Totalisator 1:1000

Humoreske von Teo von Torn.
in: „Hamburger Fremdenblatt” vom 17.07.1900,
in: „Badener Zeitung” vom 04.08.1900


„Aber Herr Doctor — —!” rief Miß Ellen Edwards in ihrem reizenden American-Deutsch. Dabei schlug sie die Händchen in Staunen, Unglauben und Ueberraschung so lebhaft zusammen, daß der Stuhl, auf dem sie stand, ins Schwanken gerieth und sie mit diesem Aufschrei an der Schulter ihres Begleiters ihren Halt suchte.

Dr. Göllner hatte ihre Hand ergriffen und dieselbe wohl etwas länger in der seinen gehalten, als nothwendig war, um die Balance herzustellen. Die kleine Miß erröthete und sprang von ihrem Standort.

Während sie den chicken Directoire-Hut, welcher sich auf ihrem massigen kornblonden Haar gelockert hatte, feststeckte, vermied sie es, den dreisten Dutchman anzusehen. Dieser schien sich aber durchaus keiner Unthat bewußt. Im Gegentheil. Sein offenes, intelligentes Gesicht mit dem spitzgeschnittenen Vollbart und den übermüthigen blauen Augen hatte den Ausdruck höchster Zufriedenheit mit der Welt und sich selbst.

„Das ist doch nicht Ihr Ernst —” knüpfte sie dann, nach einem flüchtigen, aber recht interessirten Seitenblick, an ihren Ausruf von vorhin an.

„Aber durchaus, Miß Edwards. Ich stehe hinsichtlich der Wettrennen ganz auf dem Standpunkte des verstorbenen Schah von Persien — daß ein Pferd schneller läuft als das andere, weiß ich; welches, ist mir gleichgiltig.”

Sie mußte lachen.

„Aber weshalb in aller Welt sind Sie denn mitgefahren?!” fragte sie, indem sie sich auf die Zehenspitzen hob und scheinbar gespannt und aufmerksam mit den Augen dem Felde folgte, das fest geschlossen in scharfem Finish eben vorüberpreschte.

Auch Erwin Göllner hatte, von der allgemeinen Bewegung und Aufregung fortgerissen, einen Moment aufgesehen. Dann suchte sein Blick den ihren — und wieder wandte sie sich erröthend ab. Diesmal nicht ohne einigen Unwillen. Im Grunde sah dieser Herr Dr. Göllner doch ein bischen keck aus seinen lustigen Augen — und so merkwürdig zuversichtlich. Sie war das gar nicht gewohnt, nicht einmal von ihrem Vetter Gültzingen, welcher eben in dem Officiers—Jagdrennen Papas „Baldur” steuerte. Und ein preußischer(1) Ulanen-Leutnant hatte doch immerhin ein paar Points voraus gegenüber einem simplen Chemiker, den Papa für seine Fabriken in Ohio engagirt und den sie kaum acht Wochen kannte. Er war ja hübsch, gewiß — sogar sehr hübsch — und distinguirt auch — aber — —

Miß Ellen erröthete abermals.

„Weshalb? Hm — —” Der Doctor neigte den Kopf auf die Seite und machte ein ernst nachdenkliches Gesicht, das sich aber nicht recht glaubhaft ausnahm — wegen des Schalks, der um seine Mundwinkel spielte. „Sehen Sie, Miß Edwards,” sagte er dann, indem er sich rücklings auf eine Stuhllehne stützte, „ich könnte mich ja darauf berufen, daß Ihr Herr Vater Sie mir auf die Seele gebunden —”

„Wa—as hat Papa?” fragte die smarte, kleine Amerikamerin, indem sie die Hände in den winzigen Taschen ihres Jaquets barg und höchlichst befremdet zu ihm aufsah.

„Sie mir auf die Seele gebunden — all right.”

„Erlauben Sie, Mister Göllers, bin ich ein Baby?”

„Aber Miß — wo denken Sie hin,” wehrte er mit heiligem Ernste ab. „ich verbürge mich dafür, daß Ihr Herr Vater von einem so kränkenden Irrthum frei ist. Wie wäre er denn sonst dazu gekommen, Sie zu verloben.”

Ellen Edwards setzte sich, ohne den zwischen Zorn und banger Frage schimmernden Blick von ihm abzuwenden. Alles schob und drängte sich in Unruhe und Aufregung um sie her; man rief und winkte mit den Taschentüchern, denn „Baldur” war soeben mit einer knappen Nase durchs Ziel gegangen. Miß Ellen sah und hörte nichts von dem „Tumult der Entscheidung”, der sie umwogte. Sie schluckte ein paar Mal, als wenn ihr etwas die Kehle zuschnürte und stieß dann hervor:

„Nicht wahr, Mister Göllner —`Sie sind verrückt —”

Der Doctor räusperte sich und fuhr rasch mit dem Zeigefinger an der Innenseite seines Hemdkragens entlang — eine Bewegung, bei der man immer ein komisch verkniffenes Gesicht macht.

„Sagen Sie ja, Mister Göllner!” drängte die Kleine, indem sie energisch mit dem weißen Chevreaustiefelchen aufstampfte.

„Aber Gnädigste —” wandte er ein, indem er die Schultern emporzog, „man kann doch dergleichen nicht so ohne weiteres zugeben. Außerdem weiß ich wirklich nicht, worauf Ihre Diagnose sich stützt. Mister Edwards hat mir positiv erklärt, daß Sie verlobt seien.”

„Wann?”

„Heute!”

In ihren Augen schimmerte es feucht und ihre Stimme vibrirte, als sie sich erhob und, dicht an ihn herantretend, fragte:

„Well, da Sie also in meinen Angelegenheiten besser informirt sind, als ich, so sind Sie vielleicht auch in der Lage, mir mitzutheilen, mit wem — —!”

Ehe Dr. Göllner noch antworten konnte, näherte sich ihnen eine geräuschvolle Gruppe, aus deren Mitte sich Leutnant von Gültzingen ablöste. Er strahlte, und sein Sieg hatte ihn so mit Wohlwollen gegen jedwede Creatur erfüllt, daß er selbst den Doctor, welcher sonst in seiner Taxe ein höchst unangenehmer Civilist war, eines Grußes würdigte. Aber seine Miene verfinsterte sich und wurde schließlich sogar etwas unintelligent, als Fräulein Edwards ihm weder um den Hals fiel, noch auch sonst irgend einen Versuch machte, ihrer Freude und Zärtlichkeit Ausdruck zu verleihen.

„Erlaube mir, gnädigste Cousine, Ihnen meinen gehorsamsten Glückwunsch auszusprechen. Meine bescheidene Mitwirkung kann nicht in Betracht kommen gegenüber der glänzenden Form des — —”

Er hatte das unsicher und stotternd herausgebracht, jeden Moment gewärtig, daß sie sich endlich auf ihre Freude besinnen würde — aber ihre schönen Augen funkelten ihn so zornig an, daß er sich fassungslos unterbrach.

„Glückwunsch —?” zischte sie zwischen ihren weißen Zähnchen hervor; „denn sind Sie also auch verrückt, Mister Vetter!”

Damit wandte sie sich ab und verschwand so schnell in dem Gewühl, daß die Herren ihr absolut nicht zu folgen vermochten. Als sie auch die Equipage am Halteplatz nicht mehr vorfanden, klemmte Gültzingen sein Monocle ein, machte eine krause Nase und fragte:

„Verstehen Sie Das?”

„Wohl irgend ein Mißverständniß, Herr Leutnant —”

„Mein' ich auch. Werd' heute aber doch Ernst machen beim Alten. Höchste Zeit, daß die Kleine 'n bischen militärischen Schliff kriegt — geht sonst über die Leine. Wann wollte der Alte von Hamburg zurückkommen?”

„Um sechs, wenn ich nicht irre. Aber ich fürchte, Sie kommen zu spät mit Ihrer Werbung — —”

Der Leutnant ließ den ausgestreckten Arm, mit dem er eine Droschke herangewinkt, langsam sinken; dann lachte er auf und erklärte, indem er dem Anderen wohlwollend auf die Schulter klopfte:

„Ein Gültzingen kommt nie zu spät, mein Verehrtester! Nie! — Immer als Erster durch's Ziel — — oder der Totalisator zahlt 1 : 1000, und dann geht bekanntlich die Welt unter.”

*           *           *

Als Dr. Göllner bei seinem Chef eintrat, nickte ihm dieser über die „World” hinweg freundlich zu und ließ sich im übrigen nicht stören. Sein von einer weißen Brártfräse umrahmtes Gesicht tauchte womöglich noch tiefer hinter dem großen Blatte unter, als Miß Ellen sich aus ihrem Schmollwinkel am Fenster erhob und dem jungen Mann entgegentrat. Sie drückte das zu einem winzigen Knäuel geballte Taschentuch noch einmal flüchtig gegen beide Augen und sagte resolut:

„Ich — ich muß Sie um Entschuldigung bitten, Mister Göllner — Sie sind nicht verrückt.&rdquo,

„Miß Ellen —&rdquo,

„Es ist Alles ganz wahr, was Sie sagten —,” fuhr sie mit zuckenden Lippen fort, „Papa hat mich verlobt — mit einem Geschäft6sfreundm und ich darf ihn sogar heute sehen, meinen Verlobten — —”

Das klang sehr bitter und hinter der „World” hervor kam ein eigenes Räuspern. Das American-Girl aber sprach unbeirrt weiter. War ihr der Wille des Vaters Gesetz, so nahm sie doch das Recht in Anspruch, es freimüthig zu commentiren.

„Das Alles ist ja nun nicht zu ändern,” sagte sie gegen das Schluchzen tapfer, aber schließlich doch vergebens ankämpfend, „und ich muß mich da hineinfinden — aber — — Das eine will ich Ihnen doch sagen, Mister Göllner, — mehr noch als Papas Härte, die mich wie einen Ballen Tapioka einem niegesehenen Fremden zuschlägt, schmerzt es mich — daß — Sie — mir das Schreckliche so — so gleichgültig sagen konnten, daß Sie garnicht ein bischen traurig sind, weil ich einen anderen heiraten muß — — und daß Sie auch jetzt wieder lachen —!! — — Sie — Sie — —! Und ich hab' Sie doch so ganz schrecklich gern, Mister Göllner — — und ich — — — — —”

Der alte Herr ließ die „World” sinken und betrachtete sehr zufrieden die innige Gruppe, welche sich da plötzlich gestellt hatte.

„All right,” knurrte er behaglich vor sich hin. In diesem Moment trat Leutnant von Gültzingen ein — mit einem mächtigen Blumenstrauß — und erstarrte zu Stein.

„Ah! Unser Sieger!” rief der Alte, indem er sich erhob. „Dank und Glückwunsch, my boy! Na, und was sagte der Totalisator?!”

„1 : 1000 — — —”

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Fußnaten:

(1) In der „Badener Zeitung” fehlt das Wort „preußischer”.(zurück)

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