Wer zuletzt lacht.

Eine lustige Geschichte / Eine Gaunergeschichte von Paul Bliß
in: „Der Deutsche Correspondent” vom 05.04.1903, Text dazu,
in: „Montags-Revue aus Böhmen” vom 19.11.1906, Text dazu,
in: „Czernowitzer Allgemeine Zeitung” vom 22.11.1906, Text dazu,
in: „Zur guten Stunde” Weihnachtsnummer 1909,
in: „Der Deutsche Beobachter” vom 16.11.1899 unter dem Titel „Gefangen”, Text dazu,
in: „Volksfreund” vom 23.09.16 unter dem Titel „Der Murillo”, Text dazu,
in: „Niederösterreichische Volks- und Vereinszeitung” vom 23.09.16 unter dem Titel „Der Murillo”, Text dazu,
in: „Haarlem's Dagblad” vom 14. - 16.06.1910 unter dem Titel „De Murillo”, Text dazu

Der Autor hat unter dem Titel „Wer zuletzt lacht.” verschiedene Texte und einen der Texte, stark bearbeitet, unter einem anderen Titel veröffentlicht.


Gefangen

Eine lustige Spitzbubengeschichte von Paul Bliß
in: „Der Deutsche Beobachter” vom 16.11.1899


Karl Weber war einer von den „Entgleisten”

Er hatte seine Eltern früh verloren, war ohne Halt und ohne Grundsätze erzogen, bei Leuten, die den Fähigkeiten des frühreifen Knaben rathlos gegenüberstanden, und so wurde aus dem begabten Jungen, weil er früh in schlechte Gesellschaft gerieth, einer von denen, die von der bürgerlichen Moral in die Rubrik der „Entgleisten” klassifizirt werden.

Er hatte nie gelernt, etwas ordentliches zu arbeiten, auf vielen Gebieten war er zu Hause, aber nichts konnte er ganz; seit einem Jahre hatte er eine neue Fähigkeit an sich entdeckt, seine enorme Fingerferigkeit und Geschicklichkeit, anderen Leuten die Taschen auszuräumen. Anfangs machte ihm dies Spaß. Er ärgerte und neckte seine Freunde damit, daß er ihnen — ohne daß sie es merkten — Messer, Schlüssel und Feuerzeug aus den Taschen holte; später aber, als er wieder einmal kein Geld und nichts zu essen hatte, trieb ihn die Noth dazu, seine Geschicklichkeit auch einmal an den Taschen fremder Leute zu versuchen. Und siehe da, seine ersten schüchternen Unternehmungen gelangen über alles Erwarten gut, so daß er Muth und Lust zu neuen Raubzügen bekam. Natürlich nahm er stets nur Geldbeutel, auch pflegte er sich die Person vorher genau anzusehen, ob der Versuch sich auch lohnen würde. So entwickelte er dies neue Talent nach und nach derart, daß er jetzt nur noch dieser Spezialität lebte, die ihn denn auch recht gut ernährte und ihm in seinen Kreisen den Ruf eines „erstklassigen Arbeiters” eintrug; selbstverständlich war die Polizei ihm oft auf den Fersen, aber stets erfolglos, weil er sich niemals ertappen ließ.

Aber wie in allen Berufen, so auch hier: die Konkurrenz war groß — die Leute gingen mit ihrem Gelde sparsam um — und so kam es denn, daß Karl Weber manchmal tagelang umsonst operiren konnte, und was er fand, war kaum des Nehmens werth.

An einem solchen Unglückstage schlich er mißgelaunt und schon halb verzagt durch die Straßen; bereits fünf Eingriffe hatte er heute gewagt, aber noch nicht einmal sein „Tagegeld” hatte er dabei profitirt. Grübelnd, mit verstörtem Gesicht, schlich er weiter von Straße zu Straße.

plötzlich stand er still. Er sah eine elegante Dame ihre Equipage verlassen und an eine Schaufenster-Auslage treten. Da an diesem Schaukasten mehrere Menschen standen, trat er schnell hinzu, drängte sich unter die Beschauer und hatte wenige Minuten später bereits der eleganten Dame das Portemonnaie eskamotirt.

Jubelnd und seines Sieges sicher ging er mit seiner Beute von dannen. Als er eine Strecke entfernt war, trat er in eine Kneipe und ließ sich ein Glas Bier geben, bei der Gelegenheit öffnete er das geraubte Geldtäschchen, um zu bezahlen, und da machte er die fatale Entdeckung, daß in dem Täschchen nur zwei Mark steckten. Er war empört darüber, daß eine so feine Dame nicht mehr Geld bei sich trug. Dann faltete er einen Zettel, der auch noch in dem Täschchen war, auseinander. Es war eine Marke aus einer Färberei. Achtlos wollte er schon das Papier fortwerfen, als ihm plötzlich eine geniale Idee durch den kopf ging.

Er sah sich den Zettel noch einmal prüfend an. Die genaue Adresse der Dame stand darauf — die Geldbörse gehörte der Baronin von Waldhofen.

Sinnend sah der jugendliche Gauner das kleine Papier an — der Plan reifte weiter und weiter in ihm — endlich ließ er den Kellner kommen und erbat sich Tinte, Papier und Feder.

Und dann schrieb er mit gänzlich verstellter Handschrift Folgendes: „Liebe Emmy, ich erwarte Dich heute Abend 6½ Uhr bestimmt in der Linkstraße. Tausend Küsse von Deinem Bube.” Er faltete es zusammen und steckte es in die Geldtasche.

Fünfzehn Minuten später klingelte er beim Baron von Waldhofen. Als der Diener ihn nach seinem Begehr fragte, antwortete er sehr bestimmt, daß er dem Herrn Baron eine private Mittheilung von Wichtigkeit zu machen habe. Gleich darauf wurde er vorgelassen.

„Nun, was haben Sie denn?” fragte der Baron erstaunt und musterte ihn scharf.

Und ruhig und sicher entgegnete der Gauner: „Herr Baron, ich fand, als Ihre Frau Gemahlin eben ihren Wagen bestiegen hatte, diese Geldbörse, die vermuthlich Ihrer Frau Gemahlin gehört.”

Immer erstaunter sah Bron Waldhofen auf das Täschchen. „Allerdings, es gehört meiner Frau.”

Der junge Mensch nickte und sagte dann, ohne eine Miene zu verziehen: „Bitte, Herr Baron, untersuchen Sie den Inhalt.”

Der Baron that es. Als er den Zettel las, zuckte er zusammen, beherrschte sich aber sofort wieder, sah den Fremden an und fragte: „Sie kennen den Inhalt auch?”

„Ich kenne ihn, Herr Baron!”

Kleine Pause. Dann der Baron:

„Was verlangen Sie dafür, daß Sie darüber zu Jedermann schweigen?”

„Das zu bestimmen, überlasse ich dem Herrn Baron, da ich ja nicht weiß, wie viel diese Mittheilung dem Herrn Baron werth ist,” entgegnete der junge Gauner mit einem Anflug von Humor.

Jetzt mußte auch Waldhofen lächeln. „Na, fordern Sie nur,” sagte er heiter; „wenn mir die Summe zu hoch ist, können wir uns ja einigen.”

Karl Weber sann ein wenig nach, dann meinte er: „Nun, dreihundert Mark sind doch gewiß nicht zu viel dafür; wenn ich zum Beispiel diese Notiz irgend einem Sensationsblatt gegeben hätte, so wäre ich dort auch recht gut bezahlt worden dafür.”

Bei der Erwähnung eines Blattes bekam der Baron einen neuen Schreck. Kurz entschlossen schritt er zum Schreibtisch, entnahm der Kassette drei blaue Scheine, überreichte sie dem Fremden und sagte: „Hier ist, was Sie verlangen, aber Sie versprechen mir, zu Niemand darüber zu reden.”

„Selbstverständlich, Herr Baron!”

„Lassen Sie mir Ihre Adresse hier.”

„Gern, Nerr Baron,” und er schrieb eine schnell erfundene Adresse auf. Dann war er entlassen.

Jetzt war er wie umgewandelt. Dreihundert Mark in der Tasche, das war ein selten gut gelungener Coup! heiter und fidel ging er weiter.

Natürlich jetzt nur erst ordentlich gegessen und getrunken! — seit nahezu drei Tagen hatte er ja nur von Cacao und Eiern gelebt; — also lenkte er seine Schritte einem großen Münchener Bierhause zu.

Als er so gemüthlich beim Schoppen saß und nochmals das eben Erlebte an sich vorüberziehen ließ, trat ein Herr an seinen Tisch, grüßte höflich und sagte: „Guten Tag, Weber!”

Der Angerufene fuhr zusammen, aber der Schreck hielt nicht an, denn Karl erkannte in dem hinzugetretenen Gast einen alten Bekannten, den er seit einigen Monaten nicht gesehen hatte und dem ein eleganter Vollbart das Aussehen ganz verändert hatte.

„Ah, Riebenstahl,” begrüßte ihn Karl, „Dich hätte ich aber weiß Gott nicht wiedererkannt.”

„Ja. man muß sich halt schön machen,” entgegnete der Andere heiter.

Sie setzten sich nun zusammen, aßen, tranken und tauschten einige ihrer Erlebnisse aus.

Der Freund gehörte nämlich auch zur Zunft, er „arbeitete” hauptsächlich in Bankdiebstählen und hatte es darin zu einem gewissen Ruf gebracht.

„Erst jetzt,” so erzählte er ein wenig strahlend, „haben wir drüben in Potsdam eine sogenannte bessere Sache gehabt — über 80,000 Mark in Gold und Banknoten — und nur drei Mann daran beteiligt. Na, das lohnt sich doch, was?”

Karl nickte nur lächelnd.

„Du lachst? Glaubst Du es etwa nicht?” fragte der Andere leicht verletzt.

„Wenn Du es sagst, warum nicht.”

„Das kannst Du auch, denn es ist alles wahr!” Und dann erzählte er gleich noch von einem neu geplanten Einbruch bei der Kreditbank, aber dazu brauchten sie noch einen Hehler. „Ich würde Dich ja gern mit hinein nehmen, aber ich fürchte, Du bist noch nicht ganz „gewiegt” genug.”

Jetzt stieg Karl das Blut in den Kopf und mit hochrothem Gesicht begann er: „Was Du kannst, das habe ich längst gekonnt! Erst heute habe ich einen Fang gemacht, der Dir nie gelungen wäre!”

„Was wird's groß sein! ein Portemonnaie mit hundert Mark drinnen!” warf der Andere ein wenig geringschätzend ein.

„So, meinst Du! Nun, ich sage Dir, daß meine Idee direkt genial war!”

„Na also? schieß doch los! Ich bin der Erste, der Dein Talent anerkennen würde!”

Und nun erzählte Karl sein Erlebniß beim Baron Waldhofen — und er erzählte es mit solcher Erregung und Begeisterung, daß es ihm vollständig entging, wie das Gesicht des Anderen schadenfroher und verschmitzter mit jeder Minute wurde.

Als Karl geendet hatte, winkte der Andere nach draußen. Gleich darauf traten zwei Schutzleute ein und kamen direkt auf Karl zu.

„Verhaften Sie ihn,” sagte Herr Riebenstahl nur und gleich darauf bekam Karl Handschellen angelegt.

„Schuft Du!” zischte er dem ehemaligen Freund und Genossen zu; dann ließ er sich abführen.

Und dieser Herr Riebenstahl, der jetzt im Spitzeldienst der Kriminalpolizei stand, folgte den Anderen in einer Droschke. Er hatte es gesehen, wie Karl der Baronin das Geldtäschchen stibitzte, er war ihm erst in die Kneipe, dann zu dem Haus des Barons gefolgt und nun hatte er dem harmlos Vertrauenden das ganze Geheimniß entlockt — er lächelte boshaft. Mitleid kannte er nicht — auch ihn hatte man einst so gefangen — er rächte sich nur an der Welt, die ihn zu dem gemacht hatte, was er nun war.

Noch in derselben Stunde wurde Baron Waldhofen von der Kriminalpolizei benachrichtigt, daß er das Opfer eines frechen Betrugs geworden war.

Der Baron lächelte und sagte sich jetzt: Zu dumm von mir, daß ich eigentlich den ganzen Schwindel nicht selbst gleich durchschaut habe!

Als er dann seine Gattin kommen sah, überreichte er ihr feierlichst die Geldbörse und erzählte lachend das kleine Abenteuer, das er eben mit dem jungen Gauner erlebt hatte.

— — —

Wer zuletzt lacht.

Eine Gaunergeschichte von Paul Bliß
in: „Montags-Revue aus Böhmen” vom 19.11.1906,
in: „Czernowitzer Allgemeine Zeitung” vom 22.11.1906

(Vergleiche hierzu die Erzählung „Der Anfänger”)


Er hieß Fritz Behrend und war einer von denen, die man im bürgerlichen Leben als „entgleist” bezeichnet.

Von Beruf Schauspieler, war er ein gut gewach­sener Mensch von sympathischem Aeußeren und mit angenehmen Umgangsformen, die ihm überall, wohin er auch kommen mochte, schnell Freunde schafften, so daß man eigentlich hätte glauben können, er würde spielend seinen Weg machen. Leider war das nicht so. Der Hang zum Leichtsinn, dem er nie entgegen­arbeitete, brachte ihn mehr und mehr zurück. so daß er an keiner größeren Bühne festen Fuß fassen konnte und schließlich im tiefsten Schmierendasein mehr und mehr versumpfte, bis Trunk, Spiel und Schulden ihn endlich dahin brachten, daß er den festen Boden unter den Füßen verlor und auf die abschüssige Bahn des Verbrechens geriet.

Einmal in schlechte Gesellschaft geraten, sank er dann immer tiefer, bis er endlich jeden Gedanken an Arbeit aufgab und nur noch von dem Ertrag seiner Spitzbübereien lebte.

Bisher hatte er Glück gehabt. Noch niemals war er ertappt worden. Und dennoch hatte er schon so manchen erfolgreichen Griff in die Taschen anderer Leute getan.

Augenblicklich allerdings ging es ihm herzlich schlecht. Sein ganzes Vermögen bestand momentan aus kaum zehn Mark, und dabei wollte sich durchaus keine Gelegenheit bieten, einen lohnenden Fang zu tun.

Dazu kam noch, daß der Herbst sich schon sehr bemerkbar machte, der mit Nebel und naßkaltem Wetter einem die letzte Freude am Dasein rauben konnte.

Frutz Behrend stand nachdenklich da. Er fröstelte, denn sein Sommerpaletot war dünn und ziemlich abgetragen. Und es war durchaus keine Aussicht da, zu einem neuen Winterüberzieher zu kommen.

Sinnend ging er in ein Café und ließ sich ein Glas heißen Tee geben, um wenigstens den inneren Menschen etwas zu erwärmen.

Als er den warmen Trank hinunter schlürfte und den blauen Rauchringen seiner Zigarette träumend nachblickte, wurde ihm schon behaglicher zu Mute.

Da mit einmal fiel sein Blick auf den nahe bei ihm stehenden Garderobenständer.

Ah, wie seine Augen glänzten.

Dicht, ganz dicht neben ihm hingen da drei prächtige, stattliche neue Winterpaletots!

Schmunzelnd sah er hinüber, und unwillkürlich trafen seine prüfenden Augen bereits die Wahl, welcher von den drei Röcken ihm am besten passen würde.

Als er sich nach einigem Zögern entschlossen hatte, machte er seinen Plan. Zuerst hielt er genau Umschau. Aber niemand von den Nachbartischen achtete auf ihn, alle Herren saßen interessiert bei ihren Zeitungen. Dann winkte er scheinbar gleichgültig dem Kellner zu, zahlte seine Zeche, stand auf und trat an den Garderobenständer. Noch einmal sah er kurz auf. Niemand achtete seiner. Im nächsten Moment hatte er bereits den erwählten Paletot angezogen und verschwand. Draußen sprang er auf die erste Elektrische, die ihm entgegen kam und sauste davon.

Es war geschehen!

Ah, er atmete erleichtert auf. Famos war es ja gegangen! So einfach hatte er sich die Sache gar nicht gedacht. Und unwillkürlich mußte er lächeln über die Vertrauens­seligkeit und Sorglosigkeit der Menschen.

Als er eine eile gefahren und nun in ein anderes Stadtviertel gekommen war, stieg er ab und ging zu Fuß weiter.

Wie behaglich und mollig er sich jetzt fühlte in dem schönen dicken Paletot. Und er saß auch so ausgezeichnet, als wäre er direkt für ihn gemacht. Wirklich, es war ein glücklicher Griff gewesen! Ganz brillant wurde seine Laune.

Während er so mit vergnüglichen Augen weiterging und die suchenden Blicke immer nach einem neuen Fang aussandte, gesellte sich plötzlich jemand zu ihm.

„Ah, sieh' da!” rief Fritz Behrend fröhlich erstaunt, „der stille Hermann! Mensch, Dich hab' ich ja in ewiger Zeit nicht mehr gesehen! Wo hast Du senn gesteckt? Etwa gar im Kasten?”

Sie begrüßten sich und der andere erwiderte still schmunzelnd: „O nein; aber wie das so im Leben geht, man wird hin und her geworfen, bald hier, bald dorthin.”

„Bist Du etwa wieder bei der Schmiere gewesen?” Wieder lächelte der andere. „Auch das nicht,” entgegnete er nur.

„Oder hast Du eine so guten Fang gemacht, daß du als Rentier leben kannst?”

Noch immer schmunzelte der „stille Hermann” vor sich hin und endlich antwortete er: „Rentier bin ich nun gerade auch nicht.”

Fritz Behrend merkte, daß der Freund nicht so recht mit der Sprache heraus wollte. Das ärgerte ihn eigentlich, doch zeigte er es nicht.

Plötzlich wurde der andere redseliger. „Aber Dir scheint es ja jetzt sehr gut zu gehen, Du siehst ja riesig nobel aus. Der Paletot hat wohl 'n schönes Stückchen Geld gekostet, wie?”

„Kann schon sein,” klang es fast übermütig zurück, „nur mir nicht!”

Erstaunt sah der andere auf. „Dir nicht?”

„Bewahre! So was darf mir nischt kosten!”

„Ach so.” Jetzt verstand der Freund.

Fritz Behrendt nickte lächelnd: „Ja so! Stimmt, mein Sohn! Vor 'ner halben Stunde rannte ich noch fröstelnd in meiner Sommerpelle umher.” — Und während er das sagte, kam plötzlich eine ganz ausgelassene Stimmung über ihn, so daß er zu renommieren begann, um dem anderen, der so dusig und still war, mit seiner neuen Tat zu imponieren, und mit starker Uebertreibung schilderte er nun seinen neuesten Fang, der ihm vor einer halben Stunde so glücklich gelungen war.

Scheinbar ruhig, mit stillem Schmunzeln, hörte der Freund zu, nur ab und zu leuchtete es verstohlen auf in seinen lauschenden Augen.

Doch Fritz behrend sah nichts davon. Der hatte sich an seinen eigenen Worten so berauscht, daß er ganz glücklich war, und im Eifer der Unterhaltung rief er: „Na, Du brauchst deshalb noch nicht gleich den Kopf hängen zu lassen; auch Dir kann noch so'n guter Fang glücken; mancher lernt es eben schwerer! Mach' Dir deshalb keine Sorgen, Jungchen! Komm mit, ich schmeiß' 'ne Lage.”

Sie gingen in ein Restaurant und Fritz ließ Bier anfahren. Ruhig und gelassen machte der andere mit. Und je lebhafter Fritz wurde, der im halblauten Ton von seinen letzten Fischzügen prahlte, desto einsilbiger aber aufmerksamer wurde der Freund.

Endlich rüsteten sie zum Aufbruch.

Fritz Behrend, der ein wenig zu schnell getrunken hatte, merkte, daß er ein bischen angeheitert war, indes nahm er sich zusammen und zeigte nichts davon.

Ruhig und sicher stand er auf und schritt zu dem Garderobenständer.

Auf einmal erstarrte er vor Schreck. Wie gelähmt stand er da und stierte mit großen, angstvollen Augen geradeaus.

Was war das? Was war das denn nur!?

Unmöglich war das doch, ganz unmöglich!

Er mußte sich täuschen! Er war ja angeheitert! Es konnte doch nur Blendwerk sein!

Dort glaubte er an Stelle des neuen, stattlichen Winterpaletots seinen alten, abgetragenen Sommer rock zu sehen.

Unmöglich, ganz unmöglich war es ja doch!

Er machte sich stark, trat dem Garderobenständer näher und ging endlich mutig darauf los.

Aber mit einmal mußte er sich am nächsten Stuhl halten, um nicht vor Schreck hinzusinken.

Denn es war kein Blendwerk — seine alte graue Sommerpelle hing da.

Krampfhaft hielt er sich am Stuhl fest. Sein Gesicht war bald bleich, bald rot. Wut, Aerger, Scham, auch Angst durchrieselten ihn.

Was nun!? Was nun!?

Inzwischen war auch der Freund herangetreten. Mit einem einzigen Blick durchschaute er sofort alles. Und lächelnd, mit leiser Ironie, sagte er: „Es scheint, daß andere leute auch so schlau sind wie Du.”

Fritz Behrend erwiderte nichts. Knirschend vor Wut, aber dennoch ganz still, um jedes Aufsehen zu vermeiden, zog er seinen alten Rock an, und man ging hinaus.

Draußen zog er aus der Tasche einen mit Bleistift beschriebenen Zettel, darauf stand:

„Lieber Freund! Sie müssen noch viel lernen, wenn Sie von dem Geschäft leben wollen! Diesmal sind Sie an den Falschen geraten. Ich arbeite nämlich selber in der Branche. Und es hat mir viel Spaß gemacht, Ihre große Ungeschicklichkeit zu verfolgen. Also bessern Sie sich! So sind Sie keine Zierde für die Zunft.”

Der Freund kicherte leise. Fritz Behrend war bitter ernst, ihm verging das Lachen jetzt.

Einsilbig ging man weiter.

Plötzlich bekamen sie Gesellschaft. Ein ernst aussehender Mann trat auf einen geheimen Wink des „stillen Hermann” heran.

Sie heißen Fritz Behrend, nicht wahr?” fragte er schnell und bestimmt.

Der Angeredete fuhr vor Schreck zusammen und starrte bleich und zitternd von einem zum anderen.

„Sie sind mein Arrestant. Wir suchen Sie schon lange. Folgen Sie mir zur Wache!”

Im Nu saßen alle drei in einer Droschke.

Da erst kam Fritz Behrend wieder zu sich.

Wütend starrte er den ehemaligen Kollegen an. Dann fuhr er auf ihn los und schrie: „Pfui Deubel nochmal! Du bist ja 'ne nette Kanaille!”

Doch bevor er losschlagen konnte, hatte der Kriminalist ihn schon gepackt und gefesselt, so daß er wie gebrochen zusammensank und nun alles über sich ergehen ließ . . . . .

— — —

— — —

Wer zuletzt lacht.

Eine lustige Geschichte von Paul Bliß
in: „Der Deutsche Correspondent” vom 05.04.1903,
eine Novelle in: „Volksfreund” vom 23.09.16 unter dem Titel „Der Murillo”,
eine Novelle in: „Niederösterreichische Volks- und Vereinszeitung” vom 23.09.16 unter dem Titel „Der Murillo”,
Humoreske in: „Haarlem's Dagblad” vom 14. - 16.06.1910 unter dem Titel „De Murillo”


Im Thiergarten jubilirte und zwitscherte es aus allen Büschen und Bäumen, und die leuchtenden Strahlen der Junisonne huschten neckisch von einem Zweig zum anderen, bis sie endlich auch durch das dichte Blätterdach eines blühenden Kastanienbaumes hindurchlugten und in anmuthiger Spielerei auf der alten Bank, die unter deren Baum stand, hin und her tänzelten.

Auf eben dieser Bank saß Frau Helene Bergmann; aber sie merkte nichts von den Sonnenstrahlen noch vom Vogelsang; sie saß nachdenklich da und sah sinnend vor sich hin.

Sie merkte auch nicht, daß zwei Herren sich ihr näherten, und erst als eben diese beiden Herren in nächster Nähe der Bank still standen, da erst wurde sie ihrer Träumerei entrissen.

„Aber, meine liebe, gnädige Frau, was stimmt Sie denn an einem so prächtigen Vormittag so nachdenklich?” begann einer der Herren, indem er der schönen Frau galant die Hand küßte.

Frau Helene lächelte äußerst liebenswürdig, wenn schon auch etwas versteckte Schelmerei da war, und dann erwiderte sie neckisch: „Natürlich! Sie, meine Herren, können sich nicht denken, daß man Sorgen haben kann.”

„Oh!” rief der Eine, und „Oh! Oh!” ergänzte der Andere, indem sie Beide vor der jungen Frau mit leichter Kopfneigung dienerten.

„Nun ja, ich habe also Sorgen, — ja! wirklich! — ganz ernste Sorgen,” scherzte sie weiter, — „Sorgen, die mir nahe gehen.”

Jetzt schwiegen beide Herren, und Beide sahen sie nun voll reger Antheilnahme auf die Dame.

Frau Helene aber, amüsirt durch den Eindruck, den ihre Worte gemacht hatten, rief heiter: „Vor allem, meine Herren, bitte, setzen Sie sich; es sieht dann weniger feierlich aus, wenn ich Ihnen mein sorgenschweres Herz ausschütte.%rqduo;

Und schnell, wenigstens so schnell als ihr reifes Alter es ihnen gestattete, nehmen die Herren Platz, natürlich derart, daß Frau Helene in der Mitte saß.

Und als man nun so einträglich neben einander saß, sah die junge Frau erst nach rechts, dann nach links, dann sah sie vor sich hin, lächelte heimlich und dachte: der rechts ist sechzig und hat Podagra, der links ist mindestens ebenso alt und hat Gicht, — aber Beide machen sie, als gute Freunde des Hauses, dir den Hof, und das verjüngt sie und macht sie erträglicher, als sie sonst wohl wären.

Dann begann sie zu beichten. „Also denken Sie sich, meine Herren, heute komme ich bei dem Kunsthändler Botti vorbei, da sehe ich im Fenster einen Murillo, eine Madonna, natürlich nur eine Kopie, aber eine von des Meisters Schüler! ubd dies herrliche Werk ist, besonderer Umstände halber, für tausend Mark zu haben.”

Ein „Ah” von den beiden Herren.

„Nicht wahr, das ist fabelhaft billig? Aber natürlich wird Botti das Bild keine drei Tage behalten, denn für den Preis ist es ja direkt gefunden; wenn man es also erwerben will, müßte man sich sofort entschließen.”

„Und Sie wollen es erwerben?” fragten die beiden Herren zugleich.

„Sagen wir, ich möchte!” lächelte die Frau.„Für mein leben gern möchte ich es haben — aber wie, wie? Das ist ja eben meine Sorge! Tausend Mark ist keine Kleinigkeit, soviel kann man vom Wirtschaftsgeld nicht ersparen! Also wo einen Bräunling hernehmen?”

„Ihr Mann muß es Ihnen schenken!”

„Mein Mann? Ach, lieber Freund, das wird nichts.”

„Gewiß! Waldau hat Recht! Bergmann muß das Bild kaufen und es Ihnen zum Geburtstag schenken, noch heute Vormittag werde ich mit ihm sprechen,” fügte der Andere hinzu.

Die junge Frau nickte heiter: „Meine Herren, ich danke Ihnen für Ihr Interesse, aber ich fürchte, Sie erreichen doch nichts. Sie wissen so gut wie ich, daß mein Mann nur dann einen Gegenstand kauft, wenn er von dem geforderten Verkaufspreis die Hälfte — oder doch ein gutes Theil abhandeln kann; da nun aber Botti bekanntlich feste Preise hat, so dürfte aus dem Kauf doch nichts werden, selbst wenn Sie auch meinen Mann darauf aufmerksam machen würden.”

Dies schien den Herren einzuleuchten, denn einen Augenblick schwiegen sie Beide;plötzlich aber bekam Herr Waldau eine Idee; sein Gesicht verklärte sich, er lächelte verstohlen und sagte: „Meine verehrteste Freundin, machen Sie sich keine Sorge mehr, sondern gestatten Sie mir, daß ich mit Ihrem Mann spreche; in drei Tagen ist Ihr Geburtstag und da soll Bergmann Ihnen das Bild auf den Gabentisch legen, — bitte, sagen Sie nichts dagegen, sondern überlassen Sie alles mir, — ich bringe den knauserigen Ehemann dahin, daß er das Bild kauft.”

Und ehe Frau Helene noch etwas erwidern konnte, hatte der galante Herr Waldau sich schon empfohlen, um Herrn Bergmann aufzusuchen.

Aber als er nun forteilte, ging er nicht gleich zu dem Ehemann der schönen Frau, sondern jetzt ging er geradenwegs zu dem Kunsthändler Botti, um seine Idee zu verwirklichen, — zwar machte er sich darauf gefaßt, nun ein paar blaue Scheine opfern zu müssen, aber darauf kam es ihm nicht an, — handelte es sich doch darum, der schönen jungen Frau, die er in stummer platonischer Liebe anbetete, eine Freude zu machen! — einen Augenblick dachte er sogar daran, das Bild allein zu kaufen, um es der Verehrten zu schenken, aber ebenso schnell ließ er diesen Gedanken wieder fallen, weil er die Eifersucht seines Freundes Bergmann, so grundlos sie auch war, kannte.

Als er zu Botti kam. ließ er sich den Murillo zeigen. Er betrachtete das Bild eine ganze Weile, aber da er von Kunst absolut nichts verstand, konnte er an der Madonna nicht das Geringste bewundern; schließlich machte er kurzen Prozeß, nahm Herrn Botti bei Seite und sagte: „Also hören Sie, — heute Mittag werde ich mit einem Herrn zu Ihnen kommen, der dies Bild kaufen will; besagter Herr aber kauft nur dann, wenn er von dem geforderten Preis einen Theil abhandeln kann. Da ich nun weiß, daß Sie feste Preise haben, und da ich wünsche, daß der Herr das Bild unbedingt kauft, so erbiete ich mich, die Differenz zu zahlen. Hier hinterlege ich vorerst fünfhundert Mark. Was der Herr abhandelt, zahle ich nach. Sie verstehen mich doch, nicht wahr?”

Der Händler nickte verbindlichst und verbarg sein ironisches Lächeln.

„Selbstverständlich muß das Ganze streng diskret gehandhabt werden, das ist mir die erste Bedingung.”

„Vollkommen, mein Herr! Sie können sich ganz auf mich verlassen.!” versicherte Botti. „Niemand erfährt etwas von unserem Abkommen.”

Herr Waldau zählte fünf Hundertmarkscheine hin, Herr Botti strich sie schmunzelnd ein — das Geschäft war gemacht, und Herr Waldau ging mit glücklichem Lächeln von dannen; er freute sich herzlich über seinen guten Einfall, denn er wußte ja, daß er der schönen jungen Frau eine große Freude dadurch bereitete, und dies Bewußtsein genügte ihm vollauf, — er war ein alter Mann, der vom Leben nichts mehr zu erhoffen hatte, — und übrigens erhoffte er auch nichts mehr, er hatte den Kelch der Freude reichlich genossen, — jetzt fand er eine stille und reine Freude daran, denjenigen Leuten, die er lieb gewonnen hatte, das Leben zu verschönen und ihnen die Sorgen so viel als möglich zu erleichtern.

Er stieg in eine Droschke und fuhr nun direkt zu Bergmann, um ihn zu dem Kauf zu bestimmen.

Und als er nun durch die belebten Straßen dahinfuhr, mußte er lächeln, denn er dachte daran, wie er seinem gleichalten Freund Wolf zuvorgekommen war, — der gute Karl saß nun jedenfalls noch bei der schönen Frau Helene im Thiergarten und plauderte über allerlei gleichgiltige Dinge! Der hatte keine Ahnung von der genialen Idee, die soeben zur That geworden war! — Lächelnd fuhr er weiter.

Aber der gute Waldau täuschte sich.

Auch Herr Wolf war ein platonischer Verehrer der schönen jungen Frau, auch ihn ließ der Gedanke, wie man der Angebeteten helfen könnte, ohne Aufsehen zu machen, nicht zur Ruhe kommen. Und während er mit der jungen Frau scheinbar ruhig weiter plauderte, zog er heimlich alle nur denkbaren Möglichkeiten in Erwägung, bis er endlich zu einem Resultat gekommen war.

Als er sich von der Dame empfahl, ging auch er direkt zu dem Kunsthändler Botti, bei dem er nach der Murillo-Kopie fragte.

Er besah das Bild lange und eindringlich, da aber auch er nicht das Geringste von Kunst verstand, konnte auch er dem Bilde nichts abgewinnen; endlich fragte er: „Tausend Mark soll es kosten, nicht wahr?”

Botti lächelte verschmitzt, besann sich keinen Augenblick und antwortete: „Eintausendfünfhundert Mark, mein Herr.”

„Wie denn? Sie haben den Preis erhöht?”

Botti nickte schmunzelnd: „Es sind mir schon weit über tausend Mark dafür geboten worden, mein Herr.”

Herr Wolf dachte einen Augenblick nach, dann begann er: „Also ich hätte einen Käufer für das Bild; ein Freund von mir beabsichtigt, es seiner Frau zu schenken, — aber die Sache hat noch einen Haken —”

Botti spitzte die Ohren, machte aber das gleichgiltigste Gesicht von der Welt.

„ — nämlich mein Freund hat die Angewohnheit, zu handeln.”

„Hä! hä!” platzte Botti lachend heraus, wurde aber sofort wieder ernst.

„Ja. leider ist es so. Also wenn Sie ihm nun Fünfzehnhundert abfordern, wird er wahrscheinlich nur Sieben- oder Achthundert zahlen wollen.”

„So, so,” sagte der Andere nur.

„Natürlich könnten Sie darauf nicht eingehen, das ist ja selbstverständlich! Da mir nun aber daran liegt, daß der Herr das Bild kauft, so will ich Ihnen einen Vorschlag machen, — ich zahle Ihnen siebenhundert Mark jetzt gleich, so daß Sie also im Stande wären, das Bild für achthundert Mark herzugeben. Würden Sie darauf wohl eingehen?”

„Warum sollte ich das nicht, mein Herr,” erwiderte Botti schmunzelnd, „gewiß, gern gehe ich darauf ein; es darf nur nicht bekannt werden, daß ich von meinen Preisen die Hälfte herunterlasse.”

„Seien Sie außer Sorge, das wird nicht bekannt werden, natürlich müssen auch Sie die Sache streng diskret halten, denn bedenken Sie, daß es sich dabei um eine Dame handelt.”

Der Kunsthändler versprach alles.

Herr Wolf zählte sieben blaue Scheine auf den Tisch und empfahl sich mit den Worten: „Ich gehe nun also, sofort den Käufer zu holen.”

Als Botti allein war, lachte er laut auf. So etwas war ihm in seiner Praxis noch nicht vorgekommen. Sicherlich konnte man mit verliebten Leuten die besten Geschäfte machen, sagte er sich schmunzelnd. Und während er nun über die ganze Entwicklung der Angelegenheit nachdachte, entsann er sich auch der Dame, die heute früh, als das Bild eben angekommen und ausgestellt war, sich nach dem Preis erkundigt hatte. Sicherlich war es diese Dame, die hier in Betracht kam!

Schmunzelnd stand er vor dem Bilde. Vor einer Stunde hatte er es für hundert Mark aus einem Nachlaß gekauft. Ob die Kopie wirklich von einem Schüler Murillos stammte, das wußte er nicht, aber man hatte es ihm gesagt, und ebenso hatte er es der Dame dann wieder gesagt. Offen gestanden, er glaubte es selber nicht; aber das durfte er, als tüchtiger Geschäftsmann, natürlich nicht eingestehen!

Lächelnd ließ er die zwölf Hundertmarkscheine, die beide Herren ihm angezahlt hatten, durch die Finger gleiten, — das Geschäft machte sich wirklich! Man konnte damit zufrieden sein, es war ein glücklicher Tag in der sommerlich schlechten Geschäftszeit!

Herr Bergmann rauchte behaglich seine Cigarre und las die Zeitung, als sein Freund Waldau bei ihm eintrat und sein Anliegen vortrug.

Ruhig hörte Bergmann zu, was der Freund sagte, und als dieser meinte: „Das Bild kostet zwar tausend Mark, und davon darfst Du nichts abzuhandeln versuchen, denn Botti hat feste Preise,” — da erst stand Bergmann auf, legte die Zeitung hin und erwiderte mit überlegenem Lächeln: „Lieber Waldau, Du sprichst wie der Blinde von der Farbe! Bei jedem Kaufmann kann man handeln, und bei einem Kunsthändler muß man es sogar thun!”

„Für Denjenigen, der nicht zu kaufen versteht! Und obgleich ich erst nicht rechte Lust hatte, das Bild zu erwerben, so habe ich mich nun doch dazu entschlossen, schon um Dir zu beweisen, daß selbst Herr Botti kein Herz von Stein hat! Ich bin also bereit, und ich bitte Dich, mich zu begleiten, damit Du siehst, wie ich meine Einkäufe zu machen pflege.”

Waldau freute sich heimlich, daß ihm sein Plan so schnell und so gut gelang; äußerlich aber blieb er ruhig und antwortete: „Wenn Du es wünschest, gehe ich natürlich gern mit.”

Eben als sie aufbrechen wollten, kam auch Freund Wolf dazu.

Als Waldau ihn eintreten sah, mußte er lächeln, „Du kommst zu spät, lieber Wolf,” rief er, „ich habe unseren Freund bereits zu dem Kauf bewegt.”

Wolf verbarg seine leichte Enttäuschung und sagte nur: „Um so besser, da kann ich also meine Worte sparen.”

Bergmann aber sagte mit lächelndem Erstaunen: „Kinder, das ist ja das reine Komplott! Ihr habt Euch wohl zusammengethan, mich Euren Wünschen gefügig zu machen!”

„Aber wieso denn? Wir glaubten, Dir und Deiner Frau zugleich einen Gefallen zu erweisen!” versicherten die beiden alten Freunde.

„Nun gut,” erwiderte Bergmann, „ich will an die Reinheit Eurer Gefühle glauben. gehen wir also. Und Du, lieber Wolf, kommst doch auch mit, nicht wahr?”

„Warum denn nicht.”

„Ich bitte darum, denn auch Du sollst sehen, daß ich für das Bild keine tausend Mark zu geben brauche.”

„Es kostet bereits fünfzehnhundert,” entgegnete Wolf, „ es hat schon mehr Liebhaber gefunden.”

Waldau bekam einen Schreck, schwieg aber.

Während Bergmann lachend sagte: „Es ist also die höchste Zeit, daß ich mein Angebot mache.”

Zehn Minuten später waren sie in dem Kunstladen.

Als Botti die Drei in so schöner Eintracht zusammensah, dachte er: Oh, du armer Ehemann! — Indessen verkniff er sich die Sentimentalität schnell und war auf ein gutes Geschäft bedacht.

Bergmann besah das Bild. Auch er verstand nichts von Kunst. Weil aber seine Frau den Wunsch geäußert hatte, entschloß er sich zum Kauf, obgleich er dem Bilde gar nichts abgewinnen konnte.

Und nun begann der Handel.

Botti forderte fünfzehnhundert und Bergmann bot fünfhundert Mark. Die beiden Freunde waren entsetzt; Botti versicherte hoch und theuer, daß er keinen Heller ablassen könnte, und Bergmann lächelte zu alledem nur. So handelte man weiter. Botti ließ nach und nach herunter, und Bergmann war großmüthig genug, nach und nach ein wenig zuzulegen.

Nach Verlauf einer heißen Viertelstunde hatte Bergmann den Murillo für achthundert Mark erstanden, worauf er triumphirend seine beiden alten Freunde ansah.

„Nun, was sagt Ihr? Hatte ich nicht Recht?” fragte er, als man wieder draußen war. „Man muß eben Menschenkenner sein und sich nicht betippeln lassen!”

Die beiden Freunde nickten beistimmend, aber jeder von Beiden dachte: wenn du wüßtest!

Eine Viertelstunde später kam Waldau noch einmal zu Botti.

„Sie bekommen von mir noch zweihundert Mark,” sagte er.

„Wieso denn, mein Herr?” fragte der Händler erstaunt.

„Ich versprach Ihnen doch, die Differenz zu zahlen; — fünfhundert zahlte ich an, achthundert hat Herr Bergmann nur bezahlt, mithin muß ich doch noch zweihundert zulegen, nicht wahr?”

Sofort pflichtete Botti bei, — er konnte sich doch nicht ins eigene Fleisch scheiden — so steckte er also den Rest auch noch ein, und hatte somit gegen 2200 Mark für den angeblichen Murillo erhalten. „So ein Geschäft wünsche ich mir jede Woche nur einmal!” sagte er sich, schmunzelnd.

*           *           *

Nun stan also der Murillo vorläufig im Privatbureau Bergmann, wo er bis zu dem Geburtstage aufbewahrt und versteckt bleiben sollte.

Aber Herr Bergmann war so stolz auf diesen billigen Einkauf, daß er alle seine Freunde und Bekannten vor das Bild führte und damit prahlte.

Der Zufall fügte es, daß auch ein Mann der Wissenschaft, ein Kunsthistoriker und genauer Kunstkenner, den Murillo zu sehen bekam.

„Na, ist das nicht wirklich ein billiger Kauf?”triumphirte Bergmann.

Der Andere lächelte, sah das Bild noch einmal genau an, und endlich sagte er: „Das Bild ist ein Schmarrn und keine dreihundert Mark werth.”

Bergmann wurde bleich vor Schreck. Zitternd fragte er: „Das — das ist doch nicht Ihr Ernst?”

„Oh ja, durchaus, mein Herr! Das Bild ist ganz werthlos.” Damit empfahl er sich.

Der arme Bergmann saß geknickt da und rang nach Athem. Was nun? Was nun?

Er schalt und schimpfte auf die beiden Freunde, die ihn zu dem Kaufe verleitet hatten und ebenso auf den Händler, der ihn betrogen hatte. Und er schwur, schreckliche Rache nehmen zu wollen.

Aber je länger er darüber nachdachte, desto mehr kam ihm zum Bewußtsein, daß er am besten that, keinen Skandal zu machen, jede Blamage sich zu ersparen und lieber sich durch eine List zu rächen.

Nachdem er alles genau durchgedacht hatte, ging er zu einem Freunde, den er als besonders pfiffig kannte, und weihte ihn in das Gehimniß ein . . . . .

In der nächsten Stunde schon erschien bei Botti ein Herr, der nach dem Murillo fragte.

„Bedaure,” sagte der Händler lächelnd, „der ist bereits verkauft.”

„Oh, das ist aber schade! Ich interessirte mich sehr für das Bild. Darf ich erfahren, wer es gekauft hat?”

Botti wurde aufmerksam und begann zu lügen: „Ich kenne den Käufer nicht, mein Herr.”

„Hm, wirklich sehr schade! — Sagen Sie, Herr Botti, dürfte ich wohl erfahren, welche Summe Sie dafür bekommen haben?”

„Dreitausend Mark,” abtwortete lauernd der Händler.

„Was! Das ist ja nicht möglich! Das ist ja rein verschenkt! Ein echter Murillo für dreitausend Mark? Das ist natürlich nur ein scherz von Ihnen!”

Dem Kunsthändler trat kalter Schweiß auf die Stirn; zögernd sagte er: „Ich hielt es nur für eine Kopie.”

„Nicht möglich! Das konnte Ihnen passiren?”

Botti hielt mit Gewalt an sich, seine Aufregung nicht zu zeigen. „Also Sie meinen, es sei wirklich ein echter Murillo?” fragte er.

„Aber außer jedem Zweifel!” rief der Andere mit Enthusiasmus, „ich hätte ihn sofort gekauft und ich hätte jede Summe dafür bezahlt! Wirklich sehr schade!” Damit ging er fort.

Als Botti allein war, raffte er den letzten Rest von Energie zusammen. Er ging sofort zu Herrn Bergmann, denn jetzt gab es nur den einen Weg für ihn, er mußte das Bild zurückkaufen, um jeden Preis es zurück haben!

Herr Bergmann that sehr erstaunt, als Botti zu ihm kam: „Nun,” fragte er, „was führt Sie denn zu mir? Ihnen ist der Verkauf wohl leid geworden?”

Ein wenig kleinlaut erwiderte Botti: „Ja, Herr Bergmann, ich möchte in der That das Bild zurückkaufen.”

„Machen Sie doch keine schlechten Witze.”

„In der That, Herr Bergmann, es ist mir Ernst damit.”

„Na, hören Sie, das ist mir denn doch noch nicht vorgekommen°”

„Ach, wissen Sie, meine Tochter hat sich so in das Bildchen verliebt, daß sie mir gar keine Ruhe mehr läßt — na und was thut man nicht alles für sein Kind!”

„Also, Herr Botti, es thut mir leid, Ihnen nicht dienen zu können.”

Zögernd sagte der Händler: „Wissen Sie, Herr Begrmann, ich gebe Ihnen tausend Mark.”

„Bedaure sehr.”

„Seien Sie doch kein Unmensch, Herr Bergmann, denken Sie an meine einzige Tochter; — also, ich leg' noch hundert Mark zu!”

„Thut mir leid — nichts zu wollen.”

„Also noch hundert; — es sind schon zwölfhundert, Herr Bergmann!”

Plötzlich sah dieser auf und sagte bedächtig: „Nun gut, Sie können das Bild zurückkaufen, aber nur für dreitausend Mark, anders nicht.”

Botti fuhr zusammen. „Herr Bergmann, das wäre mein Ruin.”

„Na, bitte, es zwingt Sie ja Niemand zum Kauf! Für mich hat das Bild dreitausend Mark Werth.”

Botti überlegte. Zweitausend zweihundert Mark hatte er bei dem Verkauf eingenommen; diese Summe konnte er schlimmsten Falls wieder ausgeben, und erlitt also noch keinen Verlust.

„Ueberlegen Sie sich das,” sagte Bergmann, „und wenn ich das Bild dann noch habe, können Sie es zurückkaufen.”

Von Neuem erschrak der Händler: „Haben Sie denn noch einen Käufer?” fragte er.

„Zwei Interessenten sind sogar da,” erwiderte Bergmann leichthin.

Noch einmal begann Botti nun zu bieten, aber der Andere blieb fest und unerbittlich, so daß der Händler mehr und mehr zulegen mußte. Als man bei dem Gebot von 2200 Mark angekommen war, sank Botti erschöpft in einen Stuhl und erklärte, daß dies sein unwiderruflich letztes Wort sei, und daß er sonst auf den Rückkauf verzichten müsse.

Und da erklärte Herr Bergmann dann großmüthig, daß er der kunstliebenden Tochter die Freude nicht rauben wolle, und er gab dem Händler das Bild zurück, worauf dieser zwei und zwanzig schöne Hundertmark-Scheine hinzählte und mit dem Bilde abzog.

Als Bergmann allein war, klatschte er lachend in die Hände, warf sich in ein Polster und jubelte in ausgelassener Freude, daß sein Plan so gut gelungen war. Dann schloß er schmunzelnd die Banknoten ein, und dann kaufte er seiner Frau einen prächtigen Rosenstrauß; — von seinem Erlebniß aber verrieth er vorerst keinem Menschen etwas.

*           *           *

Der Geburtstag Frau Helenes war da.

Mit klopfendem Herzen trat die junge Frau an den Gabentisch, den ihr der Gatte aufgebaut hatte; aber so viel schöne und reiche Geschenke da auch lagen, so recht erfreut war sie doch nicht, weil sie den Murillo nicht darunter fand; und kaum konnte sie ihre Enttäuschung verbergen.

Natürlich merkte ihr Mann das sofort, aber er übersah es absichtlich und lächelte nur heimlich.

Um zehn Uhr kamen auch die beiden alten Freunde des Hauses. Stolz und triumphirend traten sie ein, wußte doch Jeder von Beiden, daß er ein gutes Theil Anrecht hatte an der Freude, die Frau Helene heute haben würde.

Aber wie groß war auch bei ihnen die Enttäuschung, als sie das Bild nicht sahen! Waldau war verblüfft und Wolf war sprachlos. Rathlos sah man sich unter einander an. und eine peinliche Stille trat ein.

Und da begann Bergmann zu sprechen

„Kinder, Ihr wundert Euch, daß das Bild nicht da ist, — verstellt Euch nicht, ich sehe es deutlich, daß Ihr alle enttäuscht seid, — nun denn, so hört, wie es mir ergangen ist.”

Er erzählte sein Abenteuer, das er mit dem Kunsthändler Botti erlebt hatte, und er schloß mit den Worten: „Ihr seht also, daß man schlau sein muß, sonst wird man immer reingelegt!”

Als er geendet hatte, erwartete er, daß alle Drei ihm nun voller Bewunderung Lob spenden würden, aber weit gefehlt — Frau Helene sah nun erst recht enttäuscht drein, und die beiden alten Freunde wußten nicht, ob sie lachen oder grob werden sollten, denn Jeder dachte an seine hinausgeworfenen siebenhundert Mark.

Endlich machte Bergmann der ungemüthlichen Stimmung ein Ende, indem er sagte: „Nun müßt Ihr aber nicht glauben, daß ich die 2200 Mark etwa auf die Sparkasse getragen habe, o nein! Für das Geld habe ich etwas gekauft, was sich meine Frau schon lange gewünscht hat.” — Galant gab er der überraschten Frau den Arm und führte sie in's Nebenzimmer, wohin auch, brennend vor Neugier, die beiden alten Freunde folgten.

Und dort stand ein prachtvoller Bechstein-Flügel.

Ein „Ah” der Bewunderung belohnte den klugen Herrn Bergmann; seine Ueberraschung war glänzend gelungen!

Frau Helene war über alle Maßen erfreut, denn in der That war hiermit einer ihrer sehnlichsten Wünsche erfüllt worden; und weil die junge Frau jetzt ein so glückstrahlendes Gesicht machte, freuten sich auch die beiden alten Freunde, — ihr Zweck war ja nun doch erreicht; Frau Helene war glücklich; ob dieses nun durch den Murillo oder durch den Bechstein erreicht war, das kümmerte sie nicht. Die Hauptsache war ihnen: die junge Frau war beglückt und Jeder von Beiden hatte heimlich zu diesem Glück beigetragen, das genügte ihnen; natürlich glaubte aber Jeder von sich, daß nur er allein seine siebenhundert Mark geopfert habe!

Der einzig Gefoppte nur war der Kunsthändler Botti, denn er wartet noch immer auf den Herrn, der ihm den Murillo abkaufen soll . . . . .

— — —