Vortrag in Hamburg

im Concerthaus am 22. Febr. 1908.

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„Hamburger Fremdenblatt” v. 20.2.1908
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„Hamburger Fremdenblatt” v. 22.2.1908

„Hamburger Fremdenblatt” vom 20.2.1908:

Der unter dem Pseudonym Freiherr v. Schlicht bekannte Schriftsteller und Verfasser unserer besten Militär-Humoresken Wolf Graf v. Baudissin veranstaltet am 22.Februar im Konzerthaus Hamburg euinen zweiten humoristischen Vortrag und bringt dafür ein neues Programm mit. So wird er vortragen: „Verrückt”, „Adjutantenritt”, „Seine Hoheit”, „Der vorgesetzte Vater”, „Musketier Meier”, „Der Ueberraschungsbesuch”, „Raps”, „Der Händedruck”, „Meiers Hose”. Die Eintrittspreise sind äußerst niedrig (2 und 1 Mk.) bemessen, sodaß es jedem ermöglicht wird, einen humorvollen Abend zu verleben. Karten sind bei Max Leichsenring, Neuerwall 1, zu haben.

„Hamburger Fremdenblatt” vom 25.2.1908:

In der „Offiziellen Hamburg-Altonaer Fremden-Liste” vom 25.2.1908 ist unter „Hamburger Hof” eingetragen:

Graf W. Baudissin, Berlin
Frhr. v. Schlicht, Schriftst., do.

Humoristischer Vortrag von Frhrn. v. Schlicht. Der unter dem Pseudonym Freiherr v. Schlicht populäre Schriftsteller Graf Wolf v. Baudissin trug am Sonnabend abend im Concerthaus Hamburg einige seiner neueren Dichtungen vor, die wieder sämtlich dem Militärleben entnommen sind, diesem aber neue Seiten wieder abgewinnen. Zwar kehren die beliebten köstlichen Serenissimusgestalten und Exzellenzen, die Leutnantstypen und Rekrutenoriginale der zahlreichen älteren Humoresken des Schriftstellers wieder, allein in Situationen, die ihnen frisches Leben einhauchen. Durch den Vortrag traten die Karikaturen plastisch hervor, so daß die komische Wirkung, die sie auf die zahlreich Anwesenden ausübten, eine unmittelbare war. Ein Uebelstand nur ist vielleicht von einigen Besuchern peinlich empfunden worden. Das Organ des Vortragenden entsprach nicht der Größe des Saales, so daß die Pointen verloren gingen, im übrigen aber erzielten die Hoheit, die den Namen Müller nicht behalten kann, die beiden kleinen Potentaten, die einen gegenseitigen Ueberraschungsbesuch verabreden, die grobe Exzellenz und der noch gröbere Major, die Offiziere, die Raps und Lupine nicht zu unterscheiden vermögen, Musketier Meier mit der rutschenden Hose und ein anderer Meier in der angeborenen Wasserscheu Stürme der Heiterkeit, die am Schlusse des Vortrages von lebhaften Beifallskundgebungen für den sympathischen Dichter abgelöst wurden.


„Neue Hamburger Zeitung” vom 23.2.1908:

Kunst und Wissenschaft.

Vortrag des Freiherrn von Schlicht. Im Konzerthaus Hamburg las der bekannte Mitarbeiter der Jugend und des Simplicissimus, der Vater der neuesten militärischen Satire, Freiherr von Schlicht, einige seiner kurzen Humoresken und Satiren vor und erntete dafür von dem ziemlich zahlreich erschienenen Publikum lebhaften Beifall. Wie anders stellt man sich doch diesen Freiherrn von Schlicht vor, als er wirklich aussieht. Breit, korpulent und wohl auch etwas bequem aussehend, erinnert der Graf Baudissin in gar nichts an den gewesenen Offizier, noch an den Aristokraten aus altem Geschlecht. Obgleich er indisponiert war, merkte man doch, daß Freiherr von Schlicht ebensogut vorzutragen wie zu schreiben versteht, und so wurden die kleinen Geschichtchen aufs lebhafteste applaudiert. Es spiegelt sich in ihnen die scharfe Beobachtungsgabe des Verfassers, verbunden mit sarkastischem Witz und gutmütigem Humor, aber die beißende Satire ist doch überwiegend. Mit schneidender Schärfe zieht von Schlicht besonders über die höheren Offiziere her, und nur die Götter minderen Ranges, die Musketiere, und allenfalls die Leutnants und Hauptleute kommen gut bei ihm weg. Die kleinen Geschichten schildern alle mehr oder weniger das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen und laufen meistens darauf hinaus, daß der Untergebene klüger ist, als der Vorgesetzte, es sich aber nicht merken lassen darf. Bezeichnend für Schlichts Darstellung ist seine Definition von Subordination und Disziplin. Subordination ist das unangenehme Gefühl, das den Untergebenen immer beschleicht, wenn ein Vorgesetzter in der Nähe ist. Disziplin ist das Streben des Untergebenen, immer dümmer zu erscheinen als der Vorgesetzte.(1) Besonderen Beifall fand die kleine Manövergeschichte, in der es sich darum handelt, ob ein blühendes Feld, das von einer Kompagnie zu überschreiten ist, ein Rapsfeld ist oder nicht, und in der der Hauptmann natürlich zuletzt Unrecht und von all dem Zank ob Raps oder nicht Raps den Raptus kriegt. Die vorgetragenen Geschichten sind teilweise bereits im Druck erschienen, ebenso sind einige der dazwischen gestreuten Anekdoten aus dem Simplicissimis unter dem Stichwort „Lieber Simplicissimus” bekannt.


Fußnoten:

(1) Diese Definition erscheint mehrmals in Schlichts Werken. So in:

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© Karlheinz Everts