An die falsche Adresse.

Humoreske von Paul Bliß..
in: „New Orleans Deutsche Zeitung” vom 27.10.1901


Ewald Bergemann stand vor dem Spiegel und machte sorgfältig Toilette. Mit großer Kunstfertigkeit knüpfte er den Knoten der Kravatte, glättete die Falten des Hemdes und säuberte den eleganten Rock, so daß auch nicht ein Stäubchen mehr zu sehen war. Dann nahm er Hut und Stöckchen und schlenderte nach den Linden-Promenaden, um irgend Etwas zu erleben.

Herr Ewald Bergemann war ein Glückskind — er war kaum 25 Jahre alt und schon war er in der glücklichen Lage, von seinen Renten leben zu können, ohne seine eleganten Hände durch irgend welche Arbeit rauh oder unansehnlich machen zu müssen. Ein alter Onkel war rechtzeitig gestorben und hatte den lieben Neffen Ewald als Universalerben eingesetzt. Dies begrüßte der junge Mann mit umso größerer Freude, als er an wirklicher Arbeit nie sonderlich großen Gefallen gefunden hatte. Und deshalb lebte er jetzt, nun er sein reichlich gutes Auskommen hatte, als fünfundzwanzigjähriger Rentier in Berlin, allwo man ja stets gute Gelegenheit fand, sich für gutes Geld auch gut amüsiren zu können.

Langsam schlenderte er durch die Linden, spähte nach rechts und links und gerade aus, ob es denn nirgends wo Etwas gäbe, was in dem öden Alltagseinerlei eine interessante Abwechslung wäre. Aber soweit er auch sehen konnte, immer nur sah er dasselbe Getriebe, fast alle dieselben Menschen, die er hier zu finden schon jeden Tag gewöhnt war. Gelangweilt und blasirt flanirte er weiter.

Da plötzlich bekamen seine müden Nerven einen Ruck. Mit großen erstaunten Augen starrte er zu der Auslage eines Damen-Artikel-Bazars hin.

Eine Dame erblickte er dort — eine ganz entzückende Dame, fesch, chic, elegant, frisch und jung, mit naiven, freudeleuchtenden Augen.

„Ei! Donnerwetter!” flüsterte er, „das ist wirklich 'mal etwas Neues!”

Im nächsten Augenblick stand er vor der Auslage und musterte mit solchem Intereese die Hüte und Blusen und Schirme, als ob er ein vereidigter Sachverständiger wäre; dabei fand er aber noch Zeit und Gelegenheit genug, ein paar diskrete Seitenblicke nach der schönen Dame zu senden, die erkundigen sollten, wes Rang und Herkunft die holde Unbekannte sei.

Aber all' sein eifriges Bemühen war umsonst, zwar sah er nun, daß die Dame nicht nur elegant und schön war, sondern er erkannte auch an ihrer Haltung, daß sie der guten Gesellschaft angehörte, weiter aber brachte er Nichts heraus, und erwidert wurde keiner seiner Blicke, obgleich sie nach und nach sprechend und deutlich geworden waren.

Ohne ihn zu beachten, ging die Dame weiter.

Aber Herr Ewald Bergemann war nicht ein Mann der blassen Furcht; er wußte aus Erfahrung, daß die Geduld eine der schätzenswerthesten Eigenschaften ist, und deshalb ging er auch weiter, natürlich unmittelbar hinter der Unbekannten her.

Kaum hundert Schritt weiter war wieder ein eleganter Modebazar mit prunkvollen Auslagen, und wiederum machte hier die Dame Halt.

Herr Ewald natürlich auch.

Und wieder begann er die Schöne mit fragenden und bittenden Blicken zu bombardiren, aber wieder mußte er mit langer Nase abtrollen.

Jetzt aber beschleunigte die Dame ihre Schritte; vor keinem Schaufenster blieb sie mehr stehen, sondern steuerte direkt auf das Brandenburger Thor los, lief behend, mit graziös gehobenem Rock über den Fahrdamm, sprang in einen der haltenden Pferdebahnwagen — und fuhr davon.

Herr Ewald lächelte wie ein moderner Philosoph, er dachte: „Du entgehst mir nicht, mein holdes Kind, gerade Dein Widerstand reizt mich!”

Dann nahm er eine Droschke, instruirte den Kutscher und fuhr in entsprechender Entfernung hinter dem Pferdebahnwagen her

Nach kaum einer Viertelstunde stieg die dame aus und ging zu Fuß weiter.

Herr Ewald, in entsprechender Entfernung, that dasselbe und folgte der Unbekannten, bis sie in einem Hause der Kurfürstenstraße verschwand. Dann wartete er ein paar Minuten, ging dann zu dem Portier desselben Hauses und erkundigte sich nach dem Preis der leerstehenden ersten Etage, und so ganz nebenbei fragte er dann: „Sagen Sie mir, bitte, die Dame, die hier eintrat, ist das nicht Frääulein Müller?” Dabei legte er sogleich dem Portier ein Markstück hin.

Der Portier machte ein pfiffiges Gesicht, strich dankend die Mark ein und sagte: „Nein, das war Frau Braunwald, die wohnt in der zweiten Etage.”

„So, so — — ich glaubte in der Dame eine Bekannte zu erkennen,”, sagte Ewald leichthin.

„Na, ich weiß nicht, vielleicht ist sie 'ne geborene Müller,” lächelte der Alte, „die Herrschaften sind nämlich erst ein halbes Jahr verheirathet.”

„So, so — danke, danke sehr!” Er ging. Vorerst wußte er genug.

Diesem Hause gegenüber war eine Konditorei und in dieser Konditorei saß Herr Ewald Bergemann am anderen Tage, Vormittags 11 Uhr. Zuerst trank er einen Cognac, dann eine Tasse Bouillon, dann ein Glas Portwein und endlich noch einen Cognac. Inzwischen war es halb Eins geworden, da plötzlich erschien in der Hausthür gegenüber Frau Braunwald, und zwar wieder allein!

Eine Minute später war Herr Ewald hinter ihr, und zwar so nahe, daß er den Duft ihres diskret feinen Parfüms riechen konnte. Er war so kopflos, daß er sich gar keinen Plan machte, wie er nun vorzugehen habe. Nur ein Gedanke verließ ihn nicht: weshalb geht sie auch heute wieder allein aus? Für eine Ehe, die erst sechs Monate alt ist, könnte man dies als ein schlechtes Zeichen ansehen! Jedenfalls ist der Gatte ein bequemer älterer Herr, oder er ist ein übereifriger Geschäftsmann, sonst hätte er doch so ein entzückendes Weibchen nicht fortwährend allein herumlaufen lassen — so grübelte er und folgte der schönen Frau in einer kleinen Entfernung.

Sie ging in ein Geschäft der Potsdamerstraße und kaufte Delikatessen.

Einen Augenblick überlegte er. Dann trat auch er in dasselbe Geschäft. Er kaufte alles Mögliche zusammen, ließ es sich zuschicken und hatte nicht einmal Gelegenheit finden können, sich ihr bemerkbar zu machen. Ohne ihm einen Blick zu gönnen, ging sie wieder fort.

Schon war er nahe daran, die Geduld zu verlieren, als sie plötzlich eines der vielen kleinen Packete fallen ließ. Sofort war er bei ihr, hob das Päckchen auf, überreichte es ihr sehr artig und sagte: „Bitte, gnädige Frau!”

Nun sah sie ihn an, zuerst erstaunt, dann verwirrt, und schließlich sagte sie lächelnd: „Ich danke sehr!”

Bevor sie aber fortgehen konnte, sagte er schnell: „Ich fürchte, gnädige Frau, Sie werden gleich wieder eines der vielen Päckchen verlieren.”

Lächelnd entgegnete sie: „Es war thöricht von mir; ich hätte es zusammenpacken sollen.” Dabei nestelte sie an den vielen Fäden der Packete herum.

„Wenn Sie mir gestatten, gnädige Frau, dann trage ich Ihnen die Waaren.”

Sie wurde verlegen: „O, ich danke sehr — aber ich kann ja auch einen Wagen nehmen.” Und suchend sah sie sich um, aber es war keine leere Droschke zu sehen.

„Dann erlauben Sie mir wenigstens, daß ich Sie zum nächsten Wagen geleite, gnädige Frau!”

Ehe sie noch Etwas erwidern konnte, hatte er ihr schon die Packetchen abgenommen und ging nun an ihrer Seite weiter.

„Sie sind sehr liebenswürdig, mein Herr!” sagte sie, immer noch ein wenig verlegen.

„Aber, ich bitte Sie, gnädige Frau, ich bin sehr glücklich, Ihnen den kleinen Gefallen erweisen zu können!”

So gingen sie weiter, ohne einen leeren Wagen finden zu können.

„Wenn Sie mir erlauben, gnädige Frau, dann trage ich Ihnen die Sachen bis zu Ihrer Wohnung — es ist ja nur eine kleine Strecke weit.”

Erstaunt sah sie ihn an. „Sie wissen das?”

Er lächelte. „Durch einen Zufall, jawohl — sogar Ihren Namen kenne ich.”

Fragend sah sie zu ihm auf.

„Frau Braunwald,” sagte er lächelnd.

Jetzt lachte sie ganz herzhaft und sagte dann: „Nein, mein Herr, Sie irren sich.”

„Aber ich weiß es ganz genau!”

„Wenn ich Ihnen aber versichere, daß Sie sich irren! — Frau Braunwald wohnt zwar auch in demselben Hause, aber ich heiße anders.”

Jetzt platzte er heraus: „Aber, gnädige Frau, als Sie gestern Nachmittag in's Haus gingen, fragte ich unmittelbar darauf den Portier, wer Sie seien.”

Wieder lachte sie. „Den Portier fragten Sie?”

Nun ärgerte er sich, daß er aus der Rolle gefallen war, und, um die Scharte auszuwetzen, sagte er: „Ich glaubte nämlich, eine Bekannte von früher in Ihnen zu erkennen, deshalb fragte ich.”

Sie lachte noch immer: „Da hat sich also der Portier geirrt, denn Frau Braunwald trat kurz vor mir in's Haus — mich dagegen hat der Portier überhaupt nicht eintreten sehen, denn ich habe einen Drücker, der mir die Thür öffnet.”

„So, so,” — sagte er nur. Bei sich aber dachte er: „Aha, sie will unerkannt bleiben — nun, gut, wie sie will — da werde ich mich vorerst auch nicht zu erkennen geben.”

Ein paar Schritte gingen sie schweigend neben einander. Dann begann er wieder: „Der Frühling in Berlin ist doch herrlich, nicht wahr?”

Lächelnd meinte sie: „Wengstens draußen im Thiergarten — hier in den Straßen ist es doch fast unerträglich warm und dumpf.”

Ganz recht! Aber im Thiergarten ist es herrlich. Sie sind wohl auch eine fleißige Spaziergängerin?”

„O ja, soweit es meine freie Zeit gestattet.”

„O! Sind Sie denn so mit Arbeit überhäuft?”

„Nun, wenn auch das nicht, so hat man doch in der Wirthschaft genug zu thun.”

„Aber dann ist es doch unbedingt nothwendig, daß Sie jeden Tag mindestens ein Stündchen im Freien sich erholen!”

„Das thue ich ja auch.”

„Ah! Und im Thiergarten?”

„Gewiß.”

„Sonderbar, daß ich Sie dort niemals getroffen habe! Welche Plätze besuchen Sie denn mit Vorliebe?”

Sie lächelte sehr fein und sagte zögernd:

„Je nachdem, den Goldfischteich, den Floraplatz oder auch den Neuen See.”

„Kenne ich, kenne ich Alles genau!”

„Nun, vielleicht fügt es der Zufall, daß ich Sie dort einmal wiedertreffe. — Um welche Zeit sind Sie denn am liebsten dort, meine Gnädigste?”

Und sie mit demselben fein ironischen Lächeln: „Nun, so um fünf Uhr Nachmittags.”

„Sehr schön. Würde mich also glücklich schätzen, meine gnädige Frau, wenn ich Sie dort einmal wiedersehen könnte.”

Lächelnd nickte sie nur.

Man war vor dem Hause angekommen. Er übergab ihr die Packetchen und bekam ein vornehmes Kopfnicken als Dank.

„Also, wo darf ich Sie morgen treffen?” fragte er ganz leise.

„Am Floraplatz,” sagte sie ebenso leise und verschwand schnell im Hause.

Als er fortging, wollte es ihm scheinen, als mache der Portier ein äußerst erstauntes Gesicht, aber er achtete nicht weiter darauf, weil er mit seinen Gedanken schon bei dem zugesagten Rendezvous am Floraplatz war.

Am anderen Tage um fünf Uhr war Herr Ewald Bergemann am Floraplatz — er hatte große Gala angelegt und war aufgeregt wie ein junger Primaner, der sein erstes Rendezvous hat. Mit großen Schritten ging er um den kleinen Platz herum, sah ängstlich voll Erwartung, nach allen Seiten, ob er seine Holde nicht erspähen konnte. Aber es war bereits fünf Uhr durch; es wurde später und später, und die Erwartete kam noch immer nicht.

Plötzlich ertönte eine Stimme: „Guten Tag, Herr Bergemann!”

Ewald sah sich um. Vor ihm stand der Oberkellner aus seinem Clublokal.

„Na, Kleinecke, was machen Sie denn hier?” fragte Ewald mit gnädigem Lächeln.

Der Oberkellner nahm eine stramme Stellung ein und antwortete: „Ich erwarte hier Jemand, Herr Bergemann.”

„Sieh doch einer an! Also ein Techtel-Mechtel?”

„Nein, Herr Bergemann, ich erwarte einen Herrn.”

„So? Na, dann will ich Ihnen mal was sagen, mein lieber Kleinecke — nun thun Sie mir mal den Gefallen und verduften Sie recht schnell — ich erwarte hier nämlich auch Jemand — aber keinen Herrn.”

Der Oberkellner zuckte verlegen die Schultern und sagte: „Ich bedaure außerordentlich, Herr Bergemann, aber leider kann ich Ihren Wunsch nicht erfüllen.”

„Aber, Menschenkind! Ihren Freund können Sie doch an jeder anderen Stelle treffen!” rief Ewald empört.

„Es ist ja gar nicht mein Freund!”

„Na, umso mehr!”

„Ein ganz fremder Mensch ist es, dem ich aber eine gehörige Lektion ertheilen will.” Er fuchtelte wüthend mit seinem Knüppel herum.

„Was, Kleinecke, Sie wollen hier eine Keilerei insceniren?”

„Ich muß, Herr Bergemann! Der Kerl verdient eine exemplarische Strafe!”

„Aber weshalb denn gerade hier?”

„Nun, ich will Ihnen die Wahrheit sagen, Herr Bergemann. Da läuft so ein verdammter Laffe seit ein paar Tagen meiner Braut nach, belästigt sie in ganz frecher Weise und hat sie für heute fünf Uhr hier zu einem Rendezvous herbestellt.”

Herr Ewald versuchte zu lächeln, aber es wurde ihm doch ein wenig unbehaglich, als er den dicken Knüppel ansah, dann nahm er sich zusammen und fragte: „Ja, aber kennen Sie denn den Mann überhaupt?”

„Nur nach der Beschreibung, um halb sechs Uhr aber kommt meine Braut hierher, und dann werden wir ihn finden.”

„Ich habe gar nicht gewußt, daß Sie verlobt sind, lieber Kleinecke. Wer ist denn Ihr Fräulein Braut?”

Der Oberkellnr lächelte. „Eine sehr elegante kleine Person! Augenblicklich ist sie Wirthschafterin bei der Baronin von Reibenstein in der Kurfürstenstraße.”

„In der Kurfürstenstraße?” stotterte Ewald.

Der Andere nickte.

„Und wenn man meine Braut auf der Straße sieht, kann man sie wohl für eine feine Dame halten, denn sie bekommt fast alle die eleganten Kleider ihrer Herrin geschenkt, und sie weiß diese mit so viel Chic zu tragen, als ob sie ihr Leben lang nur auf dem Parkett gewandelt wäre.”

Herrn Bergemann wurde es immer unbehaglicher. „Sehr intessant!” stotterte er.

„Ja, denken Sie nur,” sprach lächelnd der Oberkellner weiter, „der Elegant von gestern hat meine Braut sicher für eine Dame der Gesellschaft gehalten, denn er redete sie mit „Frau Braunwald” und „Gnädige Frau” an.”

„Was Sie sagen!” — mehr brachte Herr Ewald nicht heraus, denn er gedachte des Knüppels.

Nun zog der Andere die Uhr. „Na, in fünf Minuten wird meine Braut ja kommen, da können wir uns den Laffen hier heraussuchen.”

„So, dann will ich Sie dabei nicht weiter stören. Adieu, lieber Kleinecke!” Und mit schnellen Schritten verschwand Herr Ewald Bergemann.

Noch an demselben Tage verreiste er, und als er dann drei Wochen später zurückkam, trug er einen Vollbart, der seinem Gesicht ein ganz anderes Aussehen gab, so daß selbst seine besten Freunde ihn kaum wieder erkannt hätten.

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