Jugend von heute.

Wahre Geschichtchen von Freiherr von Schlicht.
in: „Libausche Zeitung vom 9.9.1922


Im letzten Winter war's. Ich ging in einer Straße von Weimar auf dem Trottoir, als tiefer Schneefall war. Plötzlich lief ein kleines Mädchen von sechs Jahren auf seinen Skiern neben mir; aber das kleine Mädel war so reizend, daß ich nicht schelten konnte, sondern mir von ihm erzählen ließ, es hätte das Skilaufen in Oberhof gelernt und könne auch schon Skispringen. Eine ganze Weile unterhielt ich mich mit dem selten aufgeweckten kleinen Ding, bis ich ihm aber schließlich doch sagte: „Es ist ja sehr schön, daß Du schon so gut laufen kannst, aber wäre es nicht trotzdem besser, wenn Du auf dem Fahrdamm liefest, denn sieh mal, wenn Du hier auf dem Trottoir läufst, wird es doch so glatt, daß namentlich wir älteren Leute leicht hinfallen und uns unsere Glieder brechen können.”

Da sah mich das wirklich ganz allerliebste kleine Mädel mit seinen großen, runden Augen treuherzig an und fragte mich ganz verwundert: „Ja, aber macht denn das was, wenn Ihr alten Leute Euch was brecht?”

*     *     *

An der Kinokasse. Neben mir stehen zwei junge Leute, von denen ein jeder höchstens 16 Jahre alt ist, die aber trotzdem, als die Kassiererin sie nach ihrem Alter fragt, da Jugendlichen unter 18 Jahren der Zutritt verboten ist, frech erklären, sie wären zwanzig.

Etwas lügen muß man ja können und das kann ich auch, denn sonst könnte ich nicht so viele Bücher schreiben, aber trotzdem, diese Lüge geht mir, der ich sie zufällig mit anhöre, denn doch über die Hutschnur, und ich rufe den beiden zu: „Na, Jungens, wenn Ihr zwanzig seid, dann bin ich hundert.”

Worauf mich einer der beiden eine ganze Weile prüfend mustert, bevor er mir zur Antwort gibt: „Na, so alt sehen Sie aber auch aus.”


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