"Rumpelstilzchen"

Haste Worte?
(Jahrgangsband 1924/25)

Brunnen-Verlag / Karl Winckler / Berlin, 1925

Glossen 19 - 21
22. Januar bis 5. Februar 1925


19

Villen auf Schwanenwerder zu verkaufen - Zweierlei Maß: Schiller und Ludendorff - Der Taubenmist im Etat - Vom alten Potsdamer Futtermeister - Der geflickte Fridericus Unter den Linden - Bockbierfest in der Neuen Welt - Fräulein N'gamis Bubikopf - "Das ist der Frühling von Berlin"

Eine etwas melancholische Anzeige in der Potsdamer Tageszeitung erzählt uns von der Vergänglichkeit des Schiebertums. Darnach ist auf Schwanenwerder (der weiland Residenz des Parvus-Helphand und anderer Östlich-Allzuöstlicher an der Havel) eine 10-Zimmer-Villa mit allem Komfort wegen Abreise billig zu verkaufen. Wegen Abreise vermutlich nach Moabit. Diesen Weg müssen ja heute viele Leute antreten, vor denen noch gestern galonierte Diener die Flügeltüren aufrissen. Zu den letzten Aktivposten, die wir überhaupt noch besitzen, gehört nur das Vertrauen zu unseren Gerichten. Um so schlimmer ist es, wenn immer wieder in Berlin die Gerüchte umlaufen, von oben herab, von der ministeriellen Spitze der Justiz aus, die bei uns ja auch parteipolitisch besetzt wird, werde in die Arbeit der Staatsanwaltschaft eingegriffen werden, da man den Skandal zu unterdrücken wünsche. Die Gerüchte sind kaum glaubwürdig. Ich halte es für ausgeschlossen, daß jemand es wagen könnte, dem Rechte in den Arm zu fallen.

Aber es ist begreiflich, daß solche Gerüchte entstehen können. Die Praxis des preußischen Justizministers, des Zentrumsabgeordneten Am Zehnthoff, fordert dazu heraus. Ein Beispiel aus allerjüngster Zeit möge das erläutern, dem ich zur Gegenüberstellung zwei andere Geschehnisse vorausschicke.

Eine behördlich für einige Tage verbotene nationale Zeitung erhebt gegen das Verbot Widerspruch, dem das Verwaltungsgericht Recht gibt. Die Zeitung berichtet über ihren Prozeßsieg ausführlich und bringt dabei in der Schlagzeile unter der Überschrift den Satz: "Der preußische Staat läßt sich von Herrn Rechtsanwalt Proskauer (!) verteidigen." Wegen - des eingeklammerten Ausrufungszeichens erhebt die Staatsanwaltshaft öffentliche Anklage gegen die Zeitung, denn Herr Proskauer ist eine Person von öffentlicher Bedeutung.

Ein nicht gerade von der Blüte der Menschheit besuchtes Lokal wird nächtlicherweile von der Polizei ausgehoben, wobei es zu scharfen Zusammenstößen kommt. Den Beamten wird zugerufen, sie würden schon etwas erleben, denn man werde zum Genossen Schiller gehen (einem rabiaten roten Agitator) und der werde es ihnen besorgen. Ein Schutzmann antwortet: "Mit Eurem lumpigen Schiller könnt Ihr mir gar nicht imponieren!" Gegen den Schutzmann wird ein Strafverfahren eingeleitet, denn Schiller ist eine Säule der Republik.

Nun aber der umgekehrte Fall. Dieser Schiller hat in einer Rede gesagt, Ludendorff habe Hunderttausende in den Tod gejagt, aber das einzige Mal, wo er selber Kugeln pfeifen hörte, nämlich beim Münchener Putsch am Odeonsplatz, sich glatt auf den Bauch geworfen. Das ist eine dreiste Unverschämtheit. Bei Lüttich, wo drei preußische Generale mit dem Degen in der Faust gefallen sind, hätte es Ludendorff ebenso gehen können, denn er ist wie sie seiner Brigade vorangestürmt. In der Tat bekam er für Lüttich - für hervorragende Tapferkeit vor dem Feinde - den Pour le mérite, ehe er auch nur das Eiserne Kreuz zweiter Klasse besaß; überdies war der Sturm auf Lüttich sein ureigenes Rechenexempel, das er schon vor dem Kriege als Generalstäbler theoretisch ausgearbeitet und nun zur Verblüffung der Welt praktisch in zwei Tagen gelöst hatte. Am Odeonsplatz in München aber hat er sich nicht hingeworfen,sondern ist aufrecht und ruhig weitergeschritten, obwohl neben ihm sein Getreuester fiel und das Furchtbare, daß Deutsche auf Deutsche schossen, auch den stärksten Mann hätte niederbrechen können. Der Politiker Ludendorff ist eine Sache für sich, die uns hier gar nichts angeht, aber er große Feldherr und große Deutsche gehört dem ganzen Volke, er ist eine eminent öffentliche Persönlichkeit, und sein Sachwalter Dr. Luetgebrune verlangt deshalb wegen der Verleumdung durch Schiller die Erhebung der öffentlichen Anklage gegen diesen. Nach anfänglichem leisen Zögern geschieht dies auch. Schon ist die Hauptverhandlung anberaumt.

Da - stellt der preußische Justizminister an den Richter das Ansinnen, das Verfahren solle, weil nur eine unbedeutende Straftat mit voraussichtlich sehr geringer Strafe vorliege, nach 153 der Strafprozeßordnung eingestellt werden. Ein solcher Beschluß ist dann völlig unanfechtbar.

Selbstverständlich braucht der Richter der Anweisung nicht zu folgen, denn er ist in seiner Entscheidung ganz unabhängig. Aber das Volk weiß das nicht. Es kann leicht irre werden an der Justiz, wenn es die Eingriffe von oben herunter erfährt. Um so vorsichtiger müßte man daher bei diesen Eingriffen verfahren. Es handelt sich um unsere staatliche Genesung, an die die Nation langsam wieder zu glauben beginnt, seit die Berliner Staatsanwaltschaft das Wespennest aufgestöbert hat. Wir alle wollen ja gerne hoffen und glauben. Es gibt mehr als ein Anzeichen dafür, daß erneut die alte deutsche Ordnung wiederkehrt, manchmal Anzeichen von heute fast rührender Art. Wir wissen, daß unmittelbat nach der Revolution Werte von über 5 Milliarden Goldmark rechnungslos veruntreut worden sind, woran sich weitere Milliardenverluste an die Schieber und Revolutionsgewinnler bis in die letzten Monate hinein anschlossen. Und nun sitze ich vor dem Reichsetat für 1924 und stoße da beim Kapitel Reichswehrministerium unter "Einnahmen" auf den Posten: 500 Mark für den Erlös von Taubenmist aus den Verschlägen der militärischen Brieftaubenstation! Das ist altes System. Da erinnern wir uns daran, wie sorgsam früher jede Pfennigrechnung vom Rechnungshof in Potsdam nachgeprüft und wie jeder Groschen in staatlichen Betrieben von sparenden Beamten dreimal umgedreht wurde; hat doch sogar der Sozialdemokrat Heine in der Nationalversammlung zu Weimar offen bekannt, daß in ihrer Bescheidenheit und Tüchtigkeit unsere frühere Verwaltung unerreicht gewesen sei. Manch einer, der jetzt die Geschichte von den 500 Mark für Taubenmist liest, wird sich die Augen wischen und dann schmunzelnd den Kinder aus seiner früheren Militärzeit lange vor dem Kriege erzählen. Ja, Kinder, da hättet Ihr unseren damaligen Futtermeister sehen müssen, dessen grimmiger Schnauzbart wie eine Wichsbürste unter der Nase stand. Morgens beim Stalldienst wird auch da, bei der ersten reitenden, der Fuchsbatterie in Potsdam, die Streu gemacht, nämlich aufgehoben und in der Stallgasse ausgeschüttelt. Der herausgefallene Mist kommt in die betonierte Grube auf dem Hofe und wird alle acht Tage vom Zahlmeister an Bauern als Dünger verkauft. Aber es sind noch immer Strohhälmchen darin, also Wertgegenstände. Da sei Gott vor, daß die mit verschleudert werden! Also alle die faulen Kerls, die in der Woche etwas ausgefressen, etwa von ihren Pferden nicht genügend "Striche" heruntergeputzt haben, werden am Sonntag dazu kommandiert, "den Mistkasten zu polieren": sie müssen sorgfältig die Strohhälmchen bis zum letzten aus der Düngergrube ziehen, zum Trocknen an die Sonne legen und dann wieder in den Stall zur Verwendung in der Streu zurückbringen! Ja, Kinder, so war das alte System. Da lernte es unser ganzes Volk, den Pfennig zu ehren und treu im Kleinen zu sein; da wurde vorbildlich unser mittlerer Beamtenstand erzogen, "rauh, aber herzlich", und vor allem grundehrlich. Was wir jetzt durchleben, ist nur ein böser Traum, nachdem wir uns an der Revolution den Magen überladen haben . . .

Ein bißchen schämen wir uns ja. Wir tilgen überall die äußeren Spuren des wüsten Traumes. In Kissingen auf dem Altenberg, oberhalb des Kurparkes, sieht man zwar noch die Lausbübereien, da stecken Geschosse noch mitten in der Bronzetafel, die das schöne Reliefbild der Kaiserin Elisabeth trägt, da hat eine Kugel die Wange der Dulderin völlig deformiert, und ähnliches gibt es auch noch anderswo in Deutschland, - aber in Berlin hat man den Alten Fritz Unter den Linden, der vielfach durchlöchert und dann mit Schmutz überkrustet war, in monatelanger Arbeit nun wieder ganz hergestellt. Der zerschossene Balkon am Königlichen Schloß, von dem herunter Wilhelm II. frohbewegt den Massen zurief: "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!", ist schon seit längerer Zeit in Ordnung. Nur hat vieles, was damals unter der segensreichen Brliner Herrschaft des heutigen Reichtagsabgeordneten Eichhorn in den Innengemächern gestohlen worden ist, sich noch nicht heimgefunden.

Allmählich vergessen wir es, denn das Leben wird immer normaler, so wie es vor 1914 war. Schon überwiegen bei Berliner Ehescheidungen wieder die aus Verschulden des Mannes ausgesprochenen, während in den dazwischenliegenden Jahren das Konto der Frauen stärker belastet war. Schon enthält das Bier wieder seine vollen Friedensprozente Alkohol, und vor allem das Bockbier ist so süffig, wie es die junge Generation gar nicht gekannt hat. Wer nie ein richtiges Oktoberfest alter Art mitgemacht hat, der ist der Seele des Müncheners nie nahegekommen; und der Fremdling, der nie in der Neuen Welt in der Hasenheide in den Monaten des Bockbiers gewesen ist, zwischen dem 5. Januar und dem 25. März, der hat keine Ahnung von Berlin. Hier ist die einzige Stelle in der Reichshauptstadt, die einen solchen Betrieb ermöglicht, wie die großen Bräukeller in München: weit über 8000 Menschen sitzen oder tanzen und trinken und gröhlen und ulken allabendlich in den Sälen der Neuen Welt, in deren größten, der riesig wie ein Palmenhaus auslädt, einige märkische Kiefern, wohl über 15 Meter hoch, eingepflanzt sind und doch in dem Trubel - fast übersehen werden. Man muß an einem Tage mit Preisausschreiben hin. Neulich wurden die üblichen drei Preise, 75 und 50 und 25 Mark bar, an die drei Trägerinnen der schönsten Kasaks verteilt; davor galten die Prämien einmal den schönsten Strumpfbändern, begutachtet natürlich am lebenden Bein; und vorgestern ließ ich mich durch die Auslese der schönsten Bubiköpfe zu einer Bockbiernacht hier nach Berlin SO in die Neue Welt verlocken.

Hier ist Volk, wirklich Volk, was man so nennt, und die Etikette nicht gerade spanisch, der Anschluß in jeder Form leicht. Ich stelle mich um 10 Uhr abends dort an, wo die jungen Mädchen sich registrieren lassen, die als Preisträgerinnen kandidieren. Ein loses Gespräch ist schnell im Gange. Ich erwische den Bubikopf Nr. 57 und lasse mich von ihm herumführen, zuerst in den Nebensälen, wo wir Goldfische aus dem Wasserbecken greifen, Ringe oder Holzbälle werfen, auf der Rutschbahn hinuntersausen und überhaupt alle Rummelplatz-Allotria treiben, nicht ohne das Biertrinken zu vergessen. Es sind sehr viele Mädels da, neben der schick angezogenen Fabrikarbeiterin auch die Bureaugehilfin und die Haustochter und Kleinbürgerstand, dazwischen eine Menge wirklicher Ehepaare, die nach der fünften oder sechsten halben Maß trotz ihrer vorgeschrittenen Jahe den Honigmond heraufkommen sehen und sich heftig zu küssen beginnen. Geniert Euch nicht, Kinder, hier sind wir ja unter uns; und wenn der Nachbar ein plötzliches Anlehnungsbedürfnis bekommt, nimmt man ihm das auch weiter nicht übel. Fürchterlich wird nur das Gedränge im Hauptgang des großen Saales, wenn auf der Bühne die Auslese beginnt, diesmal durch Preisrichter aus dem Friseurberuf. Schon denkt man, irgendein Taschendieb nestele sich an einen heran, man wendet mit Mühe den Kopf, - aber es ist nur ein "Wärmer", einer derer, für die Gedränge eine Lust ist; mit geschlossenen Augen, aber glücklichem Gesicht steht er da, die Stirn voll perlenden Schweißes. Musik, Trompetenstöße, Tusch: die drei Preise werden vergeben. Das Publikum rebelliert. Einer springt auf den Tisch und taktiert, aus tausend Kehlen dröhnt es: "Schie-bung! Schie-bung!" Es seien nämlich keine Bubiköpfe, die da prämiert seien, werde ich belehrt, sondern Pagenköpfe; das hätte man vorher sagen sollen! Außerdem hat es noch einen kleinen Krach gegeben. Im letzten Moment hat sich noch eine ohne Nummer eindrängen wollen, die wegen eines Trambahnzusammenstoßes - sie kommt aus Berlin N, Lothringer Straße - nicht mehr rechtzeitig eingetroffen ist. Eine mit - man denke - natürlichem Bubikopf, eine schlanke Mulattin, Tochter einer Berlinerin und eines Negers, angeblich Kameruners. Ihr Bubikopf ist die reine Roßhaarmatratze, dicht und doch elastisch.

Ich versuche Fräulein N'gami zu trösten. Bitte, N'gami, mit Schnalzlaut zu sprechen. Das kann ich sehr gut, das habe ich bei Merenskys afrikanischen Angedenkens gelernt, aber Fräulein N'gami kann es nicht, sie berlinert nur. Außerdem würde ihrem schiefen Mundwerk das Schnalzen schwerfallen. Infolge einer bösen Mittelohrentzündung hat sie eine Facialis-Lähmung davongetragen, ihr Mund sitzt auf der linken Backe, so daß sie die Portion Schweinebraten, die ich ihr stifte, seitwärts einstopfen muß. Außerdem ist sie auf einem Auge starblind. Macht nichts, den ersten Pries für den schönsten Bubikopf hätte sie doch bekommen müssen, meint unser Fräulein Martha N'gami. Sie erzählt mir, daß ihr Vater jetzt wieder in Kamerun sei, Angestellter an der dortigen - Hochbahn. Ich tue entzückt. Darauf verrät sie mir ihr Alter, aber sie ist wirklich zu bescheiden; ich weiß ganz genau, daß sie, wie die übrigen rund 50 Mulattinnen in Berlin auch, im Jahre 1897 geboren ist, denn 1896 hatten wir hier die erste große Gewerbeausstellung mit dem Eingeborenendorf aus Afrika (Nordafrika natürlich), das von abenteuerlustigen Berliner Portierfauen immer so belagert wurde.

Im Gewühl an einem Tische entdecke ich einen früher sozialdemokratischen, jetzt rechtsstehenden Politiker mit seiner Frau. Die trinken Bier und wundern sich über nichts mehr. Ich kraxele mit ihm die fünf dörflichen Stiegen zu den Terassen empor, überall ist seliges Versunkensein oder fröhlicher Radau. Über eine Brüstung baumeln acht Mädchenbeine, und im Chorus wird gekräht: "Mama, Papa, der Klapperstorch ist da!" Weiter unten mahnt bayerische Lebensweisheit:

<>

Saufts - sterbts.
Saufts net - sterbts a.
Also saufts!

Überhaupt tragen die Wände allerhand Ulkaufschriften. Sie wären nicht einmal nötig. Es genügt schon, daß sieben Kapellen Musik machen und daß alles mitsingt oder, wo Platz ist, tanzt - meist so, wie der Bär am Nasenring, auf- und niedertappend, denn der Platz ist eng, und die Hauptsache doch nur, daß man einander umhalst. "Das ist der Frühling, das ist der Frühling, das ist der Frühling von Berlin!" Man singt, man brüllt, man lallt es mit. Dazwischen der Fridericus-Rex-Marsch. Hier herrscht absolute Toleranz, hier ist die von Marx angeblich mit der Laterne gesuchte Volksgemeinschaft mit Händen zu greifen. "Du hast so was Gewisses, na sag mal, Schatz, was is es ?", trällert mich eine Kleine an. Dann gerate ich an einen der Saaldiener, aus dessen betreßten viel zu kurzen Ärmeln ein paar Riesenfäuste baumeln. Ich gebe ihm ein Trinkgeld, dafür solle er mich mal regelrecht hinauswerfen. Er stutzt. Sowas ist ihm noch nicht vorgekommen. Dann begreift er. Blitzschnell hat er mich an Kragen und Hosenboden gefaßt, im Bruchteil einer Sekunde schwebe ich und fliege wie ein Gummiball gegen die Menschenmauer.

Keiner schimpft. Liebende Arme breiten sich aus. Alles ist ein Herz und eine Seele. Nach Schluß wird in der Umgegend weiter getrunken. Man fährt - rrrt - mit dem Fingernagel über die Rolladen, und schon macht der Wirt auf. Alles ist pfropfenvoll. Hier wird kein Nepp getrieben, man zahlt für Bier und Bockwurst den gewöhnlichen Tagespreis. Im taktmäßigen Onestep sind die bierseligen Ehepaare hingetippelt. "Ach, Lotteken, wa jehn noch nich zu Hause!" Tanzend auf der Straße bewegen sich auch die Mädchen. Das ist der Frühling, das ist der Frühling . . .

Um 4 Uhr morgens lande ich daheim und sitze den nächsten Tag über katerfrei am Schreibtisch, denn der Berliner Bock hat's zwar "in sich", aber was er in sich hat, das ist nicht schlecht.
22. Januar 1925 (Donnerstag)


20

Vermißte der Gesellschaft - "Nicht mehr verwandt" - Ballsaison - Herr Rachmann - Nach den Inventur-Verkäufen - Ihre Hoheit die Hausschneiderin - Die kubistische Villa - Mademoiselle Bourasset

In den wirren letzten Jahren ist mancher Verkehr von Person zu Person, der früher lebhaft war, besonders in dem großen Steinbaukasten Berlin, ohne viel Aufsehen verdorrt. Da ist eine Frau Oberstleutnant in greisem Alter, die, da man bisher von der Pension nicht leben konnte (in der Inflationszeit waren es umgerechnet 94 Goldmark im Monat), sich ohne Mädchen behilft, selber die ganze Hauswäsche wäscht und den beiden Zimmermietern die Stiefel putzt, während der Mann, Gendarmerie-Oberstleutnant a.D., der noch betagter ist, derweil mit dem Marktkorb ausgeht und zusieht, wo er am billigsten ein paar Harzer Käschen bekommen kann. Solcher Leute gibt es viele. Für den früheren Gesellschaftskreis zählen sie zu den Vermißten. Zuweilen fällt einem blitzartig, wenn man an irgendeinem Ladenschild vorübergeht, ein Name aus alter Zeit ein und man forscht nach und ist glücklich, daß der brave Kerl noch im Telephonbuch steht, mithin wohl nicht unter die Räder gekommen ist. Also nun rufe ich den Fregattenkapitän a.D. an, der mir seit Jahren aus den Augen gekommen ist, und male mir aus, wie nett es wäre, wenn wir wieder beisammen säßen und irgendeine Kleinigkeit, aber eine exquisite Kleinigkeit, zu uns nähmen, etwa bei einer Flasche herben Szamorodners ein paar Wachteln mit geschmorten Weintrauben. Und dann erzählen, erzählen, erzählen! Am Fernsprecher meldet sich eine bekannte Stimme, natürlich, das treue Faktotum, die Marie, die ihre Herrschaft auch in der schlimmsten Zeit nicht verlassen hat. Ich bitte, daß sie ihren Herrn an den Apparat ruft oder die gnädige Frau, und erhalte sofort die mit Fistelton hervorgestoßene Antwort:

"Mit Herrn Kapitän sind wir nicht mehr verwandt!"

Au verflucht, das hätte ja peinlich werden können, wenn die Frau Kapitän, nicht Marie, bei meinem Anruf den Hörer abgenommen hätte. Die Leutchen sind, wie ich aus Maries gezierter Redensart entnehmen muß, inzwischen nämlich - geschieden. Nun denkt man die Reihe seiner ehemaligen Bekannten entlang: wieviele mögen unter ihnen "nicht mehr verwandt" miteinander sein ? Da ist der Major a.D., der Prachtkerl, der in der Heimat und in den Kolonien seinem Vaterlande gedient und draußen mit seiner Frau brilliert hat, die nicht nur reiche Erbin, sondern auch die beste Reiterin im ganzen Lande war. Nach 1918 ist das Vermögen zerronnen, und auf Reiten kam es weniger an, denn auf Kochen. Da versagte wohl die Frau, die persönlich sehr bedürfnislos war und sich - mit einem Prieschen Kokain genügen ließ, und der Haushalt wurde zerrüttet. Nun sind auch diese beiden "nicht mehr verwabdt" miteinander. Das geht durch alle Gesellschaftsschichten hindurch, bis in Arbeiterkreise hinein. Aus den verschiedensten Gründen hat man sich schon während des Krieges auseinandergelebt, nach dessen Ende sich wie eine hohe Welle die Zahl der Scheidungsprozesse erhob; aber sie ist noch heute nicht ganz abgeebbt.

Für meinen Teil bin ich mit meiner Frau immer noch verwandt, obwohl diese Verwandtschaft im Winter ein wenig kostspielig ist. Diesmal sind wir deshalb auch noch auf keinem Ball gewesen, haben bisher nur ganz bescheiden einmal zu Hause getanzt. Nicht einmal den Filmball habe ich besucht, obwohl da lauter "Prominente" zu sehen waren, darunter der berühmte Rachmann, der einst ebenso arm nach Amerika kam, wie Barmat nach Holland, aber nun eine ganze Zimmerflucht im ersten Hotel nimmt,wenn er mit Gefolge nach Berlin kommt, darunter immer ein paar höllisch aufgetakelten Pariser Lebedamen. Das Eintrittsgeld zu den öffentlichen Festlichkeiten ist ja noch das wenigste. Aber das Kleid, das Kleid! Seitdem man, etwa seit einem Jahr, Großes Abendkleid und Kleines Abendkleid unterscheidet, zu den Bällen aber, wenn man über die ersten 18 Lenze hinaus ist, natürlich nur im "Großen" gehen will, ist die ganze Angelegenheit erheblich teurer geworden.

Wer auf die billigen Inventur-Ausverkäufe nach Neujahr rechnet, der "ist nicht von hier", wie der Berliner zu sagen pflegt, wenn er es höflich sagen will; oder er ist "ein bißchen schwach auf der Brust", bei welcher Redensart man an die Stirne tippt. Will jemand etwa behaupten, man bekomme nach Neujahr wirklich gute Sachen um 50 v.H. billiger ? Das könnte doch nur bedeuten, daß sie vor Neujahr um 50 v.H.. zu teuer verwuchert zu werden pflegen! Also in der Inventur werden doch in Wahrheit hauptsächlich nur Ladenhüter abgestoßen, in Berlin N aus dem greulichen Badelakenstoff, genannt Frotté, und in Berlin W aus edleren Stoffen alles das, was wegen Geschmacklosigkeit unverkäuflich geblieben ist. Unsere Schaufenster sehen in dieser Zeit so aus, wie die eines Indianer-Stores am Rande der Prärie; man schämt sich vor den Fremden.

Jetzt ist keine Inventur mehr, jetzt steht wieder allerlei köstlich Reizvolles da, aber dafür sind die Preise für unsereins unerschwinglich. Nein, man kann nichts Fertiges kaufen. Das eine Große Abendkleid dieser Saison - zu mehr langt es nicht - muß die Hausschneiderin machen. Wir haben sogar eine mit akademischer Bildung; sie hat nämlich die Schneiderakademie besucht und ist genau so halsstarrig wie irgendein wirklicher Professor.

Aber sie kann was. Ich denke nicht daran, ihre Adresse zu verraten. Das wäre Ehescheidungsgrund - und ich würde sicher für den alleinschuldigen Teil erklärt. Wer eine solche Könnerin hat, der hüte sie, wie die Nibelungen ihren Schatz, und wenn die unserige bei uns am Tische sitzt, fließe ich schweigsamer Geselle über von liebenswürdiger Beredsamkeit, mache flotte Konversation mit ihr, schenke ihr von ihrem Lieblingslikör - Mampediktiner - ein, gebe ihr nachher für das halbe Stündchen Siesta die neuesten illustrierten Zeitschriften, scherze über ihre ewige Jugend, bin nach Erfordernis Ritter Delorges oder Ritter Toggenburg - und habe im vorigen Jahre diese wertvolle Dame sogar einmal zum Souper in das Exzelsior-Hotel geladen, wozu sie natürlich in Großem Abendkleid erschien, ganz Grande-Dame, ohne das geringste Flackern der Verlegenheit. Ja, was man nicht alles für seine "Verwandtschaft" tut! Ich könnte fast in den Verdacht kommen, etwas verbergen zu müssen, so nett bin ich. Nun ist auch der große Tag vorüber, da wir gemeinsam mit unserer akademisch Gebildeten zum Einkaufen ausgezogen sind, und das muß ich sagen: mir stand der kalte Schweiß auf der Stirn, und die paar Reichsmarkscheine in meiner Tasche krümmten sich, denn wenn der Löwe erst Blut geleckt hat, wird es gefährlich, und als unsere Hausschneiderin 2,35 Meter Silberspitze und ein breites Band Straßsteine in de Hand hielt, bleckte sie sofort die Zähne, um mit ihrem Leben diese ihre Kinder zu verteidigen. Alles, alles und noch viel mehr wollte sie kaufen, alles war ihr noch nicht wirkungsvoll genug, und als ich bescheiden einwarf, daß wir wohl dann einmal tanzen könnten, aber zwei Monate lang nichts zu essen hätten, zischte sie nur: "Das hat ja damit nichts zu tun!" Ich habe schleunigst das Verfügbare aus der Brieftasche gezogen, der Weiblichkeit überreicht und bin davongestürzt. Vor dem Laden wurde ich im letzten Moment, kurz bevor das Gewühl mich verschluckte, noch einmal zurückgerissen: ich solle nicht vergessen, daß zu dem neuen Kleide unbedingt auch ein paar Brokatschuhe gehörten. Noch was gefällig ? Ein Brillantrimg, eine Perlenkette, ein Diadem ? Hilfe, Hilfe! Ich bin noch heute erstaunt, daß am nächsten Morgen nicht im Polizeibericht stand, ein "anscheinend den besseren Ständen angehörender" Herr, sei vor dem Spitzengeschäft in der Leipziger Straße vom Schlage getroffen und zur Rettungswache gebracht worden.

Das ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses muß gebären. Haarklein weist mir unsere Hausschneiderin nach, daß alles dies nur die Folgen meines - bitte: meines - ersten Entschlusses seien. Ich selber hätte ja, allerdings ganz vage und unfachmännisch, meine Wünsche bezüglich des neuen Kleides skizziert. Dann gab sie ihre Erfahrungen aus anderen Familien zum Besten; darnach nehme ich an, daß die dortigen Familienväter allesamt graue Haare bekommen haben, und das möchte ich doch noch nicht. Und hoheitsvoll und eisig fügt die Hausschneiderin hinzu, wer, wie ich, in seinen Mußestunden Entwürfe zu Villen zeichne, der müsse vor allem seine Frau passend kleiden. Also gut, zu der Villa habe ich nun die passende Frau, oder vielmehr die passende Außenhülle für eine Frau, aber die Villa kriege ich doch mein Lebtag nicht, wenn ich nicht irgendwann das große Los gewinne.

Nur still, ganz still. Unsere Nähmaschinen-Donna ist sehr empfindlich. Wenn sie Widerrede hört, bleibt sie einfach weg. Dann hat sie Mügröne, wirklich Mügröne. Sie hat schon manchen sitzen lassen. Man nimmt sie nur immer wieder, weil sie soviel Schick und Phantasie hat. Es gibt Tausende von Eheherrn, die ähnliches erleben. Also still, nur still.

Meine Villen-Entwürfe werde ich aber nicht mehr profanieren lassen. Ich schließe sie weg. Bisher habe ich immer so geträumt: wenn ein solcher Entwurf, vom Grundriß an bis zum letzten Möbelstück von mir ausgearbeitet, also ganz ich, einmal wirklich "erstellt" und dann in den Kunstzeitschriften in München und Darmstadt das Haus nebst Inneneinrichtung abgebildet wäre, würden alle meine Leser, die das zu Gesicht bekämen, auch ohne daß mein Deckname darunterstünde, ausrufen: "Das ist sicher Rumpelstilzchens Heim!" Es wird ja jetzt wieder mehr gebaut, überall entstehen Eigenhäuser, aber sie gefallen mir alle nicht. Früher bauten wir Villen, die eng und hoch und ein wenig historisch waren; als seien sie entweder Burgen oder Häuser einer mittelalterlichen Stadt, wo wegen der Umschnürung durch Mauer und Graben mit Bodengrund gegeizt werden muß. Dann kam, breithingelagert und niedrig, eine Zeitlang das englische Landhaus, das keine Treppe, kaum eine Schwelle hat. Steht man davor, so schaut man durch und durch, vorne aus dem Garten hinten in den Garten. So etwa sieht "der Heidehof" in Nikolassee aus oder "der Cecilienhof" des Kronprinzenpaares in Potsdam. Neuerdings aber werden wir ganz orientalisch. Auf den freien Baugründen jenseits Wilmersdorfs ersteht jetzt allerlei der Art, in jener Gegend, wo gerade die große Kuppel der neuen Moschee fertig wird, die die mohammedanische Bevölkerung Berlins sich baut. In der Konstanzer Straße hat der Bankier Eugen Bab sein Haus: Terrassen über Terrassen, mit Platz für eine Teegesellschaft von mehreren hundert Personen, Terrassen in allen Höhenlagen, als Ornamente überall eine irrsinnig gewordene Keramik. Einige hundert Meter weiter aber feiert der Kubismus seine architektonische Orgie. So ein Ding, wenigstens ähnlich so, habe ich schon in Massen gesehen, nämlich in Bagdad, vom Flugzeug aus. Auch da gibt es nur absolut flache Dächer. Hier das Haus Rosenthal zwischen Wilmersdorf und Halensee ist innen ungemein praktisch und auch, abgesehen von den übermodernen fratzenhaften Gemälden an den Wänden, anheimelnd, ist überhaupt "von innen heraus" gebaut, was ja an sich sinnvoller ist, als der Fassadengedanke. Aber wie ist das gemacht ? Wir brauchen ein Herrenzimmer. Gut, her mit dem Kubus, dem Würfel, und hingesetzt! Wir brauchen ein Eßzimmer. Gut, ein Prisma, ein rechtwinkliges Parallelepipedon, daneben Es ist höher als der Würfel ? Schadet nichts; da überstülpt man zum Teil den Kubus und kriegt so einen Söller in den Speisesaal. Noch andere Zimmer nötig ? Immer her mit - verschieden großen - neuen Würfeln und Prismen, neben- und übereinander, so daß überall Terrassen und Dachgärten entstehen, alles natürlich mit Brüstungen eingefaßt, damit keine Blicke von außerhalb stören. Es steckt viel reizvolles in dieser Bauweise, so fremd sie uns auch anmutet. Aber so sehr sie auch jetzt überall in Berlin, auch an der Heerstraße, auch im Grunewald, wuchert, - sie paßt schließlich doch nur in den wolkenlosen Orient. Man denke sich diese umfriedeten platten Dächer voll Schnee und dann - Tauwetter. Die Leute werden ja die Nässe aus ihren Mauern nie los. Es hat schon seinen Grund, daß wir bisher immer schräge Dächer bauten, von denen der tauende Schnee abrutschen kann.

Der Fremde aber, der solche Neubauten sieht, glaubt, Deutschland habe sich schon erholt und fange an, reich zu werden. Und da kommt er her und ist binnen kurzem schwer enttäuscht. Auf dem Potsdamer Platz bricht eine Dame ohnmächtig zusammen, eine Dame der Siegernation, Mademoiselle Bourasset aus Lyon. Sie hat seit sechs Tagen nichts mehr gegessen, das wird auf der Polizei festgestellt. Es ist eine Sprachlehrerin, vor dem Kriege schon in Berlin gewesen, während des Krieges in einer deutschen Familie in Barcelona in Spanien, nachher 1921 nach Berlin zurückgekehrt, in der Hoffnung, hier wieder die guten alten Stellen zu bekommen. Aber wer kann denn heute seinen Kindern eine Französin halten ? Schließlich landet Mademoiselle Bourasset als Angestellte in einem französischen Bureau, im "Office des biens et intérêts privés au Reichsausgleichsamt", Viktoriastraße 25. Mitte Dezember setzt man dort die Landsmännin auf die Straße, weil eine Deutsche, die Französisch kann, es für den halben Lohn macht; diese verdient ja noch nebenbei, wenn sie die französischen Liköre, Seifen, Parfüms, die wir ganz zollfrei als französischen Schnüffelkommissionsbedarf hereinkommen lassen müssen, in der französischen Kantine kauft und mit Aufschlag an die Damen vom Kurfürstendamm abgibt. Mademoiselle Bourasset sucht seither unablässig nach Arbeit, immer vergeblich, wird einige Tage aus Barmherzigkeit in dem Baltischen Hospiz der Frau v. Samson in der Königgrätzer Straße aufgenommen, verzehrt ihre letzten Groschen. Sie bittet den französischen Konsul und die französische Société philanthropique schließlich um die Mittel zur Heimreise, soll aber nur die Fahrkarte bekommen, kein Zehrgeld und nicht einmal die Frachtkosten, um ihren großen Koffer mit Kleidern und Wäsche, ihre einzige Habe, heimzubefördern. Der Arzt verlangt, weil sie völlig unterernährt und nicht reisefähig ist, ihre Aufnahme für 14 Tage in ein Krankenhaus, aber der Konsul der ritterlichen grande nation rät ihr nur, sie solle sich doch einen "Freund" anschaffen und das nötige Geld aus ihm herausziehen.

Um den vollen Hohn zu verstehen, muß man wissen, daß diese Mademoiselle Bourasset, quittegelb und mit pechschwarzen Haaren wie ein Schnürenpudel, über ihre Jugendblüte längst hinaus ist. Es sind schon Gemütsmenschen, diese französischen Beamten, auch wenn sie keine Boches sich gegenüber haben; und von ausgesuchter Roheit gegen jede Dame, auch die in Not befindliche eigene Landsmännin in Berlin, wenn sie ihnen - nichts mehr bieten kann.
29. Januar 1925(Donnerstag)


21

Ein wunderlicher Winter - Fraccarolis Studienreise - Der Sozialistenball - Jeßners Opernball - Geklaute Azaleen - Presseball - Ostmarkenball - Keine "Drachenfelsen" mehr - In der Zylinderdestille

Der Plattensee in Ungarn ist gefroren, aber die Petersburger Newa eisfrei; die Riviera des Schwarzen Meeres starrt von Eis, aber in Deutschland ist Frühlingswetter. Nächstens werden am Nordkap, wenn das so weiter geht, die Pfirsiche blühen, während die Sahara vergletschert. Wir haben wirklich ganz "ausgefallene" Temperaturen. Dafür ist aber die Berliner Saison normaler denn jemals seit zehn Jahren. Endlich einmal (schon schmunzelt alles) kann man sich austanzen. Für jeden sanft entschlafenen, historisch gewordenen Ball der früheren Zeit, Gesinde-Ball, Böse-Buben-Ball, und wie sie alle heißen, auf die "man" früher sozusagen abonniert war, gibt es heute dutzendfach Ersatz. An jedem Sonnabend zwei oder drei sogenannte große Sachen zur Auswahl, die nur in Abendtoilette oder Maskenkostüm besucht werden können, an den übrigen fünf Wochentagen - ebenfalls im Zoo oder Rheingold oder in der Philharmonie - die anderen Tanzfeste, die man meist im kleinen Gesellschaftsanzug besuchen kann. Die Kleiderbügler haben zu tun. Einziges Motto für die sogenannte bessere Herrenwelt:

"Raus aus dem Smoking, rin in den Frack, raus aus dem Frack, rin in den Smoking!"

Am liebsten hätte ich diesmal den Kostümball der "Sozialistischen Monatshefte" besucht, um wieder einmal zu beobachten, wie unsere führenden Roten und die ihnen versippte Gesellschaft von Finanziers sich amüsieren, aber es wird neuerdings scharf gesiebt: die Herrschaften lassen sich von Nichtsozialisten nur ungern in die Sektkühler und in die Ausschnitte sehen. Ich stehe mit der Linken höchstens auf Neckfuß, ich bin also auch als zahlender Gast nicht willkommen. Sogar dem berühmtesten modernen Bühnenautor und mondänen Plauderer Italiens, Fraccaroli, ist es ähnlich ergangen. Er kam von Mailand in Etappen für ein paar Tage nach Berlin gereist, um ein Kulturbildchen von uns zu entwerfen, machte zuerst in der Schweiz Halt, wo er über angelsächsische Damenbeine allerlei amüsante Betrachtungen anstellte, verweilte dann einen Tag in Heidelberg und interviewte dort die Frau des Schloßkastellans oben in der Ruine darüber, wie sie über die Wiedererrichtung der Monarchie in Deutschland denke. Da sie kein Wort Italienisch kann, er kein Wort Deutsch, auch ein Dolmetscher fehlte, war die Unterhaltung im Sinne Fraccarolis, der aus einem Nichts ein glänzendes Feuilleton zu machen versteht, besonders ertragreich. Und nun stand der Mann vor dem - ausgerechnet - Kaisersaal des Rheingold, in dem die Gemeinde der "Sozialistischen Monatshefte" sich erlustierte, und wurde nicht eingelassen. Schließlich hieß es: ja, wenn er 50 Mark Eintrittsgeld entrichten wolle. Da verzichtete er. Er hätte immerhin allerlei dort sehen können, einen Demokraten von Beruf beispielsweise, der seine bunte Tracht mit einem mächtigen Hakenkreuz geschmückt hatte, oder eine Schöne von Beruf, deren Bekleidung im wesentlichen nur aus Badehose und zollbreitem Busenband bestand. Auch sonst erzählen die Teilnehmer von Ulkigem und Gewagtem, jedenfalls kann man danach überzeugt sein, daß die theoretischen Weltumstürzer und Anhänger der "proletarischen" Idee einstweilen mit der gegenwärtigen besten aller Welten noch recht zufrieden sind; und Küche und Keller gaben reichlich her.

Ein Genosse, der Staatstheater-Intendant Jeßner, hat es kürzlich versucht, der neue Führer der Saison zu werden. Er ließ den alten "Subskriptionsball" im Opernhause wieder aufleben, der früher durch die Beteiligung des Kaiserpaares und der ganzen Hofgesellschaft seinen Glanz erhielt. Das war, schon unter Wilhelm I., die herkömmliche Gelegenheit für die Berliner Bürger, einmal in lose Tuchfühlung mit dem Königshause zu kommen. Diesmal fehlte der Glanz, der "von oben" kommt. Dafür hatte Genosse Jeßner es an Geld nicht fehlen lassen, hatte, wie man sagt, für Umbau und Herrichtung und besonders für verschwenderische Dekoration mit Blumen ganze 85 000 Goldmark ausgegeben. Hoffentlich hat er trotzdem einen guten Überschuß für die Pensionskasse seiner Leute erzielt.

Die Gesellschaft diesmal im Opernhause war freilich etwas gemischter als ehedem. Von den blühenden Azaleen und verschiedenen noch kostbareren Topfpflanzen waren jedenfalls am frühen Morgen recht viele verschwunden. Man will doch schließlich seinen Kindern irgendetwas mitbringen, nicht wahr ?

Wenn man so auf die Bälle der Saison geht, ist nicht einmal mit der Kleiderfrage vorher schon alles gelöst. Die aktuellste Frage der Damenwelt lautet heute: "Welches Haar wähle ich ?" Also die weißen Perücken, die im vorigen Jahre schüchtern in wenigen Exemplaren auftauchten, sind heute Legion; nicht etwa nur zu dem an das Rokoko gemahnenden Stilkleid, sondern zu jedem beliebigen modernen Hängerchen. Und nicht nur die weißen, sondern auch die bunten. Grüne, blaue, violette, silberne, zuweilen auch mit buntem Straußfedern-Abfall durchflochten. Eine junge Dame sah ich am letzten Sonnabend im Zoo, die rastlos, fünf Stunden lang, weiter nichts tat, als sich durch alle Säle, Veranden, Galerien zu winden und über alle Treppen zu stürmen, damit nur ja jedermann - ihre rosa Perücke zu Gesicht bekommen konnte. Aber, meine Gnädigste draußen, ich rate Ihnen gut: lassen Sie das den Berlinern. Es gibt einige wenige Fälle, darunter eben den Fall Stilkleid des 18. Jahrhunderts, wo die weiße Perücke (die anderen sind in jedem Falle scheußlich) entzückend wirkt; aber nach einem Jahre wird das schon Vorstadt sein. Nur gegenwärtig hat es auch einen praktischen Zweck: man versteckt seinen Bubikopf, den man schon längst nicht mehr mag, auf großen Gesellschaften so lange unter der Perücke, bis er wieder lange Haare hat. Manchmal bestehen die Perücken aus Glasgespinst. Meist aus Büffelhaar. Nur selten gibt es Prachtexemplare, die früher auf einem Frauenhaupt gewachsen waren. Sie sind dafür auch fast dreimal so teuer als die vom Büffel, die man zu 70 bis 80 Mark jetzt überall in den Friseurläden angeboten bekommt.

Auf dem Presseball konnte man das alles sehen. Was sage ich, Presseball ? Das war schon mehr hydraulischer Presseball. Ein fürchterliches Gedränge von 6200 Menschen. Aus Hannover und weiß Gott woher sonst noch aus dem Deutschen Reiche waren die Nichten von Berliner Familien hergereist, um dieses immer noch anständigste und doch "mondänste" Fest des Jahres mitzumachen und - Berühmtheiten sich anzusehen. Leider gibt es die von Jahr zu Jahr weniger. Wo einst Fürst Bülow sein nettestes Grübchenlächeln aufsetzte, in der Mitte der Ehrenloge des Marmorsaales, kann man jetzt Herrn Gradnauer und Herrn Bernhard nebeneinander sehen. Notabene, wenn man sich bis hierher einmal durchpreßt. Doch was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe ? Da hat das Nichtchen aus Elberfeld, das hier den Vetter aus Königsberg treffen soll, sich alles schon so schön vorgestellt und ausprobiert: wie ein aufgescheuchtes Fohlen wollte es zunächst bei einem Anblick enteilen. Das müßte ungemein reizvoll sein. "Mädchenhaft", wie es die Herren ja wohl lieben, wenn die Romane Recht haben. Statt dessen steht die junge Dame nun eingekeilt im Bankettsaal oder in der Roten Veranda, kann nicht einmal an ihrem eigenen Kleide heruntertasten, fühlt nur, daß irgendein silbernes Troddelchen oder Bommelchen wieder abgequetsht wird. Glücklich, wer vorher einen Tischplatz bestellt hat; da kann er wenigstens sitzen und das Festmahl verzehren, das mit Lucca-Augen - Austern auf Kaviarschnitte - beginnt und überhaupt luxuriöser ist, als es sich für einen wirklichen Tanzball in guter Gesellschaft schickt. Aber Aussicht hat er nicht, denn vor dem Tisch schiebt sich die Menschnmauer einher. Immer noch ist Henny Porten der Magnet für die hergereisten Nichten der Berliner. Also vor ihrer Parterreloge staut sich das Volk am dicksten, aber sie blickt, nicht mehr mit dem früheren zuckersüßen Lächeln, sondern ernst und fast schmerzlich, durch alles Volk hindurch, - so in die weite, weite Ferne, wie es der Löwe im Zoologischen Garten tut, als existiere das Gewimmel vor seinem Gitter nicht. Von den promenierenden Damen von Bühne und Film sieht man bei dem Gedränge natürlich sehr wenig. Kein Ballberichterstatter kann etwa hier für die Zeitung sich die Kostüme notieren, sondern das tun schon lange vorher alle Modeateliers für ihre Kundinnen. Am auffälligsten ist die gertenschlanke Tänzerin Edmonde Guy, ganz in weißer Seide und Hermelin mit Affenfransen, das Gesichtchen bühnenmäßig geschminkt, für die ihr Direktor Haller mühsam freie Bahn schafft; er schiebt mit der jungen Pariserin Reklame, er stellt ihr hie und da einen Herrn vor, den sie "bezaubernd" anredet, um als Antwort meist das Gemurmel zu hören: "Ehem, wui, wui, sehr angenehm!" Das einzige Extravagante war diesmal wieder Lil Dagovers ganz entblößter Rücken. Diesmal nicht bemalt, sondern weiß; wirklich blendende Filets, kann man nur sagen.

Ein bißchen netter wurde es gegen 4 Uhr morgens, als die Fülle nachließ. Unten in der Schwemme, im Gartensaal, dirigierte Carl Clewing, mit seinen vielen Halsorden sehr dekorativ, lustig ein Hausschlüsselkonzert. Dort unten konnte man auch wirklich tanzen, karnevalistisch beleuchtet von dem satten Orange der unzähligen höngenden Lampenschirme. Um diese Zeit ist auch immer irgendein typischer "junger Mann" zu sehen, der vorher als völlig nichtssagend einem nicht aufgefallen ist. Diesmal ist es ein junger Mann von Orenstein & Koppel, der von einem Mitglied des Vereins Berliner Presse eine Empfehlung bekommen hat. Unser junger Mann hat schon "ein klein wenig einen sitzen", fordert unaufhörlich fremde Damen zum Tanze auf, da er unbedingt vom 31. Januar bis zum 1. Februar um drei Pfund leichter werden möchte, und frißt schließlich einem wildfremden Ehepaare ohne Erlaubnis die Sarotti-Damenspende weg. Es muß auch solche Käuze geben. Dann gegen 5 Uhr schichtet sich das Volk in zwei Lager: das eine wird sehr laut fröhlich, das andere will ein bißchen plauschen. Da geht auch mal eine Frau an einen anderen Tisch zu einer Bekannten, falls diese Bekannte nicht etwa ein kostbareres Ballkleid hat, das einen ausstäche, und mit heißen und etwas erschöpften Köpfen redet man sich allerlei Freies herunter. "Wissen Sie, ich gehe gar zu gerne zu meinem Arzt, dem Doktor Walther, der küßt einem immer so ritterlich nett die Hand!" Sagt die eine. Und die andere: "Och, mein Arzt, der Doktor Löwe, ist noch viel netter, der küßt mir immer langsam den ganzen Arm bis oben rauf!"

Also der Presseball ist wirklich nach wie vor das große Ereignis der Saison und nach wie vor wohlbehütet vor dem Eindringen ganz undirigeablen Publikums, aber netter, viel netter war es diesmal zwei Tage darauf auf dem Ball des Frauenvereins für die Ostmarken. Auch da noch sehr gute Toiletten, aber keine, die partout in die Zeitung kommen will, also "schreien" muß; dafür zu manchem schlichten Kostüm, das von einer imposanten reiferen Frau oder einer Jungmädchenblüte vom Lande getragen wird, schöner alter Familienschmuck. Viel gebildete Jugend dazu, frische Mädel in einfacher Aufmachung, frische Studenten in glattem Tanzjackett; eine im Vergleich zum Presseball natürlich bescheidene Tombola, und in einem Seitensaal neben einem Leierkasten ein leibhaftiges Karussell.

Hier fühlt man sich ganz in solide Zeiten von früher zurückversetzt, obwohl auch hier die Aufmachung ein wenig luxuriöser ist als anno Mullschleifchen und Zopfband, die ganz, ganz junge Jugend also fernbleiben muß. Auch der Ostmarkenball ist diesmal, wenn auch nicht übervoll, so doch voller denn je, ich vermute deshalb, weil es heute keinen "Drachenfelsen" mehr gibt wie noch vor zwölf Jahren, keine langen Wandsofas mit Müttern, Schwiegermüttern, Großmüttern, denn sie alle, Mütter, Schwiegermütter, Großmütter - tanzen heute mit, betreiben die Sache als gesundheitsfördernden Sport und hoffen, dabei schlanker zu werden. Meist werden sie freilich bestenfalls magerer.

Übrigens tanzen auch unsere jüngeren Herren sehr gern mit den stattlichen, oft grauhaarigen Damen, denn bei der modernen Parole "Halte, was du hast!" kommt es ihnen doch weniger auf die bloße Linie, das leichte Nichts, im Arme an, als auf etwas solide Dreidimensionales.

So geht es heute, in dem ersten Winter, in dem die Inflationsfolgen überstanden sind, von Ball zu Ball; und das nicht nur in den genannten Prachstätten im Westen und in der Stadtmitte, sondern auch in der einfachen Vorstadt. Dazwischen wird so tüchtig gearbeitet wie stets.

Man sieht weniger verschlafene Gesichter denn je. Und wer noch etwas Müdigkeit schnell abstreifen will, der turnt rhythmisch gleich nach dem Aufstehen (auch das machen die ältesten Semester) und schlüpft allenfalls vor dem Mittagessen noch schnell, da wir zum Glück nicht im "trockenen" Amerika leben, irgendwohin, wo man "einen auf die Lampe gießen" kann. Das ganz einfache Lokal nennt der Berliner eine Destille. Da nimmt er nach durchtanzter Nacht einen Rollmops und einen Kornschnaps oder ein Gläschen Helles. Das ähnliche Institut für größere Ansprüche nennt er Zylinderdestille, obwohl heute auch die "feinen" Herren kaum je mehr einen Zylinder tragen und auch sonst manches aus der Mode gekommen ist, so beispielsweise Handschuhe auf dem Ball, die weder bei Herren noch bei Damen mehr zu entdecken sind. Die beliebtesten Zylinderdestillen in Berlin sind die Gerold-Stuben. Da "kippt" man schnell ein Gläschen Portwein und nimmt ein Stück kalten Rheinsalm in Remoulade dazu. Da trifft man sich auch zu kurzer Visite mit Bekannten von dort, von wo der Rheinsalm kommt - oder gar der Portwein. Man tut es da gelegentlich wohl auch abends.

Nur das lange Kneipenhocken hört mehr und mehr auf. Man lebt gern lustig, aber man lebt auch gern schnell.
5. Februar 1925 (Donnerstag)



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© Karlheinz Everts