Die nackte „la main”.

Humoreske von Teo von Torn.
in: „Leipziger Tageblatt” vom 23.06.1901,
in: „Agramer Zeitung” vom 24.06.1901,
in: „Rostocker Anzeiger” vom 30.06.1901,
in: „Badische Presse, Unterhaltungsblatt” vom 03.07.1901


„He — Sie! Fähnrich!”

Fritz von Hostraaten fuhr herum und kriegte, wie man beim Commiß zu sagen pflegte, den Tod in beide Beine, als er sich Sr. Excellenz dem Herrn Divisionscommandeur Grafen Gültzen gegenüber sah.

Sind schon die vorbereiteten Begegnungen mit den hohen und höchsten Vorgesetzten nicht zu den wenigen Annehmlichkeiten dieser Thränenwelt zu rechnen, so entbehren die unvorbereiteten einfach jeglichen Reizes. Und ganz besonders dann, wenn man, wie der Fähnrich von Hostraaten, an alles andere denkt, blos nicht an die Möglichkeit der exceptionellen Ehre, der grätigen Excellenz nicht nur in die Arme zu laufen, sondern auch von ihr angerufen zu werden.

Auf die Gefahr hin, einem heranrumpelnden Omnibus unter die Räder zu kommen, wurzelte der Fähnrich in der vorgeschriebenen Entfernung auf dem Fahrdamm fest. Excellenz plinkte mit den Augen — das bedeutet: einen Schritt näher!

Excellenz plinkte noch einmal — und nun stand der kleine, noch so unfertige Kriegersmann so dicht vor dem hohen Herrn, daß er ihm auf die rothen Brustaufschläge niesen konnte, falls Excellenz etwa die Neigung zeigen sollte, ihn kitzlig anzuhauchen.

„Wie heißen Sie?”

„von Hostraaten, Excellenz.”

„Können Sie mir mal 'n Gefallen thun —”

„Zu Befehl, Excellenz!” stieß der von einem Albdruck Befreite freudig heraus und setzte sich in Schuß, um wie ein geölter Blitz den Befehl des Gewaltigen auszuführen. Denn wenn man einem Vorgesetzten einen Gefallen thun kann, so erweist man damit in erster Reihe sich selbst einen — na und wer thut sich nicht gerne einen Gefallen?

Excellenz klemmte sein berühmtes viereckiges Glas ein und hakte seinen mit einem mächtigen Wappenring behafteten Zeigefinger zwischen den dritten und vierten Uniformknopf des Fähnrichs.

„Gehen Sie mal, bitte, 'rüber in den Cigarrenladen und kaufen Sie mir fünf Cigarren zu drei Pfennig das Stück — aber gute! Sagen Sie, es wäre für 'n Kranken. Verstanden? Ich bin ein bischen belegt auf der Brust. Hier sind fünfzig Pfennige; das andere Geld wieder.”

„Excellenz —” stammelte der junge Vaterlandsvertheidiger fassungslos.

„Ach so —” näselte der alte Herr, indem er ihn tückisch durch das scharfe Glas anblinzelte, „na, meinetwegen können Sie einen Groschen von dem Gelde für sich zurückbehalten. Aber nicht vernaschen, bitte!”

„Excellenz! Ich bin Fähnrich!” rief Hostraaten. Das Blut war ihm in die Stirn gestiegen, und er war in seiner hellen Empörung dicht daran, dem General, das Fünfzigpfennigstück, das dieser ihm in die Hand gedrückt hatte, vor die Füße zu werfen. Excellenz schien aber von der offenbaren Entrüstung des jungen Herrn nichts zu merken, respective nichts merken zu wollen; denn er machte eine krause Nase und sagte höchlichst verwundert:

„W—a—s sind Sie?”

„Fähnrich.”

„Sehen Sie mal an, junger Freund, — also doch! Ich habe Sie nämlich zuerst auch dafür angesehen. Als ich aber bemerkte, daß Sie ohne Handschuhe über die Straße gehen, da habe ich Sie für einen Burschen oder dergleichen gehalten. Na dann geben Sie mir mein Geld wieder — so, danke — und entschuldigen Sie das Versehen. Mahlzeit!”

Fritz v. Hostraaten riß die Knochen zusammen und verharrte wie vom Donner gerührt so lange in der strammen Haltung, bis ihm ein paar salutirende Schusterjungen zum Bewußtsein brachten, daß der hohe Herr längst seiner Wege gegangen war. Dann warf er einen verstörten Blick auf seine thatsächlich unmilitärisch nackten Hände und stürzte davon. Zwei Paar hatte er von den verfluchten Dingern in der Manteltasche, da er aber nur bis zum Ende der Straße zu seinem Vetter Leistikow hatte gehen wollen, um diesen in einer wichtigen Herzensfrage zu Rathe zu ziehen, war es ihm überflüssig erschienen, die Rehledernen aufzustreifen. Und deswegen eine solche infame Behandlung?

Als der kleine Fähnrich mit der flammenden Beredsamkeit der Empörung seinem Vetter und Freunde, dem Lieutenant v. Leistikow, den Vorfall mittheilte, warf sich dieser in seiner ganzen Länge auf die Chaiselongue und strampelte, krähend vor Vergnügen, mit den Beinen.

„Du nimmst das scherzhaft!” begehrte Hostraaten auf, indem sich sein erregtes Knabengesicht noch dunkler färbte. „Ich kann Dir aber versichern, daß mir gar nicht ulkig zu Muth ist und daß ich nicht gesonnen bin, mir diese Schmach gefallen zu lassen!”

„Fritze — Junge! — Das ist ein Spaß!” hauchte der Lieutenant, vom Lachen ermattet, indem er sich auf die Seite legte. „Das ist ein „Gültzen”, wie er im Buche steht, und im Casino gibt es Sect dafür!”

„Hör' mal — Du — Du wolltest diesen Affront den Kameraden preisgeben?!” stotterte der Kleine.

„Aber natürlich, mein Sohn!” rief Herr von Leistikow, indem er noch einmal laut auflachte und sich dann mit einem gewaltigen Schwunge erhob. „Selbstredend erzähle ich den Witz! Ich würde mich ja am Regiment versündigen, wenn ich das nicht thun wollte.”

„Schön!” erwiderte Hostraaten mit der Miene eines Mannes, der zum Aeußersten entschlossen ist. „Dann weiß ich, was ich zu thun habe.”

„Und das wäre, Fritzchen?”

„Ich werde ihn fordern.”

Lieutenant von Leistikow warf einen flüchtigen Seitenblick auf seinen vulkanisch keuchenden Vetter, entnahm einem auf dem Schreibtisch stehenden Kästchen eine Kyriatzi und zündete dieselbe umständlich an. Erst nachdem er das Streichholz sorgfältig ausgedrückt und ein paar mächtige Züge aus der Cigarette in sich hineingesogen hatte, erklärte er trocken und leidenschaftslos:

„Du bist verrückt.”

„Du wagst — — — !” schrie der exaltirte Kleine und suchte mit rollenden Augen nach einem schweren Gegenstande.

„Alles wage ich, mein Sohn, wenn es darauf ankommt, daß Du Dich nicht blamirst,” bemerkte der Lieutenant einfach. „Leg' mal gefälligst erst den Briefbeschwerer bei Seite — so! — und nun paß auf, was Dein erfahrener Vetter und väterlicher Freund Dir in der Sache zu sagen hat. Erstens gibt es keine Witze, die so brutal wären, daß man sie einem Vorgesetzten übel nehmen dürfte; Vorgesetzte machen grundsätzlich nur gute Witze — und je höher hinauf, desto bessere. Wenn ein Untergebener Veranlassung zu haben glaubt,einen solchen Witz für schlecht zu halten, so beruht das auf einer ganz unberechtigten, subjectiven Annahme, welche, gelinde gesagt, unmilitärisch ist. Verstanden?”

Der Fähnrich stürmte im Zimmer auf und ab und japste, als wenn er an tausend Einwänden zu würgen hätte.

„Was Du da sagst, —” versuchte er dazwischen zu reden; aber der Respects-Vetter sah so mißbilligend unter den hochgezogenen Augenbrauen auf ihn herab, daß er stoppte, so schwer es ihm fiel.

„Was ich sage, ist richtig,” erklärte Herr v. Leistikow langsam und mit Nachdruck, „und wenn Du nicht den Schnabel hältst, wenn ich rede, dann werde ich Dich anschnauzen und Du wirst stramm stehen. Zur Sache halte Dir des Weiteren gegenwärtig, daß Du die Ehre gehabt hast, von Seiner Excellenz angeredet und trotzdem nicht eingesperrt zu werden. Das ist ein Fall, dessen sich die ältesten Stabsofficiere nicht entsinnen können. Und Du wirst berühmt werden dieserhalb, mein Sohn! Du wirst Carrière machen, denn man wird glauben, daß der hohe Herr Dich protegirt. So, das wäre alles. Nur zum Schluß noch eins: man schlägt sich nicht mit einem Vorgesetzten. Namentlich nicht, wenn einem hinten noch die Eierschalen anbacken. Das ist ungewöhnlich — und alles Ungewöhnliche ist unmilitärisch. Aber auch später, mein Sohn, mach' solche temperamentvollen Sachen nicht. Selbst, wenn Du Deinen Häuptling oder Major oder gar Deinen General wie ein Kartoffelsieb durchlöcherst oder ihn zu Klopsfleisch zerhackst — der, der zuerst in die Wurst kommt, bist Du selbst. Nun geh' in Frieden — lege den Mund in die Hand und die Hand in den Staub und bleibe so.”

Lieutenant von Leistikow hatte das Gefühl, zusammenhängender und überzeugender in seiner ganzen militärischen Laufbahn noch nicht gesprochen zu haben; deshalb wurde ihm nun doch etwas beängstigend zu Muth, als er in die vor Erregung feuchten Augen des Vetters sah und dieser mit zitternder Stimme fragte:

„Also Du willst mir nicht secundiren?”

„Nee,” — rief er, indem er noch einmal versuchte, die Tollhausidee ins Lächerliche zu ziehen, „erstensmal habe ich keinen anständigen Civilanzug, den ich hinterher tragen könnte, und dann — na überhaupt! Du bist verdreht und damit basta! Sag' mal, Du warst auf dem Wege zu mir, als Du den General trafst,” bemerkte er dann, geflissentlich ablenkend, „was hattest Du auf dem Herzen?”

„Ich habe zwar heute das Vertrauen zu Dir verloren, Erwin,” erwiderte Fritz von Hostraaten ernst, fast schwermüthig, „aber in diesem einen Falle will ich noch Deinen Rath einholen. Ich liebe — —”

Der Lieutenant taumelte zurück und streckte dann pathetisch den Arm aus.

„Halt, dergleichen mußt Du mir schonend beibringen, —” rief er, ich kann die häufigen Aufregungen dieser Art auf die Dauer nicht vertragen!”

„Diesmal ist es ernst, und wenn Du auch darüber Deine Witze machst, dann sind wir vollständig geschiedene Leute!”

„Es sei ferne von mir, den Ernst Deiner Liebe in Frage ziehen zu wollen, nur das Epidemische an ihr beunruhigt mich ein bischen. Also erzähle.”

„Nein,” erwiderte der Fähnrich herb, „ich habe keine Lust, meine heiligsten Empfindungenvon Dir verhohnübeln zu lassen — nur eine Frage sollst Du mir beantworten: Darf man sich einer jungen Dame, der man sozusagen anonym das Leben gerettet hat, nähern, ohne sich der Gefahr auszusetzen, als Dankbarkeits-Speculant zu erscheinen?”

„Alle Weter, das ist eine Doctorfrage —”

„Nicht wahr? Verflucht schwierige Situation.”

Fritz von Hostraaten stützte den Kopf in die Hand und machte sein interessantestes Gesicht, das Lieutenant von Leistikow sonst als „Hamlet-Visage” zu moniren pflegte. Heute verkniff er sich eine bezügliche Bemerkung, denn er wünschte den jungen Löwen nicht zu reizen. Der Fähnrich fuhr schwermüthig fort:

„Steige da gestern an der Königgrätzerstraße in die Elektrische. Kaum habe ich mich hingesetzt — großer Halloh auf der Straße. Durchgehender Gaul pretscht mit einem Coupé an. Obwohl schon zwei Schutzleute an dem Beest hingen, — ich raus und entgegen! Bauz — mit der Plempe über die Schnauze, und der Gaul stand! Ich 'ran, Schlag aufgerissen, und da fällt mir eine Dame in die Arme — eine Da—a—me . . .”

Die ganze Schwermuth, die Dreipfennig-Cigarren Seiner Excellenz — alles war vergessen! In glühenden Farben schilderte er die romantische Begegnung, die hingebende Dankbarkeit und die Schönheit seiner gegenwärtigen Zukünftigen — denn daß sie die Seine werden mußte, war klar wie die Sonne.

„Was wäre mir das Leben ohne diesen Engel!” rief er aus und agirte dabei so lebhaft, daß er über seinen immer noch etwas ungewohnten Säbel geschlagen wäre, wenn ihn der Lieutenant nicht aufgefangen hätte.

Dieser war übrigens bereits zu sehr daran gewöhnt, daß sein siebzehnjähriger Vetter auch bei den leisesten Herzensregungen den reellen Willen zur Heirat kundgab, um sich über solche Kleinigkeiten aufzuhalten. Vorerst war er froh, daß das rabiate Küken von der Verrücktheit abgekommen war, seinen Divisionscommandeur zu fordern. Denn aus seiner Schulzeit, die im Grunde recht unrühmlich verlaufen war, hatte man Exempel von Beispielen, die ihn für dergleichen Scherze wohl disponirt erscheinen ließen. Daher hielt es der Lieutenant für zweckmäßig, die Flamme der Liebe zu schüren, ehe die des Hasses in dem temperamentvollen jungen Herrn wieder aufloderte.

„Nach Allem, was Du mir da sagst, Fritzchen, sehe ich nicht ein, weshalb Du die Dame Deines Herzens nicht aufsuchen sollst,” erklärte Herr von Leistikow, indem er sich wieder setzte und die Asche seiner Cigarette bedächtig abstrich.

„Du meinst — ich könnte — —!!” rief der Fähnrich, indem er wie besessen auf seinen Vetter losstürzte.

„Allerdings — aber bleib' ruhig, Kindchen, Du fällst sonst noch einmal über Dein Schwert! — Ich meine, daß dem gar nichts entgegensteht, wenn Du ein paar Blumen kaufst und Dich nach dem Befinden der Dame erkundigst. Voraussetzung ist natürlich, daß Du ihr nicht gleich am ersten Tage einen Heiratsantrag machst, denn dann würdest Du, aller menschlichen Voraussicht nach, ausgelacht und rausgeschmissen werden — Pardon, unterbrich mich doch nicht immer, Junge! — wenn auch nicht vielleicht von Deinem Engel, so doch sicher von dem Engelsvater.

„Uze, so viel Du willst!” rief der Kleine und griff nach seiner Mütze. „Seit ich weiß, daß ich sie wiedersehen kann, berührt mich nichts mehr! Gar nichts! In einer Stunde bin ich unterwegs zu ihr! Adieu!”

„Ja, aber weißt Du denn überhaupt, wo sie wohnt?”

„Natürlich weiß ich das: Thiergartenstraße 18, den Namen aber habe ich nicht verstanden, aber das macht nichts!”

„Dann schau vorher wenigstens im Adreßbuch nach, Mensch! Du mußt doch wissen zu wem Du hingehst!”

„Ach was! Wenn einem das Herz so voll ist, schmökert man nicht im Adreßbuch! Aber ich kann es ja schließlich thun, wenn Du meinst. Mir fällt da aber 'was Anderes ein, Erwin —” sagte der kleine Fähnrich nachdenklich, indem er noch einmal von der Thür weg ins Zimmer trat, „Du sagtest da vorhin etwas von Blumen . . . das ist ja sehr schön — aber — — die letzten achtundzwanzig Tage im Monat . . . hast Du vielleicht zwanzig Em?”

„Haben habe ich sie schon!” lachte der Lieutenant, „aber geben gebe ich sie Dir nicht, mein Sohn. Dein Vater hat mich mit dem großen Banne bedroht, wenn ich Dir auch nur noch einen Sechser pumpe. Im Uebrigen brauchst Du nicht gleich mit einem Wagenrad Orchideen anzuschwirren!”

„Wenn auch das nicht — aber ein Paar neue Handschuhe muß ich mir doch kaufen und dergleichen,” wandte der Kleine halb verlegen, halb ungeduldig ein.

„Na, meinetwegen, — also hier sind zwanzig Mark, — zeig' noch mal her, wie sehen die aus, denn sehen werde ich sie in diesem Leben doch nicht mehr! — und ich werde in meinem Gewissen schon beruhigt sein, wenn Du für den Betrag nicht mehr Dummheiten machst, als es dafür gibt!”

*           *           *

Lieutenant von Leistikow war wie vor den Kopf geschlagen, als er am anderen Vormittag im Dienst erfuhr, daß der Fähnrich von Hostraaten drei Tage Helgoland bekommen hatte — und zwar aufgebrummt von des Herr commandirenden Generals Excellenz höchsteigener Person. Er zweifelte nicht einen Moment, daß der „infame Bengel” nach Erledigung seiner Triddelfitzerei doch wieder auf den Vorfall mit dem General gekommen war und sich irgend eine Subordination hatte zu Schulden kommen lassen.

Darauf deutete hin, daß Excellenz persönlich vorgesprochen und dem zufällig anwesenden Regimentscommandeur ganz fürchterlich eins auf den Hut gegeben hatte. Wenn es nun überhaupt irgendwo eine ausgleichende Gerechtigkeit gibt, so ist das beim Militär. Der Oberst theilte in nicht mißzuverstehender Form dem zuständigen Herrn Major seinen Schmerz mit, der Herr Major dem zuständigen Häuptling und dieser wiederum trieb den Chapeau des Lieutenants von Leistikow mit der Bemerkung auf, daß er sich sehr, aber auch s-e-h-r wundern müsse, wie ein doch ohnehin nur mäßig begabter Officier einen sooo-lchen Vetter haben könne. Und das Niederträchtigste war, man wußte nicht einmal recht, worum es sich eigentlich handelte! Einen Vorgesetzten etwas zu fragen, ist an sich schon mißlich, aber einen bösen Vorgesetzten etwas fragen, heißt vermessentlich die Götter versuchen.

So war der Lieutenant also auf die Annahme angewiesen, daß ein Fähnrich thatsächlich das Unausdenkbare begangen hatte, einem Manne, der militärisch in dritter Stelle hinter dem lieben Herrgott rangirt, an den Wagen zu fahren. Und dieser verlorene Mensch war sein leibeigener Vetter!

Während des Dienstes überlegte er, ob er diesen Vetter rädern oder mit heißem Pech und Schwefel vom Leben zum Tode bringen sollte. Und kaum war er frei, stürmte er zu dem Attentäter.

„Mensch! Unglückswurm! Was hast Du angerissen?” schrie er den gebrochen in einer Sofaecke Kauernden an.

Keine Antwort.

„Rede — oder ich morde Dich!”

„Wenn Du so gut sein wolltest —” stöhnte der kleine Fähnrich und streckte sich der Länge nach auf dem Sofa aus. „Ach, Lieber, wenn Du wüßtest, wie es mir gegangen ist — —”

„Werde ich nun bald erfahren . . .”

„Ja doch — aber brülle nicht so. Und schließe die Thür ab, und dann komm hier ganz nahe heran, daß niemand die verfluchte Geschichte . . . ach Du, es war fürchterlich! . . . Also ich habe Blumen gekauft gestern, und da ich sie — verzeih! — anschreiben ließ, hat das schlechte Frauenzimmer in dem Laden mir wohl aus Schabernack das Bouquet schlecht eingepackt — jedenfalls war es feucht, und ich fürchtete für meine neuen Handschuhe —”

„— die Du natürlich auch nicht bezahlt hast.”

„Allerdings, aber was hat denn das mit der Geschichte hier zu thun! Wenn Du mich immer unterbrichst —”

„Nur weiter.”

„Also ich ziehe die neuen Glacés aus in der Absicht, sie erst im Hausflur wieder anzuziehen . . . und wie ich das eben besorgen will, ruft mich jemand von hinten an: „He — Sie, Fähnrich!” Ich drehe mich um — der Divisionär! „Herrrr!” säuselt er mich an. „laufen Sie noch immer mit der nackten la main!” Na — und ehe ich überhaupt noch einen Ton reden konnte, hatte ich meine drei Tage binnen.”

Lieutenant von Leistikow machte einen vergeblichen Versuch, an der Wand hochzugehen, und als er dessen Aussichtslosigkeit eingesehen hatte, wischte er sich die Thränen aus den Augen und fragte:

„Und Deinen Engel — hast Du denn den nach dem Rencontre mit Excellenz noch gesehen?”

„Jawohl,” erwiderte der Kleine, indem er sich nach der Wand umdrehte, „das war nämlich seine Frau . . .”

— — —