer kleinbürgerlichen Parterrewohnung werde ich in ein Wartezimmer, in dem nur ein aufgemachtes Bett stört, zu zwei harrenden Damen gesetzt. In ihrem Salon aber wahrsagt Frau Barta "psychometrisch" einer dritten Dame; zunächst, wie es scheint, aus der Vergangenheit. Es gibt Krach. "Abber nej, alles chanz falsch! Das is nuscht! Das macht mejne Fräau in Keenigsbarch chanz anders! Da brauch ich nich nach Berlin rejsen! Mein Jald will ich zurick!" Und schon rauscht die dicke Ostpreußin heraus und verschwindet. Das hat offenbar die Psychometrie gestört. Als ich herankomme und der Prophetin gegenüber Platz nehme, ist sie noch befangen, weil sie wohl vermutet, daß ich die Szene gehört habe. Sie nimmt meine Rechte in ihre weichen Hände, deren Nägel nur leider nicht ganz sauber sind, drückt meine Hand langsam immer intensiver, erschauert, erzittert und läßt mich wieder los. "Ich kann Ihnen nichts sagen. Ich sehe keine Bilder."

Vor dem Hause stehen Schimpfende. Also schon zwälf Mark in einer halben Stunde habe die Frau verdient. So ein betrügerisches Aas. Nein, da wolle man doch lieber zu der nächsten, gleich um die Ecke. Die verstände das besser. Ob ich nicht mitwolle. Nein, danke, ich führe zu einer ganz tüchtigen weit weg.

Nun Berlin Ost. Waisenstraße. Ganz altes Viertel. Eine wurmstichige Holztür führt direkt von der Straße, ohne Flur, auf eine steile alte Stiege, eine zweite Holztreppe bringt mich in das Stübchen von Frau Schulz, in dem ein Wandanschlag mich gleich informiert: "Handlinienlesen auf wissentschaftlige Grundlage." Die Frau beguckt durch ein Brennglas meine Patsche und legt mir die Karten, nachdem sie mich, der ich absichtlich einen etwas zerknitterten Eindruck mache, flüchtig gemustert hat. Tja, ich käme ja nun leider aus meinem Beruf heraus. Bis jetzt hätte ich mich ja so durchgeschlängelt. Ich solle nur nicht den Kopf verlieren. Ich würde eine Reise in eine große Stadt machen, da winke mir eine neue Lebensstellung. Auch wohl ein neues Lebensglück. Ich würde im ganzen 68 Jahre alt, und meine zweite Frau, die ich statt der jetzigen ersten 1927 bekäme, sei zwar "etwas kränklich in den unteren Teilen", aber vor allem geschäftlich das Gegebene für mich. Ich würde auch meine jetzige Unruhe und Unlust verlieren. Die käme großenteils daher, weil ich gar kein Glück bei Frauen hätte.

Bis hierhin habe ich nur immer kurz zustimmend gegrunzt. Auch zu dem Mordsschwindel, daß ich als Junge, bis zum 15. Jahre, viel krank gewesen sei. Aber nun, wo mir meine Ungefährlichkeit gegenüber dem schönen Geschlecht attestiert wird, platze ich doch aus.

"Können Sie mir das nicht schriftlich geben ?" sage ich.

"Wozu ?" fragt sie.

"Ich möchte es für meine Frau einrahmen lassen!" sage ich.

Nein, auf solche Witze lasse sie sich nicht ein, erklärt die Kartenschlägerin, kassiert ihr Honorar und entläßt mich hoheitsvoll. Ich weiß nicht, wie ich das alles nun unserer Flickerin wiedererzählen soll. Diesem alten Fräulein, das an jedem Mittwoch ganze Strumpfberge zum Stopfen bei uns bekommt, verdanke ich eine große Zahl von Adressen wissender Frauen. Mein Lächeln hat die Brave schon neulich aufgeregt. "Wenn's zutrifft, ist es wahr!" sagt sie. Und verschiedenes sei wirklich zugetroffen. Sie habe am 1. Oktober einen wichtigen Brief bekommen; und die Warnung vor einer falschen Freundin sei auch richtig gewesen.

Wenn man so jeden Wochentag reihum in Familien über dem Sticheln hockt und am Sonntag auch nur zu allerlei Klatsch mit den Nachbarinnen zusammensítzt, nie sich ordentlich durchlüften läßt, dann muß es einem allerdings schließlich auch im Gehirn ganz dumpfig werden. Ich habe den Eindruck, daß die neue Generation, die mit Wander-Idealen großgeworden ist und den Sport dem Klöhnen vorzieht, mit freierem Blick auf den ganzen Unsinn herniedersieht. Bei dem wieder warmen Wetter wird auch unser Grunewald täglich erneut von Lufthungrigen durchschwärmt, in großen Scharen namentlich in seinem leicht erreichbaren südlichen Teil. Aber auch der Norden bekommt immer mehr Besucher, von denen viele sich sogar die Extra-Ausgabe gönnen, den vom Kreis Teltow auf hohem Havelufer einst errichteten Kaiser-Wilhelm-Turm zu besteigen. Zum erstenmal in diesem Sommer ist die Zahl 20 000 der Aussichtsgäste überschritten worden. Aber was sehe ich da auf der Einlaßkarte ? Da steht ja, zum ersten Male, nicht Kaiser-Wilhelm-Turm, sondern einfach "Wilhelm-Turm im Grunewald"! Die Todesangst unserer Republikaner vor der ungeheuren Gefahr, daß irgend etwas bei uns noch an die Monarchie erinnern könnte, woraufhin dann eines Tages die Republik ins Nichts zurücksinken müßte, wird nachgerade erheiternd.

Dabei sind die steinernen Erinnerungen nicht einmal nötig.

Der gewitzte richtige Berliner findet schon längst, daß er durch den Regierungswechsel keinen guten Tausch gemacht hat, da die jetzigen Beamten noch viel fortschrittsfeindlicher seien als die früheren. Zwar sollen die Tanzbeschränkungen nun endlich fallen. Aber die kleinstädtische Polizeistunde bleibt. Der rote preußische Innenminister Severing will immer noch nicht den Vorkriegszustand wiederherstellen, daß einige anständige große Cafés die Nacht über aufstehen.

Und dabei ist er persönlich gar nicht für die Polizeistunde.

Wenigstens hat er an dem Abend jenes betrüblichen Apriltages, an dem er seinen Freund Hänisch in Wiesbaden zu Grabe geleitet hat, in Aßmannshausen in der "Krone" nichts davon merken lassen. Er trank dort mit den Genossen Kuttner und Spaving so viele Pullen 1920er Oppenheimer Goldberg, daß es sehr lustig wurde. Erich Kuttner sang noch nach der Polizeistunde zu weiteren drei Pullen unter Lautenbegleitung allerlei Lieder, die man in Damengesellschaft nicht gut singen kann, und man war außerordentlich - sagen wir - beschwingter Stimmung, als die Sitzung um ½2 Uhr aufgehoben wurde. Also hoffe ich noch immer, daß, was an Severing liegt, geschehen wird, um auch der breiten Volksmasse der Nicht-Minister solche Möglichkeiten zu eröffnen.
22. Oktober 1925 (Donnerstag)



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© Karlheinz Everts