Not macht erfinderisch.

Humoreske von Paul Bliß..
in: „Providencer Anzeiger” vom 17.07.1897,
in: „Indiana Tribüne vom 16.07.1897


Herr Waldemar Wimmer stand vor dem Spiegel. Fritz, der alte Diener, packte einen Reisekoffer.

„Nun, Fritz, wie schaue ich aus?”

„Brillant, Herr Wimmer, man sieht Ihnen Ihre fünfzig Jahre nicht an.”

Der alte Herr nickte. „Nicht wahr? Und ich kann doch noch Eindruck auf ein junges Mädchen machen, was?”

Fritz sah ihn sprachlos an.

Belustigt sagte der Alte: „Nun, staunen Sie nicht, Fritz. Ich reise jetzt auf die Brautschau.”

Der im Dienst ergraute Diener schwieg. Aber er schüttelte bedenklich den Kopf.

In diesem Augenblick stürzte Karl Kühne, des alten Herrn Neffe, athemlos in's Zimmer.

„Onkelchen, Du mußt mir helfen! Ich bin in der größten Verlegenheit!” rief der junge Mann.

Aber Onkelchen blieb ganz ruhig und sagte nur: „Erstens mal ist es keine Art, so in's Zimmer hereinzufallen, und zweitens habe ich jetzt keine Zeit, denn, wie Du siehst, will ich eben verreisen.”

„Aber mein Lebensglück hängt davon ab!”

„Ebenso das meinige,” sagte der Alte. „damit Du mich aber für Dein Glück oder Unglück nicht verantwortlich machst, will ich Dich trotzdem anhören.” Er winkte dem Diener zu, daß dieser hinausging.

„Also, was willst Du?”

„Lieber Onkel, ich muß in einer halben Stunde eine nothwendige Reise entreten und ich habe kein Geld. Borge mir 80 Mark! Am Quartalsschluß, sowie ich mein Gehalt bekomme, zahle ich Dir alles prompt zurück.”

„Und weshalb mußt Du verreisen?”

Zögernd entgegnete Karl: „Eigentlich wollte ich Dich dann überraschen: ich will zu meiner Braut fahren, um mir vom Vater das Jawort zu holen.”

„Und das ist so unaufschiebbar?”

„Gewiß, Onkelchen, denn meine Martha schrieb mir, daß ich sofort kommen müsse, weil ihr Vater einen anderen, reicheren Bräutigam bevorzuge.”

Lächelnd fragte der alte Herr: „Und wenn ich nun neugierig sein darf — wohin willst du fahren?”

„Nach Ruhheim, Onkelchen.”

„Zu Herrn Direktor Wedemeier?”

Karl starrte den Onkel an. „Du weißt es also schon?” fragte er.

Der Onkel schwieg ein Weilchen. Dann sagte er mit sarkastischem Lächeln: „Nun denn, mein lieber Karl, ich würde Dir das Geld nicht borgen, weil — nun, kurz heraus — weil ich selbst der andere bin, der heute um Martha anhalten will.”

Erregt rief Karl: „ber liebst Du sie denn? Oder liebt sie Dich denn?”

Der Onkel lächelte. „Lieben, mein Junge, ist ein Wort, an das nur die Jugend glaubt, zur Ehe sind vor allen Dingen geregelte Verhältnisse nothwendig, und wenn man sich sonst nur gut versteht, dann findet sich alles andere nachher von selbst!”

„Nun ich denke darüber eben anders!” rief Karl. „Also Du willst mir das Geld nicht borgen?”

„Bedaure, mein Jungchen, das hieße ja, mir selbst die Hände binden.”

„Nun, so werde ich anderswo Hilfe finden!” Damit stürmte der junge Mann hinaus.

Mitleidig sah Herr Waldemar ihm nach, dann meinte er: „Der arme Junge tut mir ja leid, aber schließlich ist sich jeder selbst der nächste.” Damit tröstete er sich, fuhr zur Bahn und bestieg den Personenzug, der ihn in drei Stunden nach Ruhheim bringen sollte.

Karl war unterdessen zum Pfandleiher gerast und hatte seine Uhr versetzt. Dann ging es im Galopp zum Bahnhof. Aber als er ankam, fuhr der Zug eben zur Halle hinaus. Gebrochen sank er auf eine Bank hin. Was jetzt beginnen?

Noth macht erfinderisch.

In zehn Minuten ging ein Schnellzug, dieser fuhr zwar direkt bis zur Endstation, hielt also unterwegs nicht, auch in Ruhheim nicht; aber diesen Zug bestieg er und sauste ab.

Ihm gegenüber saß ein kleiner, hagerer Herr, der einzige Fahrgast.

Nach fünf Minuten war man in bester Unterhaltung, und Karl erfuhr, daß der Fremde leberleidend sei und nach der Hauptstadt wolle, um sich einer Operation zu unterziehen. Sofort war Karls Plan gemacht.

„Wissen Sie, lieber Herr,” sagte Karl, „da thäten Sie aber besser, die Klinik des Herrn Doktor Wedemeyer in Ruhheim aufzusuchen, denn dieser Mann ist ein Spezialist und hat bereits hunderte von schweren Fällen kurirt.”

Der Fremde, ängstlich für sein Leben, ging auch darauf ein und bat Karl um nähere Mittheilungen.

Als Karl sah, daß er auf dem richtigen Wege war, ging er nun mit großer Vorsicht weiter vor, indem er die vortheilhaften Fähigkeiten des Ruhheimer Instituts pries.

So verging eine halbe Stunde, und man kam immer näher nach Ruhheim heran. Jetzt hieß es, alles zu wagen.

„Aber was ist Ihnen denn plötzlich, lieber Herr?” rief Karl seinem Gegenüber zu, „Sie sehen ja ganz gelb aus, als wenn Sie einen Anfall bekommen sollten.”

Der Fremde schrak zusammen und fragte voll Angst: „Herr Gott, was machen wir denn bloß dabei? Ich fühle mich wirklich schon ganz schwach! Was thun wir denn nur dabei?”

„Ja,” sagte Karl, „in zehn Minuten kommen wir ja an Ruhheim vorbei, aber der Zug hält ja hier leider nicht.”

„O,” rief der Fremde, „wir haben ja die Nothbremse dort. Der Zug muß einfach halten. Es koste, was es wolle; mein Leben ist mir doch lieber.”

Karl athmete auf. Er war gerettet.

Als man nach Ruhheim kam, wurde die Nothbremse gezogen. Der Zug hielt. Der Fremde meldete sich krank, zahlte die Strafe und fuhr dann mit Karl nach dem Sanatorium des Doktor Wedemeyer in Ruhheim.

Der Fremde ging zum Doktor. Karl suchte sofort seine Martha auf, der er alles mittheilte.

Eine Viertelstunde später trat das junge Paar vor den Papa Wedemeyer hin, und da dieser sich jetzt nicht mehr zu helfen wußte, gab er seinen Segen zu der Verlobung.

Zwei Stunden später kam dann auch Onkel Waldema an. Doch man erzählte sich, daß er gleich mit dem nächsten Zug wieder abgereist ist.

Der eigentliche Glücksstifter aber, der leberkranke Fremde, wurde bald wieder gesund und erwies sich äußerst dankbar Karl gegenüber, indem er ihm ein brillantes Hochzeitsgeschenk machte.

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