"Rumpelstilzchen"

Nun wenn schon!
(Jahrgangsband 1931/32)

Brunnen-Verlag / Willi Bischoff / Berlin, 1932

Glossen 31 - 33
14. bis 28. April 1932


31

Goethe und Ebert - Nach der Hundertjahrfeier - Die vier Nachrichter - Die Maßnahmen gegen die Braunhemden - Hindenburg-Worte - Gäbel und Brolat - Kostümprobe im Sklarekprozeß - Gut Deutsch.

Ganz Europa lachte.

Bei der Feier des 175. Geburtstages Goethes in Frankfurt a.M. im Jahre 1924 hatte der deutsche Reichspräsident Fritz Ebert in seiner Festrede gesagt:

"Goethe, der bisher nur einem kleinen Kreise von Fachgelehrten bekannt war . . ."

Sicherlich hatte Ebert schon als Volksschüler den Erlkönig und ein Dutzend anderer Gedichte Goethes gekannt, sicherlich im Theater das eine oder andere Drama Goethes gesehen, sicherlich mehr als einmal in seinem Leben das berühmte Wort aus dem Götz zitiert. Und Ebert war doch kein Fachgelehrter, sondern war ein kleiner Kneipenwirt in Bremen gewesen.

Aber an der lächerlichen Entgleisung in Frankfurt a.M. war er selber nicht schuld. Seine Reden machten ihm andere Leute, meist der Pressechef Ulrich Rauscher, der frühere Feuilletonist der Frankfurter Zeitung, und diesmal hatte sogar Staatssekretär Meißner, wie man sich erzählte, die Rede gebaut, und Meißner hatte doch - noch dazu in Straßburg - seine juristische Staatsprüfung mit "Sehr gut" bestanden. Auf seine Akademiker, Himmeldonnerwetter, muß man sich als Reichspräsident doch verlassen können!

Diesmal im März 1932 ist der hundertste Todestag Goethes auch festlich begangen worden, ja bis in den April hinein. Eine der schönsten Reden dazu hielt, im Rundfunk zu hören, namens der böhmischen Deutschen ein Prager Professor; den Namen habe ich vergessen. Die erhebendste Feier ist wohl die in Rom gewesen, bei der Mussolini selbst in deutscher Sprache unserm Genius huldigte. Dazu in Deutschland viel amtliches-halbamtliches mit dem gelegentlichen Versuche, Goethe zu einem Internationalisten und Vorläufer unserer guten Republikaner zu machen. Wer besser unterrichtet sein will, der kaufe sich - für nur 1½ Mark - das bei Lehmann in München erschienene Büchlein "Der nationale Goethe" und lege es jedem seiner heranwachsenden Kinder auf das Pult.

Nun sind die offiziellen Feiern zu Ende, nun beginnt die Fidelitas.

Ein paar Münchener Studenten, "Studierende der Theaterwissenschaft" (ich habe bisher nicht gewußt, daß es so etwas gibt), haben einen köstlichen Bierulk verfaßt: "Hier irrt Goethe". Der wird täglich im Renaissance-Theater in der Hardenbergstraße in Berlin gegeben. Feinschmecker sitzen im Parkett, manchmal ganz sonderbare männliche und weibliche Köpfe, die man in Theatern sonst selten sieht, eher bei einem Strawinskij-Konzert oder in einem literarischen Kabarett. Das Orchester spielt, der Vorhang geht hoch, etwa anderthalb Dutzend Darsteller schwingen die Beine und singen: "Wir sind der Operettenchor, der kommt anfangs immer vor!" Aha, die Verulkung beginnt, zunächst die der heutigen Operette.

Nun wird's wieder dunkel, und dann kommt das eigentliche Stück, "Hier irrt Goethe", Posse mit Gesang und Tanz.

Wieso irrt er? Weil es nur einen gibt, der unfehlbar ist, nämlich Emil Ludwig-Kohn, in diesem Stück Emil Ludwig M'Eckermann geheißen, und gegen den geht es in blutigen Ironien los. Er folgt Goethe von Straßburg nach Weimar als Reporter und Interviewer, aber - er hält Goethe für Casanova und Casanova für Goethe.

Ein etwas brettelhaft verzerrter Goethe (Kurd Heyne) und eine entzückende Charlotte v.Stein (Edith Anders) haben die schönsten Rollen, und wenn der Hofstallmeister v.Stein (Hellmut Käutner) Herrn Emil Ludwig und den anderen Darstellern einschließlich Serenissimus einen schwunghaften und ausdauernden Cake-Walk vortanzt, bleibt kein Auge trocken. Die Stimmung der Exkneipe lustiger Studenten wächst. Zuletzt wird der ganze Goethe-Rummel, das äußerliche Getue unserer Tage, das dem großen deutschen Dichter wirklich nicht gerecht wird, weidlich verulkt. Am Eingang zum Weimarer Schloßgarten erscheint eine Tafel:

"Goethe wants to see you!"

Mit einem Sprung sind diese Studenten aus dem Fenster ihres Literatur-Seminars an der Münchener Universität entwetzt, haben sich - wohl in Erinnerung an das Kabarett der elf Scharfrichter - die vier Nachrichter genannt, machen Fastnachtszauber in der Weltgeschichte und karrikieren sogar im Orchester den ganzen Kitsch unserer heutigen Operetten- und Tonfilmmusik, geben überhaupt eine Parodie auf das ganze Heute, so daß nicht nur Emil Ludwig M'Eckermann, sondern auch Richard Tauber (nicht genannt, nur in Fisteltönen angedeutet) die Geschundenen bleiben, auch unsere zeitgenössische Dummheit guillotiniert wird.

Gott sei Dank hat der heutige Reichspressechef, der Sozialdemokrat Zechlin, der täglich anderthalb Stunden lang dem Reichspräsidenten v.Hindenburg einen politischen Vortrag hält, ihm keine Rede über Goethe gemacht, auch Meißner hat es nicht zum zweiten Mal unternommen. Und Hindenburg hat wichtigeres zu tun.

Er hat so viel zu unterschreiben, darunter die neue Verordnung, durch die die Organisation seines Wahlkokurrenten Hitler, drei Tage nach der Präsidentenwahl, zehn Tage vor der Preußenwahl, amtlich zerschlagen wird. Das ist nicht das, was die Engländer "fair play" und was wir "Ritterlichkeit" nennen, es wird natürlich auch das Gegenteil des gewünschten Erfolges haben, wenn jetzt 400 000 S.A- und S.S.-Männer auf die Straße gesetzt und unter das Volk getrieben werden. Aber da kannst halt nix machen. Für Keuchhustenkinder soll Luftveränderung sehr gut sein, dem alten Feldmarschall v.Hindenburg ist aber die Versetzung nach Berlin offenbar nicht gut bekommen. Im Jahre 1920 schloß er seine Lebens Erinnerungen mit den Sätzen:

"Gegenwärtig hat eine Sturmflut wilder politischer Leidenschaften und tönender Redensarten unsere ganze frühere staatliche Auffassung unter sich vergraben, anscheinend alle heiligen Überlieferungen vernichtet. Aber diese Flut wird sich wieder verlaufen. Dann wird aus dem ewig bewegten Meere völkischen Lebens jener Felsen wieder auftauchen, an den sich einst die Hoffnung unserer Väter geklammert hat und auf dem vor fast einem halben Jahrhundert durch unsere Kraft des Vaterlandes Zukunft vertrauensvoll begründet wurde: das deutsche Kaisertum!"

Einige Jahre Berliner Luft aber brachten da eine Veränderung zuwege. Hindenburg unterschrieb das Republikschutzgesetz, in dem einem einzigen Deutschen, dem Kaiser, das Recht auf die Rückkehr nach Deutschland verboten wird.

Noch eins. Vor seiner Wahl im Jahre 1925 ließ Hindenburg seine Osterbotschaft an das deutsche Volk ergehen. Die war nicht von Rauscher oder Meißner, sondern, wie ich in meinem Buche "Bülow und der Kaiser" ausführlich erzählt habe, von mir verfaßt. Hindenburg unterschrieb, weil jedes Wort darin seine Meinung wiedergab, auch die Sätze:

"Es bedarf vor allem der Säuberung unseres Staatswesens von denen, die aus der Politik ein Geschäft gemacht haben. Ohne Reinheit des öffentlichen Lebens und Ordnung kann kein Staat gedeihen. Der Reichspräsident ist besonders dazu berufen, die Heiligkeit des Rechtes hochzuhalten."

Was daraus geworden ist, wissen wir alle, die wir die Barmat-Affäre und die anderen Skandale erlebt haben, zuletzt das Vorgehen des Staates gegen Gottfried Zarnows "Gefesselte Justiz", deren vorjähriger erster und jetzt erschienener zweiter Band doch das tägliche Lesebuch jenes Hindenburg von 1925 sein müßte. Und nun stecken wir seit Monaten in dem Prozeß gegen die Brüder Sklarek, für die wir Steuerzahler mit Millionen haben bluten müssen, nachdem die Vermischer von Politik und Geschäft, die Parteibuchbeamten, jahrelang bei den Sklareks Schlemmerfeste gefeiert und sich von ihnen haben kleiden und aushalten lassen. Der Sozialdemokrat Brolat, der es 1918 vom Schmied plötzlich zum Volksbeauftragten und schließlich zum Direktor mit 72 000 Mark Jahresgehalt gebracht hatte, brauchte auch noch die Zuschüsse von den Sklareks; und der Kommunist Gäbel, der nach kleinsten Anfängen ebenso plötzlich Stadtrat und Anweiser für Millionen von Reichsmark geworden war, mußte unbedingt von den Sklareks einen kostbaren Bisampelz für eine Geliebte haben, mit der er eine Vergnügungsreise nach Paris unternahm. Alle diese roten Brüder tun nur so, als wenn sie gegen die Bourgeoisie kämpften; nein, hinein wollen sie in die Bourgeoisie, für ihre Person hinein, und gleich mitten in die Fettlebe, und Frau und Fräulein Brolat müssen selbstverständlich von den Sklareks das eleganteste und auffallendste Presseballkleid bekommen. Und dann frißt man Kaviar mit Löffeln, während die Arbeitslosen sich kaum Margarine leisten können.

Gestern habe ich mir einmal diese Sippschaft in dem Prozeß angesehen. Das ist wahrhaftig lehrreicher als die Première irgend eines Theaterstückes.

Der ganze Innenraum des großen Schwurgerichtssaales ist vollgepfropft mit einem Dutzend Angeklagter und noch mehr Verteidigungspersonal. Unter den Anwälten lauter Kanonen, darunter der Sozialdemokrat und ehemalige Volksbeauftragte Landsberg. Es ist sehr bequem. Verhandelt wird nur Montags, Mittwochs, Freitags. An allen übrigen Tagen der Woche können die Sklareks ihre Geschäfte machen oder sich amüsieren. Wenn man noch eine 16-Zimmer-Wohnung hat . . . Und die Anwälte, diese Anwälte, machen es doch auch nicht umsonst, selbst wenn die Sklareks ihre Landsleute sind, sondern da rollen Millionen. Max Sklarek ist bekanntlich "vernehmungsunfähig" und verläßt angeblich seine Villa nicht. Nur die quecksilbrigen Brüder Willi und Leo sind immer da, zwei halbe Portionen Mensch, kleines schwärzliches Gelichter; wenn einer von ihnen aufspringt, denkt man, ein Gummiball hüpft. Willi hat Glatze von vorn bis hinten, Doppelkinn, Hängenase; Leo sieht etwas europäischer aus, kann seine Glatze noch zukämmen, hat die beweglichen Augen einer Maus in der Falle, aber um den Mund noch keine Angst, sondern immer noch Genußfreudigkeit. Was kann ihm denn viel geschehen? Unter den heutigen Verhältnissen? Wo selbst ein Barmat mit Bewährungsfrist freigelassen wurde? Nur der Vorsitzende, das ist richtig, ist nicht sehr angenehm, sondern widerwärtig kurz angebunden. Der kennt seine Pappenheimer und erlaubt es nicht, daß sie temperamentvoll die Führung an sich reißen.

"Ich bitte Sie, mir zu glauben, daß . . .", ruft, aufspringend, Leo.

"Setzen Sie sich und schweigen Sie!", sagt der Richter.

Und Leo setzt sich.

"Ich möchte . . .", ruft Willi und hebt den Finger.

"Sie möchten garnichts!", sagt der Richter.

Und Willi setzt sich.

Zur Zeit sind nicht die Sklareks im Gedränge, sondern alle die Bestochenen oder angeblich Bestochenen, die für einen Pappenstiel oder garnichts kostbare Kleider und Pelze erhalten haben. Verschiedene Mäntel und Anzüge sind zur Stelle und werden vor Gericht anprobiert. Der Stadtbankdirektor Hoffmann, der den Sklareks in Kreditangelegenheiten sehr - entgegenkam, und dafür u.a. einen Maßanzug, der 300 Mark gekostet hatte, mit nur 40 Mark angerechnet bekam, will beweisen, daß er regulär bezahlt habe. Mehr sei der Anzug nicht wert gewesen. Also hat er sich von einem Sachverständigen ein Gutachten machen lassen, im Jahre 1931 über einen 1924 gelieferten Anzug. Der sitze sehr schlecht, erklärt der Gutachter.

"Kein Wunder", bemerkt der Richter, "der Anzug ist ja sieben Jahre alt, und in der letzten betrüblichen Zeit hat auch Herrn Hoffmanns Bauch um 13 Zentimeter abgenommen."

Hier vor Gericht wird also stellenweise erfreulich deutsch gesprochen. Das Deutsche und Deutliche nimmt überhaupt zu, überall. Genosse Löbe sagt sogar unmißverständlich: Bürgerkrieg. Nur zieht freilich niemand die Folgerung daraus und verbietet das Reichsbanner. Viele Fremdwörter sterben ganz aus. Wenn einer "Adieu" sagt, dann ist es bestimmt kein Reichsdeutscher, sondern ein Schweizer. Und wenn einer in der Straßenbahn einer Dame auf den Fuß tritt, sagt er auch nicht mehr "Pardon", sondern: "Hoppla!"
14. April 1932 (Donnerstag)


32

Der Demonstrationszug - Die Musik kommt - Neue Kurztonfilme - Reinhardts sechste Helena - Indische Tänzer - Der Bettel nimmt überhand.

Der Verkehr stockt. In der Blücherstraße stauen sich bis zum Halleschen Tor schon 23 Straßenbahnwagen hintereinander. Nämlich: die kommunistische Partei macht querdurch, die Zossener Straße entlang, einen Demonstrationsmarsch.

Alles bis zu den Dreikäsehochs, die erst nach zehn Jahren wahlfähig sein werden, ist aufgeboten, um den Zug möglichst lang zu machen. Polizei bahnt der Kundgebung den Weg, Polizei bildet die Nachhut. Das Publikum, das fährt oder zu Fuß geht, kann warten, bis die schier endlose Geschichte vorbei ist. Wozu haben wir denn Verkehrsschutzleute? Einem von ihnen sagt eine Dame, sie müsse zu ihrer Ärztin, Blücherstraße 60, die Sprechstunde sei gleich zu Ende. Sagt der Schutzmann:

"Sie sehen doch selber, daß da kein Durchkommen ist! Wollen Sie durch den Zug, tun Sie es auf eigenes Risiko!"

Man liest soviel davon, daß Schutzleute alte Damen ritterlich über die Straße geleiten. Man kennt das englische Bild "Seine Majestät das Kind", wo die emporgehobene Hand des Bobby alles zum Bremsen bringt, damit das Kind ungefährdet auf den anderen Bürgersteig gelangen kann. Hier aber wagt es kein Polizist, in dem mehr als kilometerlangen Demonstrationszug eine Lücke zu schaffen, damit die Leute, die Droschken, die Straßenbahnwagen, die Karren die Zossener Straße queren können. Man steht vor Severings "politischen Kindern" stramm, und die Asphaltpresse verliert darüber selbstverständlich kein Wort.

Wie war es doch im alten Reich? Wenn da einmal mit Tschingtara ein Bataillon durchmarschierte, worüber männiglich sich freute und was nur wenige Minuten Aufenthalt verursachte, schimpfte man bei Mosse, weil die Kompagnien Anschluß hielten und sich nicht trennen ließen. Oder auch in der neuen Republik! Als am Skagerraktage ein Wachkompagnie Matrosen in der Wilhelmstraße aufzog und die Berliner die "blauen Jungen" anstrahlten, da berichtete Ullsteins Vossische Zeitung darüber unter dem Titel Verkehrsstörung.

Nun wissen wir es also: die Straße gehört den marschierenden Roten. Wer nicht zu ihnen gehört, mag zu Hause in seiner Stube bleiben. Und wenn er zu seiner Arbeitsstätte oder als Zeuge vor Gericht oder zum Arzte muß, das ist egal. Und der Soldat darf sich überhaupt nicht zeigen.

Und doch schreit das Volk, soweit es nicht durch die demokratische und sozialistische Presse verdummt ist, bis in die Arbeiterkreise hinein nach dem Soldaten, nach der Wiederkehr der allgemeinen Wehrpflicht und der Erziehung der männlichen Jugend durch sie; sowie - nach der Militärmusik. Wenn man die Probe machen könnte, würde man sicher feststellen, daß mindestens doppelt so viel Rundfunkapparate angestellt werden, sobald Militärmärsche ertönen, als wenn es sonst etwas zu hören gibt. Ohne Militärschwänke und Tschingtara hätte auch die Filmindustrie in den letzten Jahren sich nicht über Wasser halten können. Wenigstens im Beiprogramm muß es marschieren und trompeten. Also hat die Beipro-Tonfilm G.m.b.H. jetzt "Märsche aus alter Zeit" herausgebracht, vier kleine Tonfilmskizzen für das Beiprogramm, und bietet diese Kurztonfilmserie den Lichtspielhäusern an.

Als Verfasser zeichnet (neben einem Herrn Joe Marx) der bekannte Schriftsteller Hans Henning Freiherr Grote, von dem das prachtvolle Kriegsbuch "Die Höhle von Beauregard" stammt, und da habe ich mir natürlich gern die Probevorführung angesehen und angehört.

In einem ganz kleinen Kino der Friedrichstadt. Die Tonwiedergabe ist nicht ganz einwandfrei, aber das Herz klopft mit und die Beine schlagen den Takt. Also vier Märsche, vier Geschichtchen. Zuerst der Petersburger Marsch ("Denkst Du denn, denkst Du denn, Du Berliner Pflanze . .") von einem Leierkastenmann gespielt, der den ihn umhüpfenden Kindern vom alten Heer erzählt; und da ist es schon, da marschiert ein Bataillon in Friedensuniformen durch die Kleinstadt, fröhliche und begeisterte und komische Typen davor und daneben, und zum Schluß erleben wir eine Parade der neuen Reichswehr nach denselben Klängen. Weiter. Hohenfriedberger Marsch, vom großen König komponiert: wir sehen eine reizende Kinderstubenszene, der Junge spielt mit Bleisoldaten, schläft dabei ein, träumt und wacht mit dem Jubelruf auf: "Mutti, ich habe den Alten Fritz gesehen!" Wir auch. Vor seinem Notenpult, dann vor Sanssouci im Gespräch mit den Posten, zwei langen Kerls, und dann beim Niedersteigen über die Terrassen. Der Yorksche Marsch von - das wissen die meisten nicht - Beethoven: Ausmarsch eines Bataillons zum Manöver, erste Einquartierung auf einem Landedelhof, alles ist froh und beglückt. Zuletzt der Radetzky-Marsch: der elektrisiert selbst die alten Tarockspieler in der gemütlichen Weinkneipe, da müssen sie hinaus, und auch die Kellnerinnen können nicht zurückbleiben, und der einen, die sich weit über die Brüstung beugt, sehen wir in die taktmäßig wippenden Kniekehlen - und sicherlich wippt das ganze Publikum mit, wenn dieser militärische Kurztonfilm demnächst in dem Beiprogramm irgend eines Kinos erscheint.

Wir brauchen dieses Aufjubelnde, Emporreißende der Militärmusik, je trauriger das Leben um uns ist. Sogar Herrn Grzesinskis Schutzpolizei bekommt jetzt einen Schellenbaum, obwohl die unwiderruflich letzten und echtesten Republikaner dies für Militärspielerei erklären. Aber irgend etwas muß doch das ständige "Ist auch schon pleite!" übertönen. Ein Kopenhagener Fremdenführer, deutsch sprechend, sagte uns einmal: "Hier, das Bankenviertel; merschdendeels plahahaiteh!" In Berlin ist es doch erst recht so. Innerhalb einer Woche haben wieder drei Theaterdirektoren den Offenbarungseid geleistet.

Sogar Max Reinhardt kann nicht mehr, hat sein Deutsches Theater und die (schon längst geschlossenen) Kammerspiele sowie seine kleineren Bühnen im Berliner Westen aufgeben müssen und behält nur noch das Große Schauspielhaus.

Das ist der Mormonentempel für die breite Masse, die in atemloser Andacht und Ergriffenheit - was dachten Sie, Kunst? Ach, nein, - Lust genießen will. Farben, Fleisch, Töne, Tanz! Also da haben wir nun die Revue, zu der diesmal Offenbachs "Schöne Helena" ausgewalzt worden ist, und wenn nicht einige überraschende Bilder, gegen den dunklen Nachthimmel oder im Vorüberhuschen an einer hellen Mauer oder im Gewoge von Troja, aufrauschten, könnte man ruhig sagen: Max Reinhardt, der im alten Reich als Theaterzauberer so große Erfolge hatte, verzweifelt in der jetzigen Zeit an der Kunst und an dem Kunstverständnis und kopiert einfach Eric Charell, der Massenbrunst und gute Kasse zu machen wußte.

Im übrigen: das Publikum im Großen Schauspielhaus kapiert Pointen etwas schwerer als die frühere Stammkundschaft der Kammerspiele, also muß man sehr deutlich werden und aus den an sich schon saftigen Frivolitäten Offenbachs richtige Schweinigeleien machen.

Es ist pariserisch, nicht deutsch, sich über einen betrogenen Gatten zu amüsieren. Hier spielt der junge Max Hansen, einst flotter Kellner im "Weißen Rössel", den Hahnrei Menelaus und bringt die Frauen und Mädchen zum Kichern. Dabei wird Helenas Entführer Paris nicht von einem Jüngling von dem Berge Ida, wie wir ihn uns vorstellen, gegeben, sondern von einem feisten, kurzhalsigen Hethiter, so daß der Fehltritt der schönen Helena - die Tschechin Jarmila Novotna spielt und singt sie gut - garnicht zu begreifen wäre, wenn man nicht die schmierig-schmalzig-galizische Erklärung dazu bekäme. Paris, dem der Götterbote Hermes die Helena anbietet, wendet ein: "Sie gehört doch Menelaus!", bekommt von dem Gotte aber die Antwort:

"Sie ist verheiratet, also gehört sie niemand!"

Das ist die Predigt, die Max Reinhardt, der immerhin doch auch einmal das "Mirakel" und den "Jedermann" mit ihrer sittlichen Hoheit inszeniert hat, jetzt nur noch für uns übrig hat. Die Kunst ist zum Teufel. Sogar die Travestien eines Jakob Offenbach aus Köln werden noch verballhornt. Ein neuer dritter Akt ist hinzuerfunden, damit ein ganzes Heer von Trojanern und Griechen - Mädchen mit nackten Oberschenkeln - einen Krieg im Tanze mimen kann; und die zu einem Couplet Max Hansens verwurstete Barcarole muß es sich gefallen lassen, um des Schlagers willen aus dem Walzer in &frac24;-Takt transponiert zu werden.

Daß Aphrodite, die einst schöne, jetzt rippendürre La Jana, angeblich "nur mit ihrem Teint bekleidet", erscheint und dergleichen mehr, das stört den Großstädter in Berlin ebensowenig mehr als den in London oder Newyork, das Bacchanal ist schließlich auch nicht sinnlicher und berauschender als in Richard Wagners Pariser Fassung die Venusberg-Szene aus dem "Tannhäuser", nur platter und weniger musikdurchtränkt, aber das ist es eben, daß man das Publikum nur noch kitzeln und zum Grinsen bringen will, während man seine Augen übersättigt. Es ist Geschäft. Es ist das Geschäft mit der Angst vor de Pleite. Es ist die sechste Umformung der "Schönen Helena" durch Reinhardt, die die Pleite trotzdem nicht bannen wird, und diese Umformung bedeutet den Tiefpunkt unserer deutschen Theaterkultur.

Mit zwei Stücken, die noch aus seiner guten Zeit stammen, geht Reinhardt jetzt auf Reisen. Mit Schillers "Kabale und Liebe", worin die kaum siebzehnjährige Ursula Höflich die Luise gibt, und mit Goldonis "Diener zweier Herren", worin Hermann Thimig seine Humore spielen läßt. Es wird eine Tournée durch Italien. Dort hat soeben unsere Berliner Singakademie freundliche und begeisterte Aufnahme gefunden. Gegen solchen internationalen Austausch von Kunst ist nichts zu sagen, nur werden wir zur Zeit zu reichlich von Ausländern nicht nur mit Besuch, sondern mit ständigem Aufenthalt beehrt, und - wir haben nicht das Geld dazu.

Da gastieren eben indische Tänzer und Tänzerinnen bei uns im Theater des Westens. Auch noch ein Überbleibsel von der Pariser Kolonialausstellung, von der ganz Europa jetzt das Abgespielte bekommt.

"Kenner" äußern sich in den Zeitungen hymnisch über diese indische Kunst, aber unsereins hat nichts von der eintönigen Musik, das Tanzen der Männer kommt uns weibisch vor, das Züngeln der Hände und bei den Tänzerinnen das wellenartige Zittern und Zucken vom Halse bis zum Becken haben wir auch schon von Orientalen aller Sorten gesehen, kurz - bei Brahma, Wischnu und Shiwa - wir behalten unser Geld lieber in der Tasche.

Wenn wir es nicht - irgend einem Bettler geben.

Selbst in vorfaschistischen Zeiten habe ich in Italien nie so viel sich anstellende und bittende Not gesehen wie jetzt in Berlin. Kaum eine Straße mehr ohne Standbettler. Dazu das ewige Geklingel an der Tür, mal vorn, mal hinten. Wirkliches Elend, aber auch vorgetäuschtes von Berufsbettlern, die abends in einem guten Restaurant, gut angezogen, gut essen und trinken. Daß freilich ein Arbeitsloser, der vielleicht 10½ Mark die Woche Unterstützung bekommt, auf die Mildtätigkeit angewiesen ist, begreift man. Betteln ist und bleibt laut 361 des Strafgesetzbuches eine Übertretung, die mit Haft von einem Tag bis zu 6 Wochen und laut 362 auch noch mit Überweisung an ein Arbeitshaus bis zu 2 Jahren bestraft werden kann. Aber wenn ein Bettler heute nicht gerade Drohungen ausstößt, schimpft, Gewaltakte begeht oder auf betrügerische Weise Mitleid zu erwecken sucht, etwa mit gemieteten kleinen Kindern, die als hungernde eigene ausgegeben werden, wird keine Strafverfolgung eingeleitet, weil laut 54 eine strafbare Handlung nicht vorliegt, wenn die Übertretung aus einem Notstand heraus zur Erhaltung von Leib und Leben geschah.

Also drücken auch die Schutzleute beide Augen zu, wenn der Straßenbettel keinen Vorübergehenden ausläßt oder irgend welche Fechtbrüder vor den Augen der Polizei Laden um Laden abklappern.

Daß man durch von der Polizei ausgestellte "Bettelscheine" in den Beruf sich aufnehmen lassen könne, ist ein Irrtum. Es gibt überhaupt keine Bettelscheine. Es gibt nur Wandergewerbescheine für die verkappten Bettler, die Streichhölzer oder Schnürsenkel oder Ansichtskarten verkaufen oder vielmehr verkaufen zu wollen scheinen, aber am liebsten einen Groschen ohne Gegenleistung einstecken.

Wir kennen unsere Armen in unserem Viertel und geben, soviel wir können, aber nichts an fremde Berufsbettler. Die werden dann oft wild. Manche drohen mit der kommunistischen Revolution. Einmal bin ich einem aber nachgelaufen und habe ihm einen blanken Taler geschenkt. Der hatte mich nämlich angeschrieen:

"Euch verdammtem Pack wäre es gut, wenn wir wieder einen Kaiser hätten, dann wäre alles anders!"
21. April 1932 (Donnerstag)


33

Bonzendämmerung - Wie Kranke wählten - Die Konfektion verramscht - Im Obdachlosen-Asyl - Stullenbörse - Mittel gegen Zeitstehler und Dauergäste.

Bonzendämmerung . . .

Das Aufblasen des Dickwanstes, genannt Eiserne Front, hat nichts genützt. Nichts genützt hat auch der seit Jahr und Tag ausgestoßene Propagandaschrei der Sozialdemokratie: "Her mit dem zweiten Mann!" Nämlich jeder Parteigenosse sollte einen zweiten werben, sodaß die Roten sich verdoppelten.

Statt dessen haben sie bei der Preußenwahl ein Drittel ihrer bisherigen Mandate verloren!

Das ist das ungeheure Ereignis vom vorigen Sonntag, dieser Einbruch in die Reihen der bisher größten Partei und ihr Verlust an Gefangenen.

Viele haben sich wohl als Überläufer zu den Kommunisten geschlagen, die sonst dieselbe Einbuße erlitten hätten, aber sicherlich hat auch Hitler viele geschnappt. Dieser freilich noch mehr aus der zertrümmerten Mitte und aus der Rechten, wie namentlich die Ziffern von Pommern und Ostpreußen zeigen. Da habe ich in einem märkischen Städtchen Bauern gesprochen, die mir sagten, sie seien genau so deutschnational wie ich und blieben es auch, wählten aber trotzdem nationalsozialistisch.

Weshalb?

"Der Staat umkrallt uns den Hals, wir müssen schnell Luft kriegen, sonst krepieren wir, und Hitler ist der ärgste Feind dieses Staates, das sehen wir ja an der Verfolgung, und wird uns also am ehesten von dem Würgegriff befreien."

Ähnliches habe ich in Berlin von vielen Kaufleuten und kleinen Gewerbetreibenden gehört, von anderswoher ist es mir geschrieben worden, daß sich also zweierlei daraus ergibt: der Terror gegen die Nationalsozialisten, als seien sie die ärgsten Feinde des Staates, hat ihnen gerade Millionen neuer Wähler zugeführt; aber die halbe Million Wähler, die von der Rechten her in Verzweiflung zu den Braunhemden gegangen sind, kann bei nächster Gelegenheit wieder zu den Deutschnationalen zurückfluten, die nicht in den Trümmerhaufen der Mitte geraten sind.

Die Bonzokratie der Roten muß nun jedenfalls damit rechnen, daß in absehbarer Zeit ihre Gewaltherrschaft ein Ende hat und ihre Pfründen verloren sind, daß in absehbarer Zeit das Gebet in Anstalten der öffentlichen Hand den Kindern nicht mehr verboten sein wird und keine Gottlosen-Kabaretts für Kinder mehr auftreten dürfen, daß die Polizei fortan wieder Hüterin der Ordnung statt Werkzeug roter Präsidenten gegen die Nationalisten wird und daß der Stamm der Sklareks uns nicht mehr überwuchert.

Am vorigen Sonntag, ja, da konnten die Roten noch amtlichen Druck für sich einsetzen. Da gab es in den städtischen Krankenhäusern eigene Wahlbezirke, und die Stimmzettel wurden Bett für Bett von dem umherziehenden Wahlvorstand eingesammelt, soweit die Kranken sich Wahlscheine besorgt hatten. Aber die christlichen Krankenhäuser - Lazarus, Paul Gerhardt, Luther, Bethanien, Elisabeth - dürfen sich dieses Vorzugs natürlich nicht erfreuen, da liegen ja vielleicht mehr Patienten, die für nationale Parteien zu stimmen gewillt sind. Die dortigen Schwerkranken sollen also ihr Wahlrecht verlieren.

Im Lazaruskrankenhaus habe ich es an diesem Tage erlebt, daß eine dort mit Unfallverletzungen an Schulter und Fuß liegende Patientin, Ärztin von Beruf, die dazu noch unmittelbar vor einer Operation ihrer Gallenblase steht, sich von Wärtern auf einer Bahre hinaustragen und auf der Straße zum nächsten Wahllokal bringen ließ, wo sie glücklich und froh ihr "Hugenberg-Kreuzchen" machte und abgab, während auf Verlangen des Wahlvorstandes die Wärter eine Decke vorhielten, denn - geheime Wahl sei Vorschrift.

Aus einem anderen Krankenhaus wird mir berichtet, daß ein schwerverwundeter Nationalsozialist, von Roten angeschossen, trotz aller Gefahr für sein Leben, obwohl die Ärzte dringend vom Transport abrieten, sich ebenso hat forttragen lassen, damit seine Stimme - "Heil Hitler!" - nicht verloren gehe.

Solch einen Idealismus findet man bei anderen Parteien kaum. Die Demokraten begründen den Verlust fast aller ihrer Mandate sogar damit, daß sehr viele ihrer Anhänger zur Zeit an der Riviera weilten! Wer von rechts hat noch Geld zu solchem Aufenthalt?

Wer noch was hat, der schlägt es um ein Butterbrot los. Besonders, wenn es sich um nicht mehr "gangbare" Ware handelt, etwa um Konfektionsware aus dem Winter. Zufällig bin ich in einer großen Firma im Berliner Norden Zeuge solchen Ramschens geworden. Es sind holländische Aufkäufer da. Ein großes Gestell nach dem andern wird herangerollt, an dem durchschnittlich ein halbes Hundert von Kleidern und Mänteln hängt, deren Erzeugerpreis 25 bis 30 Mark betrug und die im Laden zu einem Preise bis zu 49½ Mark an das Publikum abgehen. Jetzt ist das abgelehnte Ware, in Berlin im nächsten Winter, wo die Mode ganz anders sein mag, nicht mehr verkäuflich. Aber warum soll das nicht, ein wenig verändert und umgemodelt von darauf eingefuchsten Schneiderstuben, in der Saison 1932/33 noch in Steenwijk oder Leeuwarden oder Hoogeveen an minder anspruchsvolle Holländerinnen aus den Nachbardörfern verkauft werden können?

Also die Ständer werden herangerollt, eilige Hände tasten die Reihe entlang, um festzustellen, daß es wirklich Mittelware verschiedener Qualität ist, nicht Pofel, und eine Stimme ertönt:

"Nehm' ich, Stück um Stück für 5 Mark!"

Kurzer Blickaustausch der Verkäufer, dann wird zugestimmt - meist zugestimmt - oder der Versuch gemacht, etwas mehr herauszuschlagen, 5½ Mark oder 6 Mark. Es geht um Tausende von Kleidern und Mänteln, die die Berlinerinnen im vergangenen Winter sich mangels Kasse nicht zulegen konnten. "Gott sei Dank, das Winterlager ist geräumt!", sagen dann die Chefs, auch wenn sie nur 20% des ursprünglichen Wertes der Sachen einkassieren können. Hier nehmen sie nur den Platz weg.

Ja, wir sind arm, sehr arm geworden, sodaß sogar die Konfektionsgeschäfte den Bedarf im vorigen Winter sehr stark überschätzt haben. Trotzdem kann der flüchtige Beobachter offenes Massenelend in Berlin kaum entdecken, dieses richtige Lumpenelend, das in gewissen Stadtvierteln Londons den Fremden von einem Führer gezeigt wird. Ich habe immer gedacht, im Berliner Asyl für Obdachlose, in der "Palme" in der Fröbelstraße, könne man am besten den Pegel unserer Not ablesen; da müsse ich also einmal hin. Zunächst lese ich, was man darüber erfahren kann, und staune: im Jahre 1914 gab es hier monatlich rund 160 000 Übernachtungen, jetzt aber sind es nur noch 16 000, so daß man den leichtfertigen Schluß daraus ziehen könnte, es gehe uns heute zehnmal so gut.

Jawohl, sagt mir ein guter Republikaner, so ist es auch. Nämlich die Wohlfahrtspflege arbeite heute, wofür wir noch Arbeitenden ja unsere Steuern bezahlten, so großzügig, daß auch der ärmste Berliner seine Bleibe bekomme und nicht obdachlos zu werden brauche. Klingt großartig. Wenn es stimmt, will auch ich die neue Zeit loben.

Ich werde wohl ganz bequem und einfach meine Feststellungen machen können, denn ich erinnere mich von 1914 her, daß es damals hieß, in der "Palme" werde man nach Nam' und Art nicht gefragt, brauche keine Ausweise, werde aufgenommen, wenn man komme, denn ohne Not gehe doch keiner ins Asyl für Obdachlose.

Gut, also ein Bekannter, der mit von der Partie sein will, und ich gehen hin. Wir finden das Lokal nicht gleich. Ein Schutzmann, den wir danach fragen, sieht uns trotz unserer alten und zerschlissenen Anzüge - der meinige ist noch "Friedensware" und wurde von unserem Burschen bei großem Hausputz angezogen - verblüfft an und sagt:

"Sie haben ja Kragen und Schlips!"

Au verdammt, das stimmt. Wir stammeln, daß wir nur studienhalber hinwollten und uns schon so schlecht als möglich angezogen hätten. Da gibt der Polizist uns Bescheid und fügt lächelnd hinzu:

"Sehen Sie sich nur vor, daß Sie da keine Fliegen bekommen!"

Er meinte Kleiderläuse. Ach was, so etwas gibt es doch nicht mehr. Nun stehen wir in dem Empfangsraum vor der Barrière, hinter der 7 Männer in weißen Leinenkitteln amtieren. Man tritt dort an, wo der Anfangsbuchstabe des eigenen Familiennamens angeschlagen ist, und nun beginnt, wenn man dran ist, ein Verhör wie beim Kriminalkommissar auf der Polizei. Etwa eine Viertelstunde kommt auf jeden Bewerber. Man muß seine Versicherungskarte zum Nachweis, daß man keine Arbeit habe, vorzeigen, seine polizeiliche Abmeldung, eine Bescheinigung über Wohnungslosigkeit, den Nachweis, wo man zuletzt genächtigt habe und weshalb man hierher komme, auch aussagen, ob man Verwandte in Berlin habe; wer welche hat, findet im Asyl keine Aufnahme.

Nun fällt es uns wie Schuppen von den Augen. Es ist klar, daß nur ein sehr kleiner Teil der verlumpten und obdachlosen Menschheit ein solches Verhör bestehen mag oder bestehen kann. Am wenigsten vielleicht wird ein zum ersten Mal Ausgesetzter und gänzlich Verarmter etwa aus gebildeten Kreisen hier vor allem Volk das Intimste aussagen wollen.

Dann verzichtet man lieber auf das Matratzenlager und sucht eine private Penne in irgend einem Keller auf, wo man für 15 Pfennige seinen Schlafplatz auf einer Holzbank bekommt. Also nicht unserer "vorbildlichen" Wohlfahrtspflege, sondern dem neuen Ausfrage- und Siebesystem ist es zuzuschreiben, daß das Asyl allmählich verwaist. Wir sind nicht hineingekommen, weil uns die nötigen vielen Papiere fehlten. Es soll uns aber doch noch gelingen. Ein alter Pennbruder hat uns den Weg dazu angegeben. Man solle einem von ihnen ein gutes Trinkgeld geben, damit er "privat" übernachten könne, dann leihe er einem gern seine Papiere. Man müsse nur einen ungefähr Gleichalterigen zu fassen kriegen, damit die Papiere glaubhaft seien, und sich seine Schicksale und Aufenthaltsorte genau erzählen lassen, um ein Verhör bestehen zu können. Wenn etwas nicht zu stimmen scheine, werde das zuständige Polizeirevier angerufen, und dann habe man natürlich den Salat.

Die "Palme" sei übrigens sauber und tadellos, man bekomme auch nachmittags um 4 Uhr eine warme Mahlzeit mit 150 Gramm Brot und morgens um 7 eine warme Suppe. Meist seien Stammgäste da, die sich nachmittags einfänden, nachdem sie in den Mittagsstunden ihre Bettelgänge durch die Stadt gemacht hätten. Was man da gesammelt habe, das bringe man auf die "Stullenbörse" in der Raumerstraße, wo die vielen belegten Brote dann verkauft würden, meist für 5 Pfennige das Stück. Das Geld werde versoffen, die Stullenbörse sei ein fideles Lokal mit Musikaufführungen und anderem Klimbim.

Das wollen wir uns alles einmal ansehen. Vorerst aber müssen wir ergebnislos das Asyl verlassen. "Euch hamse woll nich uffjenomm'?", ruft uns draußen einer zu. "Nee, mir ham Pech jehabt!", antworte ich und winke Abschied.

Gott bewahre uns davor, daß wir je aus wirklicher Not zu Asylisten werden. Wer kann das heute wissen? Ehemalige Millionäre kommen vielfach in Armenpflege. In Preußen bezahlen 53% der Einwohner keine Einkommensteuer. Dafür ist die der 47% umso höher. Auch Milliardäre wie Kreuger zerplatzen. Wie schön, daß man noch ein Dach über dem haupte und seine eigenen Zimmer hat! Auch wenn man, je älter man wird, umso weniger zur Ruhe kommt und quantitativ immer mehr arbeiten muß.

Bei der Arbeit will man nicht gern gestört sein. Es kommen immer Leute mit irgend einem Anliegen, das sich telephonisch schnell erledigen ließe, im Zwiegespräch Auge in Auge aber viel Zeit nimmt. Man kann da auch nicht mit kurzer Entschuldigung "anhängen". Vor den Leuten, die die Zeit uns stehlen, warnt ein Plakat in manchem Kontor. Ein Generaldirektor hat in Berlin W ein Schild in seinem Büro hängen, das den Eintretenden anschreit: "Kommen ist Silber, Gehen ist Gold!" So etwas kann man, wenn man zu Hause ist, natürlich nicht machen, aber dafür gibt es in manchen Familien gut gedrillte Dienstmädchen, die den Hausherrn zu etwas wichtigem abrufen. Etwas ganz verschmitztes hat ein Bekannter von uns, ein Großer der Industrie, herausgefunden. Er sagt:

"Sehen Sie, ich muß doch auch manchmal ein paar Leute einladen, selbstverständlich der Zeit entsprechend möglichst zu was einfachem, etwa zu Kaffee mit Kuchen und Likör. Der Boden brennt mir dabei unter den Füßen, denn ich habe zu arbeiten, zu arbeiten. Nun bleibt der und jener noch zum Abendbrot, das es bei uns um ½8 gibt, und will auch dann noch stundenlang nicht weg, weil frühes Aufbrechen nach der Sättigung sich nicht schicke. Dann lasse ich um 11 Uhr - sonst bleiben die Menschen womöglich bis in die späte Nacht und trinken unmäßig, was mir selber nicht bekommt - kleine belegte Brötchen und Bouillon in Tassen reichen. Das nimmt jeder gern, nur weiß er nicht, daß die Fleischbrühe jeder Tasse aus zwei Würfeln Sedobrol gebrüht ist. Das ist ein starkes Schlafmittel. Um ½12 wird das Gähnen epidemisch, und die Gäste empfehlen sich."
28. April 1932 (Donnerstag)



Glossen 28 - 30

Jahresinhalt

Glossen 34 - 36

© Karlheinz Everts