Der Pechvogel.

Eine tragikomische Geschichte von Paul Bliß
in: „Der Deutsche Correspondent” vom 27.03.1898


Der junge Musiker Fritz Moldenberg war ganz außer sich vor Freude.

„Frau Lehmann,” rief er voll Jubel, „sehen Sie doch nur, was ich soeben bekommen habe!” Dabei schwang er triumphirend eine goldgeränderte Karte, fuchtelte damit in der Luft herum und führte einen wahren Indianer-Freudentanz auf.

Die korpulente Wirthin sah ihren Zimmerherrn kopfschüttelnd an. „Mein Himmel! was jagen Sie mir denn bloß für'n Schreck ein, Herr Kapellmeister!” rief sie, halb neugierig und erstaunt.

„Denken Sie doch nur, Mamachen! ich bekomme soeben eine Einladung zur Fastnachtsfeier beim Herrn Geheimrath Hirsekorn!”

„Na und —!?”

„Ja, ahnen Sie denn nicht, was das für mich bedeutet!?”

„Wie soll ich denn?”

„Das bedeutet, Mamachen, daß nun meine Noth ein Ende haben wird! daß ich meine Schulden bezahlen kann! daß ich der pnktlichste Miethzahler von Berlin —”

Sie unterbrach ihn. „Na, na, kommen Sie man zu sich, und werden Sie 'n bischen klarer.”

„O, ahnungslose Seele! — Rath Hirsekorn ist der gestrenge Mann, der das entscheidende Wort spricht bei Neu-Engagements von Lehrkräften, und wenn ich bei ihm zur Gesellschaft geladen bin, so heißt das so viel, als ob ich eine feste Anstellung bei der Hochschule schon so gut wie in der Tasche habe. — Na, was sagen sie nun?”

Frau Lehmann neigte den Kopf und sagte sehr respektvoll: „Allerhand Hochachtung! gebe Gott, es wäre die Wahrheit.”

„Endlich! endlich kommt das Glück zu mir!” jubelte Fritz weiter, „nach so langem Harren, nach so vielen Enttäuschungen endlich ein Sonnenstrahl der Hoffnung!”

„Jubeln Sie man um Gotteswillen nicht zu früh; ich bin mißtrauisch geworden; — erst haben und dann rechnen!”

„Unken Sie nicht, Mamachen, sondern suchen Sie lieber meine Garderobe heraus —” plötzlich stockte er mitten im Satz.

„Donnerwetter! mein Frack ist ja versetzt! das ist aber sehr fatal! Was mache ich denn nun?”

Die dicke Wirthin schwieg, wurde ein wenig verlegen und wendete sich ab.

„Na, schlimmsten Falls borge ich mir das Geld, um ihn auszulösen, für ein paar Tage. Bitte, suchen Sie nur gleich die schwarzen Hosen heraus — vielleicht bedürfen sie der Reparatur.”

Nun wurde Frau Lehmann ganz roth vor Verlegenheit. Mit flehender Stimme bat sie: „Seien Sie nur nicht böse, Herr Kapellmeister! ich hatte ja keine Ahnung, daß Sie die Hosen so bald brauchen würden —”

Entsetzt sah er sie an. Er ahnte Fürchterliches.

„Und weil der Frack auch versetzt ist, dachte ich doch ganz bestimmt —” stotterte sie.

„Unglücksfrau, was haben Sie gethan?”

„Ich wollte es ja erst auch nicht, aber mein Schwager hat so lange geredet — na, Sie kennen ihn ja auch, und endlich habe ich sie ihm geborgt.”

„Ohne mich zu fragen!”

„Sie waren ja den ganzen Tag nicht zu Hause, und er brauchte sie doch gleich, er mußte verreisen.”

Fritz lachte höhnisch auf: „Mit meinen Hosen! Was beginne ich denn nun?” Er war wüthend, um so mehr, da er nicht so schelten konnte, wie er es am liebsten gethan hätte — aber Frau Lehmann war seine Gläubigerin und da mußte er hübsch den Mund halten, um sie nicht zu erzürnen.

„Na, machen Sie sich man keine Sorge, Herr Kapellmeister, ich schaffe schon Rath. Drüben auf dem andern Flur wohnt ein bekannter Herr, vielleicht borgt mir der für den einen Abend —”

Aber Fritz hörte schon nichts mehr, wüthend war er hinausgelaufen. Und nun rannte er in seinem Zimmer umher und suchte nach einem Ausweg. „Ich Pechvogel,” schrie er voll Grimm, „nun kommt das Glück 'mal zu mir und nun soll meine Zukunft an so ganz gemeinen Alltäglichkeiten scheitern! Das ist doch wirklich zum toll werden!”

Nach und nach beruhigte er sich aber, und nun versuchte er, sich einen Plan zu machen, nach dem er mit Erfolg vorgehen könne.

Zehn Minuten später kam Frau Lehmann herein. Sie lächelte vertrauensvoll, hob ein paar schwarze Beinkleider hoch und sagte zutraulich: „Na, sehen Sie wohl, der Schaden ist schon kurirt. Der Herr von drüben hat sie mir geborgt, er braucht sie erst in zehn Tagen wieder.”

Fünf Minuten später hielt er Anprobe. Er lächelte glückselig. Tadellos elegant saßen sie! Erleichtert athmete er auf. Nun seinen Frack bekommen! Sogleich ging er auf die Suche nach Geld.

Aber ein Freund zuckte lächelnd die Schultern: er hatte selber nichts; der zweite ebenso; der dritte war verreist; der vierte ließ sich gar nicht sprechen und der fünfte suchte selbst einen Geldgeber.

Was nun?

Rathlos irrt er umher durch die belebten Straßen. Wohin er blickte, immer nur sah er heitere Menschen. Und das ärgerte ihn. Und in den Schaufenstern all' die vielen Pfannkuchen und die Unmengen Punsch-Extrakt, die ärgerten ihn erst recht.

Was thun? Was thun?

Plötzlich sieht er an der Thür einer Kneipe ein Schildchen aushängen, „Klavierspieler wird hier verlangt.”

Wie ein Schlag durchzuckt ihn das. Wie, wenn er sich hier anstellen ließ? Niemand kannte ihn, und er brauchte ja nur ein paar Tage da zu bleiben, um den Frack auslösen zu können!

Einige Augenblicke zögerte er — erwog alle Möglichkeiten — das Schamgefühl des Künstlers packte ihn — schließlich aber schüttelte er alles von sich ab — und mit Energie trat er in das Lokal.

Es war eine Studentenkneipe. Ein feister Wirth, ein halbes Dutzend Kellnerinnen und das übliche „Drum und Dran”. — Er sollte von Nachmittags fünf Uhr bis Nachts elf Uhr spielen. Dafür bekam er pro Tag vier Mark, Freibier und Abendbrod. — Kurz entschlossen sagte er zu.

Als er wieder auf der Straße war, athmete er auf. Nun war er gerettet. Es stand fest bei ihm, daß er drei Tage dort spielen würde. Dann hatte er zwölf Mark und dann würde er sich nicht wieder in der Kneipe blicken lassen. Frau Lehmann war entzückt von seinem Plan und nannte ihn genial.

Am ersten Tage ging noch Alles gut ab. Er hatte zwar Furcht, einen Bekannten zu treffen, aber diese Angst war umsonst, fast nur Studenten und junge Kaufleute kamen. Er spielte alle bekannten und unbekannten Gassenhauer, und wenn Jemand eine Extra-Nummer haben wollte, so spielte er auch die; er konnte ja fast alles aus dem Gedächtniß spielen. Anfangs fühlte er sich beschämt und beklommen, schließlich aber siegte das Künstlerblut in ihm und er faßte die ganze Episode als eine tolle Laune auf. Der ganze Ekel dieser Umgebung kam ihm gar nicht recht zuzm Bewußtsein, weil er in Gedanken immer nur sein Ziel sah. Als er am ersten Abend seine schwer verdienten vier Mark ins Portemonnaie steckte, da kam er sich vor wie ein Krösus.

Und auch die zwei folgenden Tage vergingen, ohne daß Jemand ihn erkannt hätte.

Am dritten Abend aber, als er die zwölf Mark beisammen hatte, da that er einen Jauchzer der Erlösung, denn nun schwebte das rosige Zukunftsbild vor seiner Seele.

Am nächsten Vormittag elf Uhr löste er seinen Frack ein. Dann wunsch er seine weißen Handschuhe mit Benzin. Dann säuberte er den Klapphut vom Staube. Dann lackirte er seine Stiefeletten und zog neue Seidensenkel ein und endlich erstand er eine neue weiße Battistkravatte.

All right.

Er war in bester Stimmung, denn Alles ging glatt von statten.

Als er um sieben Uhr vom Friseur zurückkam, trat ihm seine Wirthin mit einer Schreckensbotschaft entgegen: der Herr von drüben sei dagewesen — er müsse seine schwarzen Hosen haben, weil er zum Ball gehen wolle.

Fritz fiel entsetzt auf einen Stuhl.

„Haben Sie sie ihm gegeben?” fragte er stotternd.

„Ich konnte ja nicht, weil Sie den Schrank verschlossen hatte.”

„Gott sei Dank!” — Er sprang auf. „Nicht um die Welt gebe ich die Hosen zurück! Sofort mache ich Toilette und gehe los. Und wenn der Kerl wieder kommt, dann sagen Sie ihm meimnethalben, was Sie wollen — seine Hosen bekäme er vor morgen früh nicht wieder.”

Und nun schloß er sich ein und machte in rasender Geschwindigkeit Toilette. In zehn Minuten war er fertig.

„Adieu, Frau Lehmann, und wenn der Herr von drüben kommt — ich laß' ihn grüßen und ihm viel Vergügen wünschen!” Damit empfahl er sich der völlig rathlos dastehenden Wirthin und schlich sich schnell und heimlich zum Hausthor hinaus.

Um acht Uhr war er geladen.

Fünf Minuten nach Acht war er vor dem Hause des Herrn Rath. Als er aber zur ersten Etage empor sah, fand er, daß kein einziges Fenster der Wohnung erhellt war.

Eine bange Ahnung beschlich ihn. Kaum konnte er die Treppe ersteigen. Den furchtbaren Gedanken auszudenken, wagte er gar nicht.

Zaghaft zog er die Glocke. Niemand öffnete. Im Korridor war alles dunkel. Und noch einmal läutete er. Aber wieder erschien Niemand. — Da packte ihn eine entsetzliche Angst. Er mußte sich am Treppengeländer halten, um nicht hinzufallen, denn vor seinen Augen drehte sich Alles. — So verblieb er eine kurze Zeit. Dann, rein mechanisch, zog er noch einmal die Glocke. Natürlich wieder umsonst.

Und da endlich begriff er Alles.

Er war das Opfer einer Mystifikation geworden, man hatte sich einen Scherz mit ihm erlaubt — irgend einer von seinen Freunden — und er war darauf reingefallen.

Er lachte laut und höhnisch auf, als er wieder die Treppe herunterstieg, aber das Weinen war ihm fast ebenso nahe.

So kam er wieder in's Freie. Ziellos irrte er nun umher. Nichts hörte und sah er.

Plötzlich hielt ihn Jemand fest. Ein junger Student war es.

„Ach, Kapellmeisterchen, Sie schickt mir der Himmel! Sie müssen mitkommen!”

Verwirrt sah Fritz auf. Er erkannte den Studenten. Ein Stammgast aus jener Kneipe, in der er die zwölf Mark verdient hatte, war es.

„Was denn? Was denn?” stotterte Fritz.

„Ja, ja, Kapellmeisterchen, ich lasse Sie nicht wieder los! Sie müssen mitkommen! Unsere Verbindung feiert heute Fastnacht auf der Korps-Kneipe und unser Musikus hat uns im Stich gelassen. Kommen Sie nur. Sie verdienen zwanzig Mark und alles frei.”

Und Fritz ließ sich mitziehen. Jetzt war ihm alles gleich.

Zehn Minuten später befand er sich in einer Gesellschaft von lebensfrohen jungen Leuten.

Noch immer umwirbelte ihn alles wie in einem tollen Reigen.

Man gab ihm zu trinken, und er trank und trank, bis sich endlich ein leiser Schleier über seine Augen breitete.

Unausgesetzt spielte er, alles, was verlangt wurde, je toller, desto besser — es war ihm, als müsse er dieser ganzen verrückten Welt zum Kehraus aufspielen — „lustig, lustig — muß die Welt zu Grunde gehen!”

Dann aber, ganz plötzlich, mitten im wildesten Aufjauchzen der Töne, brach er ab, jäh und unvermittelt im schrillen Mißklang, und da ließ er den Kopf in die Hände sinken und aus seinen Augen rannen heiße Thränen . . . . . .

„Er ist voll!” schrie ein junger Studio, „laßt ihn schlafen!” Dann tollten sie ohne Musik weiter.

— — —