Wer wenig sucht, der findet viel.

Humoreske von Ralph von Rawitz
in: „Stralsundische Zeitung, Sonntagsbeilage” vom 17.05.1908


Eine lichte Wintersonne schien vom Himmel auf den Kieler Hafen herab, so daß, wer im warmen Zimmer saß und aus dem behaglichen Lehnstuhl seine Blicke auf die Föhrde schweifen ließ, fast an sommerliche Zeit und milde Temperatur gedacht hätte. Es war aber bitterlich kalt, das Thermometer zeigte trotz der Vormittagsstunde 6 Grad unter Null, und von Ost her wehte ein frisches Lüftlein, so daß die Spaziergänger eilig ihres Weges dahinschritten, und die Matrosen der vor Anker liegenden Fahrzeuge mit blauen und roten Nasen auf Deck wandelten. Die Offiziere, welche dort an Bord S.M.S. „P r i n z e ß  F r i e d e r i k e” auf der Kommandobrücke standen, schienen sich aber um die Kälte wenig zu kümmern. Ihre Gesichter strahlten von Lebenslust und Vergnügen, und zuweilen pfiff einer munter einige Walzertakte vor sich in den bereiften Schnurrbart. Es war kein Wunder, daß die Herren sich in lustiger Stimmung befanden; sollte doch heute abend der große Ball beim Prinzen-Admiral im Schloß stattfinden, der höchst angenehm das ewige Einerlei des winterlichen Bord- und Hafendienstes unterbrach, und zu dem weithin Einladungen an höchste Behörden, die See- und Landoffizierkorps, den umwohnenden Adel, die Honoratioren der Stadt und die Koryphäen der Universität Kiel ergangen waren.

„Tam-ta-ra-ta” sang Oberleutnant zur See  B a r g e n t h i n  vor sich hin, „es wird riesig nett werden. Hoffentlich haben uns die infamen Landratten nicht schon die besten Tänze weggeschnappt! Unsereins kommt so selten von Bord und hat keine Gelegenheit, vorher zu engagieren. Oder haben Sie schon auf eine niedliche kleine Landmaus Beschlag gelegt, Hänschen?”

Hänschen, ein stattlicher junger Offizier, zündete eine Zigarette an, sah den Wölkchen nach, die kerzengerade in der klaren Winterluft emporstiegen, und wandte sich dann zu den Kameraden.

„Nein, Jürgen — aber es wird wohl noch genug Auswahl sein. Schlimmstenfalls nimmt man die Mauerblümchen, das ist ersten ein Werk christlicher Nächstenliebe, und zweitens hat es das Gute, daß man dann nicht in die Versuchung gerät, sich zu verlieben.”

„Hohoho,„ lachte Bargenthin, „halten Sie das für so etwas Gefährliches, mein lieber Fallner? Mich dünkt, es ist gerade das Nette, immer so ein bißchen verliebt zu sein. Man braucht deshalb ja nicht an Amors und Hymens Rosenketten zu denken.”

„Man  b r a u c h t  nicht, Jürgen — aber man  m u ß! Was wollen Sie machen, wenn Sie einmal mit einem netten kleinen Ding getanzt haben, und die braunen und blauen Augen wollen gar nicht mehr aus Ihrer Erinnerung weichen?! Sie stehen im Dienst auf der Brücke neben dem Rudergast — bums — sehen Sie die blauen Aeuglein im Kompaßglase. Sie trinken abends eine Pulle Schampus in der Messe — bums — erblicken Sie die braunen aus dem Sektschaum auftauchen. Wo Sie gehen, stehen, liegen, werden Sie von ihr verfolgt — das halte aus, wer kann. Schließlich wollen und müssen Sie der Sache ein Ende machen. Sie gehen hin, halten an, heiraten!”

„Und wäre das selbst so schrecklich? — Mann! Fallner! Hänschen! Sie schildern das so anschaulich, daß man fast glauben möchte, Sie wären selbst verliebt. Wie?”

„Ach was — dummes Zeug! Jürgen, passen Sie auf, der Kerl mit dem Teertopf rennt Sie um.”

Während Oberleutnant Bargenthin eine Bewegung machte, um dem Matrosen auszuweichen, schritt Fallner nach der anderen Seite der Kommandobrücke hinüber, um noch einmal den Brief zu lesen, welcher ihm gestern an Bord gebracht worden war. Er rührte von der Hand seiner Schwester her und kam aus seiner Heimat, einem kleinen Städtchen Holsteins, wo sein Vater als Regierungsrat in sehr wohlhabenden Verhältnissen lebte.

„Sei doch nicht so schreibfaul,” schrieb Schwester Aennchen, „Papa sorgt sich schon, daß Du so selten von Dir hören läßt. Zumal, da Du keinen Weihnachtsurlaub gehabt hast, und wir Dich im Oktober zum letzten Mal gesehen haben. — Wir sind alle munter. — Im Städtchen wenig neues. Assessor v. Berg ist Rat geworden. — Der neue Pfarrer ist da. — Pastor Hanemann, der, wie ich Dir schon schrieb, im November in Pension gegangen ist, bleibt hierorts wohnen. Leider sind die Leute sehr arm. Meta — ihre Aelteste und meine liebste Freundin — (Du erinnerst Dich wohl ihrer? Eine Blonde, Schlanke) hat sich entschlossen, eine Stellung auswärts anzunehmen. Sie hat sich vor zwei Tagen bei uns verabschiedet — das arme Mädel! Es tut mir so leid! — Wann geht Ihr in See? In unserer Zeitung hat etwas von einer Reise des Kreuzergeschwaders nach England gestanden. Ist  D e i n  Schiff dabei? — Nun schreibe bald! Herzliche Grüße von uns allen. Deine Schwester.”

So lautete das Schreiben, dessen Inhalt ihn sichtlich bewegte. Die ganze Nacht, während er in seiner Koje wachend gelegen, hatte er es leise vor sich hingemurmelt „Armes Mädel” — — und selbst in seinen Träumen hatte etwas wie Furcht und Hoffnung in unbestimmten Umrissen vor seiner Seele gegaukelt. Ob er sich ihrer erinnerte?!! Jede ihrer Bewegungen, jede Miene des lieblichen Gesichtchens, jeder Tonfall ihrer Stimme war in seinem Gedächtnis geblieben seit jenem Abend in seinem Elternhause, — während seines letzten Urlaubes, — wo sie Pfänder gespielt und Kartenlotterie veranstaltet hatten, sie — seine Schwester Aennchen und ein halbes Dutzend anderer junger froher Menschen. Und nachher, nach diesem Gesellschaftsabend, da hatten sie sich noch oft getroffen, in der Kirche, auf dem Schützenplatz, im Bürgerkasino — und jedesmal, wenn er ihr die Hand gedrückt, hatte er einen leisen Gegendruck zu fühlen gemeint. Armes Mädel! Armes Mädel!”

Oberleutnant Hans Fallner steckte den Brief in die Tasche der blauen Joppe und wollte soeben unter Deck gehen, als seine Aufmerksamkeit auf ein Boot gelenkt wurde, das die Flagge des Stations-Chefs trug und jetzt an der Falltreppe festmachte. Gleich darauf kam ein Offizier an Bord, der dem Kommandanten des kleinen Kreuzers „Prinzeß Friederike” eine Order überb rachte. Fünf Minuten danach ließ Korvettenkapitän Junker seine Offiziere in die Kajüte bescheiden.

„Meine Herren,” sagte er, nachdem sie sich vorschriftsmäßig zur Stelle gemeldet hatten, „es tut mir leid, aber aus unserer Teilnahme am Ball bei Sr. Königl. Hoheit wird nichts. Wir haben soeben Befehl erhalten, unter Dampf zu gehen zum Zweck einer Hilfsaktion. Wie funkentelegraphisch mitgeteilt ist, liegt der Passagierdampfer  „M ö v e” , der von hier nach Korsör läuft, im Großen Belt im Eise fest, hat auch die Schraube eingebüßt. Wir werden ihn freizumachen und zu schleppen suchen. In anderthalb Stunden gehen wir in See. Oberleutnant zur See Fallner, Sie veranlassen das übliche. Guten Morgen, meine Herren.”

„Na — da soll doch alle Wetter — Potzschock-schwernot —” zeterten sämtliche Leutnants, als sie die Kajüte verlassen hatten, „nun freut man sich das ganze Jahr auf das nette Fest, und dann muß so etwas dazwischen kommen! Die „Möve” soll der Klabautermann holen oder sonst ein Seegespenst, an das unsere Vorfahren glaubten! Solch ein miserables Pech! Ist ein hübsches Vergnügen, bei dieser Kälte draußen rumzugondeln!”

Alles Jammern der tanzfrohen Leutnants half aber nichts, der Dienst und das Gebot der Nächstenliebe ging vor, und zwei Stunden später rauschte der stattliche Kreuzer aus der sonst so grünen, heute so weißen Föhrde hinaus in die wogende See. Fünf — sechs Stunden vergingen, da wurde in der beginnenden frühen Dämmerung des Wintertages die dänische Küste und in einiger Entfernung davor der Rumpf der „Möve” sichtbar.Dem Kreuzer mit seinen kräftigen Maschinen gelang es leicht, durch das noch nicht sehr starke Eis in die Nähe des Passagierdampfers zu kommen, der seit dem frühen Morgen festsaß und sich infolge Bruchs der Schraubenwelle nicht bewegen konnte. Nachdemm eine Verbindung hergestellt war und eine Besprechung des Kapitäns mit dem Kommandanten des Kreuzers stattgefunden hatte, wurde die flügellahme „Möve” an eine Trosse genommen und zu dem nächsten Hafen — einem kleinen dänischen Städtchen — geschleppt.

„Ob wir  K o r s ö r  erreichen,” erklärte der Kommandant seinen Offizieren, „ist des Eises wegen zweifelhaft. Ueberdies kennen wir alle die schwierige Belt-Passage. Nach  K i e l  zurück geht es auch nicht, denn die „Möve” ist leck und hat Wasser im Raum. Deshalb bringen wir den Kasten nach Aalborg; da mag er sich ausflicken, und die Passagiere werden wohl auch irgendwie Anschluß per Post oder Fuhrwerk zur nächsten Eisenbahn haben.”

Das Unternehmen war nicht besonders schwierig, und um die siebente Abendstunde lagen Kriegsschiff wie „Möve” wohlvertäut am Bollwerk in Aalborg. Bald darauf kam der Kapitän des Passagierdampfers an Bord der „Prinzeß Friederike”, um herzlich zu danken und Offiziere und Mannschaften zu einem Glase Bier an Bord der „Möve” einzuladen.

„Unsere Salons sind sehr geräumig,” sagte er, „und wir haben nette Leute an Bord. Etwa 25 Herren und Damen, zumeist Deutsche aus Kiel oder Umgegend, aber auch einige Dänen.”

Was soll man in einem Fischerstädtchen von 800 Einwohnern machen? Da ergreift man jede Gelegenheit zur Unterhaltung. Die Einladung wurde gern angenommen, und bald saßen drüben im stattlichen Speisesaal des Passagierdampfers Fahrgäste und Blaujacken in bunter Reihe, während die schnell zitierte Aalborger Stadtkapelle (drei Violinen, zwei Flöten, Baß und Klavier) ihre Weisen ertönen ließ.

Als einer der letzten kam  H a n s  F a l l n e r  an Bord der „Möve”; er hatte dienstlich zu tun gehabt und sich nicht eher freimachen können. In die Salontür tretend, vernahm er, wie gerade sein Kamerad Jürgen Bargenthin eine kleine Rede hielt, die in den Vorschlag einmündete, einen kleinen Tanz zu veranstalten. Es seien zehn oder zwölf Damen zur Stelle, an Vertretern des starken Geschlechts mangle es nicht, das „Orchester” sei glänzend — auf zum fröhlichen Tanze! Die Rede wurde mit Jubel aufgenommen und bald drehten sich lustige Paare zu Walzer- und Polka-Klängen.

„Na los, Hänschen!” sagte Bargenthin, als er gerade eine Tanzpause machte, „rein ins Vergnügen! Ist es auch kein Ball beim Prinzen, so ist es doch ganz amüsant. Sind ein paar nette Mädels darunter — die Braune dort im gewürfelten Kleidchen — oder die hübsche Blondine da schräg gegenüber. — — Gott — Menschenskind! Was machen Sie denn für ein Gesicht? — —”

Weiter kam der lustige Leutnant nicht, denn Hans Fallner schoß wie ein abgeschnellter Pfeil durch die tanzenden Paare hinüber zu dem jungen, blonden Mädchen, auf das Jürgen Bargenthin hingewiesen hatte.

„Fräulein Meta — Fräulein Meta — Sie hier! Welch' freudige ‹eberraschung!”

Eine hohe Glut überzog das liebliche Gesichtchen des jungen Mädchens, als sie ihre Hand in seine weit entgegengestreckten Hände legte: „O — Gott — Herr Hans — und ich habe soeben an Sie gedacht — —”

„Haben Sie das wirklich, Fräulein Meta? Sie haben mich also noch nicht ganz vergessen? Sie erinnern sich noch an unser Pfänderspiel? Nun wollen wir recht plaudern — plaudern von einst und jetzt. — Gestern abend hat mir Aennchen geschrieben — Sie wollen weg, weit fort?”

„Ich habe eine Stelle bei einer deutschen Familie in Kopenhagen angenommen und bin auf dem Wege dahin.”

„Aber Meta — Meta — das ist unrecht! — Ich weiß wohl, für die Ihrigen — aber gab es keinen anderen Ausweg — — konnten Sie mir nicht eine Zeile schreiben`”

Er legte ihren Arm in den seinen und schritt mit ihr hinüber nach der stillen Rauchkabine, zu der nur selten ein verlorener Walzer-Akkord hinübertönte.

„Ich Ihnen schreiben, Herr Hans?”

„Ja — Sie mir — Meta! Denn  w e r  nimmt wohl tiefer Anteil, an Ihrem Ergehen als ich? Ich konnte — —

„ — Mir nicht helfen, lieber Herr Hans. Es ist zu unser aller Besten. Und ist doch auch ehrenvoll, sein Brot zu verdienen.”

„Gewiß — natürlich — aber ich hätte doch erwartet daß Sie zu mir so viel Vertrauen hätten — liebe, liebe Meta, bin ich Ihnen denn gar nichts mehr?”

„Sie sind mein lieber Freund —, aber —”

„Nein, Meta — ich bin mehr — viel mehr — und Sie, Sie sind mein  A l l e s! Ich bitte Sie, bleiben Sie in der Heimat, bleiben Sie — b e i   m i r.”

Sie sah ihm in die treuen Augen und reichte ihm die Hände, die er rasch an die Lippen zog. In diesem Augenblick steckte Jürgen Bargenthin den Kopf in die Kajüte: „Nanu?”

„Hab' ich's Ihnen nicht gesagt, Jürgen? Tanzen ist gefährlich?! Kommen Sie nur her — damit ich Sie  m e i n e r   l i e b e n   B r a u t  vorstelle!”

— — —