Der Generals-Tatterich

Weihnachts-Humoreske von Teo von Torn.
in: „Leipziger Tageblatt” vom 14.12.1901,
in: „Agramer Zeitung” vom 14.12.1901,
in: „Rostocker Anzeiger” vom 15.12.1901,
in: „Mährisches Tagblatt” vom 24.12.1901


Die Besichtigung war zu Ende und die Kritik auch. Commandos schnarrten und schmetterten, — mit dem bekannten hörbaren Ruck bekamen die eingefrorenen Gelenke des Infanterie-Regiments „Joachim Victor” Scharniere, und unter der Führung des Etatsmäßigen marschirten die Truppen in guter Haltung der wohlverdienten mittäglichen Bohnensuppe entgegen.

Alles war gut gegangen, über Erwarten gut. Der Herr General hatte Licht und Schatten gleichmäßig vertheilt, das heißt: der Eine hatte etwas auf den Hut bekommen, der Andere ins Genick oder wo er sonst empfindlich ist; ein Major und zwei Hauptleute dagegen waren mit Honig um den aufgewichsten Bart davongeritten, und die Uebrigen bildeten sich ein, ihre Leistungen wären so vorzüglich gewesen, daß der Brigadier überhaupt keine Worte gefunden, um seinem Entzücken Ausdruck zu geben.

Nun, jedenfalls hatte ja auch das Gesammturtheil befriedigend gelautet, und Oberst von Blomberg hätte erleichtert aufathmen können, wenn nicht zweierlei ihn daran gehindert hätte — einmal war ihm der kleine Raum zwischen der Nase und dem buschigen Schnauzbart complett zugeeist, was das Athemholen sehr erschwerte, zum andern hatte der General noch im letzten Augenblick den Wunsch nach einem Schäferstündchen unter vier Augen dem Herrn Oberst zu erkennen gegeben. Dabei war dem Letzteren etwas eng um die Schuppenkette geworden.

„Was ich noch sagen wollte, Herr Oberst,” — begann der General, indem er ein Papier aus der Tasche zog und es mit der ihm eigentümlichen Unruhe in den Fingern entfaltete. „Sie wissen, daß der erlauchte Chef des Regiments es mit dieser seiner Stellung sehr ernst nimmt. Die heutige Besichtigung war nur eine Probe auf das Exempel — — — o, danke sehr, Herr Oberst, danke verbindlich —”

Das Papier war den Händen des Generals entfallen und Herr von Blomberg hatte es trotz seiner kaltsteifen Knochen mit der Elasticität eines Fähnrichs aufgehoben. General Graf Tauenrieß hielt noch eine Secunde die Grußfinger der Rechten am Helm, dann fuhr er fort:

„ . . . war nur eine Probe auf das Exempel, welches Sie in nächster Zeit Seiner Hoheit vorzurechnen haben werden. Hier ist das Avis des Besuches — — hopla — na, Sie haben es noch glücklich erwischt! — — und wie Sie selbst sehen, haben Seine Hoheit der Herzog einen bestimmten Tag nicht angegeben. Nach dem heutigen Resultat glaube ich nicht, daß Sie etwas zu fürchten haben, Das Regiment macht sich im Ganzen recht gut. Wenn Sie nur noch etwas mehr auf die Ausbildung des Gemüthes der Leute sehen wollten. Sie wissen doch, was Seine Hoheit damit meint — ?”

„Zu Befehl, Herr General!”

Na, Gott sei Dank, dachte der alte Herr, ich weiß es nicht. Befriedigt fuhr er fort:

„Dann hätten wir uns nur noch wegen des Weihnachtsurlaubs zu verständigen. Starke Lücken bedingen eine schärfere Kritik, mein lieber Herr Oberst — es dürfte also gut sein, den Urlaub nach Möglichkeit einzuschränken; auch in den Festtagen selbst. Der Herzog ist Junggeselle und nichts hindert Seine Hoheit, uns zu den ungewöhnlichsten Zeiten zu beehren. Sie wissen Bescheid, Herr Oberst?”

„Zu Befehl, Herr General!”

„Ich danke Ihnen — — pardon — einen Moment! Wie macht sich der Leutnant Graf Tauenrieß, mein Neffe?”

„Ein tüchtiger Officier und liebenswürdiger, ritterlicher Mensch, Herr General!”

„So, das freut mich, freut mich aufrichtig. Aber keine Rücksichten nehmen, wenn ich bitten darf. Nicht die geringsten. Hat Raupen im Kopf, der junge Mann. Und dann so was — wie soll ich sagen — so was Selbstverständliches. Also kurz halten, wenn ich bitten darf; ein bischen auf Candare. Ich danke Ihnen, Herr Oberst!”

Oberst von Blomberg wartete den zehntenTeil einer Secunde, falls sein Brigadier noch etwas auf dem Herzen haben sollte. Aber es kam nichts. Er hatte nur noch Gelegenheit, das Monocle des Herrn Generals, welches den munteren Fingern desselben entfallen war, aus dem Schnee zu klauben und den liebenswürdigen Dank dafür einzuheimsen. Dann winkte der General seinen Adjutanten heran, und der Regiments­commandeur war entlassen.

*           *           *

Seine Hoheit der Herzog hatte sich nachträglich auf einen bestimmten Tag angemeldet — und zwar accurat auf den Weihnachtsheiligabend. Unter den Officieren und Mannschaften, denen mit Rücksicht darauf der Urlaub heftig beschnitten worden war, gewann im Stillen die Ansicht an Boden, daß der hohe Herr zum Fest sich einen andern Punct des Continents zum Aufenthaltsort hätte wählen können — und es brauchte nicht einmal der europäische Continent zu sein. Timbuktu oder die Pfefferküste beispielsweise sind auch sehr nette Gegenden.

Je näher das schönste Fest der Christenheit heranrückte, desto nervöser wurde man im Regiment, und bei dem Herrn Oberst von Blomberg mehrten sich die Anzeichen einer schweren geistigen Entkräftung.

Ihm ging das Gemüth durch den Kopf. Wohl hatte er davon gehört, daß es „gemüthskranke” Menschen giebt, die ärztlich behandelt oder in ein Irrenhaus gesperrt werden müßten — aber wie bei einem Regiment kerngesunder Kaschuben das Gemüth gepflegt werden solle, dahinter konnte er nicht kommen.

„Sagen Sie mal, Tauenrieß,” — fragte er schließlich am Vorabend des entscheidenden Tages seinen Adjutanten, „haben Sie zufällig eine Ahnung, wo bei unseren Kerls das Gemüth sitzt? — Lachen Sie nicht so dreckig, Herrrr! Wenn ich was frage, so meine ich das ernst! Zum Donnerwetter nochmal, Ihr Herr Oheim hat Recht, wenn er mir aufgegeben, Sie auf Candare zu reiten! Also nun mal vernünftig, bitt' ich mir aus. Wie würden Sie das Gemüth im Regiment pflegen, he?”

„Das — das ist so im Allgemeinen nicht zu sagen, Herr Oberst,” erwiderte Leutnant Graf Tauenrieß, indem sein frisches Gesicht sich verzog, als wenn ihn Jemand an der Nase kitzelte.

„Na ja, und damit kommen Sie von Kriegsakademie! Was lernen Sie denn da, wenn Sie so etwas nicht einmal wissen!” maulte der Oberst und stülpte seine Mütze auf, um, rathlos wie zuvor, das Regimentsbureau zu verlassen.

Aber im nächsten Augenblick hielt er inne. Seine Züge hellten sich auf, je länger und eingehender sein Adjutant ihm auseinandersetzte, wie in dem vorliegenden Bedarfsfalle das Gemüth sehr wirksam gepflegt und herausgekehrt werden könnte. Als Graf Tauenrieß seinen Vortrag geschlossen, fehlte nicht viel, daß sein alter Oberst ihm um den Hals gefallen wäre.

„Sie sind ein Tausendsassa, ein ganz verfluchter Kerl!” rief der Regiments­commandeur aufgeräumt. „Aber auf Urlaub kann ich Sie leider doch nicht schicken,” fügte er bedauernd hinzu. „Ihr Herr Oheim hat mir zu dringend ans Herz gelegt, Sie kurz zu halten.”

„Danke gehorsamst, Herr Oberst — aber ich hätte diesmal ohnehin keinen Urlaub nachgesucht. Bin hier sozusagen gebunden.”

„Nanu? Wohl kleine Herzenssache, was?”

„Große — — Herr Oberst!”

„Schau, schau! Na, jedenfalls vergessen Sie mir darüber nicht die Hauptsache. Also für jede Compagnie drei Weihnachtsbäume mit je fünfundzwanzig Lichtern und dem andern Schnickschnack. Dann je ein Harmonium. Die Stabshoboisten haben die Weihnachtslieder einzuüben — „Morgen kommt der Weihnachtsmann” und — — — was lachen Sie denn schon wieder, Herrrr!”

Das Lied dürfte sich doch nicht ganz eignen, Herr Oberst. Dagegen „Stille Nacht” beispielsweise —”

„Schön, also „Stille Nacht”. Wer von den Kerls morgen Abend nicht „Stille Nacht” singen kann, wird eingespunnt; verstanden?”

„Zu Befehl, Herr Oberst!”

*           *           *

War der Oberst solcher Art seine Sorge los, so konnte der Brigae­commandeur General Graf Tauenrieß das nicht von sich sagen. Es ist eben dafür gesorgt, daß auch die Generalsbäume nicht in den Himmel wachsen. Dem Herrn General war recht blümerant in Erwartung Seiner Hoheit. Der Herzog war fraglos ein Gemüthsmensch — auf der einen Seite; auf verschiedenen anderen aber nicht, gar nicht. So hatte er eine weithin bekannte Abneigung gegen alles Alte in der Truppe. Wenn sich das nur auf die vierte Garnitur der Mannschaftshosen erstreckt hätte, so wäre dagegen kaum etwas einzuwenden gewesen. Aber das war leider nicht der Fall. Er bevorzugte junges Menschenmaterial. Alles, was nicht mehr ganz frisch war oder so aussah, das faßte er unter dem Sammelbegriff „Senilismus in der Truppe” zusammen — und man hatte Exempel von Beispielen höchst rücksichtsloser „Erneuerungen”.

Der General fühlte sich noch sehr rüstig und dienstfähig — aber der verdammte „Tatterich”. Seit einem halben Jahre, seit der letzten Cur in Kissingen, hatte sich die unangenehme Sache eingefunden. So sehr er auch mit Massage und allen sonstigen Mitteln dagegen operirte — der Generals-Tatterich war da und blieb.

Das konnte schlimm werden. In der Beziehung verstand Seine Hoheit keinen Spaß. Ein Tatterich ist unter allen Umständen „Senilismus in der Truppe” und konnte den Abschied bedeuten. Den Abschied aber wollte der General vorläufig noch nicht. Da war noch ein blauäugiges Mädel vorher zu versorgen — und Excellenz will man doch schließlich auch werden, wenn man nahezu seine fünfzig Jahre abgerissen hat.

Der General war in sehr trüber Stimmung, als er aus seinem Arbeitszimmer die Wohnräume betrat. Und was er dort erspähte, verbesserte seine Stimmung nicht, sondern machte hellen Zorn in ihm auflodern.

Das blauäugige Mädel, an das er eben gedacht, putzte einen großen Weihnachtsbaum — aber nicht allein; ein junger Officier half emsig dabei, und der Officier hatte immer just auf der nämlichen Seite zu thun, wo das Mädel die blanken Nüsse und Ketten anbaumelte.

Als der General eintrat, fuhren die jungen Leute erschrocken auseinander — und Leutnant Graf Tauenrieß stellte sich stramm vor seinen Oheim und General.

„Nun schlägt's aber Dreizehn!” polterte der alte Herr. „Herr Leutnant, warum sind Sie nicht auf Urlaub?”

„Ich habe keinen bekommen, Herr General — der Herr Oberst erklärte mir, daß der Herr General befohlen hätten, mich kurz zu halten.”

„So — und das berechtigt Dich, Windhund infamigter, hier Quartier zu nehmen und der Liese den Kopf zu verdrehen, soweit das noch nicht geschehen ist, was?”

„Aber Papa, — Egon hilft mir doch nur — — —”

„Helfen, natürlich — helfen! K ennen wir schon, dieses Helfen! Ich werde Euch schon be-helfen! Jetzt scheeren Sie sich erst mal schleunigst zum Deibel, Herr Leutnant, sonst soll Sie das blaue Donnerwetter fricassiren! Und Sie kommen mir nicht wieder, bis ich Sie einlade, verstanden?”

„Nein!”

„Bist Du verrückt, Bengel?!”

„Wenn mein General zu mir gesprochen, dann habe ich nichts verstanden; denn so spricht kein Officier zu einem Officier. Wenn aber mein Onkel gesprochen hat, dann sage ich: Gieb mir erst mal 'ne Cigarre — ich habe vorhin keine gefunden. Alsdann wollen wir einen vernünftigen Ton mit einander reden, Onkel.”

„Junge, Du bist der größte Frechdachs, den ich in meinem langen Leben gesehen habe,” sagte der General, indem es verdächtig um seine Mudnwinkel zuckte. „Also komm' in mein Zimmer.”

*           *           *

Nach einer halben Stunde wußte Egon Tauenrieß, daß der Oheim gegen seine Person nichts hatte — im Gegentheil. Wenn er Liese nicht haben sollte, so lag das ganz allein an dem Generals-Tatterich und an der durch ihn gefährdeten Zukunft.

*           *           *

Hoheit war entzückt, begeistert. So etwas von Gemüth, wie die Weihnachtsfeier beim Infanterie-Regiment „Joachim Victor” war ihm überhaupt noch nicht vorgekommen. Immer und immer wieder sprach er dem Oberst seine Anerkennung aus, und nun, da er angesichts des brennenden Lichterbaums im großen Saale des Commandohauses neben dem General bei der Festtafel saß, konnte er auch diesem gegenüber nicht Lobesworte genug finden.

Das war sehr hübsch und sehr schön — wenn nur der Tatterich nicht gewesen wäre.

Hoheit wurde nach und nach schon darauf aufmerksam, daß der alte Herr so wenig aß. Er animirte ihn lebhaft, von den Dingen zu nehmen; namentlich der Karpfen sei ausgezeichnet. Der General saß wie auf Kohlen — näher und näher rückte der Moment, da er sich erheben und das Hoch auf den erlauchten Gast ausbringen mußte. Und in der Aufregung flogen seine Hände noch mehr, als sie sonst zu fliegen pflegten. Es war fürchterlich. Aber da half nichts, er mußte — — und er erhob sich.

Wenn er nun vorläufig wenigstens das Glas hätte stehen lassen — leider aber ergriff ihn zu der Angst ob des Tatterichs auch noch das Redefieber, und der Effect war schauerlich. Mit Entsetzen schauten die Ritter und die Frauen, welch' einen wilden Tanz das Weinglas in der Hand des alten Herrn aufführte und wie der Sect auf den rothen Aermelaufschlag Seiner Hoheit herniederkleckerte. Schließlich bemerkte das der General selbst, er sah auch den höchst befremdeten Ausdruck in dem Gesichte des hohen Herrn — und da war's um ihn geschehen.

Er sank auf seinen Stuhl zurück und das Glas splitterte zu Boden.

Alles war im Begriff, erschrocken aufzustehen. Da wurde am unteren Ende der Tafel scharf an's Glas geklopft. Leutnant Graf Tauenrieß hatte seine hohe, schlanke Gestalt aufgerichtet und sprach also:

„Euere Hoheit! Hochverehrte Damen! Herren Kameraden! Ich glaube im Sinne meines Herrn Oheims zu handeln, wenn ich die sichtbar tiefe Gemüthsbewegung, welche ihn ergriffen hat, mit kurzen Worten dahin aufkläre, daß es sich neben der respectvollen und unterthänigen Begrüßung Seiner Hoheit noch um ein Anderes handelte, was sein Vaterherz wohl tief bewegen durfte. Der Herr General hat mir sein einziges Töchterchen verlobt, und das sollte soeben proclamirt werden. (Allgemeine freudige Bewegung; Hoheit erhebt sich.) Damit erklärt sich die Gemüthsbewegung meines sonst körperlich und seelisch so ehernen Herrn Oheims und Generals. Mein Herz ist mit Freude und Dankbarkeit erfüllt gegen das gütige Geschick, welches mich der Ehre würdigt, daß zu den Ersten, denen ich mein Glück künden darf, Euere Hoheit gehören. Seine Hoheit, der durchlauchtigste und gnädigste Chef des Infanterie-Regiments „Joachim Victor” — hurrah, hurrah, hurrah!”

Tusch — brausende Hurrahs — —

Der General kneift sich in die Beine, weil er nicht weiß, ob er träumt oder ob der Frechdachs wirklich — — —

Aber es war unfaßbare Wirklichkeit. Der Herzog sprach. Alles erhob sich, und der General natürlich mit.

„Lieber Graf Tauenrieß! Ich danke Ihnen. Wohl habe ich mir selbst gesagt, daß die Schwäche unseres verehrten Herrn Generals eine besondere Ursache haben müsse — daß diese Ursache eine so freudige und schöne ist, freut mich von Herzen. Ich schätze es an einem Soldaten, wenn er neben aller militärischen Straffheit auch einer tiefen seelischen Bewegung fähig ist. Angesichts des segenspendenden Lichterbaumes bitte ich Sie, gnädigste Comteß, sowie den Bräutigam und vor Allen — — Seine Excellenz Herrn Generalleutnant Grafen Tauenrieß, meine bestgemeinten Wünsche entgegenzunehmen! Das Brautpaar und Seine Excellenz — hurrah, hurrah, hurrah!”

Tusch — Bewegung — Gläserklingen — Glückwünsche über Glückwünsche — — — und dann plötzlich lautlose Stille.

Unten im Hofe waren die besten Sänger des Regiments zusammengetreten, und die getragene Weise der „Stillen Nacht” klang herauf. — Es mußte wirklich Gemüth darin stecken, denn nicht nur die Augen der neuen Excellenz wurden feucht — und wer gerade ein Glas hielt, hatte auch einen Tatterich.

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