Der Kontraktbruch des Herrn Clausius.

Skizze von Teo von Torn.
in: „Lübecker Eisenbahnzeitung” vom 15.04.1892,
in: „Rostocker Zeitung” vom 29.10.1893 (unter dem Titel: „Ein Contraktbruch”)


„Ich habe Ihnen das schon zehnmal gesagt, Frau Klinkebühl, die Fenster sollen nicht offen stehen, wenn ich in's Zimmer trete. Haben Sie denn gar kein Einsehen? Und dort! Schauen Sie nur an, wie es auf meinem Tische aussieht. Die Papiere durcheinander geworfen, das Tintenfaß links in der Ecke, während es rechts, hier rechts — genau auf dem Lederuntersatz stehen soll. Ich bin sehr unzufrieden mit Ihnen, Frau Klinkebühl, und wenn das demnächst nicht anders wird, dann . . .”

„Dann?” Dieses fragende Echo klang wie ein banger Seufzer.

„Dann verbinde ich Ihnen auf fünf Minuten die Augen, damit Sie mich nicht so ansehen können, — alle Wetter! Frau, wo haben Sie das Paar Augen her! Und dann sage ich Ihnen 'mal gehörig die Wahrheit und dann, — nun dann warte ich eben ab, ob's was genützt hat. — Lächeln Sie nicht, Frau Klinkebühl! Die Sache ist sehr ernst. Sie haben sich kontraktlich verpflichtet, meinen kleinen Hausstand genau nach den von mir ertheilten Anordnungen zu führen; — geschieht das? Nein, das geschieht nicht. Sie haben sich ferner verpflichtet, von der üblichen Praxis aller bei Junggesellen bediensteten Wirthschafterinnen abzusehen und mit keinem, auch nur dem leisesten Heirathsgedanken die Beeinträchtigung meiner bürgerlichen Freiheit anzustreben; — geschieht das? Nein, das geschieht nicht, denn dann würden Sie mir nicht so geflissentlich das Herz warm machen mit den zwei Augen, die Ihnen der liebe Herrgott akkurat zu meinem Unheil ins Gesicht gesteckt hat. Bitte, Frau Klinkebühl, — unterbrechen Sie mich nicht. Nur unter diesen beiden wohlüberlegten Bedingungen habe ich, Paul Adalbert Clausius, Privatdocent am Polytechnikum, die verwittwete Frau Anna Amalie Klinkebühl geb. Hofmann, zur Leitung der inneren Angelegenheiten meines Hauses berufen.”

Herr Clausius hatte inzwischen seinen Hut auf jenen Knauf des Kleiderspindes gehängt, den er seit länger als 20 Jahren zu diesem Zwecke benutzte, hatte sich seines Ueberziehers entledigt, das Futter vorsorglich nach außen gekehrt und ihn ebenfalls auf seinen von Alters her bestimmten Platz gehängt; dann fuhr er sich, wie er es immer zu thun pflegte, zweimal mit beiden Händen über das etwas gelichtete, aber noch immer unmelirte braune Haupthaar und ließ dann langsam, Frau Anna Amalie Klinkebühl mit einem verwunderten Blicke messend, die Hände sinken.

Es war auch merkwürdig. Während sie sonst nach derartigen Zurechtweisungen das Gesicht mit der blüthenweißen Schürze zu verhüllen und schluchzend das Feld zu räumen pflegte, hatte sie heute beide Hände krampfhaft ineinander geschlungen, mit dem Absatz eines ihrer gefährlich kleinen Füßchen einen leibhaften lebhaften Marsch getrommelt, die wunderhübschen blauen Augen zornsprühend auf ihren Herrn geheftet gerichtet und heftig geschluckt, als wenn sie die Zeit nicht erwarten könnte, um ihrerseits loszubrechen.

Und es brach los: ein Gewitter, wie es Paul Adalbert Clausius Blasius noch nicht erlebt.

„Sie sind fertig, gut, — nun will ich Ihnen etwas sagen, Herr Clausius Blasius. Ob ich den Kontrakt gebrochen, das ist erst noch festzustellen, aber daß Sie nicht nur über die selbstverständlichsten Bestimmungen desselben, sondern auch über die einfachsten Regeln der Artigkeit laxe Begriffe haben, das ergiebt sich aus dem, was Sie mir eben zu sagen wagten. Wenn Sie den athembeklemmenden Duft Ihrer Flaschen, Dosen und Probiergläser partout im Zimmer behalten wollen, dann werde ich mich in Zukunft danach richten. Und wenn Sie ersticken, ich rühre nicht eine Hand. Auch auf dem Schreibtische mag alles liegen bleiben, bis Sie festwachsen in Staub und Schmutz. Dann aber bitte ich mir aus, daß Sie Ihrerseits sich der kontraktlich zugesicherten „guten Behandlung” befleißigen. Oder ist das etwa gute Behandlung, wenn Sie mir — Herr Clausius! — Sie mir vorwerfen, ich, — ich; — — wissen Sie, ich finde keine Worte! — Wenn ich heirathen wollte, Herr Clausius Blasius, heirathen, d. h. also mein junges Leben zum zweiten Male an einen Mann ketten, der — nun ich will meinen Seligen vor Ihnen nicht schlecht machen, — dann hätte ich das schon thun können, einmal, zweimal — zehnmal! Aber auf Sie, Herr Clausius Blasius, bin ich mein Lebtag nicht gekommen. Schauen Sie doch, bitte, einmal in Ihren Spiegel, unterziehen Sie Ihr geehrtes Exterieur sich einer unparteiischen Prüfung, und sagen Sie mir irgend einen Vorzug Ihres augenblicklich sehr verblüfften äußeren Menschen, der mir gefährlich werden könnte. Und innen sieht es bei Ihnen noch schrulliger aus. Sie haben vor jetzt drei Wochen Ihren 48. 45. Geburtstag feierlich mit Stillschweigen übergangen. Ich werde morgen 21 25 Jahre alt. Mir genügt dieser kleine Unterschied, um Ihre bürgerliche Selbstständigkeit ohne auch nur die geringste Ueberwindung zu respektiren. Hoffentlich gereicht Ihnen das zur Beruhigung, und Sie verschonen mich von nun ab mit dergleichen albernen — — Pah!”

Krach! Die Thür flog zu und Herr Paul Adalbert Clausius Blasius, Privatdocent am Polytechnikum war allein.

Aber nicht auf lange. Seine Rechte hatte ihre beliebte Verlegenheitsreise über den Schädel noch nicht ganz vollendet, als sich die Thür abermals öffnete.

Der lebhaft und geräuschvoll Eintretende war ein junger Mann, flott, von elegantestem Wesen.

„Sieh da, lieber Onkel! — Nun? Vier Uhr vierzig Minuten. Du hockst noch nicht an Deinem Schreibtische? Erlaube mal: — Punkt vier Uhr Schluß des Repetitoriums. Vier Uhr zwölf Minuten zu Hause; vier Uhr 30 Minuten Schluß der Kaffeepause und Beginn des Nachmittagsstudiums. Sapperlot, was hat Dich denn aus dem Geleise gebracht? Da steht der Kaffee, ungetrunken und kalt, und hier stehst Du, wie vom Blitz getroffen!? Und Frau Klinkebühl, die mich draußen beinahe zu Fall gebracht hätte — —; darf ich nicht wissen?”

Herr Clausius Blasius hatte beide Hände in die Taschen gesteckt und ging, ohne seinen Neffen weiter zu beachten, nachdenklich auf und ab. Dieser vergaß, Hut und Stock abzulegen und folgte mit steigender Verwunderung dem seltsamen Gebahren seines sonst so ruhig gleichmüthigen Oheims, dessen abnorme Erregung sich dadurch kund gab, daß er jedes gedruckte Stück Papier, dann im Vorbeigehen auch den vom Tisch gefallenen hölzernen Aschbecher heftig mit dem Fuße bei Seite schleuderte. Endlich blieb er stehen, beugte sich nieder und zog mit peinlicher Sorgfalt und Umständlichkeit den Läufer gerade, welcher sich bei dem forcirten Spaziergange etwas verschoben hatte. Dann stellte er sich vor seinen Neffen, steckte die Hände wieder in die Tasche und sagte in ruhigstem Tone:

„Guck' mich mal an, Fritz.”

„Ist geschehen, lieber Onkel,” antwortete der junge Mann, ihn scherzhaft scharf fixirend.

„Wie sehe ich aus?!”

„Wie Du aussiehst? — Ja, verehrter Vatersbruder, ich finde nichts an Dir, was mir besonders auffallen könnte. Bitte, dreh' Dich 'mal um. Nein, wahrhaftig, Du siehst aus wie immer.”

„Ich möchte eben wissen, wie ich immer aussehe.”

„Na, hör' mal, Onkel. Das ist doch aber komisch. Was hast Du denn eigentlich?”

„Das ist gar nicht komisch, mein Junge, ich, Dein Onkel, will von Dir wissen, ob ich alt aussehe, ob ich häßlich oder sonstwie abstoßend bin.”

Der junge Mann lachte hell auf, zwang sich aber mit Mühe zu einigem Ernst, als sich Herr Clausius Blasius in aufwallendem Zorne anschickte, die Zimmerpromenade in beschleunigtem Tempo fortzusetzen.

„Halt, lieber Onkel, verzeih! Auf Deine anscheinend tiefernste Frage sollst Du eine nicht minder ernste Antwort haben. Ein hübscher Kerl — weißt Du, ich meine so im landläufigen Sinne — bist Du nun gerade nicht. Deine Haare sind Dir bedenklich in das Genick gerutscht. — Dein an und für sich beneidenswerther Bart ist ungepflegt. Nase, Mund und Augen sind höchstens „gewöhnlich”; in den Details also reichen Deine äußeren Vorzüge an keinen der mir als Bildhauer bekannten klassischen Torso's heran. Der Gesammteindruck aber ist nicht schlecht, wirklich nicht schlecht, lieber Onkel; Du hast etwas Festes, männlich Energisches in Deinem Wesen, und vor allen Dingen: abstoßend bist Du nicht, nein, lieber Onkel. Im Gegentheil. Ich möchte nur wissen, wer Dir das eingeredet hat —”

„Sie.”

„Wer?”

„Sie. — Doch lassen wir das.” Herr Paul Adalbert Clausius Blasius schob einen Posten Bücher aus der Sophaecke, setzte sich bedächtig nieder und schien, nachdem er noch einige Zeit, in Nachdenken versunken, auf einen Fleck gestarrt, endlich über etwas sehr Komplizirtes im Klaren zu sein.

Seine Züge erhellten sich und er lud mit einer lebhaften Bewegung seinen Neffen zum Platz nehmen ein. Dieser setzte sich auf den Stuhl am Schreibtisch, nahm die Papierscheere und schnipselte schnitzelte an einem alten Kouvert, das er dem Papierkorb entnommen hatte.

„Lieber Onkel . . .”

„Lieber Fritz . . .”

„Du wolltest mir etwas mittheilen, lieber Onkel, — oder irre ich mich?”

„Nun ja, hm, — aber das hat keine Eile. Sag' mir mal erst, was Dich zu mir führt.”

Der junge Mann legte die Papierscheere geräuschvoll auf den Tisch, räusperte sich und lockerte seinen hohen, glänzend-weißen Halskragen, indem er mit dem Finger an dem inneren Rande desselben entlang fuhr. Dann fragte er mit dem harmlosesten Gesicht:

„Wie bist Du mit Deiner Haushälterin zufrieden?”

„W—a—s? — Zufrieden?” — Herr Clausius Blasius hatte sich bei dieser Gegenfrage langsam und ruckweise erhoben, knickte aber bald wieder in seiner Sofaecke zusammen, als er auf dem Antlitze seines Neffen auch nicht die Spur eines ironisirenden Hintergedankens zu entdecken vermochte. Der junge Mann hatte die Ellenbogen auf die Knie gestützt, die Hände gefaltet und sah seinem Oheim mit gutmüthiger Offenheit ins Gesicht.

„Zufrieden? Mit Frau Klinkebühl zufrieden? Mein Junge, die Frau ärgert mich systematisch unter die Erde. Die Frau hat den Satan im Leibe, die Frau — —”

„Aber, liebster Onkel, da ist es doch hohe Zeit, daß Du Dir die Frau vom Halse schaffst.” Der junge Mann betrachtete mit scheinbar größtem Interesse seine Fingernägel und setzte dann nach einer kleinen Pause in schnellem Tempo hinzu, als wenn ein Entschluß plötzlich in ihm gereift sei: „Sieh' mal, — ich habe schon wiederholt zu bemerken geglaubt, daß Deine so minutiös geregelte Häuslichkeit unter dieser Frau leidet. Sie paßt nicht für Dich, sie kann sich in die — wie soll ich gleich sagen — in die seit zwei Dezennien bewährten Traditionen Deines Hauswesens nicht hinein finden. Außerdem scheint sie mir für einen Hagestolz gefährlich jung. Pardon, — ich weiß wohl, ein solcher Gedanke wäre ja lächerlich, aber, weißt Du, die Leute — — na, kurz und gut, ich rathe Dir, Dich dieser Frau Klinkebühl zu entledigen. Und im Uebrigen: Ich freue mich der Gelegenheit, Dir ein Zeichen meiner aufopfernden verwandtschaftlichen Neigung geben zu können. Ich will Frau Klinkebühl übernehmen.”

„???!!!”

„Ja, ich!”

„Aber — erlaube mal — Du bist ja annähernd zwanzig Jahre jünger als ich. Ich brauche nur Deine eigenen Worte zu wiederholen: die Leute —”

„Das ist etwas Anderes, lieber Onkel.”

„Etwas Anderes? — Da hört doch aber Alles auf.”

„Nein, Geliebter, die Geschichte fängt ja eben erst an. Ich werde Frau Klinkebühl zu mir nehmen als Haushälterin — — ”

„Junge, Du bist verdreht verrückt!”

„So laß' mich doch ausreden, — als Haushälterin nicht, sondern . . .”

„Sondern?”

„Ich will sie heirathen.”

Vor etwa drei Jahren war Herrn Paul Adalbert Clausius Blasius einmal im polytechnischen Laboratorium eine große Retorte mit Wasserstoffgas explodirt. Er hatte einen großen Schreck gehabt. Dieser aber war noch größer. Die Augenbrauen hoch emporgezogen, mit weit offenem Munde starrte er in das lachende Gesicht seines Neffen, der sich alsbald erhob, ihm eine Hand auf den Kopf, die andere unter das Kinn legte und so mit komischer Umständlichkeit den geöffneten Mund seines Oheims schloß.

Clausius Blasius athmete tief auf. Die Verblüffung auf seinen Zügen machte einem nachdenklichen Ernste Platz. Er erhob sich, steckte wieder beide Hände in die Taschen und stellte sich nach einer kurzen Promenade vor seinen Neffen.

„Weiß sie schon?”

„Nein, sie weiß noch gar nichts. Die Sache ist mir gestern ganz plötzlich beigekommen, als mir die gräßliche Erkenntniß aufdämmerte, daß ich bereits die Mittagszettel sämmtlicher hiesiger Restaurants unbefriedigt durchprobirt. Ich habe das Alter, bin auch, wie Du weißt, nicht ohne Mittel und sehe also nicht ein, weshalb ich mich nicht lieber zu Hause von einem hübschen Weibchen als in der Kneipe von den Kellnern ärgern lassen soll. — Mein Plan ist der: Du rufst Frau Klinkebühl, kündigst ihr und dann trete ich auf, um ihr „als Retter willkommen” zu erscheinen. Sie fällt mir gerührt um den Hals, — Du hast Deine Ruhe und ich eine Frau.”

„Ob sie Dich nehmen wird?”

„Aber, ich bitte Dich.”

„Nun, dann meinetwegen.”

Herr Clausius Blasius zerrte mit einem kurzen Ruck am Klingelzuge. Das Glöckchen hatte noch nicht ausgebimmelt, als Frau Klinkebühl ins Zimmer trat. Die hübsche Frau mit den blauen Kinderaugen wurde von dem jungen Manne mit unverhohlen bewunderndem Blicke gemustert; Herr Clausius Blasius dagegen hatte sich abgewandt und beobachtete mit größter Aufmerksamkeit durch das Fenster ein paar Spatzen, die sich draußen fürchterlich zankten. Erst als die junge Frau ziemlich indignirt nach seinen Wünschen fragte, drehte er sich um, setzte sich halb auf das Fensterbrett und sagte in gezwungen ruhigem Tone:

„Frau Klinkebühl, — ich bin heute zu der Ueberzeugung gekommen, daß —”

„Daß Sie ungezogen gewesen sind und es gewiß nicht wieder thun werden. Es ist gut, Herr Clausius Blasius, die Sache ist nun abgethan und wir sind wieder gute Freunde, gelt?” Damit hielt sie ihm die kleine wohlgerundete Patschhand mit einem so treuherzigen Blick hin, daß er die Hand unwillkürlich ergriff, ja noch mehr, — daß er sie sogar in der seinigen seinen behielt und leise drückte.

„Ja, Frau Klinkebühl,” fuhr er nach einer Pause mit leicht zitternder Stimme fort, „wir sind gute Freunde, d. h. wor wollen als solche scheiden. Ich bin ein alter, unausstehlicher Querkopf, ein Mensch, der Ihnen Ihr junges Leben verbittert, der, na, machen wir die Sache kurz: ich will Sie entlassen, — in Ihrem Interesse entlassen.”

Die junge Frau zog langsam ihre Hand aus der seinen. Als sie dann ihr Köpfchen aufrichtete, zuckte es seltsam um die vollen rothen Lippen und ihre Augen schwammen in einem feuchten Schimmer, der sich alsbald zu zwei dicken Thränen verdichtete, die ihr langsam über die Wangen liefen.

Herr Clausius Blasius wandte sich wieder zu den Spatzen; ob die Scheiben inzwischen angelaufen waren, oder ob gar — —, jedenfalls sah er nicht deutlich.

Der junge Mann hielt nun seine Zeit für gekommen. Er stand auf, zog mit einem energischen Ruck seine Weste herab, ließ mit routinirter Geste ein-, zweimal seinen Schnurrbart zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger hindurchgleiten und schritt lächelnd auf die junge Wittwe zu.

„Frau Klinkebühl, — die schroffe Kündigung seitens meines Oheims überrascht mich ebenso sehr als sie mich mit Mitleid für sie erfüllt. Ich —”

„Schweigen Sie, Herr, Sie sind ein, — ein — — Neffe des Herrn Clausius Blasius, und das ist Ihr Glück, sonst würde ich Ihnen ganz anders antworten heimleuchten. Glauben Sie denn, ich wüßte nicht, daß Sie Ihren Onkel aufgehetzt haben? Glauben Sie denn . . ., aber was soll ich überhaupt noch Worte verlieren: ich will nicht Ihre Haushälterin werden, und Ihre Frau erst recht nicht.”

Nun war die Reihe, verblüfft zu werden, an dem jungen Manne, der sein Selbstbewußtsein sehr schnell eingebüßt und sich verlegen nach rückwärts konzentrirt hatte.

Sein Erstaunen erreichte jedoch den Höhepunkt, als die junge Frau sich laut aufschluchzend zum Fenster wandte:

„Herr Clausius Blasius, — bitte, — ich werde — den Schreibtisch — und das Fenster — und Alles — ich werde — mich — bessern und — ich —” Sie sank auf ihre Knie, bedekte das Gesicht mit beiden Händen und weinte so heftig, daß sie am ganzen Körper erbebte.

Der Privatdozent eilte auf sie zu, kniete ebenfalls nieder und legte das glühende Köpfchen der jungen Frau an seinen Hals. Wie verhaltener Jubel klang es aus seinen Worten, als er sagte:

„Weinen Sie nicht; die Kündigung kann ich nicht gut zurück nehmen, aber — wenn Sie wollten; seit einer Stunde erst weiß ich, was Sie mir sind, was Sie mir werden müssen; und die Sache wäre beigelegt und ich wäre glücklich, so glücklich wie ich in meinen 48 45 Jahren — verstehen Sie wohl, Frau Klinkebühl — 48 45 Jahren noch nicht gewesen bin.” Er stand auf und zog sie mit sich empor.

Die beiden Kontraktbrüchigen hielten sich umarmt, selig, weltvergessen, bis sie durch ein Räuspern gestört wurden.

Der junge Mann näherte sich ihnen mit einer halb verlegenen, halb ironischen Verbeugung.

„Ich darf, — ich bin wohl überflüssig, lieber Onkel. Nimm meinen herzlichen Glückwunsch; auch Sie, Frau — Tante! Hier meine Hand, und über's Jahr zur Hochzeit, — bitte, Ihr ladet mich doch ein — — — — —”

Ein malitiöses Lächeln, — und weg war er.

Frau Clausius Blasius jedoch war nicht nachtragend; Herr Clausius Blasius auch nicht: Also thaten sie ihm den Gefallen . . .

— — —

Anmerkungen:

Die rotfarbigen Textteile finden sich nur in der Lübecker Ausgabe, die grünfarbigen nur in der Rostocker Ausgabe.

Lübeck: Kaffee — — Rostock: Caffee

Lübeck: Komplizirtes — — Rostock: Complicirtes

Lübeck: Kouvert — — Rostock: Couvert

Lübeck: konzentrirt — — Rostock: concentrirt

Lübeck: Kontrakt — — Rostock: Contract

Lübeck: akkurat — — Rostock: accurat