Ein wildes Ding

Skizze von Teo von Torn.
in: „Coblenzer Zeitung” vom 10.11.1900,
in: „Prager Tagblatt” vom 11.11.1900, Seite 17,
in: „Stralsundische Zeitung, Sonntagsblatt” vom 11.11.1900,
in: „Leipziger Tageblatt” vom 14.11.1900


„Adieu, Muhsch —”

Ada Leinert würgte hastig den letzten Bissen ihrer Kaffeesemmel herunter, wischte sich mit den ineinandergesteckten halbseidenen Handschuhen die Lippen und bot ihrer Mutter den Mund.

Frau Hauptmann Leinert küßte ihr jüngstes Töchterchen herzlich — ohne aber die Milch aus dem Auge zu lassen, die sie am Feuer hatte und die eben im Aufwallen war.

„Geh mit Gott, mein Goldchen,” sagte sie in ihrem singenden westpreußischen Dialekt.

„Hast Du auch nichts vergessen, Adachen — die Taschentücher, die Du zum Zeichnen mitgenommen hattest, und Dein Frühstück — hast Du Dein Frühstück, Goldchen? Na siehst Du, Kind! Wo hast Du nur Deine Gedanken—”

Während sie geschäftig in die Küche zurückeilte, um die in ein Stück Glanzleinwand gewickelten Butterbrode zu holen, schalt sie, nach einem besorgten Blick auf die Stubenthür, gedämpft vor sich hin.

„Nein, das ist auch zu wuschelig! — Hier, Adachen, und paß doch nun endlich auf, Kindchen! Wenn Du im Geschäft auch so unachtsam bist, dann ist es doch kein Wunder, wenn die Direktrice Dich ausschilt. Und am Ende schicken sie Dich gar weg! Das wäre doch schrecklich, nicht wahr?” flüsterte sie in ihrer eindringlich geschwätzigen Art, indem sie besorgt und zärtlich dem ungeduldig fortstrebenden Mädchen die Wangen strich. „Wo wir doch das Geld so nöthig brauchen für unsere Grete —”

„Weiß schon, Muttchen — brauchst gar keine Bange zu haben!” rief sie die Treppe hinauf. In demselben Moment aber zog sie den Fuß, den sie bereits auf die nächste Stiege gesetzt, zurück und spähte lauschend in den zweiten Stock hinab. Mit dem schwarzen Frühstücksbeutel winkte sie ihrer Mutter Schweigen.

Unten wurden Schritte laut. Ein kurzes scharfes Rrrrling an der elektrischen Glocke — dann wurde eine Thür geöffnet und eine sonore Männerstimme fragte Etwas.

„Wir vermiethen nicht,” klang es ordentlich beleidigt zurück. „Vielleicht bei Leinerts oben; die haben annoncirt, wenn ich nicht irre.” Damit wurde die Thür zugeschlagen.

Ada huschte zu ihrer Mutter hinauf.

„Muhsch, es kommt Einer,” flüsterte sie interessirt, fast erregt; „Einer, der miethen will —”

Auch Frau Leinert machte aufgeregte Augen.

„Das wäre ein Glück — wegen Gretchen,” flüsterte sie fast jauchzend, als sie die Schritte treppan kommen hörte. Das eingetrocknete und von der Gicht wie verbogene Figürchen der verhärmten kleinen Frau richtete sich fast gerade auf; sie betastete die tief auf dem grauen Haare sitzende Haube und rückte heftig an ihrer Halsschleife.

„Geh nun jetzt, mein Kind,” sagte sie dann laut und als wenn sie an garnichts Anderes dächte, „Du kommst sonst zu spät, Adachen, geh.” Ja, es gelang ihr sogar ein recht überraschtes Gesicht, als nun der Herr auf der Treppe erschien und höflich den Hut zog.

Ada drückte sich kichernd an ihm vorbei.

Er trug einen langen chocoladefarbigen Sacco-Ueberzieher mit braunen Sammetaufschlägen, einen seidenen Kragenschoner und weiße Gamaschen über den schmalen englischen Stiefeln. Oh, Ada Leinert brauchte nur mit einem Blick hinzusehen, um zu wissen, was so ein Mann für ein Mensch ist — man war doch schon beinahe siebzehn Jahre — und seit acht Monaten in dem größten Herrenwäsche-Geschäft der Residenz.

„Drei Treppen sind mir allerdings ein bischen hoch;” bemerkte der Herr, nachdem er auf seine Frage nach möblirten Zimmer eine freundliche, aber doch abwartend reservirte Bejahung erhalten hatte. Auf diesen Vorhalt wich die Reserve einem verlegenen geschäftigen Eifer. Frau Leinert drückte nervös an ihren kranken Händen und erwiderte eifrig:

„Aber die Treppen sind gar nicht steil und hoch, mein Herr, ich versichere Sie! Ich laufe diese Treppen mindestens zwanzig Mal des Tags, ohne die allergeringste Ermüdung. — Wollen Sie nicht näher treten, mein Herr, bitte —”

Der junge Mann verbeugte sich mit einem leisen halb gutmüthigen, halb überlegenen Lächeln und folgte der Frau, die mit blitzschnellen Bewegungen Dies und Jenes vor ihm aus dem Wege räumte, in das Entrée und dann in die gute Stube.

„Dies wäre das Zimmer — —” sagte sie, indem sie nach einem flüchtigen Rundblick ihre Augen forschend auf sein freundliches, etwas müdes Gesicht richtete: „Die Schutzbezüge werden von den Polsterstühlen natürlich abgenommen. Es ist braunrother Rips darunter — sehen Sie — — und das Sopha ist ebenso. Wir haben uns diese Garnitur erst vor sieben Jahren angeschafft, als mein Mann noch activer Officier war. Vor drei Jahren bekam er den grauen Staar und mußte leider seinen Abschied nehmen. Aber wir haben noch nie vermiethet — und gar so nöthig haben wirs auch jetzt nicht. Es ist nur — wissen Sie, mein Herr, unsere älteste Tochter ist so hoch talentirt, sie studirt Musik in München — und das ist doch ein bischen kostspielig — deshalb, nur deshalb.”

„Ich verstehe, — sehr wohl, natürlich, gnädige Frau,” versicherte er verbindlich. „Das Zimmer ist sehr hübsch — ich müßte nur noch ein zweites haben —”

„Das ist gleich nebenan — durch jene Tapetenthür. Es ist noch nicht aufgeräumt; — wir — —”

„Aber, bitte, das macht nichts — nur ein Blick, des räumlichen Umfangs wegen — — — — — so, — danke verbindlich. Das würde als Schlafzimmer genügen. Und nun der Preis, gnädige Frau?”

Die bewegliche kleine Frau bot mit einem Male ein Bild peinlichster Hilflosigkeit und Verlegenheit. Ihre verunstalteten Hände preßten sich wieder an- und aufeinander und auf dem faltigen Gesichtchen malten sich dunkle Flecken.

„Ich sagte schon, mein Herr — daß wir es eigentlich nicht nöthig haben — — ja — und es soll Ihnen absolut an nichts fehlen — ich besorge Alles selbst — — verzeihen Sie einen Augenblick. — — — Ernst!!?”

Wie auf ein erwartetes Commando trat ein hochgewachsener Herr ins Zimmer. Eine prächtige militärische Erscheinung mit schneeweißem Schnauzbart; nur der leere Blick unter den buschigen Brauen erinnerte an das Leiden dieses noch männlich schönen Hünen. Mit dem gespannten tastenden Ausdruck des Blinden lauschte er nach der Richtung hin, wo er den Fremden fühlte — und als wenn er auch gefühlt hätte, daß dieser sich verbeugte, schlug er die Hacken seiner buntgestickten Morgenschuhe zusammen.

„Mein Name ist Leinert, Zeughauptmann a.D. — wenn ich recht gehört habe,wünschen Sie zu miethen, Herr — —”

„Hoffacher, Pardon —, Dr. Heinz Hoffacher. Ich bin Kunstwissenschaftler und möchte mich studienhalber ein Jahr hier aufhalten.”

Wieder klappten die Hacken der buntgestickten Morgenschuhe aneinander. Dann knöpfte der alte Herr an seinem Rocke und hustete verlegen in die hohle Hand.

„Wir — haben es eigentlich nicht nöthig, Herr Doctor, ich habe meine Pension und — — es ist nur wegen meiner Tochter, die als Künstlerin eine große Zukunft hat — sie studirt Musik.”

„Frau Gemahlin erklärte mir bereits, Herr Hauptmann,” unterbrach der Fremde verbindlich, aber doch schon mit einem leichten Beiklang von Ungeduld. „Wenn Sie die Güte haben wollten —”

„Ja, Ernst, — den Preis — wie denkst Du darüber?”

„Hm — rrrhm — — was meinst Du, Mamachen?”

Dr. Hoffacher empfand die Verlegenheit der alten Leute nun selbst peinlich, und er war ordentlich mit erlöst, als er sah, daß es in ihren Gesichtern hell aufleuchtete bei seinem Vorschlag.

„Darf ich Ihnen sechzig Mark monatlich proponiren? Es wäre das ungefähr der Satz , den ich mir gemacht habe —”

Beide drückten ihm wiederholt die Hand — und so herzlich, daß es fast abermals genierlich wurde. Der junge Doctor beschleunigte daher die letzten Abmachungen und man kam überein, daß er noch heute zuziehen sollte. — —

Die Familie Leinert hatte eben ihr Mittagbrot beendet. Da ihnen von ihren drei Zimmern nur eine Schlafstube geblieben war, so speiste man in der Küche. Aber das machte nichts. Fräulein Ada aß, wie immer für zwei, und der alte Herr war aufgeräumt wie nie zuvor.

Der Doctor hatte die Miethe für einen Monat gleich im Voraus erlegt, und der Hauptmann brannte darauf, abgezählte baare fünfzig Mark gleich nach München zu schicken. Ada sollte ihn zur Post begleiten — aber aufgeben wollte er das Geld an seine Grete selbst! Er war schon zum Ausgehen fertig und hielt die fünf Kronenstücke warm und fest in der Hand. Mit Ada war aber natürlich wieder kein Fertigwerden.

„Was muddelst Du denn so lange, Mädchen!” rief der alte Herr schließlich zwischen Lachen und Ungeduld, indem er mit dem Spazierstock aufstieß.

„Gott ja, Papa — ich komme ja schon!” Aber sie angelte doch noch nach dem letzten Eierkuchen. „Ich finde es überhaupt Unrecht —” sagte sie kauend und indem sie sich erhob, „daß Du das Geld partout heute schon wegschicken willst. Morgen könnten doch meine zehn Mark, die ich kriege, auch gleich mitgehen — da hätte Grete doch auch 'was von mir — nicht wahr, Muhschi?”

Frau Leinert antwortete nicht. Sie schien noch kleiner, noch eingefallener als sonst. Sie hielt ihren Teller mit dem Kohlrabi in der Linken und stocherte mit der Gabel darin herum, ohne etwas zu genießen.

„Ist Dir 'was, Mamachen?” fragte der alte Herr, indem er seine ungeduldige Promenade in der engen Küche unterbrach und lauschend den Kopf hob. „Mir fällt jetzt ein — Du warst eigentlich schon den ganzen Vormittag wortkarg.”

„Aber Ernst —” wehrte die Frau ab, indem sie noch eifriger in ihrem Teller stocherte. Ada lachte.

„Muhschi ist bloß traurig, weil ihr der garstige Doctor die schönen gehäkelten Sophadeckchen abgeräumt hat, und die Nippes von der Etagere. Sogar den süßen kleinen Porcellanhund mit der braunen Schnauze hat er rausgeschmissen — —”

Drüben ging die Thür und gleich darauf klopfte es bescheiden an der Küche.

„Frau Hauptmann, verzeihen Sie gütigst — einen Moment, wenn ich bitten darf — —”

Der Teller klirrte zu Boden, aber sie achtete nicht darauf. Als sie mit zitternden Knieen im Zimmer ihres Miethers stand, sah dieser verlegen lächelnd auf sie hernieder.

„Ich bitte tausend Mal um Entschuldigung,” sagte er, „ich vermisse ein Bild auf meinem Schreibtisch — — vielleicht haben Sie beim Aufräumen — — oder — — es ist ja etwas sehr gewagt im Costüm. Ich bin gern bereit, das Bild zu verwahren, wenn Sie das vielleicht mit Rücksicht auf Ihr Fräulein Tochter wünschen — aber missen möchte ich es nicht gerne — —”

Frau Leinert schluckte ein paar Mal mit Anstrengung — dann sah sie aus brennenden Augen zu ihm auf und wies mit der krüppeligen Hand auf den Tisch.

„Da — unter der Schreibmappe — — schließen Sie es, bitte, weg, Herr Doctor. Es — ist — wohl unbescheiden, zu fragen, was — wen diese Photographie vorstellt —?”

„Gott — Gnädigste sind eine erfahrene Frau — man ist doch jung — — vorübergehende kleine Liaison in München — Chansonette. Ein wildes Ding — aber nett — — scheint übrigend trotz ihres englischen nom de guerre eine Landsmännin von Ihnen zu sein — dem Dialect nach.”

Frau Leinert nickte vor sich hin und tastete wortlos hinaus. Draußen lief Ada lachend auf den Treppenflur hinaus und hinter dem blinden Papa her, der sich die Stufen allein heruntergetastet hatte und von dem ersten Absatz her launig hinaufrief:

„Wenn Du nicht kommst, so bringe ich eben unserer Gretel allein das Geld — —”

— — —