Die Militärvorlage.

Von Teo von Torn.
in: „Lübecker Eisenbahnzeitung” vom 25.05.1893,
in: „Kieler Zeitung” vom ??.??.1893


Die Marquisen waren herabgelassen. In den nach dem Garten belegenen Wohnzimmern des Herrn Fabrikanten Schwelche war es kühl und dämmrig, etwas zu kühl für den sonnigen Maitag draußen. Herr Schwelche konnte die pralle Sonne nicht leiden, welche den ganzen Nachmittag auf den seidenen Postermöbeln lagerte und sonst nichts zu thun hatte, als blos zu „scheinen”. Mit dieser Insinuation that Herr Schwelche ihr natürlich Unrecht, denn gerade in seinem wunderschönen, parkähnlichen Garten that sie die erste Frühlingsarbeit. Hier hing sie die ersten grünen Boutons an die Kastanien, welche in regelmäßigen Abständen die Parkmauer umsäumten, hier belegte sie den Rasen mit lichtgrünem Sammet, wenn wo anders kaum das raschelnde Falllaub entfernt war, hier entwickelte sie zuerst den schweren Duft der Hyacinthen, von denen ein herrlich gemustertes Rondel knapp vor dem Hause sich ausbreitete. Schwelche erkannte das auch schließlich an, ja er freute sich dessen, wenn er nichts Besseres zu thun hatte, aber die Zudringlichkeiten der lieben Sonne ließ er sich darum doch nicht gefallen. Es behagte ihm nicht, daß sie aus dem intimen Verhältniß, welches er vor Jahren einmal mit ihr unterhalten hatte — als kleiner Photograph in einem entsprechend kleinen Städtchen — das Recht herleitete, ihn immer und immer wieder an eine Zeit zu erinnern, da er jede Dienstmagd mit Fräulein anreden mußte und manches Brod mit Thränen aß, wenn er wochenlang keine Gelegenheit gefunden, seinem Apparat den schwarzen Hut abzunehmen und bis fünf zu zählen.

Er ließ sich nicht gern daran erinnern, aber nicht etwa, weil er sich jener Zeit schämte. Im Gegentheil, er frischte sie oft selbst in dem Gedächtniß seines engeren und weiteren Bekanntenkreises auf und immer dann, wenn es eigentlich am wenigsten angebracht war. Denn erstens war die Geschichte hinlänglich bekannt, und zweitens hat man angesichts eines pikfeinen Menus und einer so ordinären Hungergeschichte immer das peinliche Gefühl, als müßte man dem armen Schlucker von Gastgeber zur Entschädigung für früher etwas von dem Teller abgeben, den man gerade vor sich hat.

Am peinlichsten waren die Schwelcheschen Reminiscenzen wohl dem alten Freiherrn von Rolingen, der, wenn auch mit Schwelche, seinem Nachbarn, seit anderthalb Jahrzehnten in herzlicher Freundschaft verbunden, doch nicht aus seiner Haut herauskonnte und den selbstgefälligen Vergangenheitsanwandlungen des Freundes manche unruhige Nacht verdankte. Da war nämlich sein Sohn, der Kurt, ein Prachtkerl mit dem schönsten Schnurrbart im ganzen Regiment, und da war Lieschen, ein Prachtmädel mit einem Paar Augen wie zwei Stückchen Himmel und mit einem fürchterlich schweren und langen, aschblonden Hängezopf. Wo dieser Zopf war, da war Kurt nahe, und wo der Schnurrbart gezwirbelt wurde, da war Lieschen nicht weit; — eine ganz merkwürdige Geschichte. Einmal hatte er den Schnurrbart sogar in allernächster Nähe jener zwei schwellenden Frühkirschen erwischt, die in Lieschens süßem Gesichtchen accurat die Stelle markirten, wo andere Menschen den Mund haben.

Unter diesen Umständen war dem Freiherrn nicht zu verargen, daß er so seine eigenen Gedanken hatte, und sehr vergnügte Gedanken, die sich eben nur dann herabstimmten, wenn Schwelche seinen ostentativen Photographen-Fimmel bekam. Dabei war der Fabrikant noch insofern ein komischer Kauz, als er sein Steckenpferd zwar selbst bei allen unpassenden Gelegenheiten vorritt, Andere aber nicht daran rühren ließ. Jede Bemerkung, die auch nur im Entferntesten auf seine lichtvolle Vergangenheit sich bezog, ärgerte ihn heftig, und er wurde ausfallend wie ein Bürstenbinder. Aber abgesehen von dieser in sich widerspruchsvollen Eitelkeit und dem Umstande, daß Schwelche auf die „Volkszeitung” abonnirt war, hielt ihn der Freiherr mit Recht für den besten, biedersten Mann, dessen Freundschaft er hochschätzte und dessen Tochter ihm die besten Garantien bot für das Glück von Rolingen.

Leider hatte sich das gute Einvernehmen der beiden Nachbarn seit Wochen verschoben. Sogar die Tarockpartie am letzten Dienstag war stillschweigend ausgefallen. Zwischen den beiden Villen hatte sich eine Mauer erhoben, über welche die Alten nicht hinwegkonnten: die Militärvorlage! Himmel, hatte das eine Auseinandersetzung gegeben am vorletzten Dienstag. Rolingen hatte einen rothen Kopf bekommen und sein Partner einen womöglich noch rötheren; angeschrieen hatten sie sich und die Karten herumgeschmissen, daß diese später aus allen vier Zimmerecken zusmmengeklaubt werden mußten. Es war ein Bruch — tief, unheilbar.

Heute waren's gerade zehn Tage her, daß Schwelche, wie er sich ausdrückte, „dem hochnäsigen Junker 'mal die Wahrheit gegeigt”. Er hatte sich schon stark abgekühlt inzwischen; es wurmte ihn einigermaßen, daß der Krakehl in seinem Hause passirt war, und das wirkte niederschlagend. Immerhin saß noch der alte Stachel in ihm und er nickte ingrimmig zufrieden, wenn in seinem Blatte von den geringen Aussichten der Militärvorlage zum tausend und ersten Male die Rede war.

Eben wieder hatte er die Lektüre beendet. In gehobener Stimmung durchmaß er das Zimmer mit so großen Schritten, als es seine Korpulenz nur irgend gestattete. — Die Sonne hatte einige Lücken zwischen den Marquisen und Vorhängen benutzt und auf dem dunklen Teppich flimmernde Lichtflecke gemalt. Draußen zwitscherten und piepten die Vögel eine Art Generalprobe für das große Sängerfest im Lenz und durch die offenen Fenster strömten die Düfte von frischem Laub und Hyacinthen. Der Alte verlangsamte seine Promenade. Es überkam ihn eine friedliche, innige Stimmung. Er fühlte sich behaglich und weltzufrieden, und das Glücksgefühl wurde so mächtig in ihm, daß es ihn hinausdrängte, um seiner „Maus” seinem Lieschen zu sagen, daß er es lieb habe — — — —

Die Kleine aber saß in der noch durchsichtigen Gaisblattlaube, hatte beide Arme auf den Tisch gelegt, das Köpfchen darauf und weinte — weinte so herzzerbrechend, daß sich der Frühling umher ordentlich wie Ironie ausnahm. Vater Schwelche hatte die Augenbrauen hochgezogen und sah bald auf sein Kind, bald auf einen Brief, den es vor sich liegen hatte. Er nahm ihn, las — las noch einmal, schüttelte nachdenklich den Kopf und schob das Schreiben behutsam wieder hin. Dann wendete er sich etwas ab, legte die Hände auf den Rücken und spitzte den Mund wie Einer, der pfeifen will, weil ihm im Moment nichts Gescheidteres einfällt. Er beobachtete dabei sehr interessirt erst den Kugeltanz in der Fontaine, dann die Wetterfahne auf dem Dache und dann gar den Zug der weißen Wölkchen, die sich leuchtend vom blauen Aether abhoben. Eben bog er sich zur Seite, um den flotten Lauf eines merkwürdig ausgefranzten Wolkenstreifens bis hinter den Giebel der Villa Rolingen zu verfolgen, als er sich schleunigst umdrehen mußte. Es hatte Jemand mit zwei Fäusten auf den Tisch geschlagen — und dieser Jemand war seine Tochter. Die geballten Händchen lagen noch so, wie sie auf den Tisch niedergesaust waren.

„Und Du Rabenpapa fragst nicht einmal, weshalb ich weine?”

„Na, erlaube mal . . . .”

„Aber das sage ich Dir, die Militärvorlage geht doch durch — doch, doch, doch!” Und bei jedem „doch” schlug eins der beiden Fäustchen auf den Tisch — aber die blitzenden Augen verschleierten sich wieder, der Mund verzog sich kindlich zum Weinen und — patsch — lagen beide Hände wieder platt auf dem Tisch und das Köpfchen darauf. Mit einem langgezogenen „Pa—paaaa!” setzte das Schluchzen wieder ein.

„Lieschen?”

Nichts.

„Nu bitt ich mir aber aus, daß Du mit Dir reden läßt!” — Lieschen erhob langsam den Kopf, behielt aber das Taschentuch vor den Augen. Um den Mund des Alten spielte ein jovialer Zug, der den bärbeißigen Herrn geradezu schön machte.

„Weißt, Lieschen, Du kannst mir einen Gefallen thun —” Lieschen schielte über einen Zipfel ihres Taschentuchs zum Vater auf und nickte leicht.

„Spring' mal nebenan zu Rolingen und sag' ihm, er möchte mir eine Militärvorlage machen —”

Und Lieschen sprang, aber zuerst dem Alten an den Hals und mit einer Vehemenz, daß es diesem schwer war, die Balance zu halten. Erst nach Minuten gelang es ihm, wieder zu Luft und Athem zu kommen. Er schob sie von sich, erhob drohend den Zeigefinger der Rechten und sagte mit ernstem Nachdruck:

„Aber — — —”

Der Kleinen blieb das Herz stehen vor Angst, daß es nun doch noch anders kommen könnte.

„Aber — noch heute!”

Weg war sie, mit einem Jauchzer, so hell und jubelklingend, daß Papa Schwelche mit dem erwähnten Zeigefinger sich über beide Augen fuhr und dann noch mit dem rothseidenen Schnupftuch wiederholt und umständlich nachwischen mußte. —

Als die beiden Rolingen erschienen und der jüngere einen zweiten Erstickungsversuch machte, schob er Alle von sich, stellte die „Kinder” kunstgerecht in Pose, den alten Freiherrn mit ausgebreiteten segnenden Händen dahinter und richtete mit einem „Nun aber, bitte, recht freundlich” den Cylinder des Freiherrn auf die Gruppe. — Es wurde an dem Abend überhaupt viel gelacht in der Villa Schwelche. Das Merkwürdigste aber ist — die Militärvorlage hat der Alte richtig angenommen:

1. Einmalige außerordentliche Ausgabe

2. Dauernde ordentliche Ausgabe per anno

3. Bei Einberufung des alten Landsturms zur großen Armee
Mobilmachung der Ersatzreserve in Höhe von

4. Eine neue Kaserne, comfortabel und geräumig mit
Rücksicht auf die Erhöhung der Friedenspräsenzstärke

Im Anschluß daran auf besonderen Antrag der
dicken gesetzgebenden „Körperschaft” selbst:

5. Möglichst zahlreiche Einstellung von Einjährigen. —

200 000 Mark

    5 000 Mark


300 000 Mark

was nach einigen belanglosen Einwendungen mit Bezug auf die kompromißliche Form seitens der Verbündeten schließlich im Prinzip und als Kompensation angenommen wurde.

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