Unter Amor's Maske

Von Paul Bliß
in: „Der Deutsche Correspondent” vom 29.01.1899,
in: „Der Romanleser” Nr. 4, Nov. 1898,
in: „Preßburger Zeitung” vom 03.01.1899


Man weiß ja: ist die Katze nicht daheim, dann tanzen die Mäuse auf Tisch und Stühlen herum.

Als der Justizrath Lehmann abfuhr, prägte er es dem kleinen feschen Dienstmädel noch extra ein, daß sie gut Acht geben solle auf die Wohnung und keinem fremden Menschen den Eintritt gestatten dürfe.

Kaum aber war der alte Herr abgefahren, da hatte die kleine Lotte, die so lange das unschuldigste Gesicht von der Welt gemacht, auch schon wieder alles vergessen, was sie dem Herrn Justizrath gelobt hatte.

Das lebenstolle kleine Mädel that einen lustigen Jauchzer, nahm das Häubchen vom Haar, band die weiße Schürze ab und machte dann sorgfältig Toilette, indem sie sich mit ihrem neuesten Kleide schmückte.

Als dies geschehen war, trat sie musternd vor den großen Spiegel — oh, sie konnte zufrieden sein; so, wie sie jetzt ausschaute, durfte sie sich schon sehen lassen — befriedigt lächelte sie ihrem Spiegelbilde zu.

Da schlug die Uhr neun, und da erschrak sie, denn jetzt mußte „er” ja bald kommen.

Schnell lief sie in die Speisekammer und trug auf, was sie vorfand; dann holte sie eine Flasche Wein herauf, legte die beiden Servietten kunstvoll zusammen, stellte frische Blumen auf, und nach wenigen Minuten sah der Tisch so einladend aus, daß jedes verwöhnte Auge seine Freude daran haben konnte.

Plötzlich schlug die Glocke an.

Lotte fuhr mit freudigem Schreck zusammen — das konnte nur „er” sein! — schnell lief sie hinaus, um ihn einzulassen.

Aber „er” war es nicht, sondern die Bertha war es, eine Freundin, die sie vor einigen Wochen auf dem Tanzboden kennen gelernt und mit der sie sich dann nach und nach enger befreundet hatte, weil sie ein solides gebildetes Mädchen war.

„Du mußt mir einen Gefallen erweisen, Lotte,” bat die Eintretende.

„Wenn ich es kann, herzlich gern,” antwortete Lotte ein wenig kleinlaut und verbarg ihre Enttäuschung über den unerwarteten Besuch, so gut es ging.

„Du mußt mir für heute Nacht Quartier geben.”

Erschrocken fuhr Lotte zusammen und starrte die Freundin an.

„Du darfst mich nicht abweisen, Lotte!” bat die Andere weiter, „ich habe mich mit meiner Herrschaft erzürnt und bin sofort abgegangen; ich habe hier keine Verwandten oder Bekannten, bei denen ich bleiben könnte, und in einen Gasthof allein zu gehen, getraue ich mich nicht; also sei so gut und gewähre mir bis morgen früh Obdach, dann fahre ich zu meinen Eltern.”

Ein wenig verlegen antwortete Lotte: „ich möchte Dir gar zu gern gefällig sein, liebe Bertha, nur trifft es sich gerade heute recht ungünstig — meine Herrschaft ist nämlich verreist” —

„Aber um so besser!” rief die Andere und kam ohne Weiteres näher, „da mußt Du mich unter allen Umständen hier behalten!”

Und Lotte, die jetzt nicht mehr gut nein sagen konnte, wurde immer verlegener und golgte besorgt der vorangehenden Freundin.

Als sie im Speisezimmer waren, lächelte Bertha schelmisch: „Ah, Du hast ja für zwei personen gedeckt! — nun verstehe ich auch, weshalb Du mich zuerst abweisen wolltest! aber sei außer Sorge, ich störe Euch nicht.”

Erröthend entgegnete Lotte: „Du kennst ihn ja auch — der Mechaniker ist es, den ich damals beim Tanz kennen lernte, er wird mich heirathen, ja, Weihnachten feiern wir Verlobung — ich habe ihn heute zum Abendbrot eingeladen, um mich mal zu revanchieren, denn er führt mich ja jeden Sonntag aus.”

Die Andere nickte. „Du brauchst auf mich keine Rücksicht zu nehmen — zeig' mir nur, wo ich schlafen soll — ich bin nämlich todtmüde.”

Nach und nach beruhigte sich Lotte, weil sie zu der Freundin festes Vertrauen hatte. „Du schläfst wohl am besten in dem Fremdenzimmer,” sagte sie, „da ist alles zurecht gemacht; komm nur, ich führe Dich gleich hinüber.” Sie ging voran, und die Freundin folgte ihr.

Zwei Minuten später war Lotte wieder allein. Sie hatte sich nun von dem Schreck erholt, aber es war auch die höchste Zeit, denn kaum eine Minute später schlug die Glocke wieder an.

Zaghaft öffnete Lotte. Diesmal aber war es wirklich der Erwartete. Mit einer stürmischen Umarmung begrüßte sie ihn.

Lächelnd trat er näher. „Oh, schon feierlich gedeckt! ich habe auch einen Bärenhunger mitgebracht!” Plötzlich fragte er: „Sind wir denn auch ganz ungestört?”

Lotte beruhigte ihn, verschwieg aber die Anwesenheit der Freundin.

„Ihr wohnt recht hübsch,” sagte er, indem er durch die Zimmer ging und prüfend seine Blicke umhersandte, „alles geschmackvoll und reich, das muß man sagen.”

Mit Bewunderung sah Lotte zu ihm hin — wie hübsch er ist! dachte sie, und was für eine schöne kraftvolle Figur er hat! — Ordentlich stolz war sie, daß sie von diesem Mann geliebt wurde.

Als er mit seinem Rundgang zu Ende war, kehrten sie zurück in's Speisezimmer und setzten sich zum Essen nieder.

„Wie gut man es doch haben kann,” sagte er, indem er tapfer aß und trank, „wenn man solch' ein hübsches trauliches Heim bewohnt.”

„Laß nur,” tröstete sie ihn, „auch wir wollen uns ein gemüthliches Heim einrichten, und dann koche ich Dir alle Deine Lieblingsgerichte, so daß Du Dich auch wohl zu Hause fühlen sollst.”

Er lachte, umfaßte und küßte sie, so daß sie glückselig war und in seinen Armen alles vergaß.

Dann aßen und tranken sie, plauderten und scherzten und küßten sich bei jeder Gelegenheit.

Plötzlich klagte sie, daß ihr der Kopf so schwer werde und eine stetig zunehmende Müdigkeit sie befalle.

„Der Wein wird Dir wohl zu schwer sein,” tröstete er sie und sah sie mit verstohlenem Lächeln von der Seite lauernd an.

Sie aber nickte nur und sank müde in seine Arme, an seine Brust.

In demselben Augenblick preßte ber sie an sich, und zwar so, daß er mit einer Hand ihre beiden Arme fest zusammenhielt, dann holte er mit der anderen freien Hand einen Knebel aus seiner Rocktasche und steckte ihr den in den Mund, alsdann preßte er ihre beiden Hände durch eine Spange zusammen, und ebenso dann auch ihre Füße, so daß sie eine Minute später gefesselt und hülflos dalag.

Mit entsetzten Augen starrte sie ihn an; der Schreck hatte sie sogleich wieder zur Besinnung gebracht.

„Du brauchst gar nichts zu befürchten, mein Schatz,” tröstete er sie mit diabolischem Lächeln, „Dir geschieht rein gar nichts zu Leide, ich will nur Deiner Herrschaft ein wenig von dem Ueberfluß wegnehmen, der sich hier so protzenhaft breit macht.”

Bittend hob sie beide Hände empor, so gut es eben die Fesseln gestatteten, und mit bittendem Blick flehte sie ihn an.

Er aber hohnlächelnd: „Wer ich bin, möchtest Du wissen? Das kann Dir ja ganz gleich sein, jedenfalls bin ich nicht der, für den Du mich gehalten hast. Und nun bleib' hübsch ruhig da liegen, bis ich mit der Plünderung fertig bin. Dann wirst Du mich auch sofort los.”

Er ließ sie liegen und machte sich nun daran, Kisten und Kasten aufzuziehen und deren Inhalt zu durchwühlen.

Mit der Geschicklichkeit eines Menschen, der an solche Arbeit gewöhnt ist, brach er Schlösser auf, hob Riegel hoch und sägte die Charniere von Schrankthüren aus — nichts hielt seinen fixen und kräftigen Händen Stand, mit Ausdauer und Geschick überwand er jeden Widerstand; aber seine „Arbeit” war auch von Erfolg gekrönt, denn er fand reiche Beute, und nicht nur Goldsachen und Juwelen, sondern auch baares Geld in ziemlicher Menge, so daß sich diese kleine Anstrengung immerhin als sehr lohnend erwies.

Als er die Umschau für vollendet erachtete, packte er Alles geschickt zusammen, machte ein kleines, ganz harmlos aussehendes Packetchen daraus und ging dann zurück in das Speisezimmer, wo die arme Lotte noch immer sich vergeblich bemühte, die Fesseln zu lösen.

„So, mein Schatz,” sagte er lächelnd, „nun muß ich Dich verlassen.”

In diesem Augeblick erschien die Freundin Bertha in der Thür des Fremdenzimmers; sie hielt einen kleinen Revolver in der Hand, zielte auf den Gegner und sagte mit fester energischer Stimme: „Halt! Sie sind mein Arrestant — noch einen Schritt und ich schieße Sie nieder.”

Der Spitzbube, der alles Andere, nur dies Hinderniß nicht erwartet hatte, war so betroffen, daß er einen Augenblick rathlos dastand; dann, um zunächst der Waffe zu entkommen, trat er ein paar Schritte zurück, sodaß er das andere Zimmer erreichte.

Kaum war er aber eingetreten, als das muthige junge Mädchen sofort die Thür zuwarf und verschloß. Alles das Werk einer Minute.

Nun war der Dieb gefangen. Das Zimmer hatte nur den einen Ausgang, und aus dem Fenster konnte er nicht gehen, weil die Wohnung im zweiten Stock lag.

Jetzt lief das junge Mädchen ans Fenster, ließ ein Pfeifensignal ertönen, und im gleichen Augenblick erschienen unten auf der Straße einige Polizeibeamte, die vom Wächter geführt, in das Haus eilten und die Treppen hinaufstürmten.

Zwei Minuten später war der überlistete Gauner in Fesseln und wurde abgeführt.

Und nun erst machte sich das junge Mädchen daran, der armen Lotte, die mehr todt als lebendig war, die Fesseln zu lösen.

„Oh, wie danke ich Dir! Das werde ich Dir nie vergessen!” Mit schluchzender Stimme sank die befreite Lotte der Anderen an die Brust.

Das junge Mädchen aber tröstete sie und sprach: „Ich bin nicht die, für die Sie mich gehalten haben, ich bin Geheimpolizistin, und habe mich zu der Komödie hingegeben, weil es meinen Ehrgeiz lockte, diesen höchst gefährlichen Spitzbuben zu fangen, dem die Behörde schon lange vergeblich nachsucht. Deshalb habe ich damals jenes Ballokal besucht, wo wir uns kennen lernten, und weil ich sah, daß der Gauner mit Ihnen bekannt war, deshalb machte auch ich mich mit Ihnen bekannt. Sie werden nun begreifen, weshalb ich hier war. Danken Sie Gott, daß sie diesmal mit dem bloßen Schreck davon kamen, und in Zukunft machen Sie nicht wieder solche leichtsinnigen Streiche, wenn Ihre Herrschaft nicht daheim ist.” Und damit ging sie.

Als Lotte allein war, begriff sie erst alles. Und nun freute sie sich wirklich, daß sie so mit dem bloßen Schreck davon gekommen war, dann aber kam auch ein Gefühl des Mitleids und der Traurigkeit in ihr auf, denn sie hatte diesen Mann, der sie so betrogen, doch recht gern gehabt, und deshalb weinte sie ihm doch ein paar Thränen nach.

— — —