Prinzeß Bluff.

Oster-Humoreske von Teo von Torn
in: „Trierische Landeszeitung” vom 11.4.1903,
in: „Altonaer Nachrichten/Hamburger Neueste Zeitung” vom 11.4.1903,
in: „Rostocker Anzeiger” vom 12.4.1903


Der Eilzug, welcher sonst die kleine Station in rasender Geschwindigkeit links liegen zu lassen pflegte, rückte unter dem Scharren und Fauchen seiner Bremsen an und hielt.

Aus dem, im Schmucke von Girlanden und den weiß-blauen, fürstlich Wallbergschen Fahnen prangenden Stationsgebäude trat ein alter Herr, dessen würdevoll ausrasierter Vollbart einen funkelnden Halsorden erkennen ließ.

Mit abgezogenem Zylinder nahte er sich dem einzigen Coupé 1. Klasse, dessen Tür der vor Diensteifer keuchende dicke Vorsteher soeben aufgerissen hatte.

Es ist eine bekannte Erscheinung, daß lebhafte Ueberraschungen bezw. Enttäuschungen im ersten Affekt bei allen Menschen sich gleichartig äußern. So auch hier. Der Stationsbeamte sperrte Mund und Augen auf — und der Hausminister des regierenden Fürsten von Wallberg-Breyl konnte zunächst nicht umhin, daß nämliche zu tun.

Das Coupé war leer.

Die Verblüffung ob dieser befremdlichen Entdeckung hielt noch an, als im nächsten Wagen ein Abzeil zweiter Güte sich öffnete. Mehrere Handtashen und ein zusammengeschnürtes englisches Plaid flogen auf den Bahnsteig; hinterher sprang lachend ein junges Mädchen heraus, in trippelnder Hast gefolgt von einer älteren Dame, die den Eindruck einer verängstigten Glucke machte.

„So, Bromschen — da wären wir!” rief die Kleine.

Da der Zug sich in demselben Augenblick in Bewegung setzte, wandte sie sich noch einmal rasch nach dem Abteil um, dem sie entstiegen war und aus dessen Fenster zwei Offiziere grüßten. „Adieu, meine Herren! Besten Dank! Kommen Sie gut nach Hause! Und schreiben Sie mal — wenn möglich frankiert — —”

Die letztere Bemerkung wurde wohl nicht mehr gehört. Sie war der kleinen Prinzeß auch nur so herausgeflitzt — in einer halb zornigen, halb verlegenen Anwandlung, die sich auch in einem flüchtigen Erröten äußerte. Sie glaubte bemerkt zu haben, daß der jüngere der beiden Offiziere zwei Finger an den Mund gelegt.

„So'n Frechmops —” schalt sie vor sich hin.

Aber es lag nicht in ihrer Natur, sich mit kleinen Zwischenfällen lange aufzuhalten. Außerdem war dazu keine Zeit. Der alte Herr hatte sich ihr mit einem Lächeln genähert, in welchem sich Ehrerbietung, Freude und auch einiges Befremden mischten. Letzteres schien aber nur Frau von Bromsdorf zu bemerken, die den fragenden Blick des Ministers mit einem hilflos gen Himmel flehenden Augenaufschlag beantwortete. Der greise Hofmann zog mit einem kaum merklichen Kopfschütteln die ihm herzlich dargebotene Hand der Prinzessin an die Lippen.

„Tag, Exzellenz! Grüß Gott! Morden Sie mein Bromschen nicht mit Blicken, sonst flöte ich hinter dem Zug her und reise weiter. Sie kann nichts dafür, daß wir umgestiegen sind. Ich erzähle Ihnen das nachher. Wie geht's zu Hause? Was macht Papa?”

„Ganz wohl, Durchlaucht, bis auf das Reißen —”

„O weh — fröhliche Ostern! Da komme ich gerade recht, um mal wieder ein bischen angehaucht zu werden. Fehlt mir auch schon lange. — Gott, wie nett!”

Prinzeß Helene von Wallberg hatte, nachdem sie den Stationsvorsteher durch ein freundliches Kopfnicken beglückt, mit ihrem Gefolge das Bahnhofsgebäude umschritten, und wurde hier von einer Menge Landvolk, das sich um die Equipage drängte, jubelnd begrüßt. Blumen wurden ihr in den Wagen geworfen und am Schlage stand ein Knirps, der ihr ängstlich einen großen Strauß entgegenhielt.

„Wie nett —” wiederholte sie, und für einen Moment huschte etwas wie ein feuchter Schimmer über die blitzvergnügten braunen Augen. „Das ist wirklich lieb. Tausend Dank! Sind die Blumen für mich, Jung? Ja? Nun dann halte sie nicht so krampfhaft fest und nimm auch den Finger aus dem Mund. Wie heißt Du denn? Na —?!”

„He — He — Heine Melcher,” maukste der Junge mit mißtrauisch abgewandtem Gesicht, um sich dann wie zur Belohnung für den kouragierten Bescheid gleich wieder den Finger bis ans Heft in den Mund zu bohren.

„Also schreiben Sie auf, Bromschen, Heine Melchers kriegt zum Fest einen großen Napfkuchen und eine Düte Ostereier. Adieu!”

Während die Equipage unter Hochs und Hurras dem Städtchen zurollte, über welchem Schloß Wallberg stolz auf seine zwölf Quadratmeilen Vaterland herabschaute, setzte die kleine Durchlaucht dem Minister auseinander, wie es gekommen war, daß die Damen die unstandesgemäße zweite Klasse benutzt hatten.

„Sehen Sie, Exzellenz, das ist so gekommen: Als wir in Frankfurt umstiegen, wurde uns bedeutet, daß der telegraphisch bestellte Abteil erster Klasse schon vorher von anderer Seite bestellt und daß es leider zu spät gewesen sei, noch einen Wagen einzurangieren. Die beiden Herren Offiziere aber, welche den Abteil belegt hatten, stellten uns die freien Plätze gern zur Verfügung. Bromschen machte ein bedenkliches Gesicht — und da es schon längst mein Wunsch war, mal in einer andern Klasse zu fahren, so stieg ich in die zweite. Aber was soll ich Ihnen sagen — kaum haben wir unsere sieben Sachen verstaut, steigen die Herren zu uns ein, um uns ihr ganzes Coupé anzubieten und dafür unsere Plätze einzunehmen. Ein bischen zudringlich, was? Und doch auch wieder nett. Ehe wir uns jedoch für oder wider entscheiden konnten, , machte der Zug füüüt und ging ab. Bromschen schien im ersten Schreck nicht übel Lust zu haben, sich mit ihren zweihundertundfünfzig Pfund an die Notleine zu hängen, aber sie beruhigte sich bald, denn die Herren erwiesen sich als angenehme Menschen und famose Gesellschafter. Der Jüngere hatte allerdings so ein bischen was Ueberlegenes und Selbstverständliches — ich weiß nicht, wie ich sagen soll — na immerhin — — — es war famos und mal wieder was anderes. Ich glaube übrigens, die wären uns auch in die vierte Klasse nachgestiegen. Eigentlich hätten wir doch ein bischen genauer nach den Namen hinhören sollen, nicht wahr, Bromschen?”

Statt der bedeppten Hofdame nahm Exzellenz das Wort. „Ich freue mich, daß Eure Durchlaucht sich gut unterhalten haben,” sagte er langsam und in seiner vorsichtig abwägenden Art, „aber ich kann doch nicht gewisse Bedenken unterdrücken —”

„Weil Sie ein Sauertopp sind!”

„Und wenn Seine hochfürstliche Durchlaucht erfahren —”

„Ist das denn nötig? Sowie Sie petzen, Exzellenz, sind wir geschiedene Leute!”

Der alte Herr wiegte lächelnd den Kopf. Dann sagte er ernst:

„Eure Durchlaucht dürften sich selbst sagen, daß solche Aventiuren von unserm allergnädigsten Herrn jetzt um so weniger goutiert werden, als die bevorstehende Verlobung Euerer Durchlaucht doch einige Reserven — — ”

Der Hofmann hielt erschrocken inne. Die Prinzeß hatte eine Bewegung gemacht, als wenn sie ihm Heine Melchers Bouquet um die Ohren schlagen wollte. Aber sie bezwang sich, warf den Strauß in die freie Wagenecke und ballte die Händchen zu zwei Fäusten.

„Kommen Sie mir schon wieder mit diesem Unsinn!? Habe ich Ihnen nicht ausdrücklich erklärt, daß ich mich nicht verpolitisieren lasse!? Hat man mich etwa deshalb aus dem schönen Lausanne in dies Krähennest zurückberufen, um mich mit dem albernen Vetter Liebden, den ich nicht kenne und nicht kennen will, zu langweilen und zu ärgern!?”

„Aber Duuurch—laucht — —!” stießen die beiden Hofleute unisono hervor, indem sie sich entsetzt umsahen, ob jemand das Fürchterliche gehört. Die kleine Prinzeß genierte das aber nicht im geringsten. Jetzt war sie „bluff” und da gab es keine Rücksichten.

„Ich erkläre Ihnen in aller Freundschaft also noch einmal, Exzellenz, daß ich gar nicht daran denke, mich wie eine Niggerjungfrau verhandeln zu lassen! Und ich will von der faden Geschichte nichts mehr hören. Basta. Machen Sie jetzt übrigens nicht so ein Gesicht — doch, was ist das — ich sehe eine festlich geschmückte Einzugspforte — — herrje, sogar Magistrat und Stadtverordnete unserer getreuen Haupt- und Residenzstadt! Und weißgewaschene Mädchen auch!? Was ist denn los, daß sich die Leute mit einem Male so in Unkosten stürzen — —”

Der Wagen hielt, von brausenden Hochs und wehenden Tüchern und Zylindern empfangen. Eine der Weißgewaschenen überreichte mit tiefem Knicks ein Bouquet mit weißblauer Schleife, um dann sofort dem Herrn Bürgermeister Platz zu machen, der mit gewichtigem Räuspern am Wagenschlag Posto faßte. Aber er kam, trotz wiederholter Blicke auf das im Zylinder verborgene Konzept, nicht recht in Zug, da die Prinzessin ihm beim Händedruck zugeflüstert:

„Machen Sie's kurz und schmerzlos, Hofrätchen —”

Endlich fand er den Faden:

„ . . . . mit dem Frühling ziehen Eure Durchlaucht wieder in die heimischen Gefilde, und freudiger noch als den Frühling, welchen in wenigen Tagen die Osterglocken einläuten werden, begrüßen die Bewohner von Wallberg, Breyl und Schleienstadt ihre durchlauchtigste Prinzessin. Besonders freudig bewegt und von den untertänigsten Segenswünschen erfüllt ist unser Herz angesiohts des bevorstehenden freudigen Ereignisses in unserem hochfürstlichen Herrscherhause. Das zarte Band der Liebe, welches Euere Durchlaucht mit dem edlen Sproß des befreundeten Hofes ver—ver — — —”

Das letzte Wort verhauchte in Sprachlosigkeit. Die Prinzessin hatte den Arm aus der Equipage gereckt und ihm mit fühlbarer Energie auf die Schulter geklopft. Glücklicherweise hielt der begeisterte Publikus das für einen huldvollen Ausdruck von Wohlwollen und brach in so lauten Jubel aus, daß nur der Bürgermeister und die Wageninsassen vernehmen konnten, was Prinzeß Bluff dem Stadtvater zu sagen hatte.

„Ist geschenkt, mein Lieber! Gehen Sie nach Hause, bestellen Sie einen schönen Gruß von mir an die Frau Hofrätin und sagen Sie jedem, der es hören will, daß ich gar nicht ans Heiraten denke, sondern mir einen Mops kaufen und ledig bleiben werde. Guten Morgen.

*           *           *

Der Hof von Wallberg war ratlos. Weder die Tobsuchtsanfälle des regierenden Herrn, welcher trotz seines kranken Beins wahre Cake walks aufführte vor Zorn, noch die diplomatischen Einreden der Höflinge, noch die Tränen der dicken Bromsdorf vermochten die kleine Durchlaucht anderen Sinnes zu machen oder auch nur ihr die Zustimmung abzuringen, daß der junge Herzog den von langer Hand vorbereiteten Besuch abstattete. Sie erklärte mit der ihr eigenen unzweideutigen Bestimmheit, daß sie glatt durchbrennen würde, sobald Vetter Liebden auch nur einen Fuß auf Wallberger Gebiet gesetzt habe. Und daß sie das fertig bekam, traute ihr ein jeglicher zu, der nur einigermaßen Prinzeß Bluff kannte.

Sie litt aber mehr und tiefer unter dieser ewigen Quälerei, als sie sich merken ließ. Sie war verträumt und reizbar — und nur, wenn sie mit Frau v. Bromsdorf über die „einzig schöne Fahrt” von Frankfurt reden konnte, dann hatten ihre braunen Augen wieder den hellen Glanz.

Am Tage vor Ostern sollte der letzte Versuch einer Umstimmung Ihrer Durchlaucht in feierlichster Form in Szene gesetzt werden. Als aber Frau v. Bromsdorf mit schwerem Herzen die drei würdigen Exzellenzen bei ihrer Herrin einführen wollte, war diese nicht zu finden.

Prinzeß Bluff saß im äußersten Winkel des in seinem ersten Frühlingsgrün prangenden Parkes und las wohl zum zwanzigsten Male einen Brief, den man ihr vor einer Stunde gebracht hatte:

„Gnädigste Prinzessin, ich mache von Ihre gütigen Aufforderung, mal zu schreiben — die Frankatur werde ich nicht vergessen! — gern Gebrauch. Aber was ich Ihnen zu sagen habe, das möchte ich dem Papier nicht anvertrauen. Ich werde also morgen selbst kommen. Wollen mich Durchlaucht nicht im Schlosse empfangen, so bitte ich um eine Zeile postlagernd Wallberg, wo ich Sie treffe.

Lassen Sie mich aber überhaupt abfallen, dann schießt sich tot

                  der jüngere Reisegefährte.”

Die kleine Prinzeß strich mit den Fingern über die heißen Wangen und ihre Stirn.

„Hat ein Mensch so eine Dreistigkeit schon erlebt?” hauchte sie fassungslos vor sich hin. „So eine bodenlose Unverfrorenheit? Er weiß, wer ich bin und — und — — verlangt von mir ein postlagerndes Rendezvous? Der Herr Leutnant ist verrückt. Komplett verrückt — aber er hat Courage. Alle Wetter nochmal, hat der Courage! Und totschießen will er sich auch — —”

In dem fein gezeichneten Gesichtchen mit der keck aufgesetzten Nase zeigte sich wieder der verträumte Ausdruck — wie so oft in den letzten Tagen. Jetzt aber war er nicht mehr so melancholisch wie sonst. Wie ein gespanntes Lauschen nach innen lag es auf ihren Zügen, und was das hochklopfende Herz ihr erzählte, mußte etwas ganz Seltsames sein. Sie zerknitterte den unerhörten Brief, um ihn gleich darauf wie abbittend an die Lippen zu preßen und ihn tief in ihrer Bluse zu bergen.

Im Schlosse ließ sie den drei harrenden Exzellenzen sagen, daß sie ihr den Buckel hinaufsteigen möchten — was Frau von Bromsdorf in artigeres Hofdeutsch dahin übertrug, daß es Ihre Durchlaucht die Prinzessin Helene auf das Lebhafteste bedaure, die Herren nicht empfangen zu können, da sie sich sehr erregt fühle.

Darauf hinterließen die Herren die Mitteilung, daß auf bündigen Befehl Sr. hochfürstlichen Durchlaucht des Fürsten Anton XVIII. Se. Hoheit der Herzog von Lichstein morgen empfangen werden würde.

Fünf Minuten später steckte Prinzeß Bluff eigenhändig einen Brief in den an der unteren Schloßmauer befindlichen Postkasten.

*           *           *

Wenn die Ahnenbilder im Rittersaale von Wallberg aus den hohen Fenstern über den Park hinweg nach der Eremitage hätten sehen können, sie hätten trotz ihrer vornehmen Unbeweglichkeit und trotz des herrlichen Ostermorgens Kobolz geschlagen vor Entrüstung.

Eine Wallberg hatte sich mit einem jungen Offizier ein Rendezvous gegeben. Allerdings war die Form desselben nicht minder ungewöhnlich wie die Tatsache selbst.

„Mein Herr Leutnant,” sagte die kleine Prinzeß so hoheitsvoll als ihr das irgend möglich war, „ich habe Sie empfangen, um Ihnen zu sagen, daß Sie ein Frechmops sind.”

„Sehr wohl, aber das hat den Reiz der Neuheit für mich nicht mehr. Euere Durchlaucht hatten die Gnade, mir das bereits bei unserer ersten Begegnung zu sagen.”

„Schön, dann wissen Sie es jetzt also ganz genau. Jedenfalls haben Sie Mut. Das ist der zweite Grund, weshalb ich Sie empfangen habe. Ich beabsichtige, durchzubrennen und Sie werden mich begleiten —”

„Mit Vergnügen. Wenn ich mir nur die Frage gestatten dürfte: weshalb geruhen Durchlaucht durchzubrennen?”

„Weil ich einen Ekel von Vetter heiraten soll, der heute hier antanzen wird.”

„Den Herzog Egmond von Lichstein?”

„Ganz recht. Also kann ich auf Ihren ritterlichen Schutz rechnen?”

„In diesem Falle leider nicht.”

„Nicht — —!!?”

„Unmöglich. Ich kann Sie doch nicht — sozusagen vor mir selber verstecken — — —”

„Sie sind — —! Sie . . . . !!!?”

„Ich bin ich” — und Bluff ist baff. „Das ist die Revanche für den Ekel. Und das” er legte seinen Arm um die sprachlos Konsternierte und drückte seine Lippen auf die ihren — „das ist für den Frechmops! Pardon — aber Sie haben das Wort zweimal gesagt —”

Vom Städtchen herauf läuteten die Osterglocken in den sonnigen Festtag. Prinzeß Bluff konnte immer noch nicht sprechen, denn für jeden Frechmops, den sie zwischen Lachen und Weinen hervorwürgte, bekam sie gewissenhaft den entsprechenden Kuß.

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