Die Geschichte eines Bildes.

Humoreske von Paul Bliß.
in: „New Orleanser Deutsche Zeitung” vom 20.10.1901


Kommerzienrath Rebus hatte Geburtstag. Und der Maler Wolfram war einigermaßen in Verlegenheit, was er dem Herrn Kommerzienrath zum Geburtstag schenken sollte; zwar würde man kaum auf eine Gabe von ihm rechnen, das wußte der junge Maler, denn es war ja offenes Geheimniß, daß er stets in Geldverlegenheit war, — dennoch aber fühlte Wolfram die Pflicht, etwas zu schenken; er ging nun nahezu ein Jahr bei Rebus aus und ein, wurde zu allen Festen geladen und bei jedem größeren Arrangement mit zu Rathe gezogen, und außerdem verdankte er dem Kommerzienrath auch noch viele kleine und sogar größere Gefälligkeiten.

Er sann und sann, aber er fand nichts Passendes. Endlich durch­stöberte er den Vorrath seiner unverkauften Bilder und da fand er denn ganz zu unterst eine Leinwand, die ihm eine seiner liebsten Arbeiten war und die auch zweifellos als eins seiner besten Bilder gelten konnte. Es war eine rothbunte Kuh auf saftig grüner Wiese, mit einem ganz hellblauen Himmel im Hintergrund. Dies Bild hatte er vor einem Jahre ausgestellt, die Kritik hatte es einstimmig gelobt und trotzdem hatte sich kein Käufer dafür gefunden; nun stand es im Atelier und „schimmelte”.

Dies, sein Lieblingsbild, seine „Rothbunte”, wie er es benannt hatte, wollte er dem Kommerzienrath zum Geburtstage bescheren.

Er wischte es sorgfältig ab, reinigte den Rahmen mit Tuch und Bürste, nahm es, stieg in eine Droschke zweiter Güte und fuhr zu seinem Gönner.

Herr Kommerzienrath Rebus, als er das unerwartete Angebinde sah, war äußerst erstaunt darüber, machte aber ein freundliches Gesicht und sagte mit verbindlichem Händedruck: „Sehr hübsch, lieber Wolfram! wirklich sehr fein! und reizend von Ihnen, daß Sie an mich gedacht haben!”

Als aber das kommerzienräthliche Ehepaar allein war, sah Rebus seine Frau an und fragte: „Nun, ist Dir schon so was vorgekommen? Mir so 'ne Kuh zu schenken! als ob ich ein Viehhändler wäre! Ganz unglaublich, wie?”

Madame zuckte die Schultern und meinte leichthin: „Stell's doch auf'n Boden.”

„Ich werd' mich wohl genieren, was! An die Wand kommt's gewiß nicht!” Dabei schob er das unglückliche Bild in die Ecke und richtete die Aufmerksamkeit auf die anderen werthvolleren Geschenke.

Als am Abend des Geburtstagsfestes der Maler nach seinem Bilde suchte, war er enttäuscht, denn er fand es nirgends hängen.

Dagegen sagte die Frau des Hauses zu ihm mit nicht mißzuverstehendem Lächeln: „Sie haben ganz entschiedenes Talent als Thiermaler, bester Herr Wolfram, Sie sollten doch mal ein Plakat für irgend so 'ne Thierschau oder Mastviehausstellung machen.”

Darauf replizierte der Maler schlagfertig: „Verbindlichen Dank, gnädige Frau! Sie haben in solchen Dingen ja auch so ein scharfes und maßgebendes Urtheil.”

Und da klappte die Gnädige ihr langgestieltes Lorgnon ziemlich ungnädig zu, und ließ ihn stehen.

Von dem Tage an gab der Maler Wolfram seinen Verkehr auf beim Herrn Kommerzienrath Rebus.

Ungefähr ein Vierteljahr später hatte der Akademieprofessor August von Sperner Geburtstag.

Rebus war ein Bekannter des Professors, und um ihm eine Freude zu machen, packte er die „Rothbunte”, nachdem sie vorher peinlich gereinigt war vom Staub des Bodens, ein und sandte sie seinem professorlichen Freunde mit den besten Grüßen und Gratulationen zu.

„Gott sei Dank, daß wir den Schmarren los sind!” meinte Madame Rebus, „er stand mir auch stets im Wege da oben.”

Der Herr Gemahl aber sagte mit pfiffigem Lächeln: „Und ich bin billig zu einem Geschenk gekommen.”

Als Herr Professor August von Sperner das Angebinde seines Freundes sah, fing er dermaßen an zu fluchen, daß seine Angehörigen außer sich waren.

„Aber Mann! Mann! ich bitte Dich!” bat seine Gattin.

„Herrgottsdonnerwetter ja! es ist doch wahr!” eiferte der wüthende alte Herr weiter, „wie kann sich denn der Protz erlauben, mir so einen elenden Schinken zu versetzen!”

Der Herr Professor war nämlich ein enragirter Feind der sogenannten „neuen Schule”.

„Der Lump, der elende, muß doch wissen, daß ich diese neumodischen Schmierereien nicht ausstehen kann! das sieht ja aus wie 'ne Beleidigung! — Aber von heute ab wird der Verkehr mit diesem Geldprotzen abgebrochen! das bitte ich mir aus, verstanden! — So, und nun schafft mir das Zeug da aus den Augen, aber so, daß ich es nie wiedersehe!”

Und von Stund' an ruhte die „Rothbunte” wieder in stiller dunkler Bodenkammer.

Als der Winter da war, begann die Zeit der Bazare und Wohltätigkeits­lotterien; und da werden denn bekanntlich die Herren Künstler von allen Seiten um Spenden ersucht.

Wüthend gab der alte Herr ein paar Blätter heraus, die an den Vorstand geschickt werden sollten; Frau Professor aber benutzte diese Gelegenheit, das mißliebige Bild los zu werden, und schickte auch die „Rothbunte” mit auf den Bazar, ohne daß der Gatte etwas davon erfuhr.

So hing also vierzehn Tage später das vielgeschmähte Bild in den Räumen des Kultusministeriums, in denen der große Bazar abgehalten wurde.

Ein elegantes Publikum drängte sich in den Sälen und natürlich fehlten auch Herr und Frau Kommerzienrath Rebus nicht bei dieser Toilettenentfaltung.

Als die Gnädige so musternd durch die Säle ging, bemerkte sie an der einen Wand auch die „Rothbunte”. Sie lächelte, stieß ihren Gatten an, und deutete auf das Bild.

Und Rebus hielt sich schnell das Tuch vor den Mund, um nicht laut los zu lachen.

Natürlich fand sich kein Käufer für das Bild. Deshalb kam es in die Lotterie, und wurde sogar einer von den Hauptgewinnen.

Der glückliche Gewinner war ein junger Buchhalter.

Als er das Bild zu Hause hatte, fragte er sich, was damit anzufangen sei, denn daß man sich so eine Kuh als Schmuck an die Wand hängen sollte, das kam ihm wie eine Geschmacksverirrung vor.

Endlich rieth ein Freund: „Aber, Mensch, so verklopp doch gleich den Jux! Janz Schnuppe, wieviel Du dafür kriegst!”

Zehn Minuten später war man bei einem Kunsthändler, der nach langem Besinnen und Feilschen zwanzig Mark für das Bild gab.

Der Händler war ein praktischer Mann, er sagte sich, daß Wolfram noch mal eine Zukunft haben könne, — und so stellte er das Bild in die Vorrathskammer, bis seine Zeit da sein würde.

Ungefähr ein halbes Jahr später war diese Zeit bereits da.

Wolfram hatte mit einer großen „heroischen Landschaft” einen sensationellen Erfolg, der ihn mit einem Schlage aus dem dunklen Nichts auf die helle Höhe der Berühmtheit emporhob.

Und jetzt begannen für Herrn Kommerzienrath Rebus bange Tage, denn seine Frau machte ihrem Gatten das Leben schwer durch endlose Vorwürfe, daß er den jungen Maler nicht mehr in's Haus brachte.

„Aber Frauchen,” beruhigte der sorgende Mann sie, „bedenk' doch nur, wie wir ihm damals mitgespielt haben! Das hat er doch sicher nicht vergessen!”

„Und dann das Bild, das dämliche Kuhbild!” — stöhnte er sorgenschwer — „wenn er wirklich wieder zu uns kommen sollte, würde er doch nach dem Bilde fragen, — und dann?”

„Nun, so schaff doch das Bild wieder an! Es wird doch noch irgendwo zu haben sein!”

Der arme Rebus! Er nickte und versprach alles, aber er ahnte schon jetzt, wie schwer es sein würde, das Bild, das einst so verschmähte, wieder zu erlangen.

Trotzdem aber begab er sich sofort auf die Suche. Er war ein praktischer Mann, und deshalb erfaßte er sofort den Kern der Sache. Er ging zu dem Vorstandsherrn des Bazars, allwo er das unheilvolle Bild zuletzt gesehen hatte. Und dort erfuhr er auch bald, wer das Bild gewonnen hatte. Nun eilte er zu dem jungen Mann, hoffnungsfroh und glücklich, doch als er erfuhr, daß das Bildchen bereits im Besitze des Kunsthändlers war, da schwand die gute Laune ebenso schnell wieder, denn er ahnte, als wissender Mann, daß er jetzt tief in den Geldbeutel würde greifen müssen.

Und richtig, er mußte baare drei Tausend Mark bezahlen für das Bild, das ihm einst geschenkt worden war, und das er in blinder Thorheit weiter verschenkt hatte.

Und nun hängt die einst so schmachvoll behandelte „Rothbunte” im Salon des Herrn Kommerzienraths und noch dazu an einem Ehrenplatz. Und die gnädige Frau war glücklich, daß sie ihre gesellschaftliche Ehre gerettet sah.

Noch an demselben Tage fuhren Herr und Frau Rebus bei dem Maler vor, der zu dem Besuch ein einigermaßen erstauntes Gesicht machte.

Der Herr Kommerzienrath war auch ein wenig verlegen; die Gnädige indessen, als sei gar nichts vorgefallen, reichte dem Künstler die Hand und rief begeistert: „Aber theurer Meister, weshalb lassen Sie sich denn gar nicht mehr bei uns sehen? Sie wissen doch, daß Sie ein stets gern gesehener Gast sind! — Also erweisen Sie uns die Ehre, und essen Sie heute Mittag bei uns, — es ist gar nichts los, nur ein paar gute Freunde sind da!”

Der Maler lächelte, höflich wie ein Weltmann, verbarg alle Ironie und ging wieder zu seinen ehemaligen Bekannten.

Um drei Uhr, wie geladen, war er da, aber außer ihm war noch kein anderer Gast erschienen; darüber wunderte er sich anfangs, doch bald erfuhr er den Grund dafür.

Rebus nämlich nahm ihn beim Arm, führte ihn in den Salon und vor der „Rothbunten” machte er Halt und sagte: „Sehen Sie, lieber Freund, da hängt Ihr göttliches Kunstwerk, das Sie mir dediziert haben, — wie Sie sehen, nimmt es den gebührenden Ehrenplatz ein, — aber nun erweisen Sie mir noch eine Liebe, ja bitte! Zeichnen Sie mir da in eine Ecke so 'ne Art Dedikation hinein! — Nicht wahr, das thun Sie mir, als Ihrem ältesten Freund und Verehrer, noch zu Liebe, ja, bitte sehr!?” Und wie ein praktischer Mann, der nichts unvorbereitet thut, holte er aus dem Schränkchen seiner Frau einen kleinen Farbtopf und Pinsel hervor, die er dem erstaunten Künstler hinreichte.

Und der Maler, der ja von dem Kunsthändler bereits die Vorgeschichte seines Bildes erfahren hatte, nahm den Pinsel und zeichnete die erbetene Dedikation in die rechte Ecke des Bildes, — er lächelte dabei, denn er sah aufs neue, bis zu welcher Blöße sich Eitelkeit und Gefallsucht erniedrigen konnte, — aber er lächelte dennoch nur darüber, denn er kannte ja das Leben.

Eine Stunde später kamen dann auch die „paar guten Freunde” zum Diner, das natürlich erst um vier Uhr begann, — es waren nahezu dreißig Personen, — und das „bescheidene” Diner gestaltete sich zu einem Fest und zu einer glänzenden Ovation für den jungen Maler.

Frau Kommerzienräthin aber führte alle ihre lieben Freundinnen einzeln vor die „Rothbunte” und sagte: „Sehen Sie nur, dies einzig schöne Bild hat der Meister meinem Manne schon vor einem Jahre dedizirt! Ist es nicht wirklich ein seltenes Kunstwerk?!”

Die Freundinnen waren natürlich zum Platzen neidisch, aber trotzdem nickten sie in lächelnder Bewunderung.

Und von dem Tage an hieß es in der sogenannten „Gesellschaft”, daß Herr Kommerzienrath Rebus der Erste gewesen sei, der das große Talent Wolframs entdeckt und gefördert habe.

So haben auch Bilder ihre Geschichte!

— — —

Eines Bildes Schicksal.

Eine lustige Geschichte von Georg Prinz.
(vgl.: Der Mäcen in Nötenl)
in: „Der Sonntagsbote und der Seebote”, (Milwaukee, Wis.), vom 28.08.1921


Herr Heinz Hartwig war Besitzer einer großen Strumpffabrik; er war ein reicher Mann, denn nicht nur die Fabrik warf einen beträchtlichen Nutzen ab, sondern auch das Heiratsgut seiner Frau trug eine ansehnliche Rente ein.

So war also Herr Heinz Hartwig jeder gemeinen Not enthoben, und wenn er nun trotzdem sich Sorgen machte, so lag das daran, daß die Gattin, die teure, mit immer neuen Wünschen ihm zu schaffen machte,

Frau Therese wollte höher hinaus; der Titel einer Fabrikbesitzersgattin hatte für sie trotz der Länge keinen volltönenden Klang — sie war eine ideale Natur — das Getriebe des Alltagslebens erschien ihr öde und grau, sie wollte sich und ihren Gatten in eine andere, in eine höhere Sphäre hinaufführen, nämlich in die Regionen der Kunst.

Und da nun weder sie noch ihr biederer Heinz irgendeine Kunst auszuüben wußten, so wollten sie sich wenigstens einen Kreis von gottbegnadeten Jüngern der hehren Kunst an ihr Haus fesseln, um so wenigstens in den Stunden der Geselligkeit der grauen Alltäglichkeit enthoben zu sein.

Aber dies Wollen hatte selbst bei so reichen Leuten seine Schwierigkeiten. Denn das Ehepaar wußte nicht nur keine einzige Kunst auszuüben, sondern es verstand auch absolut nichts von der Kunst.

Und das darf nicht wundernehmen.

Herr Heinz nämlich hatte sich aus den allerkleinsten Anfängen heraufgearbeitet und war stets von seinen Geschäften so in Anspruch genommen, daß ihm zu einer Nebenbeschäftigung nicht die mindeste Zeit blieb. Frau Therese aber hatte die oberflächliche Pensionserziehung der sogenannten höheren Tochter bekommen, die den jungen Mädchen von allen Bildungsstoffen nur ein Kosthäppchen gibt, so daß die armen Geschöpfe, wenn sie ins Leben treten, nichts Halbes und nichts Ganzes sind.

Dessenungeachtet aber wußte Frau Therese sehr genau, was sie wollte; sie hatte gehört und in Romanen gelesen, und auch bei anderen Familien gesehen, daß es reiche Leute für notwendig erachten, der Kunst ein gastfreies Haus zu gewähren, und deshalb hielt auch sie es nun für notwendig, diese Mode mitzumachen.

Armer Heinz!

Um seine Ruhe war es geschehen, seit die Gattin es sich in den Kopf gesetzt hatte, ihren Gästen stets die Tagesberühmtheiten der Kunst in ihrem Salon vorzuführen.

Tagaus, tagein führte sie den geplagten Mann umher — von einem Atelier ins andere, von Ausstellung zu Ausstellung, vom Theater in den Konzertsaal — treppauf, treppab, immer auf der Suche nach Berühmtheiten, die man einladen könnte.

Und nicht nur das allein! Nein, der gute Heinz mußte sein Interesse für die Kunst auch praktisch betätigen! Er mußte in den Geldbeutel greifen, tief, oft sehr tief, und mußte kaufen — Bilder und Bildwerke, alles, was Frau Theresa haben wollte! Und dann mußte er auch hier und da helfend beispringen, wo es galt, einen Künstler zu unterstützen, vor allem aber dann, wenn es die lieben Nachbarn erfuhren!

Und so wurde aus dem Strumpffabrikanten Heinz Hartwig nach und nach so etwas wie ein Kunstmäzen. Und wenn auch die Künstler heimlich über die Torheiten des reichen Ehepaares lächelten, man suchte ihr Haus doch immer auf, weil man dort außerordentlich gut bewirtet wurde, und weil der gute Heinz fast immer eine offene Brieftasche hatte.

*           *           *

Anfang November feierte der Mäzen seinen fünfzigsten Geburtstag. Und zu diesem Fest kamen alle Künstler des Kreises mit Angebinden und Widmungen für das Geburtstagskind, so daß Herr Heinz und die teure Gattin schier aufgelöst waren vor freudiger Ueberraschung.

Gegen Mittag kam auch Karl Meinhold mit seiner Gabe. Er war ein junger Tiermaler, der trotz seiner enormen Begabung noch immer vergeblich um die Anerkennung kämpfte. Er war ein armer, aber humorvoller und lebenslustiger Bursche, der auch schon verschiedentlich das offene Portefeuille des Mäzen kennengelernt hatte. Nun wollte auch er sein bescheidenes Scherflein zu der allgemeinen Freude beisteuern.

Er hatte ein kleines humorvolles Genrebild gemalt, das er „Ein Kunstkenner” benannte; es stellte einen Schafbock dar, der vor einem Bild, einer gemalten grasgrünen Wiese, bewundernd steht und am liebsten das gemalte saftig grüne Gras auffressen möchte.

Als Herr Heinz Hartwig das Bild ansah, wußte er zuerst nicht, ob er sich freuen oder sich ärgern sollte; im heimlichen Zweifel sah er bald das Bild, bald auch seine Gattin an, als suche er bei ihr Verstand in dieser Ungewißheit.

Aber Frau Therese ging es nicht viel besser, auch sie wußte nicht, was sie davon denken sollte; schließlich aber ermannte sie sich doch, betrachtete das Bild durch ihr Lorgnon, und endlich sagte sie höflich, aber ein wenig kühl: „Sehr nett, sehr wirkungsvoll und auch recht lebenswahr.”

Das war für Herrn Heinz das erlösende Wort; nun atmete er wie befreit auf, sah auch mit Kennerminen auf das Bild und sagte dann zuvorkommend: „Wirklich, lieber Meinhold, das ist Ihnen ausnehmend gut gelungen! Meinen allerbesten Dank für das Kunstwerk,” wobei er dem jungen Maler, der ein verstohlenes Lächeln verbarg, mit Gönnermiene die Hand drückte.

Als aber eine halbe Stunde das Ehepaar allein war, trat Frau Therese noch einmal vor das Bild hin und sah es lange und prüfend an, und endlich schüttelte sie den Kopf, indem sie sagte: „Das Bild muß fort, wir dürfen es nicht zeigen, wir machen uns lächerlich damit.”

Ein wenig erstaunt fragte der Ehegatte: „Aber weshalb denn nur, Frauchen?”

Und sie nun lächelnd überlegen: „Ja, merkst du denn gar nicht, daß der Mensch dich uzen wollte? Sieh dir doch mal das Bild genau an!”

Plötzlich blitzte es in ihm auf! Jetzt verstand er, was sie eben gedacht hatte. Wütend sah er das Bild an und rief: „Das ist ja direkt empörend! Was erlaubt sich denn dieser Hungerleider nur!” Wütend lief er umher, denn jetzt war er an seiner empfindlichsten Stelle verletzt.

Und noch in derselben Minute verschwand das Bild in der Rumpelkammer, da, wo sie am tiefsten war.

Als am Abend dann Herr Karl Meinhold zum Souper kam, suchte er sein Bild vergebens, und ferner mußte er die Bemerkung machen, daß die Gastgeber, besonders der Mäzen, ihn recht obenhin behandelten; er war aber ein Mann mit Humor, der junge Maler, und so lächelte er nur dazu, verschwand sehr bald — und mied fortan das Haus Hartwig.

Vier Wochen später war der große Weihnachtsbasar, den die vornehme Welt alljährlich arrangierte.

Und Frau Hartwig, die auch in diesem Jahre wieder Verschiedenes für die Wohltätigkeit tun mußte, schickte auch diesem Basar eine reiche Anzahl von Gaben, unter denen sich das Bild befand, das ehedem ihr Mißfallen erregt hatte; dies war, so fand sie, eine günstige Gelegenheit, das dumme Bild aus dem Hause zu schaffen; natürlich tat sie das ohne Wissen ihres Mannes.

So hing nun also das arg verlästerte Bild in den Räumen des Basars.

Angesehen und bekächelt wurde es auch von manchem, es aber zu kaufen, entschloß sich niemand, trotzdem es sehr billig zu haben war.

Am letzten Tage des Basars ging auch Karl Meinhold durch die Räume. Er war in bester Laune, denn soeben hatte er sein erstes großes Bild „Kühe am Teich” verkauft — endlich war sein Streben belohnt, endlich war die Anerkennung da! Und als er nun so seelenvergnügt durch die Räume wanderte, da erblickte er sein Bild, das er einst dem Mäzen gestiftet hatte.

Lächelnd sah er seine so mißachtete Arbeit an — und plötzlich kam ihm eine gute Idee.

So kaufte er das Bildchen.

Sodann fuhr zu einem Kunsthändler, instruierte diesen und wartete lächelnd der Dinge, die sich nun abspielen würden.

Die nächsten Tage schon brachten die große Ueberraschung für die Kunstwelt: Karl Meinhold war über Nacht ein berühmter Mann geworden — sein verkauftes neues Bild war ein Schlager allerersten Ranges, ein echtes Kunstwerk, das alle in helles Entzücken versetzte. Nun kamen Glückwünsche von allen Seiten, und der junge Künstler hatte es bisher gar nicht gewußt, daß er so viele Freunde hatte, die ihn nun für sich reklamierten.

Natürlich hörten auch Hartwigs sofort die Neuigkeit.

Aber während der Mäzen sich freute, wurde die gute Therese plötzlich sehr verlegen.

„Jetzt werden wir ihm einen Besuch machen,” sagte Herr Heinz, „dann werden wir ihm zu Ehren ein Fest geben, und dann wird er schon wieder ausgesöhnt sein.”

„Aber das geht ja nicht,” protestierte sie, „sein Bild ist ja nicht mehr da!”

Erstaunt fragte er: „Ja, wo ist denn das Bild geblieben?”

Und nun gestand sie, was sie ohne sein Wissen getan hatte.

Jetzt war der Mäzen in Nöten!

Einladen mußte man den Maler, wenn man nicht vor den anderen der Gesellschaft zurückstehen wollte — wie aber ihn einladen, ohne sein Bild zu haben! — Und wo sollte man nun das unglückselige Bild wieder aufspüren!?

Ratlos lief er hin und her.

Endlich sagte sie: „Versuche doch mal bei den Kunsthändlern.”

Wütend sah er sie an und fragte; „Weißt du auch, was der Spaß dann kosten kann, wenn ich es bei einem Händler finde?”

Aber sie zuckte nur die Schultern und schwieg.

Er indessen stieg in eine Droschke und fuhr von einem Kunsthändler zum anderen.

Endlich fand er sein Bildchen wieder, zahlte schweren Herzens dreitausend Mark dafür und fuhr damit nach Hause.

Als drei Tage später Herr Karl Meinhold seinen Besuch im Hause Hartwig machte, sah er sein einst so verlästertes Bild nun im Salon an einem Ehrenplatz hängen; und als dann der Mäzen stolz zu ihm sagte: „Ja, lieber Meinhold, wir haben Ihr Genie ja längst erkannt!” — da nickte der junge Maler lächelnd und dachte: diese kleine Lüge hat mir dreitausend Mark eingebracht.

So haben auch Bilder ihr Schicksal.

— — —

Der Kunstkenner.

Eine lustige Geschichte von Paul Bliß.
in: „Nebraska Staats-Anzeiger und Herold” vom 26.04.1907


Fritz Wulkow, der junge Landschaftsmaler, wollte eine Studienreise nach Italien machen, um an den alten Meisterwerken unter des Südens Sonne Anregung für seine junge Kunst zu suchen. Seit Jahren schon zog es ihn hin nach em Land der Zitronen, immer war sein heißes Sehnen unerfüllt geblieben, weil niemals seine Geldmittel hinreichten, sich den Luxus der kostspieleigen Reise zu gönnen.

Jetzt endlich hatte er siegreich alle sich aufthürmenden Hindernisse überwunden, hatte gedarbt und gespart und jeden sauer erworbenen Goldfuchs für die Studienreise zurückgelegt, und wenn er jetzt noch sein neues, eben vollendetes Bild, einen „sonnigen Tag im Moor”, schnell zu Geld machen könnte, dann war seine Kasse gut gefüllt, dann endlich konnte er über die Alpen pilgern.

Aber wenn das so leicht wäre, eine Landschaft an den Mann zu bringen! Zwar gingen seine Ansprüche gar nicht hoch hinaus; schon für drei- bis vierhundert Mark hätte er den „sonnigen Tag” sofort hergegeben. Doch selbst diese bescheidene Summe schien rein unerschwinglich zu sein. Von einem Kunsthändler zum anderen fuhr er mit dem Bild. Jeder fand es talentvoll, gut und lobenswerth, aber zum Kauf konnte sich keiner entschließen. Und halb verzweifelt kehrte der so arg enttäuschte Maler mit seinem Bild nach Hause zurück.

Da endlich hatte der Himmel ein Einsehen und sandte Hilfe in der Noth.

Doktor Breuer, ein beliebter Kunstfreund und ein eifriger Verehrer des jungen Malers, kam zu Fritz Wulkow ins Atelier, um zu sehen, was er neues geschaffen habe.

Und ihm klagte Fritz nun sein bitteres Leid.

Nachdenklich hörte der andere zu, besah sinnend das neue Bild und sagte dann endlich: „Vielleicht kann ich Ihnen helfen. Ich werde Ihnen einen Mann nennen, der das Bild vielleicht kaufen dürfte. Zwar viel bezahlen wird er nicht dafür, denn er ist ein Geizkragen und sein Stolz besteht darin, daß er gerade alle Kunstobjekte möglichst billig ersteht. Da prahlt er denn vor seinen Bekannten mit seinem Spürsinn, der ihn für wenig Geld die seltensten Kunstwerke finden läßt. Er hält sich nämlich für einen großen Kunstkenner, während er in Wirklichkeit ein arger Ignorant ist. Aber das kümmert Sie ja weiter nicht. Ihnen liegt ja nur daran, das Bild schnell loszuschlagen. Also gehen Sie getrost hin. Es ist der Kommerzienrath Lewald in der Delbrückstraße 198. Versuchen Sie Ihr Heil. Berufen Sie sich aber nicht auf mich. Und fordern Sie nicht zu wenig, denn der Kerl handelt. Also viel Glück!”

Schon in der nächsten Stunde stand Fritz Wulkow vor dem Herrn Kommissionsrath.

Mit behaglichem Lächeln, aber nicht ohne Würde, fragte der Mäcen: „Wer hat Sie denn an mich empfohlen?”

„Niemand, Herr Kommissionsrath,” erwidert Fritz resolut, „es ist mir ja seit langer Zeit bekannt, daß Sie ein Kunstfreund und Kunstkenner sind, deshalb komme ich direkt zuerst zu Ihnen!” Er schämte sich zwar ein wenig vor sich selber ob dieser Nothlüge, aber der Gedanke an Italien ließ ihn über die Skrupel schnell hinwegkommen.

Der alte Herr fühlte sich geschmeichelt durch die anerkennenden Worte, besah das Bild eindringlich und genau von allen Seiten, und fragte endlich: „Wieviel soll es denn kosten?”

„Sechshundert Mark,” antwortete Fritz muthig.

Darauf schwieg der Herr Kommissionsrath, lächelte mit leisem Spott und sah den jungen Maler ein wenig witleidsvoll an.

Der that ganz erstaunt: „Ist Ihnen das zu theuer, Herr Kommissionsrath?”

„Aber ich bitte Sie,” klang es leichthin zurück: „Für sechshundert Mark kaufe ich ja beinahe einen Tizian.”

Fritz wurde wüthend, doch er nahm sich zusammen und fragte: „Nun, wie viel bieten Sie mir denn?”

Wieder zuckte der Kunstkenner die Schultern und meinte obenhin: „Es ist ja 'ne recht nette Sache, das gebe ich gern zu, aber ich dächte, mit hundert Mark wäre sie brillant bezahlt.”

Dem jungen Maler stieg das Blut hoch. Aber wieder hielt er an sich. Er mußte ja das Bild schnell zu Geld machen, weil er fort wollte. Und ob er noch einen andern Käufer fand, war mehr als fraglich. Also was war da zu thun?

Da begann der alte Herr wieder: „Wir wollen die Sache kurz machen. Ich gebe Ihnen hundertundfünfzig Mark und damit basta. Aber das ist auch mein letztes Wort. Mehr keinen Pfennig. Also, nun entschließen Sie sich.”

„Sagen wir zweihundert Mark, Herr Kommissionsrath!”

„Hundertundfünfzig! Entweder, oder!”

„Nun meinetwegen denn!”

Und fünf Minuten später hatte Fritz Wulkow drei grüne Scheine in der Tasche und verließ mit leisen Flüchen das Haus des großen Mannes.

Unterwegs traf er den Herrn Doktor Breuer.

„Nun, wie war es?” fragte der begierig.

Wüthend berichtete Fritz sein Erlebniß und schalt nicht schlecht auf den Filz. Doch durch die Aussicht auf die Verwirklichung seines lang gehegten Wunsches ließ er sich trösten und ging mit einem fröhlichen auf Wiedersehen auf die Reise nach Italien.

Aber dem guten Doktor Breuer ging die Sache nicht so schnell aus dem Kopf. Er ärgerte sich über den alten Geizkragen mehr als er es zeigte und je länger er darüber nachdachte, desto mehr wurde in ihm der Wunsch rege, dem eitlen Herrn Kunstkenner jetzt mal ein Schnippchen zu schlagen. Endlich war denn auch sein Plan fertig und er ließ sich dem Herrn Kommissionsrath melden.

Der war hocherfreut. „Ach, guten Tag, lieber Doktor, Sie kommen wie gerufen! Eben habe ich durch Zufall ein neues Bild erstanden. Eine Perle, sage ich Ihnen! Und für hundertfünfzig Mark! Na, was sagen Sie? Bin ich ein genie oder nicht!? So'n Bild für hundertfünfzig Mark, das soll mir mal erst einer nachmachen!”

Doktor Breuer antwortete vorerst gar nichts. Ruhig und eingehend betrachtete er das Bild. Dann endlich sagte er ganz gelassen: „Mein lieber Rath, diesmal sind Sie reingefallen. Das Ding ist keine fünfzig Mark werth.&rdquo,

Jetzt war der alte Herr ganz blaß vor Schreck.

Der Doktor aber lächelte überlegen. „Ja, ja, mein Bester, da ist nichts mehr zu machen. Hängen Sie das Bild schnell auf die Rumpelkammer, denn Staat machen können Sie damit nicht. Oder besser noch, geben Sie es weg, so schnell als möglich. Wir leben jetzt ja im Zeichen des Bazare und Wohlthätigkeits-Veranstaltungen. Also schnell weg damit!” Lächelnd empfahl er sich-

Der Kommissionsrath sah ihm sinnend nach, dann schaute er auf das Bild. Und siehe, plötzlich gefiel es auch ihm nicht mehr. In der That, es war ein Reinfall. Also lieber schnell fort mit Schaden, ehe man sich erst noch weiter blamirte.

Schon am nächsten Tage wurde es auf den Bazar des Vaterländischen Frauenvereins geschickt.

Da hing nun der „sonnige Tag im Moor” in einer verlorenen Ecke, und niemand kümmerte sich um ihn.

Der Herr Rath schlich scheu vorbei und that, als sähe er ihn nicht. Und auch Doktor Breuer sah ihn, aber lächelte nur still in sich hinein.

Natürlich blieb das Bild unverkauft; acht tage nach Schluß des Bazars wurde es mit anderen nicht abgesetzten Gegenständen verauktionirt und da ging es für dreißig Mark in den Besitz des Herrn Doktor Breuer über.

Er lächelte still. Sein Plan war gelungen.

*           *           *

Im nächsten Herbst kam Fritz Wulkow aus Italien zurück. Er hatte oft gehungert und sich über die Maßen einschränken müssen, tagelang hatte er oft gehen müssen, um das fahrgeld zu ersparen, aber das alles hatte ihn nicht untergekriegt, mit fröhlichem Muth und der Zähigkeit eines echten Künstlers hatte er ruhig und eifrig weiter gearbeitet und war seinem hohen Ziel muthig entgegen gegangen.

Und nun kam er zurück, die Früchte seiner ernsten Arbeit der Welt zu zeigen.

Er veranstaltete eine große Kollektivausstellung seiner neuen Werke, und mit einem Schlage wurde aus dem bisher noch wenig bekannten Maler in Kurzem ein berühmter Mann, dessen Name schnell durch alle Zeitungen ging.

Auch Herr Kommissionsrath Lewald las die Notizen. Wuthschnaubend rannte er zu Doktor Breuer.

„Na, was sagen Sie jetzt? Wer hat nun wieder mal recht gehabt? Natürlich ich, hätte ich nur das Bild damals behalten!”

Breuer erwiderte schmunzelnd: „Aber lieber Herr Rath, wir alle können einmal irren. Und wenn Ihnen übrigens soviel daran liegt, das Bild zu haben, gehen Sie nur zu Schulte im kleinen Lichtsaal, da habe ich es gestern hängen sehen.”

„Aber es wird jetzt ein Vermögen kosten!”

„Nun, es trifft ja keinen Armen!”

Wüthend lief der Alte davon. So oder so! Nur sich nicht öffentlich blamiren!

Und er kam zu Schulte. Der forderte rund tausend Mark, und er bekam sie auch.

Eine Stunde später hatte Doktor Breuer das Geld, denn natürlich war der Kunsthändler nur der Mittelsmann gewesen. Und wieder eine Stunde später brachte Doktor Breuer das Geld zu Fritz Wulkow, der nun erst hörte, auf welche Art der filzige Mäcen bestraft worden war.

Das alles aber hinderte den Herrn Kommissionsrath Lewald nicht, bei der nächsten Gelegenheit öffentlich und laut zu Fritz Wulkow zu sagen: „Sehen Sie, mein verehrter, theurer Meister, ich wußte schon damals Ihr großes Talent zu schätzen! Ich bin stolz auf den „sonnigen Tag im Moor”!

Der junge Maler nickte nur lächelnd dazu und dachte sich seinen Theil . . .

— — —

— — —

Auch diese kleinen, nicht sehr bedeutenden Erzählungen sind Abwandlungen des lateinischen Zitats: Habent sua fata libelli. [Anm. d. Hrsgb.]

— — —