Um einen Mann.

Eine lustige Geschichte von Paul Bliß..
in: Düna-Zeitung” von 1900 (Nr. 212) ???,
in: „Providencer Anzeiger” vom 07.04.1900


Fräulein Grete Schirmer war eigentlich recht unglücklich. Vor acht Tagen auf dem letzten Kränzchen hatte sie einen jungen Mann kennen gelernt, der fast ausschließlich an jenem Abend sich ihr allein gewidmet hatte, so daß sie wohl mit gutem Recht glaubte, annehmen zu dürfen, der junge Mann interessirte sich für sie.

Das war an jenem Abend gewesen.

Nun aber waren darüber bereits acht Tage dahin gegangen und der junge Mann hatte noch nicht das geringste Lebenszeichen von sich gegeben.

Das aber machte der hübschen kleinen Grete viel geheimen Kummer, denn sie mußte es sich offen eingestehen, daß sie dem flotten und strammen jungen Manne recht zugethan war. Als sie so ihren trüben Gedanken nachhing, überraschte sie plötzlich der Besuch ihrer besten Freundin Ella Weber.

Dies junge Mädchen, ein echter Wildfang, kam jubelnd in's Zimmer gestürmt, umfaßte die Freundin, riß sie mit sich herum, wie im Wirbelwind, und rief lachend: „Nein, mein Liebling, heute darfst Du keine Trübsal blasen.”

„Aber liebste Ella,” rief Gretchen, ebenso erstaunt als erschrocken, „was hast Du denn nur, daß Du mich so in Aufregung bringst?”

„Was ich habe? Ja, siehst Du mir denn das nicht an?”

„Nun ja, Du strahlst ja allerdings.”

„Das kann ich auch. Dazu habe ich auch alle Ursache!” rief Ella, immer lustiger werdend.

„Also, Du bist verliebt, nicht wahr?”

„Gewiß bin ich das! Und mehr noch, ich bin glücklich verliebt!” jubelte Ella.

„Nun, dann gratulire ich Dir!”

„Na, so weit ist es denn doch noch nicht. Ich erwarte ihn aber jeden Tag,” plauderte die Freundin weiter, bis sie plötzlich die Zurückhaltung Gretens bemerkte und nun fragte: „Aber Gretchen, was hast du denn nur?”

Da lächelte Grete ein wenig ironisch und antwortete: „Ich bin nämlich in der gleichen Lage.”

„Ach, Du auch!” lachte Ella hell auf. „Und auch noch nicht erklärt?”

„Nein, aber ich erwarte ihn auch jeden Tag.”

Kleine Pause. „Du, Grete, wie heißt er denn?”

„Alfred heißt er.”

„Ach, wie komisch, so heißt meiner ja auch!”

„Und aus Magdeburg stammt er.”

„Nein, aber wie komisch! Meiner ja auch!”

Nun wurde Grete unruhig und sagte schnell: „Er heißt Lewald.”

Da nickte Ella entsetzt: „Meiner auch! — Alfred Lewald aus Magdeburg! Kein Zweifel, wir lieben denselben Mann!”

Kleine peinliche Pause. Jede sieht verlegen vor sich nieder.

Da rafft Ella sich auf und sagt bittend: „Liebste Grete, Du darfst mir nicht böse sein! Er hat mir in einer so deutlichen Weise den Hof gemacht, daß ich zu der Annahme berechtigt war, er liebe mich.”

Grete aber entgegnet ein wenig kühl: „Du bist etwas sehr naiv, liebe Ella, — wenn man einmal mit einem jungen Mann zusammen war, darf man doch nicht gleich an eine Heirath denken.”

Aber Ella wird nun auch pikirt: „Nun und Du? Du warst wohl öfter mit ihm zusammen, wie?”

„Wenn auch das nicht, so darf ich mir doch einbilden, daß er es mit mir ernst gemeint hat.”

„Das ist nicht möglich!” rief Ella entrüstet, „nein, das ist nicht möglich! Ich fühle, daß ich ich liebe, und ich weiß, daß er mich wieder liebt!”

„Das weißt Du?” fragte Grete erstaunt.

„Jawohl! Das weiß ich! Mein Herz sagt es mir!”

Nun lachte Grete laut auf: „Ach, Du lieber Gott, das Herz ist nicht sehr zuverlässig! — Aber wenn er Dich schon wirklich liebte, dann hätte er Dich doch nicht bis jetzt zappeln lassen, das ist doch klar!”

Ella schwieg. Sie war dem Weinen nahe.

Ueberlegen sagte nun Grete: „Liebste Ella, rege Dich doch nicht so unnütz auf! Du scheinst mir sehr eifersüchtig zu sein.”

„Was? Ich wäre eifersüchtig?” ruft Ella nun empört, „Du bist mir ja eine nette Freundin, das muß ich sagen! — Aber glaub' nur um des Himmels Willen nicht, daß Du so etwas Besonderes seiest, vielleicht gar ein Bild an Schönheit oder Eleganz, oder sonst was Großes, daß man auf Dich eifersüchtig werden könnte!”

„Ei, ei,” antwortete Grete, spitz werdend, „diesen Ton hätte ich Dir bisher auch nicht zugetraut! — Sonst ist das Fräulein immer so würdevoll, und so gewählt in ihren Ausdrücken, daß man meint, sie könne gar kein Wässerchen trüben; — und nun auf einmal so im Jargon der Gasse? — Der beste Beweis, wie weit es mit Deiner vielgerühmten Bildung her ist!”

„Was Du kannst, das konnte ich längst!”

„Im Gegentheil, Du kannst noch mehr! Du kannst sogar den Männern so lange nachlaufen, bis sie auf Dich aufmerksam werden!”

„Und Dir gelingt auch das ja nicht einmal!”

„Was verstehst Du, Gänschen, davon!”

„Oho, es soll Männer geben, denen so ein „Gänschen” lieber ist, als eine vertrocknete und schrullige alte Schachtel, sagt man!”

Damit warf sie die Thür zu, daß es nur so knallte und lief ohne Gruß davon.

Und von dem Tage an wartete jede der beiden Freundinnen mit Ungeduld und Sehnsucht auf den zugesagten Besuch des Herrn Alfred Lewald aus Magdeburg.

Vierzehn Tage später aber brachte das Tageblatt die Verlobungsanzeige des Herrn, — er hatte weder die Ella noch die Grete genommen, sondern sich den reichsten Goldfisch aus der Stadt gekapert.

Einige Tage nach dieser Veröffentlichung trafen sich, natürlich rein zufällig, die beiden Freundinnen auf der Promenade.

Sie begrüßten sich, zuesrt zwar etwas verlegen, nach und nach aber schon zutraulicher, und natürlich kam das Gespräch auf die Andere.

„Nun, sagte ich es Dir nicht, liebe Ella,” begann Grete, „ daß man keinem Mann trauen darf!”

„Ja, Du hast Recht, lieber Grete,” fiel Ella beistimmend ein, „und wir wollen nun auch keinen Blick mehr an diese undankbare Gesellschaft vergeuden!”

Und so reichten sie sich die Hände und gelobten sich, als treue Freundinnen fest zusammen zu halten.

Aber als sie kaum zehn Minuten später einen stattlichen jungen Mann grüßend vorübergehen sahen, da dachte doch Jede bei sich: ach. den möchtest Du wohl haben! — laut gestand es aber keine ein!

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