Der Knalleffekt.

Von Teo von Torn.
in: „Neues Wiener Journal” vom 20.12.1905


„Darf ich mir eine Frage erlauben, Fräulein Lucie?”

„Bedauere, ich bin nicht zu sprechen.”

„Nicht gut zu sprechen — auf mich. Das merkt ein Pferd. Aber trotzdem. Sie sind mir Aufklärung schuldig.”

„Ich bin niemandem etwas schuldig, am wenigsten Ihnen.”

„O, doch. Neben der allgemeinen Achtung und Wertschätzung, die ich als königlich preußischer Oberleutnant zur See und liebenswürdiger Zeitgenosse beanspruchen kann, schulden Sie mir auch — — — ”

„Herr Leutnant von Decken, ich verbiete Ihnen, mir zu folgen!”

„Tut mir leid. Ich gehorche nicht.”

„Ich springe ins Wasser!”

„Ich auch.”

Lucie Gontard war bis in die Mitte des weit in die See hinausgebauten, äußerst schwanken Laufstegs geflüchtet. Weiter traute sie sich nicht. Und da ihr der Rückweg durch den gräßlichen Menschen verbaut war, so blieb nichts übrig, als sich in das Unabänderliche zu fügen.

„Was also wünschen Sie von mir —”

„Zunächst habe ich Ihnen die Mitteilung zu machen, daß morgen mein Urlaub abläuft.”

„Glückliche Reise.”

„Ich danke sehr.”

„Weiter haben Sie nichts auf dem Herzen?”

„O doch. heute ist hier der offizielle Schluß der Badesaison. Da dieser Schluß fast mit meiner Abreise zusammenfällt und ich Wert darauf lege, überll ein fröhliches Andenken zu hinterlassen, so soll die Saison mit einem „noch nie dagewesenen” Knallefekt abschließen. Ich habe für heute nachmittags einen großen Phantasie-Korso vorbereitet.”

„Das wissen schon die Flundern,” warf Lucie Gontard über die Schulter hin.

„So. Nun dann kann ich ohne weiteres die Frage an Sie richten: Weshalb haben Sie es abgelehnt, sich mit mir an diesem Korso zu beteiligen —?”

Das junge Mädchen fuhr herum.

„Weshalb? Das fragen Sie noch!? Weil ich es satt habe, mich von Ihnen wie ein Baby behandeln zu lassen! Weil Ihre onkelhaften Bevormundungen mich kompromittieren! Weil Sie ein unausstehlicher Mensch sind und weil — —”

Mit einem hellen Aufschrei brach sie ab. Kurt von Decken hatte einen Luftsprung gemacht und dadurch den Steg in heftiges Schwanken versetzt. Angstvoll geduckt, raffte sie ihre Röcke zusammen, und die in grauen Chevreauxstiefelchen steckenden Füße trippelten in hilflosem Entsetzen von einer auf die andere der hochschwingenden Bohlen.

„Herr — Herr Leutnant! Um Gotteswillen! Was machen Sie! Sind Sie – —”

„— verliebt. Rettungslos. Das wissen Sie, Fräulein Lucie. Und Sie sehen, wie leichtsinnig es ist, einen Verliebten durch abfällige Bemerkungen zu kränken. Die Seele wird in heftige Schwingungen versetzt — und unwillkürlich wippt dann der ganze Mensch mit — — sehen Sie — so —!”

Wiederum ein Schrei. Noch angstvoller als der erste. Lucie Gontard ließ die Röcke fahren und klammerte sich an den Arm ihres Begleiters, der wie ein Seiltänzer unentwegt auf und nieder hüpfte. Bei dieser Tätigkeit stieß er in kurzen Absätzen hervor:

„Ich bin ein empfindlicher Mensch, müssen Sie wissen. — Nervös bis in die Fußspitzen. — Hoppla! — Ganz recht — halten Sie sich nur fest. — Vorläufig kann ich mich noch nicht bändigen. — Ich bin zu erregt. — Hoppla! — Wenn Sie mich am Lande schlecht behandeln, dann kann ich es Ihnen nur nicht so zeigen, wie erregt ich bin. — Der festere Boden widersteht meiner Gemütsbewegung. — Aber hier — — hoppla! — hier ist der rechte Seismograph für das Zornbeben meines Herzens. — Und wenn Sie mein sturmbewegtes Innere nicht gleich durch ein gutes — aber auch sehr gutes Wort beruhigen — dann fallen wir beide ins Wasser —”

„Herr von Decken,” jammerte die Kleine, „lieber Herr von Decken — o Gott, o Gott — ich kann nicht mehr! Ich bitte Sie, ich flehe Sie an — —”

Der wilde Tanz ließ ein wenig nach.

„Lieber Herr von Decken — das klingt schon ganz hübsch. — Das beruhigt mich bedeutend. — Aber es ist noch nicht das Rechte. — Machen wir's radikal, Fräulein Lucie. — Geben Sie mir einen Kuß — dann ist meine Seele ruhig und jede Gefahr — —”

Ein dritter Schrei — und diesmal in wirklicher Todesangst. Lucie Gontard hatte den dreisten Menschen von sich gestoßen — in der Empörung wohl etwas zu heftig und ohne Rücksicht auf den schwankenden, drei Meter über dem Seespiegel gelegenen Stand.

Leutnant von Decken machte einen Satz wie ein zu Tode getroffener Indianer, überschlug sich — für einen so plötzlich Verunglückten allerdings auffallend kunstgerecht — und schoß ins Wasser. Letzteres spritzte bis zu dem entsetzten Mädchen auf. Noch einmal strampelten ein paar lange Beine empor, als wenn sie zum Ausdruck allerheftigster Gemütsbewegung nach einer wippenden Planke suchten — dann gingen die Wellen darüber hin . . .

*           *           *

Es dauerte fast fünf Minuten, bis der alte Hafenkommandeur a. D. Erasmus Gontard aus seinem verzweifelten Töchterchen herausbekommen hatte, worum es sich eigentlich handelte. Als er es aber heraus hatte, stieß er einen seiner vierundzwanzigsilbigen Flüche hervor, schob die Mütze ins Genick und eilte, so schnell ihn seine kurzen, krummen Seebeine tragen mochten, zu seinem Freunde, dem Admiral z. D. von Decken.

Dieser saß mit seinem Diener und Faktotum Tedje Muhl in dem weißen Sande neben der Bootshütte und flickte an einem Klüver, der bei der letzten Segelpartie in Lappen gegangen war.

„Du, Admiral!” brüllte der Hafenkommandeur schon von weitem über den leeren Strand. „Dein Neff is hops in See und versoffen!”

Die Hiobspost machte nicht den geringsten Eindruck. Auch als er dann den alten Herrn bei der Schulter packte und ihm die Nachricht in die Ohren schrie; beschränkte sich dieser darauf; den Nasenwärmer aus dem Munde zu nehmen und aus dem linken Mundwinkel heraus kräftig auszuspucken. Dann erst sprach er — und zwar nicht zu dem aufgeregten Dicken, sondern zu dem ebenfalls in stoischer Ruhe verharrenden Diener:

„Tedje Muhl, hast gehört, was der olle Drönbartl da red't —?”

„Tjä, Herr Adm'ral —”

„Na, was meinst?”

„Ich mein — dat is mit Verlaub 'n ganz dummen Snack.”

„Sehr richtig. Nu geh man wieder zu Haus, Gontard.”

„Aber Mensch!” schnaufte der Kommandeur. „Die Sache hat ihre Richtigkeit! Mein Tochter ist beigewesen!”

„Deine Tochter — hm. Denn weiß ich all Bescheid, Gontard. Und wieso soll er ersoffen sein?”

„Er wollt ihr auf dem Steg einen Kuß geben —”

„Na ja. Tedje Muhl, hab' ich nich immer gesagt, daß das 'n verdeuweltes Kruppzeug is, diese Weibsleute? Und dann will ich dir man sagen, Gontard — deine Tochter is ganz besonders 'n büschen was dicknäsig. Is ihr schon recht, wenn der Bengel ihr mal mit'n Knalleffekt einen Schabernack spielt.”

„Ich mein' ja auch, Admiral, daß die Deern ihm den lumpigen Kuß hätt' geben konnen!” rief der Dicke. „Aber damit is doch nu nichts geholfen! Willst nicht mit rausfahren?”

„Nee. Geh' man ruhig zu Haus, Gontard. Eher ersaufst du in deinem holsteinschen Federbett, als der Jung im Wasser. Das ist 'ne Amphibie. Weißt, was 'ne Amphibie ist, Gontard?”

Diese eherne Zuversicht verfehlte ihre Wirkung nicht. Knurrend und brummend wandte sich der Hafenkommandeur ab. Er mußte sich selbst sagen, daß ein Schwimmer wie Kurt Decken hundert Meter vom Lande und in greifbarer Nähe des Laufsteges nicht ertrinkt. Außerdem hatte Kurt Decken schon Wasserkuststückchen gemacht, die selbst einem seebefahrenen Menschen die Haare zu Berge sträubten. Die Geschichte konnte, richtig überlegt, wirklich nur auf irgend eine Allotria hinauslaufen.

Also gefestigt, schwenkte er ab, um sein Töchterchen zu beruhigen.

Inzwischen arbeiteten der Admiral und Tedje schweigend weiter. Es mochte etwa eine Viertelstunde vergangen sein, als der Admiral langsam den Pfeifenstummel aus dem Munde nahm, ausspie und fragte:

„Tedje Muhl, meinst, daß er ersoffen ist?”

„Ich mein nich, Herr Adm'ral.”

„Is recht.”

Längere Pause. Dann —:

„Tedje Muhl, weißt, du kannst doch mal nachsehen. Ich denk' eben dran — der Bengel ist ja verliebt — — und das is immer der Anfang von allem Unglück, Da hilft auch alles Schwimmen nichts, wenn man verliebt ist, Tedje Muhl. Nimm mal die grüne Jolle und schau dich um.”

*           *           *

Als Tedje nach zwei Stunden mit einem Banditenschmunzeln auf dem verwitterten Seemannsgesicht bei seinem Herrn sich einfand und diesem wie auch dem Hafenkommandanten seine Erlebnisse zuflüsterte, sollte gerade der Knalleffekt der Saison, der Korso, losgehen.

Dieser war als eine humoristische Versinnbildlichung des Badelebens gedacht.

„Also unter dem Laufsteg hat er gehockt?”

„Tjä, Herr Adm'ral. Erst hat er geschumpfen, daß ich nich schon früher gekommen bin. Dann mußt ich fix die Badekarre in See bringen, und da is er unter Wasser reingeschwommen. An Land is er nach Haus geschlichen, und da hab' ich ihm geholfen, seinen Wagen zurecht zu machen. Und — — hol' mich dieser und jener, Herr Adm'ral — da kommt er schon!”

Richtig. Der Wagenzug nahte. Voran ein großer Kahn voller Musikanten — als Meergötter gekleidet und mit Schilfkränzen auf dem Kopf. Dann ein hübsch dekoriertes Segelboot, in welchem eigentlich auch Lucie Gontard hätte sitzen müssen. Diese war aber verhindert, da sie glückselig am Halse ihres Vaters hing und jetzt erst dem Zuge entgegen eilte — — — denn es nahte der dritte Wagen.

Zwei mit Seegras und frischen Wasserrosen geschmückte Wagenböcke, wie sie zum Transport von Langholz benutzt werden, waren weit auseinandergezogen und mit zwei langen schwankenden Bohlen belegt — als eine äußerst natürlich Nachbildung des Laufstegs allgemein mit Jubel begrüßt, und auf den Bohlen wippte Kurt Decken einen von lebhafter Gemütsbewegung zeugenden wilden Tanz.

Als er Lucie Gontard erblickte, streckte er ihr lachend beide Hände entgegen — und sie nahm an. Mit einem Schwunge war sie oben. Natürlich mußte er sie halten, damit sie nicht falle — sehr fest sogar mußte er sie halten. Und das mag wohl auch der Grund sein, daß eine ganze Anzahl Zuschauer den Eindruck hatte, Lucie Gontard habe sich vor aller Augen küssen lassen. Einige behaupten sogar, es hätte ordentlich geknallt. . .

Aber schließlich — was war dabei? Daß die beiden prächtigen Menschen, trotz ihres scheinbaren Kriegszustandes, zusammengehörten, das wußte längst die ganze Gesellschaft viel früher, als die beiden selbst.

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