Wer war es?

Humoreske von Paul Bliß
in: „Der Deutsche Correspondent” vom 07.08.1898


Eines Tages machte Dr. Wolfram die Entdeckung, daß der Inhalt seiner Cognacflasche sich rapid verminderte.

Das gab ihm zu denken, denn es war eine gute alte Marke, pro Flasche 18 Franken, und er selbst leistete sich täglich ein, höchstens zwei Gläschen von dem edlen Getränk.

Wer war also der stille Theilnehmer?

Doktor Wolfram dachte darüber lange nach.

Drei Personen konnten dabei nur in Betracht kommen — seine junge Frau, seine Schwiegermutter, die sich besuchsweise ein paar Monate hier aufhielt, und Johann, sein alter Diener.

Ella, sein Frauchen, war natürlich schuldlos — sie hatte ja nie, so lange er sie kannte, auch nur ein einziges Mal einen Likör getrunken; der alte Johann war sicher ebenso unschuldig, denn ihn hatte der Doktor seit vielen Jahren im Dienst, und immer hatte er sich als durchaus treu und zuverlässig erwiesen; so blieb also nur die Frau Schwiegermama. Rathlos stand er da, denn über deren Angewohnheiten und Leidenschaften wußte er so gut wie gar nichts. Der Verdacht war rege. Aber Doktor Wolframn hütete sich wohl, auch nur mit einem Wort seine Entdeckung preiszugeben, bevor nicht genügende Beweise dafür da waren. Jedenfalls wurde er jetzt achtsam und wachte mit strengem Auge über die Cognacflasche.

So vergingen zwei Tage. Der Doktor trank gar nichts, aber die Flasche wurde trotzdem leer, und er wußte noch immer nicht, wer der heimliche Trinker war.

Am dritten Tage brachte er eine neue Flasche mit, entkorkte sie, trank zwei Gläschen davon, stellte die Flasche in den Büffetschrank und wachte mit scharfem Blick.

Doch wiederum zwei Tage später war auch diese Flasche leer; und noch immer hatte der Doktor nicht aufgeklärt, wer sie ausgetrunken hatte.

Die Sache wurde immer räthselhafter.

Er brachte eine dritte Flasche, diesmal eine billigere Marke, und wachte von Neuem, soviel ihm sein Beruf freie Zeit dazu übrig ließ. Und siehe da, auch die dritte Flasche, trotzdem sie weniger fein war, fand er am nächsten Tage bereits halb geleert.

Jetzt war er rathlos und wollte diese Entdeckung seiner jungen Frau mittheilen. Doch am Abend desselben Tages, als er eben ins Eßzimmer trat, fand er die Frau Schwiegermama vor dem Büffetschrank stehen. Ganz verblüfft blieb auch er stehen und sah dem Gebahren der alten Dame, die sein Kommen überhört hatte, nun gespannt zu.

Sie nahm die bewußte Cognacflasche aus dem Schrank, holte aus der Tasche ein kleines Centimetermaß und legte dies an die Flasche, um festzustellen, wieviel Inhalt noch darinnen war.

In diesem Augenblick regte sich der Doktor.

Und da fuhr die alte Dame erschrocken zusammen, stellte die Flasche schnell in den Schrank, verbarg das kleine Maß und fragte mit schlecht gespielter Harmlosigkeit, ob er nicht wisse, wo Ella sei.

Jetzt war es ihm klar — nun hatte er den Beweis. Dann antwortete er leichthin, daß seine Frau wohl gleich kommen müsse, und suchte dann sein Arbeitszimmer auf.

Nun stand sein Entschluß fest.

Nach einer Viertelstunde ließ er seine Frau zu such bitten.

„Liebe Ella,” begann er zögernd und feierlich, „ich muß Dir ein Geständniß machen.”

Lächelnd sah sie ihn an. „Nun, das muß schon etwas ganz Böses sein, denn Du hast ja eine wahre Leichenbittermiene aufgesetzt.”

„Kind, lache nicht. Die Sache ist ernst. Ich habe eine sehr unangenehme Entdeckung gemacht.”

„Nun, so sprich schon! Du machst mich ja ordentlich ängstlich!”

„Liebe Elle, ich muß Dir leider sagen, daß Deine Mama trinkt.”

„Waaaaas?”

Die junge Frau sah ihren Mann vollständig verblüfft an. Einen Augenblick fand sie sich garnicht zurecht, dann aber kamen ihr die Gedanken wieder und nun platzte sie mit lautem Lachen los.

„Du lachst darüber?” fragte er voll Entsetzen.

„Aber ich muß lachen!” rief sie ausgelassen, „das ist ja eine ganz einzige Entdeckung von Dir! Wenn Du glaubst, damit mein Muttchen aus unserem Hause weisen zu können, dann hast Du Dich arg verrechnet, lieber Mann!”

„Aber, liebste Ella, mir liegt nichts ferner als dies! Doch Du kannst mir wirklich glauben — erst vor einer Viertelstunde fand ich die Mama vor dem Büffetschrank, die Flasche in der Hand —”

Doch sie unterbrach ihn lachend: „Das ist ja der helle Unsinn! Das ist unmöglich. Kein Wort weiter will ich davon hören! Keine Silbe mehr favon!”

„Nun, wie Du meinst,” sagte er nur, zuckte die Schultern und ging hinaus.

Sie aber fand die ganze Sache äußerst heiter und lachte noch immer herzhaft.

Gleich darauf trat die Mama ein.

„Nun Kind, Du bist wohl sehr guter Laune, scheint mir.”

„Gewiß, Mamachen, ich habe eben etwas zu Komisches erlebt!Q”

„So — dann bedaure ich nur, Dir diese Freude vergällen zu müssen.”

Erstaunt fragend sah Ella ihre Mama an.

„Erschrick nicht, mein liebes Kind, aber ich muß es Dir sagen. Vielleicht ist es noch nicht zu spät, vielleicht können wir noch Rath schaffen —”

„Nun? Nun?” — mehr brachte Ella nicht heraus.

„Dein Mann trinkt!”

Die junge Frau hielt sich am Stuhl fest, um nicht hinzufallen. Sie war nahe daran, von Neuem loszulachen, aber sie nahm sich zusammen, um der Mama nicht wehe zu thun.

Und die alte Dame sprach ruhig weiter: „Es ist gar kein Zweifel. Ich habe ganz genau Acht gegeben. In wenigen Tagen drei Flaschen von dem theuren Cognac. Wohl ein Dutzend Mal habe ich gesehen, wie Dein Mann die Flasche aus dem Schrank nahm und sie schnell wieder hinstellte, sobald er mich gewahrte.”

Ella hielt noch immer an sich. „Nun, ich danke Dir, Mamachen, aber bitte, laß Dir nichts davon anmerken, denn es ist wohl am besten, wenn ich selbst mit meinem Mann spreche.”

Die alte Dame nickte nur und ließ ihre Tochter allein.

Und Ella dachte nach. So viel stand aber fest: ein heimlicher Trinker war da. Wer aber war es? Jetzt nahm auch sie sich vor, der Sache auf die Spur zu kommen.

Abends ging der Doktor in den Klub. Die Frau Mama zog sich früh in ihr Zimmer zurück. Nur Frau Ella blieb mit einem Buch allein.

Alles ringsum war still.

Plötzlich hörte Ella ein Geräusch im Speisezimmer, das leise Knarren der Thür vom Büffetschrank. Sofort sprang sie auf. Mit einem energischen Ruck schloß sie die Thür ab, die in's Speisezimmer führte, dann lief sie behend hinaus auf den Korridor und verschloß auch dort die Thür zum SpeisezimmerSo! nun war der Uebelthäter eingeschlossen. Dann ließ sie schnell die Mama rufen, das Zimmermädchen mußte den Doktor vom Klub herbeiholen und in fünf langen Minuten waren alle zur Stelle.

Doktor Wolfram, einen geladenen Revolver in der Hand, öffnete die Thür vom Korridor aus und trat ein. Alles war dunkel. Die Anderen warteten angstvoll an der Thür.

„Wer ist hier drinnen?” fragte der Dokor.

Keine Antwort.

Inzwischen hatte der Doktor den Knopf zur elektrischen Leitung erreicht. Ein Druck und Alles war hell.

Und da, tief in eine Ecke gedrückt, stand — Johann, im Arm die Cognacflasche.

Der Doktor war sprachlos vor Erstaunen, er ließ seine Frau und Schwiegermutter eintreten und schloß dann die Thür.

Zitternd kam Johann vor. Die hellen Thränen standen ihm in den Augen. Sprechen konnte er nicht.

Endlich fragte der Doktor: „Aber Johann, was fällt Ihnen denn ein? Sechs Jahre sind Sie jetzt bei mir, und nie habe ich bemerkt, daß Sie solche Sachen machen.”

Und weinend antwrtete der alte Diener: „Ach, lieber Herr Doktor, entlassen Sie mich nicht! Es soll ja auch nie mehr vorkommen! ich bin ja so entsetzlich unglücklich!”

Dann erzählte er mit zitternder Stimme, purpurroth im Gesicht vor Scham, daß er sich in die Wirthschafterin von nebenan verliebt hatte, die ihm auch versprochen, seine Frau werden zu wollen, und sich nun vor acht Tagen mit einem anderen, einem jüngeren Mann verheirathet hatte; dies sei ihm derart zu Kopf gestiegen, daß er alle Ruhe und Besinnung verloren, und daß er keine Nacht mehr habe schlafen können, da habe er denn Trost gesucht bei der Flasche, und so habe er sich allabendlich einen regelrechten Rausch getrunken, damit er habe einschlafen können.

Nun — der Doktor verzieh dem alten Diener, ermahnte ihn aber ernsthaft, sich von jetzt ab wieder ordentlich zu halten und der ungetreuen Wirthschafterin nicht mehr zu gedenken, was Johann auch hoch und heilig versprach.

Frau Ella aber lachte sowohl ihren Mann wie auch ihre Mama tüchtig aus.

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