Einquartierung.

Humoreske von Teo von Torn.
in: „Der deutsche Correspondent” vom 11.10.1903


Was ist ein Gegensatz?

Die Herren Philosophen und Sprachgelehrten werden um eine Bedeutung dieses Begriffes nicht verlegen sein. Sie werden zunächst mit der Gegenfrage antworten, ob ein kontradiktorischer oder konträrer Gegensatz gemeint sei — und wenn man darauf mit der vollen Verständnißlosigkeit eines in der wissenschaftlichen Logik unbewanderten Laienmenschen eine befriedigende Antwort nicht gegeben hat, so werden sie definiren: Ein Gegensatz ist jedes Verhältniß wechselseitiger Ausschließung unter zwei einem gemeinsamen höheren untergeordneten Begriffen.

Das ist ebenso schön gesagt, wie vollkommen klar und erschöpfend ausgedrückt. Wissenschaftlich wenigstens. Es ist bekanntlich eines der hervorstechendsten Merkmale der Gelehrsamkeit, daß man nicht Alles versteht, was sie unwiderleglich beweist. Andernfalls würde die Wissenschaft billig sein wie Brombeeren und man würde nicht mehr den hohen Respekt vor ihr haben.

Da wir aber in dieser kleinen Geschichte mit gelehrten Problemen nichts zu thun haben, so ist eine andere Erklärung gegeben: Ein Gegensatz ist das Verhältniß zwischen Bürgermeister und Stadtverordneten-Vorsteher.

Es giebt keinen stärkeren Gegensatz, und am schärfsten ausgeprägt war er in dem märkischen Provinzialstädtchen, wo Herr Bürgermeister Trettin den Magistrat, und Herr Justizrath Wesendorf die Volksvertretung repräsentirte. Was diese beiden Stadtgewaltigen einander an den Augen absehen konnten, davon thaten sie stets das gerade Gegentheil — in kommunalen ebenso wie in privaten Angelegenheiten. Wenn nun der Bürgermeister die Aufstellung einiger neuer Laternen am Bahnhofe für dringend nothwendig erklärte, so hielt der Stadtverordneten-Vorsteher die Pflasterung eines Gäßchens am anderen Ende der Stadt für wesentlich gebotener — was wiederum der Magistrat ablehnte, da die Beleuchtung der gesammten Bürgerschaft, die Pflasterung dagegen vorläufig nur der Villa des Herrn Justizrathes Wesendorf zugute kommen würde. Und dergleichen Streitpunkte gab es so viele, daß der Bezirksausschuß für die Kommunalkonflikte von Sonnenwalde eine eigene Registratur führte.

Eines Tages befand sich der Justizrath in einer Aufregung, welche weit über das Maß derjenigen Mißstimmung hinausging, die Frau Lina Wesendorf an ihrem Gemahl kannte und mit respektvollem Schweigen zu übergehen pflegte.

Während der alte Herr knurrend und fauchend im Zimmer Sturm lief, so daß die Kordeln seines Schlafrockes wie zwei wahnsinnige Lassos um ihn herumschlugen, legte die Frau Justizrath den Pompadour, mit dem sie eben in die Strickstunde des Vaterländischen Frauenvereins gehen wollte, beiseite und nahm einen Zettel auf, den ihr Gemahl vorhin auf den Tisch geschleudert hatte.

Einquartierung — ein Offizier, ein Wachtmeister und zwei Mann.

Verständnißlos sah Frau Justizrath Wesendorf mit einem Blicke auf, welcher deutlich eine Erklärung heischte. Da aber ihr Gatte darauf nicht reagirte, sondern das Tempo seines wilden Spazierganges womöglich noch beschleunigte, fragte sie in den langgezogenen hohen Tönen der Begriffsstutzigkeit:

„Ein Quartierzettel, Heinrich — ein einfacher Quartierzettel. Was hast Du denn nur —?”

„Was ich habe!?” schrie er, indem er stehen blieb und die Arme wüthend emporwarf. „Das will ich Dir ganz genau sagen! Satt hab' ich es! Ich lasse mich von dem madigen Kerl nicht chikaniren — verstehst Du!”

Ohne daß der „madige Kerl” näher kommentirt wurde, wußte die Frau Justizrath ganz genau, um wen es sich handelte. Es gab eben nur einen in der Stadt und das war der Bürgermeister. Den Zusammenhang begriff sie jedoch in diesem Falle nicht.

„Aber Heinrich — was hat denn der mit unserer Einquartierung zu thun?”

„Der hat mit Allem zu thun, was irgendwie geeignet ist, mich zu ärgern! Das solltest Du doch wissen!”

„Ja, ja, ganz recht — aber Du hast doch sonst als alter Soldat Einquartierung stets gern gehabt. Sogar gefreut hast Du Dich —! Erst vor ein paar Tagen, als wir den Pionieroffizier hatten — —”

„Das ist es ja eben!” rief der alte Herr in jener höchsten Stimmlage, zu der sein Baß sich nur im äußersten Zorn emporschraubte; dazu schlug er mit der Faust auf den Tisch — und zwar derart heftig, daß er die Knöchel hinterher verstohlen an seinem Schlafrock rieb. Der Schmerz veranlaßte ihn zu einiger Mäßigung.

„Das ist es ja eben,” wiederholte er; „vor fünf Tagen hatten wir den Pionieroffizier! Vor acht Tagen einen Artillerie-Oberleutnant mit seinem Burschen! Vor noch nicht vierzehn Tagen zwei Husarenoffiziere nebst drei Mann und fünf Pferden! Jetzt sind wieder ein Offizier, ein Wachtmeister und drei Mann angemeldet! Wenn das so weitergeht, dann spielen sich die ganzen Manöver überhaupt in unserem Hause ab!”

Frau Justizrath Wesendorf schüttelte mißbilligend den Kopf.

„Ich hätte nicht geglaubt, Heinrich, daß ein alter Kriegsveteran und Vorsitzender des Kampfgenossen-Vereins sich über dergleichen aufhalten könnte. Außerdem gehören wir doch zu den wenigen Familien am Orte, die wirklich Offiziere aufnehmen können —”

„Das berechtigt diesen Himmelhund noch lange nicht, mir binnen drei Wochen ein ganzes Armeekorps in's Haus zu legen!”

Ohne daß der „Himmelhund” näher kommentirt wurde, wußte die Frau Justizrath ganz genau, um wen es sich handelte. Es gab eben nur einen in der Stadt, und das war der Bürgermeister. In diesem Falle begriff sie auch den Zusammenhang.

„Du meinst, daß der das aus Niederträchtigkeit so einrichtet!”

„Na ob! Der Mensch kann ja überhaupt gar nicht mehr anders! Sieh' mal, Frau — ich habe ja nichts gegen die Einquartierung als solche. Im Gegentheil! Ich freue mich wirklich über die lieben frischen Kerle. Man wird selbst wieder jung mit ihnen. Aber wenn ich die Absicht merke, dann werde ich verstimmt! Wenn Niemand im Orte Einquartierung bekommt — wir kriegen welche! Brachfelds, die noch viel mehr Raum haben wie wir, haben während der ganzen Manöver nur einen Offizier gehabt; wir bekommen jetzt die vierte oder fünfte Serie! An sich macht das ja nichts, und wenn es nur darauf ankäme, so würde ich gern täglich ein Dutzend bei mir bei mir beherbergen. Hier aber handelt es sich um eine offenbar chikanöse Absicht! Jener widerliche Zeitgenosse will mich uzen — mich, den Justizrath Heinrich Wesendorf! Das merkt ein Pferd. Und das lasse ich mir nicht gefallen! Unter keinen Umständen! Ich werde die Sache morgen in der Stadtverordnetensitzung zur Sprache bringen, und wenn er da nicht zurechtgewiesen wird, so gehe ich an den Bezirksausschuß, an den Regierungs­präsidenten! An den Minister gehe ich überhaupt! Ich will doch 'mal sehen, ob ich als zweithöchstbesteuerter Steuerzahler von Sonnenwalde es nöthig habe, mich von so einem Trottel uzen zu lassen!”

Ohne daß der „Trottel” näher kommentirt wurde, wußte die Frau Justizrath ganz genau, um wen es sich handelte. Es gab eben nur einen in der Stadt, und das war der Bürgermeister. In diesem Falle verstand sie nicht nur den Zusammenhang, sondern auch den Zorn ihres Gatten. Ein Mensch, der eine solche unausstehliche Frau hatte, wie dieser — — — der war eben zu Allem fähig!

*           *           *

Der Herr Justizrath und seine Gemahlin gaben sich die erdenklichste Mühe, es dem kleinen verstaubten Ulanen-Leutnant nicht merken zu lassen, daß er im Grunde ein Kuckucksei war, das ausgestunkene menschliche Bosheit ihnen in's Nest gelegt. Trotzdem hätten der Offizier sowohl wie auch der Wachtmeister sich wahrscheinlich wenig behaglich gefühlt, wenn die jüngere Weiblichkeit des Hauses sich ihrer nicht mit aller Herzlichkeit angenommen hätte.

Fräulein Gertie Wesendorf, welche noch die Selekta der höheren Töchterschule frequentirte, schwänzte an diesem Tage den Unterricht, um dem Ulanen die Honneurs zu machen. Während der Papa an seiner Rede arbeitete, welche Nachmittags den Sonnenwalder Catilina zerschmettern sollte, zog Fräulein Gertie mit dem Gaste im Garten herum. Bald saßen sie in schönster Eintracht auf einem Baume mit reifen goldgelben Pflaumen. Die Kleine wünschte in der Tiefe ihres klopfenden Herzens nichts sehnlicher, als den ganzen Rest ihrer Schulzeit da oben absolviren zu können — und der Ulan hatte keinen höheren Wunsch, als daß das ganze Manöver ein Rasttag sein möchte, und daß er diesen Tag in dem gelben Pflaumenbaum des Justizrath Wesendorf'schen Gartens zu Sonnenwalde verleben dürfte.

Auch der Wachtmeister Streesow hatte ähnliche Wünsche — nur daß diese nicht an botanische, sondern mehr an zoologische Einzelheiten sich knüpften. Er bevorzugte die Kalbssteaks, welche Wesendorf's Minna in der Küche ihm vorsetzte, wofür er der Glückstrahlenden wohlwollend auf das rundliche Kreuz klopfte und sie ein „Schöpschen” nannte.

So war Alles in schönster Ordnung.

Die Stadtverordneten-Versammkung war trotz der Hitze und trotz der mannigfachen Ablenkungen durch das im Städtchen einquartierte Militär bis auf den letzten Mann besucht. Einige Andeutungen, welche Justizrath Wesendorf gestern Abend am Stammtisch im „Blauen Roß” hatte fallen lassen, ließen eine große Sitzung vermuthen — und man hatte sich nicht getäuscht. Noch vor Eintritt in die Tagesordnung ergriff der Herr Vorsteher das Wort zu einer Interpellation, die an massiver Deutlichkeit nicht das Geringste zu wünschen übrig ließ. Ganz abgesehen von dem Mißbrauch der Amtsgewalt, müsse es als eine Frivolität sondergleichen bezeichnet werden, wenn der Magistratsdezernent die geheiligte Institution des Heeres für seine persönlichen gehässigen Zwecke ausnütze — —

Nachdem der Vorsteher geendet, war es Jeglichem im Kollegium klar, daß ein Mensch mit minder widerstandsfähiger Epidermis, als der Herr Bürgermeister sie hatte, an dieser Interpellation eines kalten Todes verblichen wäre. Der Bürgermeister aber fiel nicht um, sondern erhob sich vielmehr zu folgender Erwiderung:

„Meine Herren, ich habe nicht zu untersuchen, ob die offizielle Stellung des Herrn Vorstehers seine Haltung in der Einquar­tierungs­frage rechtfertigt. Es ist das Sache höherer Stellen, die gewiß nicht verfehlen werden, sich damit zu befassen. Ich kann nur meinem lebhaften Befremden Ausdruck geben über diese Haltung, welche nicht loyal und auch nicht logisch ist. Letzteres deshalb nicht, weil der Herr Justizrath Wesendorf theils durch seine Tochter, theils durch sein Dienstmädchen mich in jedem Falle ausdrücklich und eindringlich um Einquartierung hat bitten lassen! Damit darf ich diese Angelegenheit wohl zu den mannigfachen anderen Anzapfungen legen, mit denen Ihr Herr Vorsteher mich auszeichnet.”

Ohne daß der Ausdruck „frechmopsige dumme Pute” näher kommentirt wurde, wußte die Frau Justizrath eine Viertelstunde später ganz genau, um wen es sich handelte. Es gab zwei in der Stadt, an denen der gelbe Pflaumenbaum und die Kalbssteaks sich bitter rächten.

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