Wette um einen Kuß.

Erzählung von Paul Bliß, Arrlach.
in: „Alpenländische Rundschau” vom 07.01.1939


Am Stammtisch „Zur goldenen Kugel” ging es lustig her. Landwirte, Beamte, Handwerker und Kaufleute saße fröhlich beim Wein. Wie immer, wenn Männer beim Schoppen sitzen, kam das Gespräch bald auf das weibliche Geschlecht, und heute besonders auf die schöne Grete, die einzige Tochter vom Gutsbesitzer Nitschmann. Grete galt für unnahbar; denn kein Mann hatte es erlebt, von ihr jemals mehr als ein lustiges Wort erobert zu haben.

Ein junger Besitzer, der erst seit einigen Wochen auf seinem Hof saß, lächelte stillvergnügt.

„Ja, ja, Herr SWandow,” rief ihm heiter ein junger Kaufmann zu, „da wird auch Ihre Kunst versagen!”

Fritz Sandow, ein strammer Kerl mit lustigen Augen, sagte fröhlich: „Das möchte ich bezweifeln.”

„Fünf Körbe hat sie verteilt!” rief jemand.

„Also hole ich mir den sechsten!”

„Was gilt die Wette?” sagte der Förster, der auch einen Korb bekommen hatte, mit hochrotem Kopf.

Alles sah auf Sandow.

Der trank sein Glas aus und fragte: „Wetten — ja, mir scheint nur —” Er zögerte lächelnd.

Aber der Förster blieb fest. „Versuchen Sie Ihr Glück — erobern Sie sich vorerst mal einen Kuß!”

Alle redeten durcheinander.

Sandow saß still lächelnd da.

„Also, ich wette um zehn Flaschen!” rief der Förster ausgelassen.

Noch immer schwieg Sandow. Endlich begann er mit fröhlicher Stimme: „Also gut, ich nehme an — zehn Flaschen!”

Dann sagte Sandow ernst: „Aber ich bitte um strengste Diskretion, meine Herren!”

„Selbstverständlich!” klang es aus der Runde.

*           *           *

Am nächsten Morgen, als Sandow einen Rundgang durch Hof und Felder machte, überlegte er alles noch einmal, und nun bereute er, die Wette gemacht zu haben. Er schämte sich. Aber was war nun zu machen? Sandow hatte das Mädchen erst zweimal gesehen, aber das hatte genügt, um all sein Interesse zu wecken, und gerade die Sprödigkeit der jungen Dame reizte ihn erst recht.

Drei Tage später war Schlittenkorso.

Fritz Sandow, der selbst fuhr, hatte es so einzurichten gewußt, daß er neben den Schlitten Gretes kam. Auch Grete Nitschmann führte die Zügel, und heute im Pelzmantel sah sie netter aus als je. Die frische Schneeluft hatte ihr Gesicht leicht gerötet, so daß dem nebenherfahrenden Sandow das Herz vor Begeisterung klopfte.

Sandow wurde von Grete behandelt wie die anderen, höflich, aber kühl. Doch dadurch ließ er sich nicht beirren.

Plötzlich flogen Krähen auf, so daß die Pferde vor Gretes Schlitten scheu wurden, sich jäh nach rechts wandten, vom geraden Wege abbogen und nun im wildesten Tempo durchgingen. Sofort lenkte auch Sandow nach rechts hinüber und blieb an der Seite der durchgehenden Tiere.

Sandow rief dem Mädchen ein paar Worte zu. Dann wurde der Schlitten umgeworfen. Grete fiel in den Schnee, die Deichselstange brach ab, und die wildgewordenen Gäule rannten weiter.

Behutsam hob Sandow das Mädchen auf, und da hätte er den Kuß sich nehmen können, aber nun hatte er wieder nicht den Mut, es zu tun; denn aus den Augen des Mädchens traf ihn ein Blick, der ihn entwaffnete; ein Blick voll echt weiblicher Dankbarkeit. Das gab ihm sofort seine Haltung wieder.

Im nächsten Augenblick saß sie in seinem Schlitten, und schnell war alles vergessen; man lachte über den Zwischenfall, der so leicht hätte verhängnisvoll werden können. Zu seiner Freude entdeckte Sandow nun, daß dies schöne Mädchen auch sehr lustig und witzig sein konnte, und er fand nicht eine Spur mehr von jenem Stolz, der sie so verrufen gemacht hatte.

An diesem Tage küßte er sie nicht.

Fritz Sandow war mit einem Male sehr nachdenklich geworden. Er fand nun, daß er damals, als die Wette zustande kam, doch sehr im Rausch gewesen sein mußte; denn eigentlich war es doch unverantwortlich, eine Dame so bloßstellen zu wollen! —

*           *           *

Acht Tage später war Volksfest. Der große See vor dem Städtchen war zugefroren, und es gab eine prächtige Schlittschuhbahn. Alles, was laufen konnte, tummelte sich auf dem Eise. Fritz Sandow lief zusammen mit Grete Nitschmann. Und all die Stamm­tisch­freunde verfolgten das Paar; denn heute hoffte man Zeuge des lang ersehnten Schauspiels zu sein.

Aber man täuschte sich. Fritz und Grete blieben zwar unausgesetzt zusammen, sie unterhielten sich prächtig; das aber, was die Stamm­tisch­freunde so sehnsüchtig erwarteten, geschah nicht.

Das Paar lief weiter hinaus auf den See. Fritz erhob plötzlich warnend die Hand; denn er machte die Entdeckung, daß man in die Nähe der Löcher kam, die die Fischer ins Eis geschlagen hatten. Doch Grete nannte ihn einen „Hasenfuß”. Plötzlich begann das Eis unter ihr zu knacken. Sie schrie auf, und mit einem kühnen Bogen lief sie zu Sandow hinüber. Zitternd stand sie vor ihm. Ihre Blicke trafen sich. Keiner sprach ein Wort.

Da nahm er ihren Arm. „So, mein Fräulein,” sagte er lächelnd, „jetzt müssen Sie gehorchen.”

Schweigend fügte sie sich. Da kam ihn plötzlich wieder die Lust an, sie an sich zu reißen und sie zu küssen.

Doch einen Augenblick nur, dann war er der Anwandlung Herr. Und nun tat er heimlich den Schwur, sie nicht eher zu küssen, bis sie verlobt waren.

So kam es, daß die Stamm­tisch­freunde auch heute wieder mit enttäuschten Hoffnungen abziehen mußten. Aber als das Paar sich trennte, wußte Fritz, daß auch sie ihn liebte.

*           *           *

Noch am selben Abend gab er am Stammtisch die zehn Flaschen zum besten und sagte: „Meine Herren, ich habe die Wette verloren; ich bereue, was ich damals in der Übereilung gesagt habe; denn ich halte es für eine Frechheit, eine Frau auf solche Weise bloßstellen zu wollen; ich bitte also nochmals um strengste Diskretion über die ganze Geschichte.”

Sie tranken fröhlich weiter, und als der junge Förster in heiterster Laune Fritz beseite nahm und ihm heimlich zur bevorstehenden Verlobung gratulierte, da antwortete er mit vielsagendem Lächeln: „Was nicht ist, kann ja noch werden!”.

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