Das Fleckfieber.

Humoreske von Teo von Torn.
in: „Neues Wiener Journal, Humoristische Beilage”, Nr. 45, 1899


„Kleinsorge!”

„Herr Doktor —?”

„Haben Sie die Dame gesehen, welche eben das Bureau verließ?”

„Aber sehr, Herr Doktor — 'n ganz nettes Mädchen noch. Ein bischen angejahrt und spitz, aber sonst proper. Hatte se nich auch 'ne Marode-Frisur?”

„Was für eine Frisur? Mérode, meinen Sie. Aber gleichviel. Wenn die Dame wiederkommt, dann bin ich nicht zu Hause, verreist, verunglückt, todt — was Sie wollen!”

„Machen wir —; aber wenn se ohne —” damit griff das Redaktionsfaktotum pantomimisch mit der Rechten unter den linken Arm, als wollte er ein umfangreiches Manuskript andeuten.

„Auch dann.”

„Aber wenn se —”

„Rrraus!!” dröhnte Dr. Blumbergs Stentorstimme durch den engen, mit Büchern und Zeitungen bis unter die Decke vollgestopften Raum. „Noch ein Ton, und der nächste schwere Gegenstand zerschellt an Ihrem Schädel; Sie — —”

Der Redakteur verschluckte das Citat aus Brehms Thierleben und beschränkte sich darauf, seinem Faktotum, das mit eingezogenem Kopf zur Thür retirirte, einen wüthenden Blick nachzusenden.

„Der Kerl wird alle Tage unverschämter,” brummte er vor sich hin, indem er Papierscheere, Brieföffner und Federhalter nervös durcheinanderwarf und dabei einen Maikäfer hinrichtete, der eben unlustig und appetitlos am Kleistertopf naschte. Blumberg schleuderte den Leichnam in den Papierkorb, wo er neben einer Riesenkartoffel und zwei kurzlebigeren Kollegen, welche schon in der Streichholzschachtel ihr Raritätendasein ausgehaucht, auf einem Busch Maulbeerblätter zu liegen kam, den der Redakteur des „Hausberater” vorhin vergeblich auf den avisirten „selbstgezogenen Seidenwurm” untersucht hatte.

Dr. Blumberg war Stimmungsarbeiter. Einmal rausgebracht aus der kritischen Konzentration auf die ihm anvertrauten Lyrika, Romane, Kochrezepte und Stickmuster, konnte er sich erst dann wieder hineinfinden, wenn er Nerven, Seele, kurz seine ganze innere Verfassung beim Sternwirth drüben in harmonischen Zusammenhang gebracht mit seinem rundlich behäbigen äußeren Menschen. Und nun gar heute — wo sein Horla, sein Redaktionsschicksal, sein Fleckfieber: Fräulein Evelin von der Batzenburg, recte Auguste Piestel, ihn mit einem ihrer fünf jungfräulich ungedruckten Stammromane wieder heimgesucht.

Beiläufig bemerkt, hatte sich Dr. Blumberg Evelinen selbst eingebrockt. Er hatte den ersten, ihm eingeschickten Schmarrn, blos weil er von einem feinen, in allen Düften Schiras' duftenden Briefchen begleitet war und seine Phantasie sich einen lieblich konfusen Backfisch vorgestellt hatte, mit einer Ablahnung Ia zurückgehen lassen, bei der Unbedachtsamkeiten vorkommen wie „unbestreitbares Talent”, „sehr entwicklungsfähig”, „gelegentlich Anderes schicken” und dergleichen.

Ach, und wie hatte die Piestel das für voll genommen! Abgekehrt von allen häuslichen Verrichtungen, machte sie ihren verwittweten Papa Steuerrath nun völlig verwaist und lebte nur noch der „Entwicklung” ihres „unbestreitbaren Talents”. Jede Woche zweimal brachte sie dem unglücklichen Blumberg „gelegentlich” etwas Anderes, und mit einer Selbstverständlichkeit, die den Leiter des „Hausberathers” schließlich Indianertänze aufführen ließ vor Nervosität und Rathlosigkeit.

Jeden einzelnen ihrer fünf Romane hatte Eveline von der Batzenburg zu Anfang, dann am Schluß und später auch in der Mitte geändert auf den Rath ihres „verehrten Mentors” — und nun wußte dieser nichts mehr. Endlich aber krümmt sich auch ein Zeitungswurm, wenn er so oft und so heftig getreten wird, und heute hatte Dr. Blumberg sich zu der kategorischen Erklärung aufgerafft, daß er „Die blonde Lotte” durchaus nicht gebrauchen könne.

Mit vorwurfsvollem Blick, aber ungebrochen, war Eveline-Auguste hinausgerauscht, und Kleinsorge hatte seine Weisung erhalten.

Der Redakteur schob sein halbfertiges Wochen-Orakulum über „Höflichkeit im Hause” bei Seite, warf die jüngste Post, unter der er einige ganz verdächtige lyrische Couverts gewahrte, in die Mappe zurück und war schon in der Hausthür, als ihn sein Verleger attrapirte.

„Auf ein Wort, lieber Doktor!”

Blumberg trat mit ins Privatkomptoir, ließ sich resignirt in einen Sessel nieder und schielte sehnsüchtig nach dem „Goldenen Stern” hinüber.

„Sehen Sie, ich habe hier ein Manuskript bekommen, das ich Ihrer besonderen Aufmerksamkeit empfehlen möchte. Die Verfasserin ist eine hiesige, den besten Kreisen angehörige Dame, dabei —”

„— eine treue langjährige Abonnentin,” ergänzte Blumberg kopfnickend.

„Ganz recht,” bestätigte Herr Sebald, in Firma Krimmer & Co., „und das Manuskript —”

„— kostet nischt,” vollende der Redakteur verständnißinnig, indem er seinen „Farmer” harmlos anlächelte.

„Allerdings — wird auf Honorar kein Gewicht gelegt,” sagte dieser ruhig nach einer kleinen indignirten Pause. „Aber Sie wissen, daß mir das nicht ausschlaggebend ist. Die Arbeit scheint wirklich sehr brauchbar, und ich wünsche, daß Sie sich derselben freundlich annehmen.”

Der Redakteur wußte, daß er auf diesen „Wunsch” das Manuskript nur gleich in die Druckerei geben konnte.

„Also schön,” sagte er, nach dem umfangreichen Papierbündel angelnd, „von wem ist denn das Ding?”

„Der Roman heißt ,Butzi' und hat Fräulein Augus— —”

„Aber Herr!” fuhr Dr. Blumberg entsetzt auf. „Das ist ja Makulatur! Den ,Butzi' der Piestel habe ich mindestens zehnmal schon abgelehnt!”

„Dann werden Sie ihn eben zum elften Male annehmen, wenn ich Sie darum bitte,” erwiderte Herr Sebald mit zuversichtlichem Lächeln, schob dem Empörten das Fascikel unter den Arm — und Blumberg war mit ,Butzi' entlassen.

Im „Goldenen Stern” war das Bier vorzüglich und das Frühstück, welches der Redakteur der Bequemlichkeit halber in diesem Gasthaus einzunehmen pflegte, so reichhaltig und delikat wie selten. ,Butzi' war in der weiten Manteltasche bald vergessen — ob der lukullischen Genüsse und nicht zum wenigsten auch infolge der Zuthunlichkeit, mit der des Wirthes blondhaarige Liesbeth heute um den Stammtisch herumstrich.

Nachdem er den letzten Bissen in den Mund geschoben hatte, legte sie ein bisher versteckt gehaltenes Packet auf einen Stuhl ihm gegenüber, setzte sich darauf und flötete in dem ihr eigenen Moll:

„Herr Doktor —”

„Na, Liesel, was soll's denn?” fragte der Redakteur schmunzelnd, indem er nach einem tiefen Schluck aus dem Pschorrglase sich den Mund gewischt und es nun der Verlegenheit des niedlichen Wirthstöchterchens überließ, die Serviette sorgsam zusammenzufalten.

„Ich habe eine Bitte —

„Heute jede, Lieschen! Bei dem Essen jede.”

„Jede?” jubelte sie

„Jede! Also schieß los.”

„Ich — ich hab' eine Freundin —”

„Hm!”

„Und diese Freundin hat wieder eine Freundin — eine ältere Freundin.”

„So —

„Ja, und eben diese Freundin ist Schriftstellerin.”

„Das ist unter Umständen ein Fehler; aber was soll's denn damit?”

„Sie hat mir,” und damit zog sie das heimtückische Packet hervor, „einen wunderschönen Roman zu lesen gegeben, und da wollt' ich Sie recht schön bitten, Herr Doktor, ihn im ,Hausberather' zu drucken.” Froh, daß es nun 'raus war, glänzte sie den sauer Lächelnden aus ihren munteren blauen Augen glückselig und erwartungsvoll an.

Blumberg öffnete das Packet und prallte angesichts des Titelblattes so heftig zurück, daß sein Schädel krachend gegen die Wandtäfelung stieß:

,Liebe, Leid und Leidenschaft', Roman in drei Bänden von Eveline von der Batzenburg.

„Himmel, Zwirn und Bindfaden,” stöhnte der Redakteur, indem er mechanisch seine ramponirte Platte rieb. „Und das soll ich drucken?!”

„Na gewiß!” nickte Fräulein Liesbeth ernst.

„Giebt's ja gar nicht!” rief er. „Das Ding ist mein böser Traum von letzter Nacht. Nimm's rasch weg, Lieschen!”

„Aber Herr Doktor, der Roman ist doch süß —”

„Ich kann keine Süßigkeiten vertragen; — bin auch schon mit 'ner hübschen Portion davon versehen!”

„Und Sie haben's mir doch versprochen!”

„Ich? — Ach so —; na, dann hab' ich mich eben versprochen! — Aber sei doch gut, Lieschen,” fügte er, gütlich auf sie einredend, hinzu. „Sieh mal, das geht ja gar nicht. Das Ding ist schauderhaft —”

„Schön ist's!” schmollte Lieschen hinter dem vorgehaltenen Schürzenzipfel hervor.

„Schauderhaft, sag' ich Dir! Flach und so langweilig, daß selbst die Helden darin alle todt bleiben, weil sie nichts Besseres zu thun haben.”

Lieschen schickte sich an, ihre mißhandelte Freundschaft und den Kummer ob des verrathenen Extrafrühstücks hinten am Büffet zu verbergen. Leidenschaftlich klagte sie ihrem Schürzenzipfel die Meineidigkeit der Männer und aller Redakteure im besonderen.

Blumberg kämpfte einen schweren Kampf. Als aber seine kleine Protektorin in Lukull schließlich auch Bruchstücke versteckter Drohungen in den feuchten Shirting schluchzte — Worte wie: „Werd's mir merken!” — „Hummer giebt's nicht!” — „Auch so sein!” und dergleichen — raffte er wüthend ,Liebe, Leid und Leidenschaft' zusammen, pfropfte sie in die andere Manteltasche und stürmte davon.

Draußen hätte er beinahe einen Postboten aufs Pflaster gesetzt.

„Da sind Sie ja, Herr Doktor: gut, daß ich Sie treffe. Ein kleines Packetchen —”

„Was soll ich hier damit?! Will nichts haben. Hab' genug für heute! Geben Sie's im Bureau ab! Ich gehe nach Hause.”

„'s ist eingeschrieben und —” damit wies er auf den Postabschnittsvermerk. ,Von einer treuen Verehrerin' stand da. „Das werden Sie doch mitnehmen!”

Ueber die grimmigen Züge des Redakteurs glitt ein flüchtiges Lächeln. Er zahlte 15 Pf. Bestellgeld und eilte mit dem Packet seinen heimischen Penaten zu, in der festen Absicht, das Bureau, die Wiege seiner Leiden, heute nicht mehr zu betreten. Er mußte Ruhe haben.

Daß er sie zu Hause nicht gleich fand, lag wohl im wesentlichen an ihm selbst. Frau Dr. Blumberg war lieb und freundlich wie immer zu ihrem geplagten Gatten. Und ihre Stimmung schlug erst um, als sie die unversöhnliche Gereiztheit desselben, das Packet und den verdächtigen Postabschnitt sah.

„Was ist denn das?”

„Weiß ich nich!”

„Sehr merkwürdig! Oder vielmehr nicht merkwürdig, Du bist ja Allen und namentlich Damen gegenüber so liebenswürdig, daß man sich über solche Sendungen gar nicht wundern darf! Wenn Du für mich nur den zehnten Teil dieser Liebenswürdigkeit hättest, würdest Du mir hier und da auch einen Gefallen thun.”

„Na, erlaube mal, Du hast doch erst gestern das neue Cape gekriegt!”

„Ach was!” schmollte die kleine Frau. „Das ist es ja eben, daß Du meinst, ich wäre nur auf solche Aeußerlichkeiten zugeschnitten und hätte keinen Sinn für Deinen Beruf, fürs Höhere!”

„Also worauf geht Dein höherer Sinn?”

„Wenn Du in dem Ton mit mir sprichst, Hugo, so verzichte ich auf jede Unterhaltung.” Damit stützte sie die Arme auf das Fensterbrett und drehte dem Gatten ihre — auch nicht unüble andere Seite zu.

Er ging zu ihr und legte seinen Arm um ihre Schulter.

„Sei gut, Dorchen; ich habe Aerger gehabt; sei gut! Nun sag', was Du willst.”

„Ach, laß mich!”

„Nein, sag'!” Er küßte den Mund der kleinen Frau, bis sie lachte und schließlich mit ihrem Anliegen herausrückte. — Eine Dame sei dagewesen, hätte ihr sehr viel Artiges gesagt und sie schließlich gebeten, sich bei ihm wegen eines Romans zu verwenden. Die Dame wäre so reizend zu ihr gewesen, daß sie zugesagt hätte, und sie erwarte nun bestimmt, daß er sie — seine Frau — nicht dementire. Und diesen kleinen Gefallen müsse er ihr thun — es werde ja so viel gedruckt etc.

Sie hatte noch nicht geendet, als Dr. Blumberg, der ahnungsvoll das Packet geöffnet hatte, wie eine ausgerissene Winterlevkoje auf einen Stuhl zusammenfiel:

,Der blaue Pompadour', Roman in vier Bänden von Eveline von der Batzenburg.

Der Redakteur erhob sich ächzend, packte das Manuskript mit der Miene eines gebrochenen Mannes zusammen, nahm dieses, das Postpacket und Evelinens andere Werke unter den Arm und verließ, ohne ein Wort zu sprechen, das Haus.

*           *           *

Kleinsorge war eben mit dem Auspacken der Sendung „einer treuen Verehrerin” fertig geworden und sah kopfschüttelnd auf das — seinem Chef „im Manuskript dankbarst und verehrungsvollst zugeeignete” ,Wärterhaus am Berge' von Eveline von der Batzenburg, als ihn ein dumpfer Hilferuf zum Chef rief.

Derselbe lag wie todt in seinem Lehnstuhl. Als Klainsorge eintrat, wies er, ohne die Augen zu öffnen, mit zuckenden Händen auf ein Manuskript.

„Das hat ein Dienstmann gebracht, mit der Bestellung, das Fräulein hätte das nu geändert.”

Und es war geändert. Die heute früh definitiv verabschiedete „Blonde Lotte” war als „Schwarze Lotte” wieder erschienen.

Kleinsorge legte das ,Wärterhaus' leise daneben, schlich, in der dumpfen Ahnung, als wenn 'was Schreckliches passiren müsse, dem es besser sei fernzubleiben, auf Zehenspitzen hinaus — — und überließ den Aermsten seinem Schicksal und den vollständigen gesammelten Werken von Eveline von der Batzenburg.

— — —

Anmerkungen:

Cléo de Mérode, 27.09.1875 - 17.10.1966, französische Ballettänzerin