Wie man zu einer Frau kommt.

Eine heitere Geschichte von Paul Bliß
in: „Berliner Volkszeitung” vom 15.12.1906


Die Baronin v. Schwingenstein war außer aich — bereits zum dritten Male las sie das Briefchen durch, und noch immer konnte sie sich nicht vertraut machen mit dem, was die Zeilen ihr Neues verkündeten. Endlich aber fand sie sich doch in die Situation, und nun erkannte sie auch die ganze Größe der Gefahr — da mußte sofort energisch eingeschritten werden!

Sie schellte und befahl dem eintretenden Diener mit kurzen, schroffen Worten: „Ich lasse den jungen Herrn bitten.”

Dann ging sie erregt im Zimmer umher und machte sich einen Feldzugsplan zurecht, denn ohne einen harten Kampf würde das jetzt nicht abgehen, das ahnte sie bereits.

Fünf Minuten später trat Baron Botho ein. Er küßte der alten Dame galant die Hand und fragte nach dem Befinden der Frau Mama.

Die Baronin sah ihren Sohn einen Augenblick püfend an, dann lächelte sie und sagte: „Mein lieber Botho, ich habe dir eine erfreuliche Nachricht zu übermitteln, du wirst beim Onkel Johann erwartet. Cousine Laura ist auch da. Pack' nur schnell ein und reise hin.”

Baron Botho schwieg und schien zu erforschen, wo hinaus die Mama wollte, denn daß die Einladung fingiert war, durchschaute er ja nur zu klar. Endlich entgegnete er scherzenden Tones: „Carte blanche, Mamachen! Weshalb willst du mich fortschicken?”

„Damit du keine Dummheiten machst, mein lieber Junge.”

Und noch heiterer rief er: „Gelt, Mammi, du hast doch wieder einmal spioniert!”

„Zu deinem und zum Glück unserer Familie habe ich stets offene Augen. Also kurz heraus: du denkst doch nicht im Ernst daran, diese Person zu heiraten?”

Jetzt wurde der junge Mann ernst. „Wenn du über diese Angelegenheit mit mir sprechen willst, Mama, werden wir beide in der Wahl unsserer Ausdruckweise recht vorsichtig sein müssen,” sagte er mit höflicher, aber fester Stimme.

„Das heißt, Botho, du mißachtest meine besten Wünsche für deine Zukunft.” Die alte Dame rief das mit vor Erregung zitternder Stimme.

Desto ruhiger aber entgegnete der Sohn: „Liebe Mama, ich bin fest überzeugt, daß du nur mein Bestes willst, trotz alledem aber kann ich in einer Herzensangelegenheit nur meinen eigenen Weg gehen.”

„Aber solche Damen vom Theater heiratet ein Baron v. Schwingenstein nicht!”

„Du bist schon zu hart in deinen Worten, Mama, und auch ungerecht, denn du kennst die junge Dame ja gar nicht.”

„Aber ich dulde diese Heirat unter keiner Bedingung!” rief die alte Dame erbittert.

Da machte Baron Botho eine tadellos höfliche Verbeugung, sagte: „Wir sprechen wohl besser ein andermal darüber,” und empfahl sich.

Nun fühlte sich die Baronin natürlich nur noch mehr beunruhigt.

Eine halbe Stunde später war sie bei ihrem Anwalt, dem sie den Fall vortrug. Mit erregten Worten schloß sie ihre Auseinandersetzungen: „Es darf nicht geschehen, Herr Doktor! Sie müssen mir beistehen, daß wir die Geschichte hintertreiben. Fahren Sie zu dieser Gauklerin und sehen Sie zu, daß wir sie mit Geld abfinden können.”

Doktor Lewald zuckte verlegen die Schultern und sagte ausweichend: „Ich fürchte nur, Frau Baronin, daß ich nicht die geeignete Persönlichkeit bin, hier eine erfolgreiche Rolle zu spielen.”

Aber sein Sträuben half ihm nicht, die Baronin bat und flehte solange, bis er endlich zusagte, den Versuch machen zu wollen.

*           *           *

„Das gnädige Fräulein läßt den Herrn Doktor bitten, hier ein wenig zu warten,” sagte die Zofe und ließ den Advokaten in einen geräumigen Salon eintreten.

Doktor Lewald sah sich prüfend um. Er war einigermaßen enttäuscht, er hatte geglaubt, ein kokettes Künstlerheim zu finden, einen Raum, der mit übertriebener Eleganz flott und bunt ausgestattet sein würde, so ein wildes Durcheinander aller möglichen und unmöglichen Gegenstände, wie eine bizarre Laune sie zusammentrug — denn so hatte er aus Erzählungen und Romanen derartige Räumlichkeiten im Gedächtnis — nun aber fand er hier ein bürgerlich gut eingerichtetes Zimmer, das gediegen und mit Geschmack arrangiert war. Er sah in dem hohen Spiegel seine Gestalt, und unwillkürlich hielt er noch eine letzte Musterung seiner Toilette. Es war das erste Mal in seinem Leben, daß er einer berühmten Diva gegenüberstehen sollte. Er gestand sich, daß seine Mission mehr als schwierig war, und sobald er sich die kapriziöse kleine Künstlerin vorstellte, bekam er Herzklopfen und Beklemmungen, trotzdem er bereits ein Mann von 35 Jahren war. Und nun, ganz plötzlich, als er all' das überdachte, fiel ihm ein, daß er noch eigentlich überhaupt keiner Dame näher gestanden hatte, ganz einfach darum nicht, weil er immer ganz davon in Anspruch genommen war, sich eine feste Position zu erringen. Und die natürliche Gedankenfolge war, daß er jetzt sein ödes Junggesellenheim mit diesem traulichen Raum verglich, und daß ihn ein heimliches Grausen vor seiner Einsamkeit überfiel.

„Herr Doktor Lewald,” sagte Fräulein Clarisse Warburg, die durch eine Tapetentür geräuschlos eingetreten war, — „was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?”

Der Advokat verneigte sich. Er sah das schöne Mädchen einen Augenblick wortlos an, denn er hatte sich diese berühmte Künstlerin anders vorgestellt, — da war auch rein gar nichts zu finden von alledem, was man den Theaterdamen nachredete! — ein schönes, jugendfrisches Mädchen, einfach und schlicht, — und weil er so angenehm enttäuscht war, darum schwand sofort seine Verlegenheit, und deshalb fand er auch sogleich die rechten Worte.

„Mein gnädiges Fräulein, ich komme im Auftrage der Frau Baronin von Schwingenstein,” begann er.

Das Fräulein lächelte nur.

Und er sprach weiter: „Sie werden ohne Zweifel ahnen, gnädiges Fräulein, was ich Ihnen sagen will.”

„Nein, Herr Doktor, ich wüßte nicht, was die Frau Baronin mir zu sagen hätte.” Sie lächelte noch immer.

Nun wurde Doktor Lewald wieder verlegen. Aber er nahm sich zusammen. Mit leiser, bebender Stimme sprach er: „Mein gnädiges Fräulein, ich muß Ihnen leider die Botschaft überbringen, daß die Baronin niemals ihre Einwilligung zu der Heirat geben wird.”

„Ich verstehe Sie noch nicht ganz, Herr Doktor, — zu welcher Heirat?”

„Zu Ihrer Verbindung mit Baron Botho.”

„Der Baron will mich heiraten?” rief sie erstaunt.

„Er hat es seiner Frau Mama allen Ernstes erklärt.”

Nun lachte sie laut auf. Aber als sie das verblüffte Gesicht des Advokaten sah, zügelte sie ihre Ausgelassenheit und erwiderte ruhig: „Dann können Sie also der Frau Baronin sagen, daß sie sich dieserhalb keine schlaflosen Nächte zu machen braucht. Der Baron hat mir zwar den Hof gemacht, und ich habe mir seine Aufmerksamkeiten gefallen lassen, weil seine Galanterien diejenigen eines Kavaliers waren, nun ich aber sehe, welches Ziel er dabei vor Augen hat, werde ich seine Besuche nicht mehr dulden, darauf können Sie sich verlassen.”

Doktor Lewald atmete wie befreit auf. Er schwieg und verbeugte sich nur.

„Und wenn Sie mir die Ehre erweisen wollen, heute nachmittag eine Tasse Kaffee bei mir zu trinken, dann können wir darüber weiter plaudern, zudem möchte ich auch Ihren Rat in Anspruch nehmen, denn ich wünsche meinen Kontrakt mit der Direktion zu lösen; — für jetzt aber entschuldigen Sie mich wohl, denn ich muß zur Probe.” Sie nickte ihm lächelnd zu, und als er ging, sagte sie: „Also um fünf Uhr, nicht wahr?”

„Ganz zu Ihrer Verfügung, meine Gnädigste!” entgegnete er mit glückstrahlendem Gesicht und empfahl sich.

Als zwei Stunden später Baron Botho kam, händigte ihm das Dienstmädchen ein kleines Briefchen ein. Anfangs lächelte der junge Herr; als er aber den Inhalt las, wurde er bitter ernst und ging fort mit einem kurzen Gruß; — er hatte einen Abschied bekommen, es waren nur wenige Worte, aber es war eine so bestimmte und unzweideutige Erklärung, daß der junge Mann nur zu deutlich daraus las, was für ihn zu hoffen war.

„Und ich kann mich also wirklich ganz fest darauf verlassen, daß die Geschichte zu Ende ist?” fragte die Baronin.

Doktor Lewald nickte und antwortete lächelnd: „Mit meinem Worte bürge ich dafür, Frau Baronin.”

„Das werde ich Ihnen nie vergessen, lieber Doktor!” rief die alte Dame freudevoll und schüttelte des Advokaten Hand. „Ich hätte übrigens nicht geglaubt, daß diese Dame so leicht abzuschütteln wäre.”

„Sie irren sich sich ein wenig, Frau Baronin,” sagte er mit leiser Ironie, „wenn Sie alle Damen vom Theater mit demselben Maß messen, es gibt Gottlob wirkliche Damen bei der Bühne, die der sogenannten guten Gesellschaft ebenbürtig sind.”

Erstaunt sah ihn die Baronin an. „Ich zweifle auch nicht daran, Herr Doktor, wenn Sie es so bestimmt aussprechen,” sagte sie mit überlegenem Lächeln.

Der Advokat fühlte, wie ihm das Blut in die Stirn stieg und empfahl sich in einiger Verlegenheit.

*           *           *

Um fünf Uhr erschien Doktor Lewald zum zweiten Mal bei der jungen Künstlerin. Jetzt kamen ihm die Räume bereits bekannt vor, und er fühlte sich bald heimisch. Man plauderte von allen möglichen Dingen, von der Kunst im algemeinen und von der Schauspielkunst im besonderen.

Dann wurde das Geschäftliche erledigt, und dann setzten sie sich zum Kaffee nieder.

Als der Doktor eine Stunde später Abschied nahm, schied er wie ein alter Bekannter, und als er daheim in seinem stillen Juggesellenquartier über das alles noch einmal nachdachte, da fand er mit einem Male, daß diese Oede des Alleinseins auf die Dauer nicht mehr zu ertragen war.

Er empfand es als ein großes Glück, daß er in den nächsten acht Tagen fast täglich mit der Künstlerin zu konferieren hatte, und daß sie es ruhig geschehen ließ, wenn er seine Besuche ganz über Gebühr ausdehnte. Ja, sie wußte ihm sogar durch irgendeine Gesprächswendung ein längeres Verweilen zu ermöglichen, wenn er endlich Anstalten zum Aufbruch machte. Ein stilles Sichergründen und Sichverstehen sproßte wie eine süßduftende Blume zwischen ihnen auf. Und als vier Wochen ins Land gegangen waren, bedurften sie kaum noch der gesprochenen Worte, um über diese oder jene Frage zur Verständigung zu kommen. Da wußten sie plötzlich, daß die Liebe solche Wunder an ihnen offenbarte.

*           *           *

Als vier Wochen später die Zeitungen der Residenz die Kunde brachten von der Verlobung des Fräulein Waldburg mit Doktor Lewald, da zerknüllte Baron Botho wütend das Blatt, in dem er die Anzeige las . . . .

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